Oman
Plötzlich ruckte das Schiff und Maja verstand, dass das das Werk der Hafenarbeiter war, die den Rumpf vom Anleger weg drückten, damit man Segel hissen und aus dem Hafen hinaus manövrieren konnte. Das Ziel ihrer Reise ist unbekannt, was Majas Ängste nicht weniger werden ließen. Polternde Schritte kamen die Treppe herunter, über die sie vor kurzem erst transportiert wurde und sie hörte die Stimmen von drei Männern. Jedoch in einer Sprache, die ihr gänzlich unbekannt war. So war es ihr unmöglich, sich auch aus Fragmenten der Sprache etwas zusammen zu reimen und Maja gab den Versuch, die Männer zu verstehen, auf.
„Sag mal, Mahmud?", fragte al-Ralfi, „muss es hier so dunkel sein? Ich sehe meine eigene Hand nicht vor Augen. Kannst Du nicht mal Licht machen?"
„Jawohl.", sagte Mahmud und schob ein paar Kisten zur Seite, die ein Bullauge verdeckten, durch dessen dreckiges und von Algen verkrustetes Glas ein bisschen Licht in den dunklen Schiffsrumpf fiel.
„Ah, schon etwas besser! So, wo ist denn nun die Deutsche?", begehrte al-Ralfi zu wissen.
„Hier, Effendi.", sagte der Kapitän und schloss die Türe zu der Kammer auf.
Als die Tür aufschwang, starrte Maja mit angstgeweiteten Augen hinter der Augenbinde in die Gesichter der drei Männer. Sie befürchtete schon, dass sie sich nun an ihr vergehen werden oder ihr sonstwie Gewalt antun würden, doch al-Ralfi, Mahmud und der Kapitän standen nur da und schauten auf das menschliche Bündel herab.
„Ohne jeden Schaden ist die Ware hier deponiert. Schauen Sie nur, Effendi.", sagte der Kapitän und zeigte stolz auf Maja.
„Ja, ja, ich sehe es. Gut, gut... also von mir aus kann sie da drin bleiben, bis wir zu Hause sind. Kapitän?", sagte al-Ralfi und drehte sich zu dem Angesprochenen hin, „Achte mir darauf, dass niemand in ihre Nähe kommt. Am besten schließt Du die Tür wieder ab."
„Jawohl, Effendi!", beeilte sich der Kapitän zu sagen, bevor er die Tür zuwarf und den Schlüssel schwungvoll dreimal drehte.
„Ich bin immer noch der Meinung, dass das kein guter Kauf war, al-Ralfi.", wandte Mahmud mit hochgezogenen Schultern ein, „Aber Du bist der Chef."
„Richtig, mein getreuer Mahmud, ich bin der Chef und ich habe dieses Weibchen gekauft und werde mit ihr tun, was mir beliebt.", sagte al-Ralfi streng.
„Und was?", hakte Mahmud nach.
„Äh, ja... nun... da ... joa.... machen wir uns Gedanken drüber, wenn wir zu Hause sind, Mahmud."
Damit war die Unterhaltung beendet und die drei Männer gingen wieder aus dem Stauraum heraus, sodass Maja nichts weiter blieb, als die typischen Geräusche der Seefahrt.
Das Schiff segelte in Richtung des Sonnenuntergangs über das Rote Meer hinweg.
London
Ein Junge klopfte an die Tür in der Baker Street und rief laut: „Ms Holmes? Ms Holmes? Sind Sie da? Ich habe ein Telegramm für Sie! Bitte öffnen Sie die Tür!"
Die Meisterdetektivin legte das Buch, in dem sie eben schmökerte, zur Seite und erhob sich aus dem Sessel. Ein leichter Schwindel befiel sie dabei und sie musste erst ein paar Sekunden stillstehen, bis dieser verging. Die letzten Wochen waren sehr ruhig bei Jenny verlaufen und sie nutzte die freie Zeit für diverse Studien, die sie bis in die tiefe Nacht hinein an ihrem Schreibtisch tat. Das rächte sich nun, indem ihr Kreislauf ihr ab und zu einen solchen Streich spielte und der blonden Detektivin vor Augen führte, dass es unbedingt Zeit wäre, wieder körperlich aktiver zu werden. Als endlich auch das Kribbeln in den Beinen nachließ, öffnete Jenny die Tür und gab dem Jungen sofort einen Penny in die Hand. Der bedankte sich, überreichte Jenny das Telegramm und verabschiedete sich überaus höflich.
„Oh, da wächst uns ja ein richtiger Gentleman heran.", sagte Jenny lächelnd und verabschiedete sich sogleich auch von dem Jungen, der mit sichtbar röter gewordenen Wangen sich ins Londoner Getümmel aufmachte.
