Um kurz vor zehn Uhr morgens stand ich auf der Straße und wartete auf die Bekannten, die mich zur Hochzeit mitnehmen wollten und sollten.
Nach vierzig Minuten hatte ich vom draußen warten allerdings die Schnauze randvoll. Wobei mir nicht langweilig während des warten geworden war, kam doch der ein oder interessierte Straßenbewohner vorbei um mich auszufragen, worauf ich denn so sichtbar verheißungsvoll warte.
Ich war keine zehn Minuten wieder im Haus als sich die bekannte endlich meldete und fragte, wo ich den bleibe? Ihr Mann warte im Auto vor dem Haus auf mich.
Erinnerte an die vereinbarte Zeit. - Daraufhin (sekundenlange) Stille von allen Seiten.
Die standesamtliche Trauung lief bereits einige Minuten als wir eintrafen.
Der Standesbeamte war überraschenderweise ein Bekannter von Vater. Was mir zugutekam, anders hätte ich mich wahrscheinlich nicht so unangemeldet direkt hinter dem Standesbeamten mit dem Foto – ohne ein Wort – wie ein Eindringling positionieren können.
Die Braut trug während der Trauung einen Schleier, was bisher eher der Ausnahmefall bei meinen Fotoaufträgen war.
Im Gegensatz zu anderen anwesenden Gästen war ich von der Trauungszeremonie angetan. Andere fanden sie nur lediglich in Ordnung. Aber ich bin ja auch parteiisch, was Hochzeiten betrifft, mag ich sie doch gerne, sie gebe mir stets ein Gefühl von Menschlichkeit, herausragender Zuneigung und liebevoller Zuversicht.
Wer will da noch ernsthaft behaupten, dass unsere Welt doch nur noch kalt und so egoistisch ist und keinen Platz mehr für Wärme und Zusammenhalt bietet?
Der Bräutigam, Türke. Die Braut, Deutschtürkin.
Um es vorwegzunehmen, ein tolles Brautpaar.
Vor dem Standesamt wurde die Eheleute, neben den Gästen von mehreren Blumenmädchen empfangen, die mit Seifenblasen und Blütenblätter das Neu-Ehepaar den Weg in die gemeinsame Zukunft als Ehepaar ebneten.
Außerdem wurden vor der Trauungsstätte Gruppenbilder mit Eltern, Freunden und Familien geschossen. Wobei mich der Bräutigam hinwies, als Moslem bitte nicht unbedingt die unweit entfernte Kirche im Hintergrund zu verwenden. Seine Frau hingegen war da anderer Meinung. Ich versuchte beiden gerecht zu werden.
Während Hochzeitsgäste und ich bereits in der Feierlocation weilten, ließ sich das Brautpaar auffallend Zeit dort aufzutauchen. Jedoch Eineinhalbstunden später, fanden auch die Eheleute endlich den Weg zu ihrer Feier.
Mir verschafften die 90-Minuten Extrazeit mich mit den Familien und Freunden des Brautpaars bekanntzumachen. Ich mochte diese Menschen sofort. Herzlich, außergewöhnlich freundlich und keineswegs Fotoscheu.
Auch viele Kinder und Jugendliche gehörten zu den Gästen. Diese werden die Feier nicht so schnell vergessen. Hatten sie doch direkt hinter der Feierstätte einen kleinen – von allen Seiten – einsehbaren Park zum Spielen und Toben zur Verfügung. Für die kleineren gab es in dem Bürgerhaus eine Riesentafel und bunte Kreide zum Malen.
Käsekuchen, Schokoladenkuchen, Apfelkuchen, Muffins und Donuts. Dazu Kaffee. Bildeten den kulinarischen Aufgalopp des Hochzeitsfestes.
Vollzeit konnte man auf Süßes aus einer aufgestellten Candy-Bar zugreifen. Kaugummi, Gummibärchen, Schokolade, Marzipan.
Danach türkische Lebensfreude pur.
Genau wie in Filmen, in denen man türkische Hochzeiten darstellt, wurde getanzt. Zuerst das Brautpaar leidenschaftlich innig. Dann ineinander, mit ihren Gästen verhakt. Dabei wurden lustig die Beine und fleißig Servierten geschwungen.
So viel Lebensfreude und Kultur, das machte beim Zusehen bereits Freude.
Nachdem Kaffeetrinken begab ich mich mit Braut und Bräutigam in den Stadtpark, um dort Bilder in romantischer Zweisamkeit zu fotografieren. Zuerst wollte ich ja unbedingt meine Einfälle bei diesem Brautpaarshooting durchsetzen, allerdings hatte die wunderhübsche Braut eigenen Ideen für die Fotos mit ihrem frisch angetrauten Ehemann, sodass ich zum Schluss lediglich, das ein oder andere Foto aus meinem Erfahrungsschatz noch mit Hilfe der standesamtlich getrauten ergänzte.
