Tim:
Ich setzte mich im Bett auf und drückte auf den Rufknopf am Bett. Nur ein paar Augenblicke später erschien eine Schwester in der Tür und fragte mich, was los sei.
„Ich will mit Fleischhauer sprechen!", verlangte ich brüsk.
Die Schwester versprach mir ihn anzurufen. Etwas, das ich selbst nicht tun konnte, da mein Smartphone einkassiert wurde, als wir zu dem Un-Safe House im Wald gebracht wurden. Seitdem habe ich nichts und in diesem Gefängniskrankenhaus durften auch für Sonderpatienten wie mich keine Ausnahmen der Regeln gemacht werden. Also auch kein Telefon am Bett.
Ich fühlte mich in der Tat irgendwie nutzlos. Zum Nichtstun verdammt. Die Bettdecke war mir plötzlich ein Greuel und ich schlug sie zornig zur Seite, stieg aus dem Bett, ging zum Fenster und riss die Jalousie hoch. Das Sonnenlicht blendete mich und es dauerte lange, bis sich meine Augen daran gewöhnt hatten. Mit Sorgen an Alissa im Kopf starrte ich hinaus auf die triste Landschaft jenseits des vergitterten Fensters und rang erneut mit meinen Gefühlen für Alissa. Seit sie mich in ihre Geheimnisse einweihte, ist sie für mich ein größeres Mirakel denn je. In meinem Träumen haben wir leidenschaftlichen Sex miteinander, jedoch erwürge ich sie, während ich sie küsse. Komisch, dass ich von meiner Ex-Frau Sabina nie so träumte? Vermutlich weil sie mir damals schon völlig egal war und um ehrlich zu sein, sogar anwiderte. Dabei hätte sie es mehr verdient erwürgt oder enthauptet zu werden, als Alissa oder Martina. Von dem Anwalt ganz zu schweigen.
Was macht Alissa nun?
„Tim?"
Die Stimme Fleischhauers riss mich aus meinen Gedanken und ich drehte mich zu ihm um. Seine massige Gestalt lehnte mit verschränkten Armen am Türpfosten und schaute mich neugierig an.
„Hallo Fleischhauer. Ich wollte mit Dir sprechen.", sagte ich tonlos.
„Es freut mich zu sehen, dass es Dir besser geht. Komm, wir gehen in die Cafeteria und dann reden wir.", sagte Fleischhauer fast eine Spur zu jovial, was mich gleich wieder stutzen ließ.
Dennoch nahm ich seine Einladung an, schlüpfte in meine Schlappen und ging mit ihm zum Aufzug. Ich schaute ihn an, während wir auf den Lift warteten und irgendwas störte mich an seiner stoischen Ruhe. Als sich die Türen des Fahrstuhls öffneten bemerkte ich, wie die Backenmuskeln von Fleischhauer arbeiteten. Er war nervös. Aber warum?
Wir fuhren nach unten, gingen dann in die Cafeteria, suchten uns einen Tisch - die Auswahl war riesig, da kaum einer in der Cafeteria war - und Fleischhauer hieß mich zu setzen. Er ging dann zur Theke, bestellte zwei Tassen Kaffee und zwei Stücke Apfelkuchen, brachte sie auf einem Tablett zu unserem Tisch und servierte mir Kaffee und Kuchen.
„Nun, Tim, wo drückt der Schuh?", fragte er mich, als er den ersten Bissen des Apfelkuchens in den Mund schob.
„Ich möchte raus hier. Was soll ich hier in einem Gefängnis? Ich bin nicht das Problem!", sagte ich.
„Nein, das Problem bist Du nicht. Aber Du bist ein Teil des Problems. Boris kriegt was er will. Das hast Du reichlich bewiesen bekommen. Wir schützen Dich nur und deswegen bist Du hier.", sagte Fleischhauer.
„Mal ehrlich: Denkst Du nicht, dass mich Boris hier in einem Gefängnis eher an den Wickel bekommt, als anderswo? Jeder im Knast hat irgendwie mit Karamasow zu tun. Auf die eine oder andere Weise. Selbst wenn sie ihm nur einen Gefallen schuldig sind oder ihm schlicht gefallen wollen. Wenn mich Boris haben will, dann kriegt er mich im Gefängnis am schnellsten. Ich will hier raus!"
„Zugegeben, da ist was Wahres dran. Aber wohin willst Du sonst? Selbst ein sicheres Haus im Wald war nicht vor ihm, beziehungsweise seinen Männern sicher."
„Ja, schon klar. Es war aber auch nur nicht sicher, weil Euch einer verpfiffen hat. Übrigens... wisst ihr wer es war? Habt ihr den Maulwurd gefunden?"
„Nein, haben wir nicht. Genau aus diesem Grund sind wir auch besonders vorsichtig mit dem, was wir sagen. Und wem wir es sagen. Manchmal ist es besser, wenn nur wenige in einem großen Team Bescheid wissen."
„Was ist mit Alissa? Wo ist sie? Weißt Du was sie vorhat?", fragte ich ein kleines bisschen zu larmoyant, da Fleischhauer dabei mit den Augen rollte.
„Tim. Alissa ist ein großes Mädchen und hin und wieder weiß sie sogar, was sie tut. Hoffe ich...."
„Was ist nun? Komm ich hier raus oder nicht?", fragte ich nachdrücklich.
Fleischhauer trank seinen Kaffee aus, schaute mich durchdringend an, wobei erneut seine Kiefermuskeln arbeiteten und sagte dann im Aufstehen: „Ich melde mich bei Dir. Mach es gut."
Fleischhauer klopfte mit den Knöcheln auf die Tischplatte, legte mir dann seine riesige Hand auf die Schulter und sagte: „Alles wird gut."
Dann ging er. Ich schaute ihm nur wortlos nach und fragte mich, ob er mir eben aus dem Weg gehen wollte. Seine ausweichende Antwort auf meine Frage nach Alissa hinterließ in mir auch keine Beruhigung. Was hatte sie nur vor? Stellt sie wirklich Boris? Ich ging wieder in mein Zimmer, legte mich ins Bett, schloss die Augen und hatte plötzlich apokalyptische Visionen einer blutüberströmten Alissa. Mein Herz raste!
Luftmatratze 43
