Lunaria-Galaxie
Blog Übersicht»Jenny Holmes: Abenteuer aus 1001 Nacht (Teil 5)
Zurück

Jenny Holmes: Abenteuer aus 1001 Nacht (Teil 5)

Fizzy Lemon
19. Februar 2023(bearbeitet)
1 Aufrufe
Noch nicht bewertet

„Ach, das typische Londoner Wetter!", seufzte al-Ralfi, als er an Deck des Schiffes kam, kurz nachdem dieses am Kai vertäut wurde. „Es nieselt zum Steine erweichen. Was vermisse ich meine sandige Hitze zu Hause. Aber gut, mein lieber Mahmud, hier liegt das Geld und Du weißt, wenn es um Geld und Reichtum geht, würde ich selbst Deine Mutter verkaufen. Ich bezweifle zwar, dass den Drachen jemand will, aber verkaufen würde ich sie."

„Na hör mal....!?", sagte Mahmud ganz baff und war sich nicht sicher, ob al-Ralfi nun scherzte oder es ernst meinte.

„Lass uns keine Zeit verlieren und ins Hotel gehen. Nachher krieg ich noch Rheuma oder so in diesem Hundewetter!", sagte al-Ralfi und torkelte die Gangway hinunter, wo bereits eine Kutsche auf ihn wartete. Behände schlüpfte er in diese und winkte Mahmud zu, dass er sich beeilen solle. Alles Weitere würden seine Bediensteten machen und sobald man im Hotel wäre, würde man einen Boten zu Guby, Earl of Sabberlot schicken, damit der rechtzeitig von seiner Überraschung erfährt. Als Mahmud endlich seinen massigen Leib die wackelige Gangway hinunter gewuchtet hatte und zu al-Ralfi in die Kutsche stieg, gab der Herrscher aus dem fernen Raffgieristan dem Kutscher Befehl loszufahren. Die Peitsche knallte und die Gespann zuckelte davon.

Dahinter kamen die Bediensteten und Sklaven dran. Eine Entourage aus 12 Frauen, nebst 20 männlichen Sklaven strömten vom Schiff. Letztere trugen Koffer und Taschen und zwei Sklaven eine in weiße Tücher eingeschlagene Person, die murmelnd und vor allem erfolglos protestierte. Als auch dieser Tross den Hafen in Richtung Hotel verlassen hatte, ging es an den vernieselten Piers wieder in alter Gewohnheit zu.


Später am Tage diktierte al-Ralfi die Depesche an den Earl of Sabberlot, die Mahmud sorgfältig und in schönster Kalligraphie auf ein großes Blatt Papier schrieb. Kaum, dass die Tinte trocken war, rollte er das Blatt ein und band es mit einem roten Tuch zusammen. Dabei gab er sich besondere Mühe damit eine symmetrische Schleife zu binden. Als Ausdruck höchster Konzentration hing die Zunge Mahmuds aus dem Mundwinkel und die stieren Augen ließen sein Gesicht etwas von einem Mops haben. Mahmud war zufrieden mit seinem Werk, blickte zu al-Ralfi und sagte: „Effendi, es ist vollbracht. Ich werde mich sputen und die Depesche einem Boten geben. Bis gleich."

„So sei es, mein lieber Mahmud. Nur keine Zeit verlieren. Je eher wir zurück im lieblichen Raffgieristan sind umso besser ist es. Mir graust dieses England mit seinem Wetter. Brrrrr!"

„Jawohl, al-Ralfi.", sagte Mahmud, machte einen Diener und verließ die Hotelsuite.

Gleich vor dem Eingangsportal des Hotels erblickte er einen Jungen, den er sofort als Kurier erkannte.

„He, Junge! Bring diese Nachricht hier zum Earl of Sabberlot. Es soll Dein Schaden nicht sein."

„Natürlich Mister. Kostet Sie aber ein paar Penny.", sagte der kleine gewitzte Junge und grinste.

„Selbstverständlich, ich habe..... äh....", stammelte Mahmud, während er in den Taschen seiner Pluderhose suchte, „...verdammt! Wo sind denn nun die verdammten Penn.... hmm... na gut, nimm das hier in Allahs Namen!"

Der Junge bekam leuchtende Augen, als Mahmud, der offenbar vergessen hatte, das hiesige Kleingeld einzustecken, ihm einen Golddukaten in die Hand drückte.

„Sie werden es nicht bereuen, Mister. Für so viel Geld bringe ich es schneller als der Wind dahin!", sagte der Junge, schnappte die Depesche und den Golddukaten und rannte davon, als ob der Teufel persönlich hinter ihm her wäre.

