Gerade hatte ich mein Notizbuch gezückt und wollte im Wormser Adenauerring einen neuen Blogeintrag verfassen. Der bei herbstlichen 7C° nur bescheiden besucht war.
Erstmals überhaupt in diesem Halbjahr trug ich eine Mütze, die meine Ohren komplett bedeckten. Was meine Ohren dankend annahmen und mir ein zusätzliches Wohlgefühl bescherte.
Schräg gegenüber von mir zwei Frauen, die sich miteinander lachend unterhielten und dabei auffallend rosa Getränkedosen in den Händen hielten. Sonst wäre mir das nicht sofort schon durch einen flüchtigen Seitenblick, weil ich wissen wollte, wer denn da so auffallend laut lachte, ins Auge gestochen.
Die jungen Frauen warfen ihre rosa Dosen in den Mülleimer.
Just in diesem Moment tauchte ein schlanker Mann mit gepflegtem kurzem grauem Bart, grauweißen Haaren, Arbeiterhemd und Jeans auf. Auf dem Rücken ein kleiner brauner Lederrucksack. Ich hätte den Mann so auf Ende 50, Anfang 60 geschätzt.
Er fragte höflich: „Sind das Pfanddosen?" Die Frauen bestätigten das mit einem unsicheren: „Ja".
„Macht Euch das was aus, wenn ich mir die Dosen aus dem Mülleimer nehme? Das Geld kann ich gut gebrauchen" fuhr der Mann fort.
Die Frauen stimmten zu. Verließen dann eilig den „Adenauerring" Richtung „Luther-Denkmal". Ganz geheuer war ihnen der Mann trotz aller Freundlichkeit wohl nicht?
Ich dachte mir Anfangs überhaupt nichts dabei. Sieht man doch in Worms zu jeder Zeit, Menschen zwischen 25 und 70 Lebensjahren, die Papierkörbe und Co. hoffnungsvoll durchforsten, um Dosen- und Flaschen einzusammeln, die man gegen Pfand eintauschen kann.
Vielleicht hätte es mir seltsam vorkommen sollen, vielleicht sogar müssen, dass der Mann freundlich nach den Pfanddosen fragte? – Denn das hatte ich auch noch nicht bisher erlebt.
Der Mann, der mich entfernt an einen „Cowboy ohne Hut und Pferd" erinnerte, kramte die Dosen aus dem Mülleimer, steckte grünes Papiertuch in die Öffnung und verstaute die Dosen zufrieden in seinem Rucksack. Indem er bereits weitere Dosen sichtbar eingesammelt hatte.
Ich war von der Situation gebannt und ehrlicherweise viel zu neugierig um meinen Blick abzuwenden.
Der Mann kam auf mich zu.
Einen Augenblick überlegte ich sogar zu gehen, blieb dann jedoch auf der Bank sitzen. Der Cowboy sprach mich freundlich an: „Ich hoffe, ich habe sie nicht gestört, aber mir geht's dreckig, ich bin Alkoholiker und 50 Cent, das sind zwei Bier für mich. Schnaps trinke ich nicht mehr, das habe ich mittlerweile sein lassen." „Kein Problem, gut das sie keinen Schnaps mehr anrühren". Entgegnete ich, weil mir nichts Besseres einfiel.
„Ich habe sie schon öfters gesehen, sie sitzen hier immer wieder und schreiben und lesen".„Ja richtig, ich bin hier öfters, wenn ich in der Stadt bin", antwortete ich erstaunt.
Ich hatte diesen Mann nämlich bisher nicht wahrgenommen, vielleicht sogar gar nicht wahrnehmen wollen?
Darauf streckte er mir zum Coronagruß die Faust hin, ich erwiderte die Geste.
In seinem Gesicht suchte ich wie ein Bekloppter nach Anzeichen der Alkoholsucht und Spuren eines Menschen der vom Leben gezeichnet ist.
Auch dachte ich, sein Atem müsse als schwerer Alkoholiker dementsprechend riechen. Möglicherweise sogar insgesamt unangenehm durch Körpergeruch auffallen. Ich suchte auch fehlende und schwarz gelbe Zähne und ebenso seine Kleidung nach Schmutz ab.
Ich war voller alberner, abgedroschener Klischees und Vorurteile.
Auch wenn ich es deutlich besser wissen sollte, hatte ich doch schon die ein oder andere Drogenbelehrung auf Lehrgängen mitgemacht.
Aber bis auf klitzekleine Augen, die von großer Müdigkeit zeugten, war „der Cowboy" einfach nur freundlich und zeigte so gar keine Auffälligkeiten, die ich als herausstechend abstoßend beschreiben hätte können.
Der Pfanddosensammler erzählte: „Ich kauf mir jetzt noch zwei Bier, das war es dann für heute."Ich nickte ihm zu. Der Pfanddosen-Cowboy verabschiedete sich mit freundlichen Worten und ging seines Weges.
Dass ich von der ersten Sekunde so voller Klischees und Vorurteile war, hat mir überhaupt nicht gepasst und mich leicht erschreckt.
Die Chance den Mann darauf hinzuweisen, dass man Auswege aus seiner Sucht finden kann, noch deutlich mehr. … ob er mir nun zugehört hätte oder nicht, spielt hierbei weniger eine Rolle für mich! Aber ich hätte den Mund aufmachen sollen.
Zumal er das Gefühl bei mir hinterließ, dass bei ihm noch nicht alles verloren ist. Für mein Gewissen wäre es allemal auch besser gewesen.
„Seid nett zueinander und passt gut auf Euch auf! – Wer immer Ihr auch seid?!
