Tim:
Die Tage und Wochen in denen Alissa im Krankenhaus dem Tode näher als dem Leben war, zerrissen mir das Herz. Wachte ich anfangs noch so lange ich durfte an ihrem Bett, wurde mir mit jedem Tag mehr, den sie nicht aufwachte, klar, dass ich hier nichts für sie tun konnte. Vielleicht nahm sie mich auch gar nicht wahr? Obwohl ich es so sehr hoffte, dass sie meinen Beistand spürt. Dass sie auf eine metaphysische Weise begreift, wie sehr ich um sie bange und wie groß meine Angst ist, sie zu verlieren. Doch was soll schon in meiner Macht stehen?
Fleischhauer brachte mich in eine neue sichere Unterkunft und damit ich wenigstens etwas zu tun hatte, bekam ich einen kleinen Job. Es war zwar nur das Fegen des Parkplatzes eines Supermarktes, aber diese Aufgabe gab mir etwas wie Routine. So banal es klingen mag, aber es gab mir einen Rückhalt und war mir eine willkommene Abwechslung zu dem andauernden Versteckspiel. Noch immer lag es im Unklaren, ob wir eine Rache aus Boris' Lager zu fürchten hatten und solange für uns Gefahr bestand, schützten uns Fleischhauers Männer. Naja, alle bis auf einen. Denn den Maulwurf, der uns damals verraten hatte, wurde endlich enttarnt. Es war nicht einmal jemand mit dem Fleischhauer im Unreinen gewesen wäre. Es war auch niemand, der eben erst seinen Dienst nach absolvierter Polizeischule angetreten hatte. Es war tatsächlich nur des Geldes wegen und ausgerechnet die Sekretärin. Die Frau, der man es am wenigsten zugetraut hätte und die es noch nicht einmal nötig gehabt hätte. Allerdings frage ich mich auch, womit man sie einschüchtern konnte, denn in den Verhören - so erzählte es mir Fleischhauer - machte sie einen sehr angsterfüllten Eindruck. Dabei dachte ich wieder an Martina, der man den Kopf abschnitt, nur um mir zu zeigen, dass Nichts und Niemand auf der Welt sicher ist vor Boris. Die Wirkung war verheerend und sollte man die Sekretärin ähnlich bedroht haben, würde ich ihre Entscheidung sogar verstehen. Aber sie schwieg eisern. Es gab eine interne Ermittlung und um nach außen hin den Schein zu wahren, wurde sie unter Ausschluß der Öffentlichkeit abgeurteilt und sofort in Einzelhaft eines Frauengefängnisses gebracht. Ob sie dort sicher ist vor Boris' Schergen? Das steht auf einem anderen Blatt.
Ich gab es auf täglich im Krankenhaus vorbei zu schauen. Ich hatte ein sauberes Prepaidhandy bekommen und darauf die Nummer des wachhabenden Polizisten, der vor Alissas Zimmer saß. Ein kurzer Anruf genügte und ich wusste, dass sich nichts änderte. So ging ich nur noch einmal die Woche dorthin und versuchte von den Ärzten was zu erfahren. Die wiegelten mich aber immer wieder mit einem Kopfschütteln ab und ich merkte, wie sehr ich ihnen auf den Geist ging. Irgendwann ließ ich es bleiben und fragte nur noch eine Krankenschwester, die auf dem Flur an mir vorbeihuschte, ob es was Neues gäbe. Kopfschüttelnd und achselzuckend liefen sie an mir vorbei, verschwanden in den Zimmern über deren Tür ein rotes Licht blinkte und versorgten die Patienten. Es ist äußerst interessant, den Betrieb auf dem Flur zu studieren und zu sehen, wie die Schwestern wie emsige Ameisen hin und her flitzen und mit gekonnten Griffen die Patienten versorgten. Was nach einer geübten Routine aussah, war allerdings Schwerstarbeit und nicht selten sah man eine Schwester oder einen Arzt angelehnt an einem Schrank oder einer Wand im Stehen ein kleines Nickerchen machen. Der Tribut für diese Last.
Die Polizisten kannten mich und kümmerten sich nicht groß darum, wenn ich an ihnen vorbei ging, mir die Hände desinfizierte und zu Alissa ans Bett ging. Dort saß ich dann, hielt ihre Hand, die sich seltsam kalt anfühlte und schaute sie nur an. Sah ihre graue Haut, die sie wie einen Leichnam wirken ließ. Hörte nicht ihren Atem, sondern nur die Pumpe des Inkubators und das Piepen der Geräte, die ihre Vitalfunktionen, so sie denn überhaupt noch da waren, überwachten.
„Alissa...", flüsterte ich leise zu ihr. Aber eine Reaktion blieb aus. Es trieb mir die Tränen in die Augen, sie so aufgebahrt zu sehen. Ein Stück Fleisch, das nur noch durch die Maschinen am Leben gehalten wird. Und mit jedem Tag mehr wurde die Hoffnung weniger.
„Alissa... was soll ich nur ohne Dich tun? Komm zu mir zurück.", sagte ich sanftmütig und streichelte ihr dabei über die Wange. Dann hielt ich wieder ihre Hand. Ich seufzte. Meine Schultern sanken herab und mir war, als ob das Leben mich verließ.
