Um kurz nach elf lief ich erstmals die Aufstellungsorte des Backfischfestumzugs ab.
Noch nicht mit dem Ziel zu fotografieren. Sondern lediglich im Vorfeld ein wenig Atmosphäre aufsaugen.
Einige der Umzugsteilnehmer standen dennoch bereits – über zwei Stunden bevor der Umzug losgehen sollte - auf ihrem Aufstellplatz oder liefen durch die nahen Straßen; Frühstück holen oder Bekannte treffen.
„Däpp Däpp Däpp Johnny Däpp Däpp, Johnny Johnny Däpp Däpp Däpp Johnny Däpp Däpp" schallte es mir gleich aus mehreren Richtungen entgegen. Dazu ein angenehmes Grölen und Singen. Freudenschreie. Unterhaltungen. Zigaretten zusammen rauchen. Miteinander anstoßen.
Das alles im Umzugskostüm.
Alleine diese kleinen unscheinbaren Momente aufzunehmen ließ mein Herz einen kleinen Hüpfer machen.
Ich lief kurz durch die Innenstadt.
Die bereits an mehreren Ecken mit Ständen für den durstigen und hungrigen Umzugsbesucher ausgestattet waren.
Mir war schon klar, dass sich neben mir auch andere Besucher des Backfischfestes in der Stadt aufhalten würden. Dennoch war ich erstaunt, da ich ja normalerweise sonntags nicht in Worms unterwegs bin, wie viele Menschen dort die Innenstadt mit Leben füllten.
Punkt 12 Uhr 30 holte ich aus und befestigte an meiner Umhängetasche mein Fotografenschaf „Dexy". Das mir eine Tanzgruppe – die ich mit Fastnachtsbildern versorgt hatte – im Februar als Maskottchen geschenkt hatten. Neben dem Fotografenschaf stellte ich auch den Fotoapparat auf Alarmbereitschaft.
Die Umzugsteilnehmer waren absolut willig.
Viele Gruppen und Teilnehmer musste ich nicht fragen, weil sie mich kannten oder sogar den Mut hatten mich anzusprechen, ob ich denn nicht ein Foto machen wollte? … und ich wollte natürlich …
Kurz vor Beginn des Backfischfestumzuges machte ich mich auf meine Zuschauer/Fotografen-Position einzunehmen aus dem letzten Jahr. Dort waren 2022 nur vereinzelte Umzugszuschauer um mich herum. Ich hatte ausreichend Platz, mich zu bewegen. …
„Ätsch", wer nicht kommt zur rechten Zeit ….
Die Straßen waren vollgestopft mit Zuschauer. Locker stand da das doppelte bis dreifache an Zuschauern, wie in den vergangenen Jahren in den Wormser Straßen. So ein Jubiläum (das Backfischfest feiert in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag) verströmt wohl doch nochmals einen speziellen Reiz auf die ein oder andere Person?
Ich fand eine kleine Lücke, um mich in der Zuschauermenge einzufädeln.
Der Umzug begann.
Trotz dichten Gedränges war man nur nett zueinander. Ob Zuschauer, Fotografen, Security oder Umzugsteilnehmer. Da sagte keiner: „Ich sehe nichts". „Mach mal Platz". Drängelte, schimpfte und stieß andere Personen.
Ich genoss die Menschenmenge. Badete darin und ging dabei einem meiner Lieblingshobbys nach.
Einige der Anwohner saßen in den Fensterrahmen ihrer Wohnungen, ließen dabei ihre Beine im Freien baumeln und verfolgten so das Umzugsgeschehen.
Das Umzugsteilnehmerfeld bildete ein bunter, gemochte Mix aus vielem, was man in unserer Gesellschaft auch vorfinden kann.
Von Müllabfuhr, über Politiker, Weinkönigin oder andere Majestäten, Guggenmusiker, Teilnehmer aus Partnerstädten, Menschen aus dem Altersheim, Handballer, Fußballer, Cheerleader und Tänzer aller Stilrichtungen, Malermeister, Handwerker, Skifahrer und Kletterer, eine Gruppe, die Menschen aus dem Mittelalter verkörperten und vieles mehr konnte bestaunt werden.
Zur zweiten Umzugsrunde zog es mich wie üblich auf die „Fischerwääd" wo der Umzug traditionell endet.
Nachdem die Umzugsteilnehmer an „Bojemääschter und Backfischbraut" Zuschauerplatz vorbeigefahren sind, vom Moderator begrüßt und mit einem dreifachen „Ahoi" von allen zusammen verabschiedet wurden.
Der „Bojemääschter vun de Fischerwääd" (Bürgermeister der Fischerweide) mit seiner Backfischbraut nehmen auch am Umzug teil.
Jedoch stets als eine der ersten Zugnummern, dass sie dann auf der „Fischerwääd", die anderen Teilnehmer verabschieden können.
Der gesamte Backfischfestumzug war ein großes Happening.
Dreieinhalb Stunden gab es nichts anderes wie Wohlfühlmenschen oder solche, die sich als diese getarnt hatten. … was mir jedoch hier mehr als recht war. Diese Friedlichkeit. Diese Atmosphäre und Stimmung einem Jubiläum angemessen.
Soviel Lust auf Menschenmassen hatte ich länger nicht.
Ausgelöst von der Menschlichkeit und Freundlichkeit der umherirrenden Backfischfestbesucher, Umzugszuschauer und Umzugsteilnehmer und Freiwilligen aus nah und fern. – Danke.
Das Wetter hatte auch mitgespielt.
Vereinzelte Regentropfen kurz nach Umzugsbeginn ließen mich vorübergehend schlimmeres befürchten. Das Wetter blieb allerdings stabil und mit gefühlt 22 C war es ideales Backfischfestumzugswetter.
Mir hat dieser Mix aus Fotografieren, bekannten Personen und neuen gutgetan. Mehr als alles andere, dass ich nur im „hier und jetzt" verankert war.
Ich habe so viele Momente aufgesammelt, die sicher noch eine ganze Weile positiv in mir nachklingen werden.
Gegen 20 Uhr 30 traf ich Zuhause ein.
Sah von der Couch aus Leichtathletik und verschlief leider auch einiges davon. Aß mit meinem Bruder zusammen zu Abend. Brachte im Anschluss tatsächlich noch mein Schlafzimmer in eine angemessene Form.