Mahmud schaute dem Burschen nach, bis der hinter einer Häuserecke aus seinem Sichtfeld verschwand und kratzte sich nachdenklich am Kopf. Hatte er sich in dem Jungen vielleicht getäuscht? War der nun mit dem Golddukaten auf und davon? Mahmud zerstreute die Zweifel dann aber, denn in den Augen des Jungen sah man Aufrichtigkeit und an die wollte Mahmud gerne glauben. Irgendwie dadurch beruhigt, drehte er sich um und ging zurück ins Hotel.


Tags darauf klopfte es am frühen Nachmittag an Jennys Tür. Nicht wirklich verwundert über einen Besucher begab sich die Meisterdetektivin an die Tür, öffnete diese und schaute einem Mann mittleren Alters in die graugrünen Augen. Ein ungewöhnlicher Anblick für das viktorianische London war diese Gestalt. Ein zotteliger Dreitagebart umkränzte ein Gesicht, das ihr seltsam vertraut vorkam, wenngleich die langen Haare zu einem Zopf gebunden unter dem braunen Hut mit breiter Krempe hervorkamen. Ein weißes - eigentlich ja mehr grau-gelb-weißes - Hemd, das schon lange kein Bügeleisen mehr sah und nicht ordentlich geknöpft war umgab schmächtige Schultern und die ockerfarbene Hose aus grobem Stoff hatte auch schon bessere Zeiten erlebt. Von den dunkelbraunen Stiefeln ganz zu schweigen.

„Ja, bitte?", fragte sie zwar freundlich und doch irritiert den Besucher.

„Jones. Lemonada Jones. Sind Sie Jenny Holmes, die Meisterdetektvin?", fragte Lemonada, der leger mit dem Ellbogen an den Türpfosten gelehnt dastand.

„Sie sind Lemonada Jones?!", stutzte Jenny und ließ ihre himmelblauen Augen an dieser für sie völlig unerwarteten Gestalt auf und ab wandern. „Jup. Abenteurer und Schatzsucher in Person. Und Sie sind die berühmte Detektivin. Eine ausgesprochen hübsche dazu, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf?", sagte Lemonada.

„Äh... ich habe ... verzeihen Sie... mir einen Abenteurer irgendwie anders vorgestellt. Nicht wie einen.....", stammelte Jenny, ratlos wie sie den Satz nun beenden sollte.

„...Spargel?!", sagte Lemonada Jones und lachte. „Ich weiß, ich bin nicht gerade ein Adonis. Aber als man die Muskeln verteilte, war ich in der Hirnabteilung und ließ mir eine Extraportion geben."

Jenny Holmes lachte befreit auf. Es war ihr etwas peinlich, dass dieser Abenteurer ihre Enttäuschung bemerkt hatte, aber sie war froh darum, dass er es gelassen und mit Humor nahm. Alleine dadurch hatte er bei ihr schon Punkte sammeln können.

„Kommen Sie herein. Sie müssen ja ziemlich erschöpft von der langen Reise sein. Mögen sie Tee?", sagte Jenny, als sie Lemonada Jones den Weg zu ihrem Büro wies.

„Danke, den Tee nehme ich gerne an. Aber da ich das Reisen - auch unter schwierigsten Bedingungen - gewohnt bin, hält sich die Erschöpfung in Grenzen."

Jenny fing an diesen Kerl spontan zu mögen und schloss die Tür, als er mit weiten Schritten an ihr vorbei in das Büro ging. Dort goss sie ihm und sich eine Tasse Tee ein, setzte sich ihm gegenüber und wollte eben eine charmante Unterhaltung beginnen, als Lemonada Jones gleich in geschäftsmäßigem Tonfall begann: „Und? Wissen Sie etwas über das Ziel von al-Ralfi?"

„Äh... nein, noch nicht. Ich weiß nicht einmal, ob die in England sind. Tut mir leid.", sagte Jenny.

„Verstehe. Müssen wir die Spione ihrer Majestät bemühen?", sagte Jones mit schelmischem Lächeln.

„Ich befürchte, die werden uns nichts sagen.", gab Jenny ebenfalls süffisant schmunzelnd zurück und nippte an ihrem Tee. „Erzählen Sie mir etwas von sich. Von Ihren Abenteuern in Afrika. Lord Lemon hatte schon viel von Ihnen berichtet."

Jenny wusste um die Notlüge, die sie nur dazu benutzte, Lemonada Jones in ein Gespräch zu verwickeln. In Wahrheit hatte sie ja erst vor kurzem von der entfernten Verwandtschaft des Lords erfahren und selbst dann, wollte der Zausel nicht viel über diesen Mann verraten. Genau diese Geheimniskrämerei machte Jenny unglaublich neugierig auf den Mann, der nun in dem wenigen Fleisch und Blut ihr gegenübersaß.