Ich liebe die Betriebsamkeit auf dieser Feier. Ständig ein kommen von aus dem Festsaal nach draußen (zum Rauchen) und zurück. Was den Vorteil hatte, dass sowohl im Innenbereich und im Außenbereich stets neue Gruppen- und Menschenkonstellationen für unterhaltsame Fotos entstanden.
Das erste Spiel für die Braut und Bräutigam war ein Übereinstimmungsspiel, das mit drei von elf möglichen Übereinstimmungen nur bedingt erfolgreich für die Eheleute ausfiel. Aber wie sagt man so schön: „Pech im Spiel, Glück in der Liebe!" … wollen wir es hoffen, wollen wir es hoffen!
Im zweiten Spiel wurden die Partygäste miteingebunden.
Ein Geschenk wurde dem Brautpaar übergeben. Dann wurden Texte verlesen wie: „Doch das Päckchen, liebe Braut, gehört nicht alleine dir, gib es dem Herrn, der am weitesten weg sitzt von dir!
Oder:
„Sieh dich einmal um und beweise deinen Schneid
und bringe es der Frau mit dem schönsten Kleid!
Dein Kleid ist zwar hübsch und fein,
doch gehört dir das Päckchen nicht allein."
Natürlich landete das Päckchen zum Schluss nach weiteren zahlreichen Übergaben wieder ordnungsgemäß beim Brautpaar.
Schwups gab es auch schon Buffet. Bei dem ich herausfand, dass ich großer Fan bin von Hähnchen in Tomatensauce. Eine Kombination, die mir bisher völlig fremd war. Durch Recherchieren weiß ich nun jedoch, dass dieses Gericht sich besonderer Beliebtheit in Russland und natürlich auch in der Türkei erfreut.
Dazu Kartoffelgratin, Nudeln, Soße und Rindfleischbraten.
Dieses Hochzeitsmenü war schon sehr lecker. Nur die Brautmama war entsetzt über die Qualität des Rindfleischbratens und betonte mehrmals, dass sie diesen Braten keineswegs bezahlen werde. Der Braten wäre zäh wie eine alte Schuhsohle.
Ja, der Braten war zäh, zu schneiden. Was man auch an den zeitgleich schneidenden, unschön klirrenden Schnittgeräuschen auf sämtlichen Tellern hören konnte. Geschmacklich jedoch war das Rindfleisch vollkommen in Ordnung.
Spätestes bei der leckeren Mousse auch Chocolat zum Nachtisch war man jedoch auch wieder mit dem zuständigen Partyservice versöhnt.
Es folgte eine Rede der Brautschwester. Danach eine mit Instrumentalmusik unterlegte Diashow der Trauzeugin. Mit Bildern vom Werdegang der frisch vermählten Eheleute.
Die Braut in ihrem rückenfreien langen weißen Brautkleid, dem schwarzen langen Haar, der silbernen Haarspange und Halskette war für mich die alles überstrahlende Sympathieträgerin dieser Hochzeitsfeier.
Ich mochte ihre nach außen getragenen harte Schale und in den richtigen Momenten butterweicher Kern sehr gerne.
Sie hatte sichtbar Spaß an ihren Menschen und Lust darauf auch sich berühren zu lassen und mehr als einmal flossen Freudentränen der Rührung und es gab unzählbare Umarmungen und Küsse für gemochte und geliebte Menschen. Was ganz sicher dazu beitrug mich noch etwas mehr ins Zeug legen zu wollen als ohnehin.
Statt einer Brautentführung gab es eine Bräutigam-Entführung. Unweit des Bürgerhauses hatten die Freunde und Bruder des Bräutigams den Ehemann in eine Shisha-Bar verschleppt. Die Braut stürmte mit allen Frauen und einem nicht namentlich genannten Fotografen ? die Shisha-Bar.
Irgendwann geht jedoch auch die schönste Hochzeitsfeier zu Ende. Nach letzten rauschenden Tänzen, wiederholt endgültigen Anstoßen auf das verliebte und vermählte Brautpaar, Gesprächen aus denen sichtbar neue Bekannt- und Freundschaften entstanden, leidenschaftlich miteinanderwollenden Lachens und miteinander sein wollen, getragen von einer stets prickelnden herrlichen Festatmosphäre, die hoffentlich diesen Tag für das Brautpaar zu einem der schönsten in ihrem Leben macht und das allerbeste Omen für eine gemeinsam Zukunft als Ehepaar ist!?!
Zu Hause überspielte ich die Bilder, schleifte meinen müden Körper erst unter die Dusche und dann zu Vater ins Wohnzimmer vor dem TV, um mit ihm wie gewohnt „Das aktuelle Sportstudio" zu verfolgen. Bevor ich augenblicklich, kaum dass ich im Bett lag, in einen traumlosen, überaus erholenden zwölfstündigen Schlaf fiel.
„Seid nett zueinander und passt gut auf Euch auf! – Wer immer Ihr auch seid?!

dann wirst du die nächste Woche (n) wieder zu tun haben mit Bilder sichten und bearbeiten.
psss wenn du die Bilder vom Käsekuchen auf Esspapier druckst kannst du sie essen :p
man liest sich