Dann durchzog ein Beben meinen Körper. Meine Augen weiteten sich vor Überraschung. Hatte Alissa meine Hand gedrückt? Gab es ein Lebenszeichen von ihr?
„Alissa?! Alissa!", rief ich lauter und sprang auf. Da spürte ich erneut einen leichten Druck und begann vor Freude zu lachen. Ich riss die Tür zum Zimmer auf, rief auf den Flur, dass der Doktor kommen solle, drückte sogar auf den Alarmknopf. Dann hielt ich wieder Alissas Hand und hoffte auf ein drittes Wunder.
„Was ist denn los?", fragte der Stationsarzt, der ins Zimmer geeilt kam.
„Sie drückt meine Hand!", sagte ich freudestrahlend zu ihm.
„Das können auch nur Nervenimpulse sein. Das muss nichts bedeuten. Muskelkontraktionen eben.", wiegelte der Arzt ab.
„Nein!", widersprach ich ihm vehement, „Das war Alissas Reaktion auf mich. Ich bin mir ganz sicher. Sie kommt zu uns zurück!"
Und plötzlich drückte Alissa wieder meine Hand. Diesmal so deutlich, dass selbst der Arzt es sehen konnte. Schnell nahm er eine kleine Leuchte, hob das Augenlid von Alissa und leuchtete hinein.
„Oh ja, die Pupille reagiert. Schwester!", rief er und wurde ganz plötzlich sehr rege.
Ich ging zur Seite und ließ sie machen. Ließ sie Alissa zurück ins Leben holen und wartete voller Ungeduld darauf, dass sie ihre Augen öffnen und mich ansehen wird.
***
Wie hatte ich das Blau ihrer Augen vermisst in den letzten Wochen! Es war für mich wie ein Wunder, als sie die Lider hob und mich zwar schwach aber mit einem Lächeln in den Augen ansah. Und noch immer schaue ich ihr in die Augen, selbst jetzt in dieser Reha-Klinik, in der Alissa sich von ihren schweren Verletzungen erholen muss. Das Gehen fiel ihr immer noch schwer und ich schob sie liebevoll im Rollstuhl durch den Park, fütterte sie wie ein kleines hilfsbedürftiges Kind mit Kuchen aus der Cafeteria und sie schmollte stets, weil sie es nicht leiden konnte, dass ich sie so bemuttere. Insgeheim hatte sie durchaus Gefallen daran und wären die Umstände andere gewesen, hätte sie das als Spiel zwischen uns ganz gerne gehabt. So aber war der Rollstuhl, beziehungsweise seine Notwendigkeit traurige Realität. Das Thema Karamasow sparten wir uns aus. Er wurde mit keinem Wort erwähnt. Wir kümmerten uns endlich um uns.
Fleischhauer besuchte uns natürlich täglich in der Klinik und erkundigte sich väterlich nach Alissas Befinden. Dabei brachte er auch einen Stapel Briefe mit. Die meisten an Alissa adressiert. Kollegen, die ihr alles Gute wünschen, darunter aber auch Werbung. Ein Brief war hingegen an mich gerichtet. Als ob man mir meine Freude nicht gönnen würde, erkannte ich darauf das Logo der Anwaltskanzlei, die meine Ex Sabina vertritt. Wahrscheinlich immer noch nicht nur in advokativen Dingen, sondern auch in Sabinas Bett. Aber egal. Ich wollte mit der Frau ohnehin nichts mehr zu tun haben. In dem Brief hingegen stand etwas für mich überraschendes. Normalerweise würde Sabina mir den letzten Tropfen Blut aussaugen und wäre erst dann zufrieden, wenn ich am Ende weniger als Nichts hätte, doch laut dem Schreiben lässt Sabina alle Forderungen an mich fallen und dieser Brief das Letzte sei, was ich von der Kanzlei in dieser Sache vernehmen würde. Die Polizei kümmerte sich natürlich um unsere Briefkästen, so dass wir alle Post, die an unsere alten Adressen, die wir offiziell noch immer bewohnten, geschickt wurde, zugestellt bekamen.
Ich konnte es nicht fassen. Dieser Moment löste in mir eine Fessel, die mich knechtete und mich seit Anbeginn dieser Geschichte belastete. Nun war ich frei und das ließ mich aufatmen. Ich konnte zum ersten Mal seit Monaten richtig Luft holen und es fühlte sich so gut an. Mir wurde bewusst, dass ich in diesem Moment und mit diesem Schreiben meinen Dämonen Sabina los wurde. Sofort erzählte ich Alissa die guten Nachrichten und die Freude darüber, ließ sie zum ersten Mal, seit sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde, richtig lachen. Auch von ihr fiel plötzlich eine gewisse Last ab, die freilich die geringste für sie gewesen ist. Aber ich hatte den Eindruck, dass das ihr und ihrer Genesung neuen Schwung verlieh. Ich lachte befreit mit und erstickte dann ihr Lachen mit einem langen und sehr leidenschaftlichen Kuss.