„Ach, hat er das?", fragte Lemonada Jones mit verwundert hochgezogenen Augenbrauen. „Nun, eigentlich gibt es nicht viel zu erzählen...."


Die Zeit verging wie im Fluge, als sich Jenny Holmes und Lemonada Jones bei Tee und Gebäck unterhielten. Sie merkten gar nicht, wie es langsam immer später und der Nachmittag zu Abend wurde. Plötzlich unterbrach ein Klopfen das heitere Gespräch und Jenny ging zur Türe.

Draußen stand der kleine Kurier, der Jenny Holmes immer so galant Nachrichten brachte und den sie schon längst in ihr Herz geschlossen hatte.

„Das ist eine Überraschung! Wie kann ich dem jungen Gentleman behilflich sein?", neckte die blonde Detektivin den Jungen.

„Miss Holmes! Schauen Sie mal!", aufgeregt nestelte er aus seiner Weste einen Golddukaten und zeigte ihn stolz Jenny. „Den bekam ich von einem dicken Mann in lustigen Hosen. Dafür musste ich eine Depesche überbringen."

„Ja, und nun? Freu Dich doch über den kleinen Reichtum.", sagte Jenny.

„Tu ich auch, Miss Holmes. Aber ich will Ihnen was ganz anderes sagen. Sie suchen doch nach einer verschwundenen Frau, richtig?"

„Richtig und ich möchte jetzt nicht wissen, woher Du das weißt!", sagte Jenny und drohte gespielt streng mit dem Zeigefinger.

„Werde ich Ihnen auch nicht verraten. Jedenfalls will ein al-Ralfi dem Earl of Sabberlot morgen eine Frau schenken. Da dachte ich, dass Sie das interessiert?!"

Der Kleine strahlte über das ganze Gesicht und Jenny staunte nicht schlecht. Der Bursche las wohl heimlich die Nachrichten, die er eigentlich vertraulich überbringen sollte. Einerseits schockiert über den Vertrauensverlust ihres jungen Galans war sie andererseits nun froh darüber, denn jetzt wussten sie, wo al-Ralfi zu finden sein wird und die Frau, die verschenkt werden soll, musste Maja sein!

„Also gut, weil diese Information sehr wichtig für mich ist, will ich mal über Deinen Vertrauensbruch hinwegsehen. Hier hast Du zehn Penny und nun geh.", sagte sie, drückte dem Jungen die Münzen in die Hand, drehte ihn an den Schultern um und schob ihn auf die Straße.

Sie warf die Tür hinter sich zu, ging zurück ins Büro, setzte sich wieder Lemonada Jones gegenüber und sagte, nachdem sie ihre Tasse griff und daran nippte: „Ich weiß jetzt, wo wir al-Ralfi und Maja finden." 


 Der Tross um al-Ralfi hielt pünktlich zur ausgemachten Zeit vor dem Sabberlot-Tower, dem damals höchsten Gebäude der Stadt. Eine imposante Erscheinung war dieser Turm schon, dem etwas von einer Festung anhaftete. Der grobe graue Stein gab dem hohen turmähnlichen Haus etwas brachiales und die fantastisch gestalteten Wasserspeier gaben ihr übriges dazu, dass man hier an Mystik und Fantasie erinnert wurde. In den Londoner Kreisen kursierten allerlei Gerüchte sowohl um das Gebäude selbst, als auch über seinen schrulligen Bewohner. Der Earl war ein menschenscheuer Geselle, der selten außerhalb seiner heiligen Mauern gesehen wurde und das nährte selbstverständlich die Gerüchteküche und führte auch dazu, dass man hinter vorgehaltener Hand tuschelte, sollte man den Earl of Sabberlot einmal zu Gesicht bekommen. Besuch empfing man zwar im Hause Sabberlot, aber auch das ausgesprochen selten. Bittsteller und Hausierer hatten keine Chance und so redete man trivial davon, dass der Sabberlot-Tower sicherer als der Tresor der Bank von England sei.

Umso imposanter war der Aufmarsch, der sich vor dem Turm, dessen Spitze schier die Wolken kratzte, einfand. al-Ralfi in seinem weißen, wehenden Thwab (=typisches Gewand der arabischen Scheichs) schritt auf das Portal des Sabberlot-Towers zu, Mahmud bemühte sich seinen massigen Leib nachzuschieben. Dahinter trugen zwei schwarzhäutige Sklaven das arme Würmchen Maja und diesen wiederum folgten zwölf Sklavinnen in bunten Schleiern, nebst männlichen Sklaven. Mahmud, schnaufend ob der Anstrengung, klopfte an das schwere, eisenbeschlagene Tor, bis ein Diener dieses öffnete und die Besucher herein bat.


