Irgendwo zwischen Raffgieristan und England
Seicht schaukelte das Schiff in den Wellen und al-Ralfi ließ es sich zusammen mit Mahmud an Deck gut gehen. Kandierte Feigen wanderten in die Münder und Tee wurde von hübschen Frauen, deren Gesichter nur mit farbigen Tüllschleiern verdeckt waren, in die kunstvoll gearbeiteten Teegläser gegossen. Vergnügt blickten al-Ralfi und die Anderen über das Meer, an dessen Horizont sich schwach die Küste abzeichnete.
In der dunklen Kabine unten im Schiffsbauch lag Maja verschnürt wie ein Paket auf dem Boden. Todesängste plagten sie und die Erinnerung an die letzten Schläge, die man ihr zufügte, war noch immer schmerzhaft wie eine frische Wunde. In ihrem Kopf geisterten Bilder ihres geliebten Julian herum, wie er sich zu Hause um sie kümmert und schier wahnsinnig wird über ihren Verlust. Das gab Maja den Rückhalt, den sie brauchte, stoisch all diese Repressalien zu ertragen, denn die Hoffnung auf eine Rettung gab sie noch nicht auf. Dennoch kamen ihr langsam Zweifel daran, ob sie jemals gerettet werden würde, denn je öfters man sie weiß der Himmel wohin brachte, würde es immer schwieriger werden, sie zu finden. Wie sollte Julian das auch bewerkstelligen? Wenn sie nur an die Sklaven dachte, die al-Ralfi in seinem Palast hatte! Schwarzafrikaner, Araber, sogar ein paar Asiaten waren darunter. Sein Einflussbereich erschien Maja riesig und demnach wäre das Gebiet, in dem sie al-Ralfi verteilen könnte unglaublich groß. Maja zwang sich die Angst zu besiegen und rief sich schöne Erinnerungen an die Zeit der Zweisamkeit mit ihrem geliebten Julian in den Kopf. Kaum sah sie sein Antlitz vor ihrem inneren Auge, wie er sie anlächelte und ihr zart die Wange streichelte, überkam Maja eine bleierne Müdigkeit und sie schlief ein.
London
Als Jenny Holmes zurück in ihrem Büro in der Baker Street war, quoll der Briefkasten schier über. So viele Briefe hatte sie die letzte Zeit nicht bekommen und sie machte sich sofort daran, alle zu öffnen und zumindest schnell zu überfliegen. Das meiste waren Bittbriefe, irgendjemanden oder irgendwas zu suchen, was Jenny aber gerne ablehnte, weil es oft nur Marginalien waren, die sich meist von selbst wiederfanden. Untreue Ehemänner reizten Jenny auch schon lange nicht mehr. Die meisten stellten sich eh zu plump an und Beweise für deren Fremdgehen brachten viele der Ehemänner schon selbst. Das sollte der Detektivnachwuchs machen, aber keine Meisterdetektivin. Sie ist für größeres bestimmt. Unter den ganzen Briefen befand sich allerdings ein Schreiben, das Jenny sofort ins Auge fiel, denn den Absender hatte sie ohnehin vor zu besuchen, als sie aus Devonshire zurückkam. Schnell las sie die wenigen Zeilen, die die Mutter von Maja ihr schrieb und sie inständig anflehte, die verlorene Tochter zu finden. Nun, jeder Hinweis kann wichtig sein - oder auch nicht - und deshalb wollte Jenny unbedingt mit Michaela Bellbottom sprechen. Die Adresse ausfindig zu machen, konnte sie sich nun sparen, denn der stand auf dem Brief drauf. Jenny warf sich ihr geklöppeltes taubenblaues Schultertuch um und machte sich auf den Weg.
Das Gebäude in einem nicht sehr noblen Teil Londons sah von außen ziemlich verwahrlost aus. Einer der hölzernen Läden von den Fenstern hin schief aus den Angeln, so als ob er jeden Augenblick herabfallen könnte und die restliche Fassade hatte auch schon bessere Zeiten erlebt. „Hier also kommt Maja her.", dachte Jenny, „Da hat sie sich aber verbessert."
