Zeit: 16 Uhr 46
Ort: Adenauerring, Worms
Es wird bereits dunkel. Die Luft klar. Der Himmel wolkenverhangen grau und doch voller Möglichkeiten.
Das meiste Licht fällt aus den Buden – des Novembermarktes, der sich durch die gesamte Fußgängerzone erstreckt, hinter denen schweigende, dennoch nicht untätige Verkäufer auf Kundschaft lauern – auf den Straßenboden.
Den Händlern werden diese zusätzlichen Wochen, um ihre Waren loszuwerden, guttun. Hatten sie doch Nachholbedarf aus den Coronajahren.
Anmerkung:
Mehr Gedanken ließen sich im Adenauerring nicht festhalten, sprach mich doch Waldemar an.
Waldemar: „Ich habe sie hier schon öfters gesehen. Sie schreiben und lesen hier viel."
Ich: „Richtig, wenn ich wirklich mal Zeit habe, verbringe ich gerne Zeit hier."
Waldemar: „Ich bin Obdachlos, ich schlafe in Worms in der Klosterstraße, da muss man sich allerdings bis 18 Uhr anmelden, wer nicht pünktlich kommt, bekommt keinen Nachtplatz.
Ich bin Alkoholiker, hätten sie mal 1 Euro, ich würde mir noch gerne eine Waffel holen, ich verspreche ich mache damit kein scheiße. Versprochen!"
Waldemar bekam von mir 2 Euro. (Ob das richtig war?)
Danach nahm er ungefragt neben mir auf der Bank Platz.
Waldemar wirkte gepflegt. Nimmt man den Alkoholatem aus und das Dosenbier in seiner Hand, war Waldemar durchaus jemanden, für den ich Sympathie entwickelte.
Durchaus sprachgewandt erzählte Waldemar von seiner 480 Euro Mindesterwerbsrente, dass er außer den Pflichtversicherungen nicht krankenversichert wäre. Dass man ihn, als er einen Termin auf dem Rathaus ausmachen wollte, dort vom Pförtner entfernen ließ.
Beim Jobcenter hätte man ihm sofort mit 30 % weniger Geld sanktioniert als er nachgefragt hatte, wie es denn aussehe mit einer festen Unterkunft?
Dann schimpfte Waldemar – ohne ausfallend böse Wörter zu gebrauchen – dass die vielen Zuwanderer sich viel besser anzustellen wüssten, wie er, genau wüssten, wann sie wo sein müssten, um Geld zu bekommen. Sie würden einfach 5 Fotos von Kindern beim Amt vorzeigen, obwohl sie nur zwei hatten.
Ich empfand es durchaus als unterhaltsam und lehrreich Waldemar zuzuhören und hin und wieder nachzufragen.
Waldemar nehme ich vollkommen ab, dass er ein schweres Leben hat, es gerade im fortgeschrittenen Alter doppelt hart ist, sich so im Leben durchschlagen zu müssen.
Einige berechtige Zweifel hege ich an seinen Amtsgeschichten und wie einfach es sein soll, sich vom Amt Geld zu erschleichen.
Wobei Waldemar hier besonders emotional wurde und fast zu weinen begann.
Im letzten Moment – so schien es mir - fing er sich jedoch wieder.
Danach erzählte Waldemar, dass er 13,5 Jahre zur See gefahren wäre.
Viele fremde Kulturen hätte er kennengelernt. – Seine Abenteuer, ob zur See oder auf der Straße und vor allem mit Menschen würden mehrere Bücher füllen.
Waldemar fuhr fort, er hatte seinen Nierenkrebs auf der Straße besiegt. Im vergangenen Sommer wäre er mit dem Fahrrad bis nach Bremen, von dort zur Ostsee und wieder zurückgefahren. Nach seinen Worten, 1200 km. (Sorry, ich bin zu faul, dass jetzt exakt nachzurecherchieren).
Waldemar lobte mich für das geduldige Zuhören; was mir nicht schwerfiel.
Wörtlich sagte er: „Sie wissen aber auch genau, wem sie was geben und wenn nicht, sie haben schon ein wenig Menschenkenntnis."„Vielleicht durch meine Menschen und den Sport?" Antwortete ich – nun doch - leicht verlegen.
Im direkten Anschluss erklärte mir der Obdachlose Waldemar, er müsste sich nun in der Klosterstraße anmelden, dass er eine Nachtunterkunft bekomme, wenn er nicht in der Obdachlosenunterkunft schlafe, dann in Jugendherbergen.
Er bedankte sich noch einmal überschwänglich für die 2 Euro und im nächsten Moment hatte ihn die Stadt und Dunkelheit schon verschluckt.
Ich bete darum, niemals mich so durchschlagen zu müssen, so abzustürzen. Diese Vorstellung ist etwas, das in mir durchaus ein mulmiges Gefühl verursacht.
Bewundernswert, welchen Lebensmut Waldemar ausstrahlte.
„Seid nett zueinander und passt gut auf Euch auf! – Wer immer Ihr auch seid?!
