Tim:
Alissas Besuch bei mir nahm mir nicht wirklich die Zweifel, aber sie ließen mich die Dinge in einem anderen Licht sehen. Zumindest das gab mir neue Impulse und ich fühlte mich bereit, diesen selbstauferlegten Schutzkokon zu verlassen und mich wieder auf die Welt einzulassen. Schwerfällig setzte ich mich im Bett auf, drehte mich und schwang die Beine raus. Es ist schon seltsam, wie wackelig man stehen kann, wenn man mehrere Wochen nur da lag und zu keiner Bewegung fähig war. Leicht taumelnd ging ich auf die Tür des Zimmers zu, öffnete sie und ging barfuss den Gang entlang. Eine Krankenschwester schaute mich verblüfft an und fragte mich, wohin ich wolle. Aber ich erwiderte nichts. Schaute sie nur aus starren Augen an und lief weiter. Mit jedem Schritt wurde ich sicherer und die Kraft kehrte in meine Schenkel zurück. Ja, ich ging in ein neues Leben. Eines, das ich so garantiert nicht erstrebte, aber das mir so nun einmal zuteil wurde. Ein Leben ohne Martina, aber mit Alissa.
Ehe ich es mich versah, war ich im Empfangsbereich der Klinik und lief unbeirrt auf den Ausgang zu. Erst jetzt verstand ich, dass es sich um ein Klinikgefängnis hielt, denn die Türen waren mit schweren Gittern versehen und bewaffnete Beamte bewachten den Eingang. Und zwar weniger diejenigen, die die Klinik betraten, sondern mehr diejenigen, die sie verlassen wollten... wie mich. Zwei Polizisten stellten sich mir in den Weg. Einer in Habachtstellung mit der Hand an der Waffe, der Andere kam auf mich zu, redete beschwichtigend auf mich ein und versuchte mich sachte umzudrehen. Hoffte er ich würde wie ein mechanisches Männchen einfach weitergehen? In diesem Moment fragte ich mich, ob ich nicht vielleicht doch sowas wäre oder zumindest durch die Ereignisse zu so etwas wurde. Ich fühlte mich innerlich leer und war eigentlich zu einem Haufen Biomasse verkommen, die nur noch aß und schiss. Je mehr mir diese Erkenntnis in den Kopf kam, umso klarer dachte ich wieder. Mir wurde auch wieder bewusst, dass ich am Ende nicht unschuldig an der Situation war. Selbstverständlich wollte ich nie, dass es so eskaliert, aber dumm, wie ich nunmal war, geriet ich in diesen Schlamassel. Riss dabei Leute in den Abgrund, die mir lieb und teuer waren. Etwas, dass ich mir nie verzeihen werden kann. Und doch muss ich es jetzt akzeptieren und hoffen, dass Boris Karamasow seine gerechte Strafe dafür erhalten wird. Dabei denke ich mit gerecht nicht zwingend an ein weltliches Gericht. Nein, ich wünschte ihm seine persönliche Apokalypse an den Hals!
Der Beamte sprach noch immer auf mich ein, wobei ich seine Worte gar nicht verstand. Es war nur blabla für mich. Dennoch kehrte ich ganz langsam um und ging zurück. Auf dem Weg durch die Flure, deren Steinböden sich kalt an meinen nackten Fußsohlen anfühlten, dachte ich nur noch an Alissa. Dachte über ihre Worte nach und ein beklemmendes Gefühl nahm von meinem Herzen Besitz. Sie wollte Karamasow stellen. Ich wusste, was das zu bedeuten hatte. Zurück in meinem Zimmer legte ich mich mit der Angst um Alissa wieder ins Bett. Was wird passieren? Wird auch sie eine der lieben Personen meines Lebens sein, die mir durch den Tod entrissen werden?
Luftmatratze 41