Jenny Holmes und Lemonada Jones kamen genau zu diesem Zeitpunkt am Sabberlot-Tower an und sahen, wie sich diese Menschentraube aus den Kutschen ergoss.

„Verdammt!", fluchte Lemonada Jones, „Die sind ja schon da. Nun wird die Zeit knapp. Mit dem Earl können wir wohl nicht mehr rechtzeitig reden."

„Stimmt.", pflichtete Jenny ihm bei, „Wir müssen uns was anderes überlegen. Ich hab aber eine Idee. Kommen Sie!"

Lemonada Jones widersprach nicht, sondern folgte Jenny, die sich leise hinter eine große Reiterstatue schlich, die den Weg zum Eingang des Sabberlot-Towers flankierten. Dort angelangt, spickte sie um die Ecke des pompösen Sockels und flüsterte Jones zu: „Passen Sie auf. Sie schnappen sich eine der Sklavinnen und wenn möglich auch einen der männlichen Begleiter. Mit deren Aufzug mischen wir uns unter die Gefolgschaft und kommen rein."

„Klingt gut, aber ...", murmelte Jones.

„Nichts aber. Schauen Sie... dort liegt ein Ast."

Jenny deutete auf einen Ast, der von einem großen Baum hinter ihnen abgebrochen war und der ein guter Knüppel sein dürfte. Lemonada Jones griff ihn, befühlte ihn, als ob er wirklich wisse, was er da tue - was er natürlich nicht wusste - und befand den Ast als stabil genug um ihn als Hiebwaffe zu gebrauchen. Der Tross zog an den beiden vorbei und Jones hieb einem der männlichen Begleiter und einer Sklavin den Ast auf den Kopf, sodass diese wie vom Blitz getroffen zu Boden sackten. Flugs zogen Jenny und Lemonada ihre Opfer hinter den Sockel der großen Statue und beeilten sich, diese von ihren Kleider zu befreien. Jones hatte es einfach. Er musste nur den Thwab schnappen und ihn sich überwerfen. Schon war er fertig. Jenny hingegen hatte es etwas schwieriger. Die Sklavinnen waren ungewöhnlich aufreizend und völlig entgegen viktorianischer Gewohnheiten gekleidet. Ein goldbesticktes rotes Samtbustier mit einem ungeheuerlich tiefen Ausschnitt, dazu bauchfrei konnte sie nicht mal so eben anziehen. Das Beinkleid der Sklavin bestand hauptsächlich aus durchsichtigen pinkfarbenem Tüll. Nur um den Unterleib herum war es eben blickdicht aus rotem Samt gefertigt. Es half nichts. Wollte man Maja zu Hilfe eilen, musste sich Jenny mit diesem Aufzug anfreuden.

„Achten Sie auf al-Ralfi, während ich mich umziehe.", sagte sie zu Lemonada Jones, der um die Sockelecke spickte und den Tross beobachtete.

Jenny blickte sich um, ob nicht doch jemand schauen würde, zog dann der Sklavin die bunten Schnabelschühchen und das Oberteil aus, wobei sie darauf achtete, nicht den feinen Tüll an den Ärmeln zu zerreißen. Kaum hatte sie das geschafft, zog sie erst ihre Bluse und in einer unglaublichen Geschwindigkeit das Korsett, welches Pflicht in der viktorianischen Garderobe war, aus. Sie schlüpfte in das Oberteil und hakte es vorne zusammen, schob dann die Brüste etwas nach oben, denn das Dekolleté sollte auch nach was aussehen, wenn man schon solch einen Ausschnitt hat. Danach zog sie der ohnmächtigen Sklavin die Tüllhose aus.

„Können Sie das bitte kurz halten?", fragte Jenny den Abenteurer und gab ihm das Beinkleid in die Hand.

„Natürlich.", sagte Lemonada Jones, weiter den Eingang des Sabberlot-Towers betrachtend und hielt mit seiner Linken das Kleidungsstück.

Nun kletterte sie förmlich aus dem Rock und dem Unterrock. Nur in einer großen, mit Spitzen besetzten Unterhose, die bis weit über die Knie hinausging, griff sie noch nach dem Schleier, der an einem kleinen Hütchen, das mit Haarnadeln am Schopf der Sklavin befestigt war.

Lemonada Jones, immer noch al-Ralfi beobachtend, griff hinter sich und wollte Jenny am Ärmel ziehen. Er konnte ja nicht ahnen, dass sie noch nicht so weit war und sich just in dem Moment bückte, als er hinter sich griff und an dem bisschen Stoff zog, den er zu fassen bekam. Nun gut, er zog ein bisschen zu fest und mit einem Rrrratsch hatte er plötzlich den Stoff in der Hand.