Jenny klopfte mit dem Schlagring gegen die Tür und ein dunpfes Wummern hallte im Inneren des Gebäudes nach. Kurze Zeit darauf öffnete eine etwas beleibte Dame in einer für diese Zeit und dieses Geschlecht völlig untypischen Latzhose die Türe und fragte: „Ja, bitte?"
„Sind Sie Ms Bellbottom, Majas Mutter?", erkundigte sich Jenny.
„Ja, das bin ich in der Tat. Also zumindest aus diesem Körper", sagte Michaela Bellbottom grinsend, während sie mit der Hand an sich rauf und runter fuhr, „kam sie raus."
„Holmes, mein Name. Jenny Holmes. Darf ich hereinkommen und Ihnen ein paar Fragen stellen?"
„Wenn es sich nicht vermeiden lässt, bitte sehr.", sagte die Frau mit einer Mischung aus Lustigkeit und Genervtheit, welche Jenny nicht ganz einordnen konnte.
Sie betrat den dunklen Flur und folgte dann Michaela in ein Zimmer aus dem süßlich riechende Rauchschwaden kamen. Der Geruch kam Jenny bekannt vor. Diese Räucherstäbchen waren seit kurzem der letzte Schrei in London und fast jeder musste welche haben. Der Anblick des Raums allerdings war für Jenny ungewöhnlich. Eine bunte Mischung aus indischer und fernöstlicher Esoterik war hier aufgereiht, als ob sie sich in einem Laden in Soho befände. Michaela Bellbottom setzte sich im Schneidersitz auf ein paar Kissen, nahm einen hölzernen Schlegel in die Hand und stieß damit eine kupferfarbene, reich ornamentierte Klangschale an. Der sanft vibrierende Ton erfüllte den Raum und Michaela saß mit geschlossenen Augen da und summte im Einklang mit ihrer Klangschale.
„Also, warum ich hier bin...", begann Jenny, „...haben Sie etwas gemerkt, dass es zwischen Julian und Maja Spannungen oder etwas in der Art gab?"
Bevor Michaela antwortete, schlug sie mit dem Schlegel gehen die Schale, wartete ein paar Sekunden und sagte dann mit geschlossenen Augen einem Singsang gleich: „Nein."
„Aha, also war da alles in bester Ordnung?", fragte Jenny weiter.
Erneut schlug Ms Bellbottom ihre Schale an und wieder ein paar Sekunden später ein gedehntes: „Ja."
„Hatte Maja irgendwann mal was mit Ägypten oder dem Bereich um das Rote Meer zu tun?", wollte Jenny wissen.
Wieder erklang das Dong der Klangschale und abermals dauerte es Minuten, bis eine Antwort kam.
„Nein."
Jenny reichte es. So konnte man doch keine Unterhaltung führen! Zornig griff sie den Schlegel von Michaela Bellbotton und nahm ihn ihr weg. Dann stellte sie eine weitere Frage.
„So.... gesetzt den Fall, es würde ein Erpresserbrief eingehen und man wolle Lösegeld haben. Würden Sie sich daran beteiligen?". fragte Jenny, obwohl sie angesichts dieser Wohnverhältnisse nicht wirklich annahm, dass diese Frau sich auch nur einen Penny Lösegeld aus den Rippen schneiden könnte.
„Was erlauben Sie sich?!", fuhr Michaela Bellbottom plötzlich auf, „Sie geben mir augenblicklich meinen Schlegel zurück!"
„Erst beantworten Sie meine Frage!", gab Jenny trutzig zurück.
Die prekären finanziellen Zustände, die sie hier zu erkennen glaubte, weckten den Argwohn in Jenny und vielleicht war es ja doch keine so wahllose Entführung, wie das zuerst alle dachten.
„Meinen Schlegel, Miss Holmes!", giftete Michaela und stellte sich drohend vor der Meisterdetektivin auf.
„Meine Antwort, Ms Bellbottom!, fauchte Jenny gereizt.