Im Büro setzte sich Jenny Holmes hinter ihren Schreibtisch, öffnete das Kuvert, in dem das Telegramm steckte und las:
„Sehr geehrte Ms Holmes,
mein entfernt Verwandter Lord Lemon of Lemonshire berichtete mir, dass Sie Hilfe nötig hätten. Weiter schilderte er mir die Umstände, um die es ginge und bat mich inständig darum, Ihnen dienlich zu sein. Nun, wirklich abschlagen wollte ich ihm seine Bitte nicht, doch war es mir zunächst schleierhaft, wie ich Ihnen im fernen Königreich helfen soll. Da ich aber selten etwas unversucht lasse, begab ich mich in Kairo in gewisse Kreise und horchte, welche Hinweise man zwischen den Zeilen zu erfahren weiß. In der Tat hatte jemand etwas bemerkt oder gab es vor. Wenn seine Erzählung der Wahrheit entspricht, so ist die Gesuchte von Sklavenhändlern entführt und aller Wahrscheinlichkeit nach in den Oman verbracht worden. Die Zeit schreitet jedoch schnell voran und weiter war keine Auskunft mehr zu bekommen. So beschloss ich, Ihnen, werte Ms Holmes, dieses Telegramm zu schicken und Ihnen darin mitzuteilen, dass ich mich sogleich aufmache in den Oman. Sollte ich dort Weiteres erfahren, werde ich mich bei Ihnen melden.
Bis zu diesem Zeitpunkt verbleibe ich mit höchster Achtung,
Ihr Lemonada Jones.
Abenteurer und Schatzsucher."
„Donnerwetter!", dachte sich Jenny, „auf den alten Lord ist wirklich Verlass. Immerhin wissen wir jetzt schon mehr und wenn sein Verwandter noch andere Hinweise findet... immerhin läuft es."
Angestachelt von diesen Neuigkeiten wollte Jenny diese unbedingt Julian Fuhseson mitteilen, der gewiss schon seit Tagen auf glühenden Kohlen sitzt und es kaum erwarten kann, etwas zu erfahren. Sie kramte aus der Schreibtischschublade den Zettel, auf den Julian die Adresse des Landsitzes in Devonshire schrieb, heraus und machte sich auf den Weg dorthin.
Der weiße Kalkstein glänzte im Sonnenschein und ließ den Nachmittag heller erscheinen, als er wirklich war. Ein mäßiger und dazu sehr milder Wind wehte über die saftigen Wiesen auf denen vereinzelt Schafe standen. Der Landsitz war ein größerer Hof aus typisch schwarz-weißem Fachwerk. Nur die parkartige Gartenanlage drumherum ließ erahnen, dass hier schon länger keine Landwirtschaft mehr betrieben wurde. Jenny Holmes klopfte an die Türe, jedoch öffnete niemand. Also griff sie zu der Kette, mit der sie eine Glocke betätigen konnte, und läutete so laut, dass man sie selbst in Frankreich hätte hören müssen. Zu Jennys Verwunderung aber, machte immer noch niemand auf. Plötzlich zuckte sie zusammen, als ein kleiner Mann mit pechschwarzem Haar um die Ecke des Hauses kam und fragte: „Ja, bitte? Wir kaufen nichts."
„Ich will auch nichts verkaufen, Mister....", begann Jenny und wartete gar nicht erst ab, dass dieser kleine Mann in seiner Livree seinen Namen nannte, „Ich möchte zu Mister Fuhseson. Er ist ein Klient von mir und wartet bestimmt schon auf mein Erscheinen."
„So? Wen darf ich bitte melden?", sagte der kleine Diener und rümpfte etwas die Nase.
„Jenny Holmes. Detektivin.", sagte Jenny mit leicht gereiztem Unterton.
„Sehr wohl. Wenn Sie hier bitte warten würden...", sagte er, drehte auf dem Absatz um und verschwand um die Hausecke.
Kurz darauf erschien er wieder und bat Jenny ihm zu folgen. Die Meisterdetektiv trottete ihm hinterher in den Garten, aus dem ihr ausgelassenes Gelächter entgegen schall.
„Ah, Sie müssen die berühmte Detektivin sein!", sagte eine durchaus hübsche Frau mittleren Alters und kam auf Jenny zu. „Mein Name ist Adriana of Romanescu. Ich habe schon so viel von Ihnen gehört. Kommen Sie!"
Ohne eine Antwort abzuwarten, griff Adriana die Hand von Jenny und zog sie förmlich zu einer Sitzgruppe, die unter einem Baldachin aufgestellt war. Neben einer silbernen Etagere mit Gebäck standen Teegeschirr und Sandwiches parat. Auf einer Bank saß eine kleinere brünette Frau, die Jenny aus ihren grünen Augen musterte und dann ihre Bambusstricknadeln beiseite legte, um die Meisterdetektivin zu begrüßen.