„Aaaaaargh...!", hörte er Jennys Stimme und drehte sich um.

Da stand die Meisterdetektivin unten ohne da, das Gesicht in einer Mischung aus Scham und Zorn puterrot. Lemonada war sichtlich durcheinander. Seine Augen wanderten wild umher, natürlich auch gefangen von dem aufreizenden Anblick. Konfus hielt er Jennys Unterhose in der rechten Hand und stammelte: „Oh... also... ähm.... wissen Sie... also, wenn ich gewusst hätte, dass Sie unter ihrer Unterwäsche nichts anhaben, hätte ich das NIIIIIEEEEEEMALS gemacht...."

„Aaaaaah, da hört sich ja wohl alles auf!", fauchte Jenny und griff nach der Tüllhose, die Jones in seiner Linken hielt, „Nun geben Sie schon her und drehen sich gefälligst um, Sie Flegel!"

Mit sichtlich geröteten Wangen, drehte sich Jones wieder um und sah, wie das Tor sich öffnete und al-Ralfi den Tower betrat. Wie gut, dass ich mich heute morgen frisch rasiert hab, dachte Jenny bei sich selbst und bedeckte dann die entblößte Sklavin mit ihren Kleidern.

„Fertig! Wir können.", sagte Jenny und Lemonada Jones schaute zu ihr.

Für einen Augenblick schien die Welt für ihn still zu stehen. Vor ihm stand diese blonde Meisterdetektivin in einem aufreizenden Kostüm aus rotem Samt und pinkfarbenem Tüll. Ihre himmelblauen Augen leuchteten förmlich aus dem hübschen Gesicht, dessen untere Hälfte von einem pinkem Tüllschleier verdeckt wurde. Jones vergaß bei diesem Anblick für Sekunden die Welt um sich herum. Wie eine Corona umgab Jenny ein Leuchten und Jones musste musste angesichts der beiden Marzipanhügel, die sich im Ausschnitt abzeichneten und die ein Konditormeister nicht besser hätte schaffen können, schlucken, um nicht zu sabbern. Apropos sabbern.... der Sabberlot-Tower.

„Los!", sagte Jenny und holte Lemonada Jones wieder ins Hier und Jetzt zurück.

Sie schlüpften hinter dem Sockel hervor und stellten sich ans Ende des Trosses. Unbemerkt von allen anderen, liefen sie unbehelligt durch das Tor des Sabberlot-Towers.


Die Empfangshalle war ein fast kathedralenartiges Gewölbe, das einen an mittelalterliche Thronsäle erinnerte. Unter den großen Steinbögen hingen üppige Kristallkronleuchter und an den Seiten der Halle waren Brunnen mit großen von Statuen gesäumte Becken angebracht, die die Halle mit einem angenehmen Plätschern erfüllten. Oberhalb eines Treppenabsatzes stand Guby, der Earl of Sabberlot. Aristokratisch das Kinn erhoben, stand er mit etwas wirrem Haar da und betrachtete die Gäste. al-Ralfi und Mahmud stellten sich vor den Earl, die Gefolgschaft im Halbkreis dahinter.

„Guby, mein lieber Earl, schön Dich zu sehen, alter Freund!", sagte al-Ralfi zuckersüß zur Begrüßung und wollte den Earl umarmen.

Doch der zuckte zurück und al-Ralfi verstand, dass er besser Abstand halten sollte.

„Tach.", sagte Guby nur knapp.

„Ach, wie habe ich die netten Zeiten hier in London vermisst. Wie geht es der Frau Mama?", gab sich al-Ralfi jovial.

„Gut.", sagte der Earl.

„Nun, mein lieber Guby", fing al-Ralfi wieder an, „zu dem Grund meines Besuches. Ich ließ es Dich ja schon wissen, dass ich - weil wir doch immer so gute Geschäfte miteinander machten - meinem alten Freund als Dank ein Geschenk machen möchte."

Jenny wurde es übel, weil sie die Falschheit in al-Ralfis Worten erkannte. Doch der Earl fing langsam an zu grinsen. Geschenke, egal welche, scheinen immer zu ziehen.

„Ah ja?", fragte Guby sichtlich interessiert.

„Ja, solche Geschenke erhalten die Freundschaft, mein Lieber.", säuselte al-Ralfi weiter, klatschte in die Hände, worauf die Sklaven das Paket heranbrachten und Maja wie aus einem Kokon befreiten.