„Ich sage nichts mehr ohne meinen Schlegel!", raunte Michaela und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Na gut, die Klügere gibt nach.", seufzte Jenny, weil sie keine andere Möglichkeit mehr sah und auch nicht gewillt war, weiter dieses Theater mitzuspielen. „Hier haben Sie ihren verdammten Schlegel."
Michaela Bellbottom griff ihn, setzte sich wieder im Schneidersitz auf ihren Haufen bunter Kissen, schlug die Klangschale an und sagte wieder in der selben meditativen Weise: „Wenn ich zahlen könnte, würde ich es."
„Schon gut.", sagte Jenny, stieß durch die Nase Luft aus und drehte sich um in Richtung Flur. „Ich finde alleine hinaus. Auf Wiedersehen!"
„Ommmmmmmmmm", summte Michaela Bellbottom nach einem weiteren Schlag an die Klangschale und Jenny begriff, dass sie hier keine brauchbaren Antworten oder gar Hinweise finden würde.
Schleunigst entschwand Jenny durch die Tür und machte sich auf den Weg zurück zur Baker Street.
Dort wartete schon der kleine Gentleman auf sie um ihr ein neues Telegramm zu überreichen. Jenny lächelte bei dem Jungen. Eine Kindheit in diesen Zeiten war kein Zuckerschlecken, wenn man nicht aus betuchtem Hause stammte und ein paar unglückliche Seelen hatten auch das Schicksal erlitten verkauft zu werden. Entweder als Kaminkehrer oder zu Bergwerksarbeiten irgendwo in Norditalien. Es gab auch viele Kinder, die in Waisenhäuser lebten, wo sie mit Suppen aus altem Brot gespeist wurden oder in einer der vielen Bettlerbanden unterkamen, die es in London zuhauf gab. Zumindest waren Kinder damals schon als straffrei anzusehen und wenn ein Junge oder Mädchen beim Klauen erwischt wurde, gab es meist nur eine Tracht Prügel. Vom Ordnungshüter und später vom Bandenchef. Viele der Kinder waren seelisch gestört, verkrachte Existenzen, die am Ende als Erwachsene am Galgen enden. Dieser Junge hingegen arbeitete mit einem gelassenen Frohsinn und gab sich alle Mühe ein junger Galan zu sein und das ließ Jenny sich gerne einen Penny extra kosten. Mit dem Telegramm in der Hand ging sie in ihr Büro, setzte sich hinter den Schreibtisch und las:
„Sehr geehrte Ms Holmes,
mein Vertrauter Jobasa in Raffgieristan berichtete mir kurz nach meiner Ankunft dort, dass die Gesuchte reichlich gestraft wurde und sie nun als Geschenk einem Gentleman im Königreich gemacht werden soll. Leider lief das Schiff Stunden vor meiner Ankunft aus dem Hafen aus und hat nun wohl reichlich Vorsprung. Unglücklicherweise vermochte Jobasa nicht zu sagen, von welchem englischen Gentleman die Rede gewesen sei oder er hat es schlicht vergessen, weil er auch nicht mehr der Jüngste ist und gerne mal am Tisch einschläft. Doch sollte es kein Problem sein, im Lande ihrer Majestät in Erfahrung zu bringen, wen al-Ralfi zu besuchen beabsichtigt.
Meine Wenigkeit wird sich nun mittels eines Heißluftballons in die Lüfte erheben und nach England fahren, wo ich mich schon sehr darauf freue, ihre Bekanntschaft machen zu dürfen. Ich werde mich dann bei Ihnen melden, sobald ich in London bin.
Mit den hochachtungsvollsten und vorfreudigsten Grüßen,
ihr Lemonada Jones
Abenteurer und Schatzsucher"
Jenny Holmes schmunzelte. Irgendwie schien der Kerl ganz angenehm zu sein und ihr war nicht ganz klar, wieso Lord Lemon so despektierlich von seinem Verwandten sprach. Ja, wenn Jenny ehrlich zu sich selbst ist, dann freute sie sich durchaus darauf, diesen Abenteurer einmal kennenzulernen. Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück, schloss die Augen und träumte davon im Dschungel an der Seite von Lemonada Jones Schätze vor wilden Stämmen zu retten und am Ende in seinen starken Armen zu liegen.
