Tim:
Ich liege in dem abgedunkelten Krankenzimmer im Bett und mir gehen albtraumartige Gedanken durch den Kopf. Kaum, dass ich die Augen geschlossen hatte, erschien mir der abgetrennte Kopf von Martina. Ihre weißen Augen starren mich an und aus ihrem Mund haucht sich das Wort „Warum?". Mich schüttelt dieser Anblick. Er verfolgt mich und dringt in mich ein wie ein glühendes Eisen. Die Frage nach dem Warum lässt sich nicht für mich beantworten. Wie konnte es nur dazu kommen? Sicher, ich war derjenige, der sich von Boris Geld lieh, weil ich in meiner Verzweiflung keine andere Möglichkeit mehr sah und ich war auch derjenige, der seine Schulden nicht abbezahlen konnte. Von daher geschah es mir ganz recht, dass ich von Boris' Leuten Druck bekam. Aber das geht doch nur mich was an! Dann tritt plötzlich Alissa in mein Leben und alles wandelte sich. Ich war verliebt in eine außergewöhnliche Frau, die so unverhofft in mein Leben kam. Die gehetzt und alleine wirkte und der ich meine Hilfe anbot. Und nun? War das alles Schauspiel? Nur um mich als Köder, als Mittel zum Zweck zu benutzen? Was sind das für Methoden, bei denen unschuldige Menschen ums Leben kamen in einem initierten Kleinkrieg zwischen den Fronten? Und ich mittendrin.
Ich habe Angst die Augen zu schließen, weil mir dann wieder Martina erscheinen würde und so zwinge ich mich sie auf zu lassen. Blicke zum Fenster, das mit roten zugezogenen Vorhängen ein paar rötliche Lichtstreifen ins Zimmer ließ. Meine Beine waren wie gelähmt. Würden sie mich tragen, würde ich am gernsten fortlaufen. Ganz weit weg. Weg von Boris, weg von Fleischhauer und weg von Alissa. Ja, weg von der Frau, die ich liebe und die mich in so einen Schlamassel zog. War das beabsichtigt? War ich wirklich nur ein Bauernopfer? Es ist schon komisch, dass ich einerseits Alissas Zuneigung und Aufrichtigkeit anzweifele und andererseits mich selbst dafür schalt dies zu tun. Als ob ich im tiefsten Inneren wüsste, dass die Geschehnisse der letzten Wochen nur ein Unfall waren, der so nie geplant war. Und doch spüre ich so etwas wie Entfremdung zu Alissa.
Der kurze Besuch von Fleischhauer war mir auch keine Freude. Er stand an meinem Bett, sagte etwas, das gar nicht zu mir durchdrang und ich nur als undefinierbares Gemurmel wahrnahm. Ich war froh, als er wieder ging. Mir wäre es lieber gewesen, hätte ich keinen dieser Menschen kennengelernt. Dann wäre das alles nicht passiert. Karamasows Schläger hätten mir die Knochen gebrochen und Sabina nebst Anwalt hätte mir den letzten Tropfen Lebenssaft ausgepresst. Das wäre okay für mich gewesen. Das Häufchen Elend, das ich nur noch war, wäre dann irgendwo vergessen von der Welt verreckt und gut wäre es gewesen. Martina hätte ihren neuen Job gehabt, hätte einen netten Mann kennengelernt, mit ihm vielleicht eine Familie gegründet und wäre glücklich gewesen. Oh ja... und die olle Kozlowski hätte einen neuen Nachbarn bekommen, dem sie das Leben schwer machen konnte. Doch das alles kam eben nicht so. Ich liege hier in einer Psychiatrie, Martinas Kopf in einem Pappkarton, um uns haufenweise Polizisten und Alissa und ich sind Spielfiguren auf einem makaberen Spielbrett. Protagonisten in einem Spiel, das ich nicht beherrsche und nicht weiß wie man geschickt Züge ansetzt, um zu gewinnen.
Es vergingen scheinbar Tage in denen ich Alissa nicht sah. Genau wusste ich es nicht. Mein Zeitgefühl verließ mich. Ich nahm nicht wirklich wahr, ob Licht durch das Fenster fiel oder nicht. Ob ich aß oder nicht. Ich könnte nicht einmal sagen, ob ich in der letzten Zeit auf der Toilette war. Ich schien immer noch in einem Delirium zu sein, das meinen seelischen Schmerz zu betäuben versucht. Und ich war irgendwie froh darüber, Alissa nicht zu sehen. Um ehrlich zu sein, wollte ich sie nicht sehen. Ihr Anblick hätte mich geschmerzt und zu Tode betrübt. Jedoch machte ich mir auch Sorgen um sie, denn ihre Abwesenheit ängstigte mich in gleichem Maße. Was treibt sie? Gießt sie etwa neues Öl ins Feuer? Forciert sie das Spiel? Oder macht sie genau das Gegenteil und beendet das alles? Wenn sie das schaffen würde, hätten wir Ruhe, obwohl das Martina auch nicht wieder zurück bringen würde. Und selbst wenn diese Scheiße endlich ein Ende hat... wie soll ich Alissa dann in die Augen schauen, wenn ich durch sie immer wieder an den völlig sinnlosen Verlust der besten Freundin erinnert werde? Das Grübeln über diese quälenden Gedanken ermüdete mich und ich sank erneut in einen gnadenhaften Schlaf.
Luftmatratze 39