So langsam hatte sie die Schnauze voll davon, wie ein Päckchen verschnürt irgendwohin transportiert zu werden. Irritiert schaute sie sich um, wo sie denn nun gelandet sei, als die Sklaven sie hinstellten, wie ein Püppchen und das weiße Leinen, in dem sie steckte, verschwinden ließen. Mahmud hielt Maja fest, als ob er sie an einer spontanen Flucht hindern müsse und al-Ralfi begann mit seiner Show.

„Hier habe ich Dir eine prächtige Frau mitgebracht. Sie ist in den besten Jahren und kann Dir in vielerei Dingen nützlich sein." al-Ralfi glaubte das selber nicht, aber er vertraute auf die Gutgläubigkeit des Earls. „Sie widerspricht nicht und ist ...."

„Heeeeee, moment mal!", rief Maja, „Ihr könnt meine Sprache?"

„Joa", sagte al-Ralfi und zuckte mit den Schultern. „Natürlich."

„Und ich .... ich.... ich hätte die ganze Zeit mit euch reden können? Warum habt ihr denn kein Sterbenswörtchen gesagt?!", ereiferte sich Maja.

„Mit Sklavinnen redet man nicht. Man befiehlt und benutzt sie.", sagte al-Ralfi und machte dabei eine wegwerfende Geste, als ob Sklavinnen keinen Wert als Mensch besäßen.

„Ihr... ihr.... ihr...", stammelte Maja voller Zorn und ihre Augen wanderten von al-Ralfi zu Guby und zurück.

Der Earl rief plötzlich laut über seine Schulter: „Mamaaaaaaaaa, schau mal! Eine Frau!"

Dann blickte er zu Maja und sagte dann zu al-Ralfi: „Die schaut mich an! Warum schaut die mich an?"

Und wieder über die Schulter gerufen: „Mamaaaaaaa, die schaut mich an! Die steht auch mich!"

„Jaja, mein lieber Earl. Es ist schwer einem Mann wie Dir zu widerstehen! Dieses besondere Exemplar will ich Dir gerne schenken.", log al-Ralfi ungeniert weiter und hoffte inständig, dass er diese Frau endlich los wird, denn deswegen veranstaltete er den ganzen Popanz ja.

„Genug!", rief nun Lemonada Jones in einem Anflug plötzlichen Heldentums. „Es reicht al-Ralfi! Gib die Frau her!"

al-Ralfi und Mahmud schauten verdutzt zu dem Abenteurer, der aus dem Halbkreis der Gefolgschaft trat und sich kampfeslustig vor den beiden aufstellte.

„Ich weiß genug über Deine Machenschaften, al-Ralfi. Und ich weiß, wie Du den Earl über's Ohr gehauen hast, als Du ihm Sand aus Raffgieristan angedreht hattest!", sagte Jones.

Gubys Augen gingen auf und er schaute al-Ralfi erzürnt an.

„Was soll das heißen, he?", spie er al-Ralfi förmlich entgegen.

„Nichts. Das war astreiner Sand, den es in London nirgendwo gibt!", protestierte al-Ralfi.

„Und den keine Sau haben will!", rief Jones.

In Gubys Kopf arbeitete es. Er zahlte ein kleines Vermögen für einen Sack voll Sand, den al-Ralfi ihm so schmackhaft machte, dass er wirklich dachte, etwas Besonderes zu besitzen. Doch keiner interessierte sich dafür. Der Sack lag im Keller unbeachtet herum und dem Earl kam der leise Verdacht, dass der Scheich ihn betrogen hätte. Andererseits brachte er ihm eine Frau. Große Ansprüche hatte er ja nicht. Solange es eine Frau ist, war sie ihm recht.

„Nun ist die Stunde der Gerechtigkeit da, al-Ralfi. Du kommst vor den Kadi, das schwöre ich.", rief Lemonada Jones eine Spur zu theatralisch.

Plötzlich rannte al-Ralfi davon.

„Halt, stehen bleiben!", rief Jones ihm nach. „Warum machen die das denn nie?"

Lemonada Jones nahm die Verfolgung auf und rannte al-Ralfi nach, der in seinem wehenden Gewand die Treppe hinter der Empfangshalle empor hechtete. Mahmud wollte seinen massigen Leib in Bewegung setzen und Jones an der Verfolgung hindern, doch in dem Moment, sprang Jenny Holmes Mahmud mit einem Angriffsschrei auf den Rücken. Mit den Fäusten hämmerte sie auf seinen Kopf ein, was Mahmud dazu brachte, wie ein Stier loszutraben und in Kreisen durch die Empfangshalle zu stürmen. Jenny klammerte sich mit ihren Beinen um Mahmuds Oberkörper. Wie beim Bullenreiten ging es wild herum. Jenny hämmerte immer noch auf ihn ein, bis er sie mit einer heftigen Bewegung abschütteln konnte. In hohem Bogen flog Jenny Holmes mit einem lauten gedehnten Schrei in einen der Brunnen. Das Platschen ihres Aufpralls ließ Mahmud wieder hellwach werden und er sah eben noch, wie Lemonada Jones al-Ralfi die Treppe nachjagte. Sofort machte sich Mahmud an die Verfolgung und wuchtete seinen Körper die Stufen der engen Wendeltreppe hinauf. In der Zwischenzeit verlief sich die Entourage, die irgendwo nach draußen, raus aus dem Sabberlot-Tower strömte.