„Herzlich Willkommen. Ich bin Angela Fuhseson, die Mutter von Julian. Er hat ja ganz schön von Ihnen geschwärmt, Ms Holmes.", sagte sie und schüttelte die Hand der Detektivin.
„So? Hat er das? Nun, ich fühle mich geschmeichelt. Wo ist der junge Mann denn?", sagte Jenny.
„Juuuuuuuliiiiiiiiiiii?!", rief Angela so laut sie nur konnte.
„Ja, Mamsi?", fragte Julian, der plötzlich hinter einer Hecke auftauchte und sich nicht klar darüber war, warum seine Frau Mutter so laut schrie, wenn er doch nur ein paar Schritte von ihr weg ist. Als er aber Jenny erblickte, kam er sofort auf sie zu und küsste ihr die Hand. „Oh, Ms Holmes. Wie gut Sie zu sehen! Wie geht es Ihnen und wissen Sie etwas Neues? Ach, entschuldigen Sie bitte. Wo sind meine Manieren? Setzten Sie sich bitte. Tee? Gebäck?"
Ganz in seine Rolle als Gastgeber vertieft kümmerte sich Julian fürsorglich um Jenny, was schon den Argwohn seiner Mutter weckte, denn ganz so aufopfernd hatte sie ihn noch nie für eine Frau gesehen. Jenny setzte sich erst einmal auf eine freie Bank, nahm die angebotene Tasse Tee entgegen, nippte kurz daran und schaute dann den beiden Damen, die sie neugierig musterten, an.
Als sich endlich auch Julian Fuhseson setzte, begann Jenny: „Also, der Grund für meinen Besuch bei Ihnen... ich möchte ja nicht stören..."
„Aber nein, das tun Sie nicht.", wiegelte Adriana of Romanescu gleich ab.
„Bitte erzählen Sie.", forderte Angela die Detektivin auf.
„Na schön. Ich bekam heute dieses Telegramm aus Ägypten..."
Jenny erzählte, was sie wusste und dass sie auf eine weitere Nachricht warten würde. Immerhin würden sich die Zahnräder nun bewegen und man könne guter Hoffnung sein, bald etwas über Majas Verschwinden zu erfahren.
„Sobald ich dann Neues weiß, melde ich mich natürlich bei Ihnen.", schloss Jenny ihren Bericht.
„Oh, meine geliebte Maja...", schluchzte Julian auf, dem gar nichts Gutes schwante, angesichts dessen, dass die Liebe seines Lebens auf einem Sklavenmarkt verschachert würde.
Angela tröstete ihren Sohn, so gut es eben nur Mütter können und Adriana löcherte Jenny mit allerlei Fragen zu ihrem Detektivleben und den aufregenden Fällen, die sie immer zu bestehen hatte. Überdies vergaß man ein wenig die Zeit und als die Sonne sich anschickte im Meer zu versinken, machte sich der Hunger bemerkbar. Der kleine Diener durfte im Garten einen Grill anwerfen und selbstverständlich war Jenny eingeladen, den Abend und auch die Nacht auf dem Landsitz zu verbringen. Die Rückfahrt wäre nun auch zu beschwerlich gewesen und so nahm Jenny dieses Angebot dankend an.
Der Duft des Grillguts erfüllte die Luft und heizte den Hunger der Anwesenden an. Man verteilte das Essen auf die Teller, reichte diese herum und aß bei amüsanten Gesprächen, die mal mehr, mal weniger Tiefsinn besaßen, bis das Tageslicht so weit geschwunden war, dass der Diener Fackeln entzünden musste um den Garten zu erleuchten.
Angela wollte sich nützlich machen und trug den stählernen Grillspieß zum Grill zurück. Dabei fiel ihr eine Stoffserviette herunter und Julian, der stets bemüht darum war, seine gute Erziehung zu zeigen, beugte sich flugs hernieder, diese galant aufzuheben. Allerdings bedingten die gefüllten Zwiebeln, von denen er am Abend reichlich hatte, dass sich bei dieser Bewegung eine unüberhörbare Flatulenz auf in die Freiheit machte. Angela drehte sich um, sah mit strenger Zornesfalte ihren Sprößling an, der sich aufrichtete und gespielt empört „Mutter!!" rief. Angela Fuhseson klappte die Kinnlade runter, ob dieser Frechheit ihres Sohnes, aber sie ließ es mal dabei bewenden, denn sowohl Adriana wie Jenny lachten laut los und egal, wie sehr der Zorn auch in Angela kochte, die Stimmung dieses Abends wollte sie nicht verderben.
