Lunaria-Galaxie
Blog Übersicht»„Cousine S.“
Zurück

„Cousine S.“

John Baker Sander
8. Juli 2023(bearbeitet)
1 Aufrufe
Noch nicht bewertet

Derzeit hadere ich ja immer mal wieder mit vereinzelten Personen meiner lieben (und nicht so lieben) Verwandtschaft.
Dennoch gibt es auch immer wieder Lichtblicke, mit denen ich so nicht gerechnet hätte.

In der Stadt hörte ich eine Frauenstimme meinen Namen mehrmals fröhlich, laut rufen.

Auf den ersten Blick hatte ich die Frau nicht erkannt.
Auf den zweiten schon.
Cousine S!

Cousine S. trug einen dunkelblauen Rock und dunkelblaues Oberteil. Dazu eine Brille.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt wusste, dass sie Brillenträgerin ist? Die Haare waren zu einem Pferdeschwanz gebunden.

Ich bin mir sicher, selbst wenn Cousine S. direkt neben mir hergelaufen wäre, ich hätte sie – ohne dass sie auf sich aufmerksam macht - nicht erkannt.


Cousine S. war in der Kindheit – bis ich in die weiterführende Schule wechselte - meine Nummer Eins Spielgefährtin.

Die Eltern von Cousine S. arbeiteten.
Sodass sie und auch ihr jüngerer Bruder von den Großeltern betreut worden sind.
Da mein Elternhaus nur wenige Meter vom Haus der Großeltern entfernt ist und war, verbrachten wir viele Nachmittage gemeinsam.

Oft draußen.
Wo eine alte Fräse stand. Die für uns jedoch keine einfache Fräse war.
Für uns war sie „Unser Raumschiff".
Mit deren Hilfe wir friedliche und gefährliche Planeten und Zivilisationen entdeckten.
Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt.
Hatten wir doch draußen Sand, Gras, Bäume, Garage, zwei kleinere Hügel zum darauf herumklettern, Garten mit Blumenbeeten und einen Keller volles Heiz-Holz und Briketts, jeder Menge Einmachgläser, Opas Werkstatt und den Wäscheraum mit Waschmaschine zum Verstecken und Erkunden.
Herrliche unbeschwerte Nachmittage waren das, an die auch heute noch gerne zurückdenke.

Heutzutage laufen wir uns hier und da mal bei einer Veranstaltung über den Weg. Oder sehen uns bei den Geburtstagen ihrer Eltern (meine Patentante und Patenonkel).Wo man höflich und respektvoll sich nacheinander erkundigt und zwei, drei Familienfloskeln alles „Geht's euch gut?" in alle Richtungen abfeuert.


Ich würde behaupten in den vergangenen 25 Jahren keine 1000 Wörter mit Cousine S. gewechselt zu haben. Eigentlich unfassbar traurig.
Aber verlangen oder gar den Versuch von uns, sich so richtig dem anderen wieder anzunähern, gab es ehrlicherweise auch von keinem von uns.
Sonst wäre dies vermutlich sogar geschehen?


Umso erstaunter war ich, dass sie (Cousine S.) meinen Namen rief und auch gleich anfing, mit mir vertraut zu plappern.
Wir plauderten fast nonstop fünfzehn Minuten miteinander.
Hauptsächlich über unsere Familien. Eltern, Brüder, trallala.
Jedoch gab es einen kleinen Teil, der sich um Bücher drehte, unsere Kindheit und Eiscreme.

Die Viertelstunde mit Cousine S. und unser innig familiäres Geplauder genoss ich sehr.
Die Cousine lächelte durchweg, war herzlich und freundlich, ich hatte das Gefühl, sie freute sich wirklich mich zu sehen, was auf absoluter Gegenseitigkeit beruhte.
Auch die Verabschiedung war wortreicher als das sonst so inhaltslose dahin genuschelte graue „Tschüss" zwischen uns.



Ich weiß nicht, ob Cousine S. und ich nochmals näheren Kontakt in der Zukunft zueinander aufbauen werden?
Jedoch tut es gut und ist beruhigend zu wissen, dass wir uns wohl doch nicht ganz so egal sind, wie sich das in den vergangenen 25 Jahren stets anfühlte.




„Seid nett zueinander und passt gut auf Euch auf! – Wer immer Ihr auch seid?!



Kommentare (0)

Bisher keine Kommentare. Schreibe den ersten!

Einloggen um zu kommentieren.