Jenny kletterte pitschnass aus dem Brunnen, lief auf Maja zu, packte sie an der Hand und rief: „Los, komm schon. Weg von hier!"

So zog sie die perplexe Maja hinter sich her ebenfalls hinaus aus dem Tower, ungeachtet dessen, dass die nasse Kleidung mehr zeigte, denn verhüllte. Aber das war Jenny in diesem Augenblick egal.

Die Halle war nun leer, nur erfüllt von dem Plätschern der Brunnen und Guby, der Earl of Sabberlot, stand da und dachte nach.

„So, wo ist denn nun diese Frau?", fragte seine Mutter, die aus einer Tür in die Empfangshalle kam.

„Weg.", sagte Guby, bevor er in sein Spielzimmer ging und die Tür hinter sich ins Schloss warf.

Achselzuckend und kopfschüttelnd ging seine Mutter wieder zurück in die Küche und wunderte sich erneut über die gefühllose Gleichgültigkeit ihres Sohnes.

„Bleib stehen!", rief Lemonada Jones al-Ralfi nach, der immer noch die Treppe empor raste. Immer höher den Sabberlot-Tower hinauf.

Jones wunderte sich, wie ein einzelner Earl so ein hohes Haus bewohnen kann und dachte bei sich selber, dass es gar keine schlechte Idee bei den vielen Stockwerken wäre, einen Fahrstuhl einzubauen. Aber seine Sorgen waren andere. Jedenfalls wurde der Abstand zwischen ihm und Mahmud, der hinter ihm die Treppe keuchend immer langsamer hochstieg, größer. Leider wurde der Abstand zu al-Ralfi nicht geringer und so musste man eben weiter den kräftezehrenden Aufstieg fortsetzen.


Auf dem Vorplatz des Sabberlot-Towers hielt Jenny inne und schüttelte Maja kräftig durch um sie zur Besinnung zu bringen. „Mensch, Du bist frei! Kapierst Du das? Es ist vorbei!"

Langsam kam auch Maja die Erkenntnis, dass ihr Martyrium nun ein Ende gefunden hat und zaghaft fragte sie: „Juli?"

„Kommt noch.", lachte Jenny, der vor Rührung ein kleines Tränchen im Auge war.

Da hörte sie hinter sich ein laut gerufenes „Maja?", drehte sich um und sah Julian Fuhseson aus einer Kutsche steigen.

„Maja!"

„Juli?"

„Maja!"

„Juliiiiiii!"

Julian rannte auf seine Geliebte zu, umarmte sie, drehte sich mit ihr im Kreis und die beiden küssten sich leidenschaftlich. Maja liefen die Tränen wie Sturzbäche über die Wangen und selbst Jenny ergriff diese Szene, weswegen sie sich auch die eine oder andere Freudenträne aus den Augen wischen musste.

„Woher wissen Sie, wo wir sind, Mr Fuhseson?", fragte Jenny, als sie der Meinung war, den richtigen Zeitpunkt dafür erwischt zu haben.

„Ein junger Bote gab mir Bescheid.", sagte Julian, der immer noch Maja hielt und streichelte.

Jenny begriff und lachte, ließ die beiden ihr Glück genießen und betrachtete das Liebespaar mit Freude.


„Nun bleib endlich stehen!", keuchte Lemonada Jones.

„Niemals. Bleib Du doch stehen!", keuchte al-Ralfi nach hinten.

Die Treppe schien kein Ende nehmen zu wollen. Vielleicht war die Luft in dieser Höhe auch schon zu dünn, um noch vernünftig atmen zu können oder man war schlicht nicht mehr so fit, wie man es in jungen Jahren war. Beiden stand der Schweiß auf der Stirn, das Herz pochte und vor Anstrengung war es beiden schwindlig. Endlich hörte die Treppe auf und al-Ralfi kam auf die Dachterasse des Sabberlot-Towers. Nirgends konnte man höher in London stehen, als hier. Torkelnd vor Anstrengung suchte al-Ralfi einen Unterschlupf, doch da war nichts. Was nun? Als Lemonada Jones ebenfalls die Terrasse erreichte, drehte sich al-Ralfi im Laufen nach ihm um, trat dabei versehentlich auf einen Zipfel seines Thwab und kam ins Straucheln. Vergebens bemühte er sich darum, das Gleichgewicht wiederzufinden, kam dem Geländer an der Balustrade gefährlich nahe und stürzte mit einem dermaßen großen Schwung darüber hinweg, dass er das Geländer nicht mehr zu fassen bekam. Mit einem lauten Schrei fiel al-Ralfi in die Tiefe.

Lemonda Jones kam an der Stelle an, griff das Geländer und schaute al-Ralfi nach, wie er mit wehendem Gewand nach unten stürzte. Kurz darauf war auch Mahmud völlig außer Atem angekommen. Keuchend stand er neben Jones und schaute mit ihm seinem Effendi nach.

„Ui, da geht es aber runter!", sagte Lemonada Jones und rief al-Ralfi nach, „Bist Du schon unten?"

„Noch nicht.", ertönte es leiser werdend.

„Na, gut.... aber beeil Dich. Wir warten.", rief Jones.

„Okay", drang es abermals leiser zu ihnen herauf.

Jones und Mahmud standen an der Balustrade, schauten sich an und wussten nichts besseres zu tun, als sich die Zeit mit etwas Smalltalk zu vertreiben.

„Und?", wollte Jones wissen.

„Joa.", gab Mahmud schulterzuckend zur Auskunft.

„Frau und Kinder?", fragte Lemonada weiter.

„Muss ja", gab Mahmud knapp zur Antwort.

Ein dumpfes Ploff deutete an, dass al-Ralfi nun das Ende seiner letzten Reise erreicht hatte.

„Jetzt isser unten.", sagte Lemonada Jones.

„Joa.", meinte Mahmud.

„Und jetzt? Gehen wir an die Bar was trinken?", fragte Jones.

„Joa.", sagte Mahmud nickend und beide machten sich an den beschwerlichen Abstieg unzähliger Treppenstufen.


Hysterische Schreie von Passanten und das Geheul der Sklavinnen übertönten die Pfeifen der herbeigeeilten Polizisten, die den Platz um den Sabberlot-Tower absperrten. Der Leichnam al-Ralfis lag zerschmettert direkt vor dem Eingangstor des Towers und Jenny dachte sich, dass es schwer werden würde, seine Überreste vom Boden zu kratzen. Vielleicht mit einer Schaufel? Aber das sollte nicht ihr Problem sein. Julian nahm seine Maja mit in die Kutsche und fuhr mit ihr nach Hause, damit sie sich ausruhen konnte. Bevor sie abfuhren bedankte sich der junge Fuhseson überschwänglich bei der Meisterdetektivin, dass sie ihm geholfen hat, die Liebe seines Lebens zu retten und versprach sich beizeiten erkenntlich dafür zu zeigen. Jenny wiegelte erst einmal ab. Zunächst solle er sich um seine Verlobte kümmern und der Rest würde sich dann schon ergeben. Julian dankte erneut, bestieg die Kutsche und fuhr nach Hause. Jenny Holmes kam jetzt erst in den Sinn, dass sie ja noch immer diesen Sklavinnenfummel anhatte und schaute sich um, ob ihre Kleidung noch da wäre, doch vergebens. Die außer Gefecht gesetzte Sklavin kam wohl wieder zu Bewusstsein und zog mangels Alternative die Klamotten der Meisterdetektivin an. So blieb Jenny nichts weiter übrig, als in diesem Aufzug den Nachhauseweg anzutreten.

„Jenny?", hörte sie dann Lemonada Jones Stimme und drehte sich zu ihm um.

Der Abenteurer trat aus dem großen Tor des Towers und kam auf sie zu.


Kommentare (5)

Marcus
19. Feb. 2023, 21:37
Richtig toll gemacht...ich bin total begeistert :(blush)
Jenny
20. Feb. 2023, 21:34
Test
Jenny
20. Feb. 2023, 21:35
Schade das schon Schluss ist, ich hätte zu gerne noch mehr davon gelesen, ich musste echt mega viel lachen, besonders bei Guby. :D
Fizzy Lemon
20. Feb. 2023, 21:38
Bestanden
Fizzy Lemon
20. Feb. 2023, 21:39
Naja, eigentlich ist es mehr geworden, als ich überhaupt vorhatte. Um ehrlich zu sein, hatte ich nur den erster Teil auf der Pfanne. Der Rest kam dann halt noch dazu. Es freut mich aber ungemein, wenn ihr Spaß mit dieser Kurzgeschichte hattet.
Einloggen um zu kommentieren.