Die Weihnachtszeit - auch die Vorweihnachtszeit - soll doch besinnlich sein, doch habe ich immer das Gefühl, dass niemand über etwas in dieser Zeit sinnt. Höchstens darüber, ob man ein kitschiges Geschenk noch rechtzeitig bekommt. Man kann und darf sich aber auch Gedanken über den ZUstand der Welt machen und dazu darf es auch eine Krippe als Projektionsfläche sein. Diesen Text finde ich stark, weil er die Tochter zeigt, wie sie eine eigentlich kitschige Idylle, die mehr oder weniger nur dazu bestimmt ist, einfache Dekoration zu sein, als Anlass zum Nachdenken über den Zustand der Welt nimmt und diese Realität darauf wiederspiegelt. Erschreckend ist allerdings, dass dieser Text in seinen bald 40 Jahren nichts an Aktualität eingebüßt hat.
Heinz Bischof
Es muß nicht immer Krippe sein
Auch an der Schwelle zum zweiten Jahrtausend schreibt die Zeit ihre Geschichten mit ehernen Lettern in die Chronik der Menschheit...
Christiane ist schuld daran, daß ich zu dieser Geschichte gekommen bin. Die ganze Weihnachtsfeststimmung geriet ins Schwinden, als justament am Tag vor Heiligabend mich eine malifiziöse Grippe am Wickel packte und mit Fieberschauern ins Bett warf. Wer richtet nun den Tannenbaum? Wer vor allem gestaltet die kleine Feier vor der Krippe? Aus der Traum von Weihnachtsseligkeit und lang geplanten Überraschungen vor dem Gabentisch. Wo der Vater aller Dinge fehlt, der nützlichen und manchmal auch der unnötigen, da ruhen solche Notwendigkeiten, die dem Tag die Weihe geben. Aber Christiane, ein Prachtteenager, fühlte ihre Stunde gekommen. Endlich mal dem gestrengen und gottseidank krank gewordenen Herrn Papa beweisen können, daß Mädchen in ihrem Alter nicht nur Flausen im Kopfe haben.
Das mache ich, konstatiert sie, pflege du nur deine Grippe, damit du wenigstens ein paar Stunden mit uns Weihnacht feiern kannst. Ein guter Trost fürwahr! Nun, mir ist es gleich. Grippe oder Krippe - es kommt im Leben meistens auf solche winzigen Unterschiede an, so wie hier bei den Buchstaben G beziehungsweise K - das ist die Frage, keineswegs noch die Entscheidung. Christiane soll meine Stellvertretung wahrnehmen. Sie gibt sich unbekümmert, zeigt keine Sorgenfalten, wie sie bei mir oft zu Gesicht stehen, wenn die Stunde der Überraschung immer näher rückt und ich immer noch kein Konzept im Kopf habe, wie dieses Jahr die Stunde der Bescherung zu gestalten sei. Nun, das Schema ist immer das gleiche, Lied, Gedicht, Lesen des Evangeliums, Gebet, Lied und dann die Schlacht der Einwickelpapiere, das staunende Oh, das heuchelnde Ah, heuchelnd deswegen, weil man ja schon seit dem 1. Advent weiß, was eingekauft und verpackt worden ist.
Christiane aber schüttelt nur den Kopf. Sie ist ein modernes Mädchen. Lied und Gebet, ja, das gehört zur Weihnacht wie der Duft von Kerzen und Tannengrün. Aber muß es immer die Geschichte um die langweilige Krippe sein? Jerusalem und Bethlehem, na schön, Städte, die heute keineswegs mehr den Frieden von vor zweitausend Jahren ausstrahlen. Und der Stern über dem Stall? Nein, das mag alles schön und wahr sein, in der Bibel wohlgeordnet niedergeschrieben. Aber ob das Christkind sich dort wieder in eine Krippe betten lassen würde? Maschinengewehre ersetzen den Sturm der Engel mit ihrem Geratter. Leuchtkugeln erhellen die Nacht. Die Hirten tragen statt Lammfell Uniformen und in ihren Händen Schießprügel statt harmloser Stäbe.
Nein, mein liebes Christkind, so paßt du nicht mehr in unsere Zeit. Diese Krippe ist nichts für dich, warte mal... Ja, so murmelt Christiane vor sich hin. Das paßt besser in meine Geschichte als die verlogene Kälte im warmen Land am Jordan...
Ich höre, wie meine Tochter schon eifrig bei der Sache ist. Gar zu gerne wäre ich mal neugierig gewesen. Aber Väter sollen die Gedanken ihrer Kinder nicht allzu vorzeitig stören. Folglich bleibe ich wie von mitleidender Frauenseele verordnet hübsch brav im Bett liegen, hüte die Grippe wie der Hirte seine Schafe, trinke fleißig den Lindenblütentee und komme auch ohnedies tüchtig ins Schwitzen. Ach ja, genau wie so manche Jahre zuvor... Stimmt doch: Alle Jahre wieder...
Es ist am anderen Tag abends. Der Christbaum steht im Schmuck, nicht so altväterlich wie von Papa den ungeschriebenen Familientraditionen getreu garniert, nein, nur mit Lametta und Strohsternen. Das ist Angelikas Werk gewesen. Die Kerzen aus braunem Bienenwachs brennen ruhig und gelassen. Die Krippe - etwas Romantik muß ja das Fest verbrämen - steht auch. So kann Christianes Stunde nun beginnen.
Das Programm, das sie verteilt, zeigt bereits den modernen Zuschnitt. Ich sitze im Lehnstuhl, in Decken fürsorglich eingehüllt, und harre der Dinge, die da ablaufen sollen. Lied - ich brumme die Melodie eine Oktave tiefer mit. Gedicht - nichts mehr von stillen Weihnachtsgassen und
erhellten Schaufenstern, von erwarteter Liebe und Christi Geburt; hier spricht das Leben, die Winternot wird wach, die Wölfe heulen, die Bäume erstarren in der Kälte, der Strahl aus der Ferne wärmt und schenkt neues Leben. Ja, Gloria in excelsis Deo...
Dann die Weihnachtsgeschichte. Wie sind wir gespannt. Endlich einmal weg die Krippe und die verkitschte Atmosphäre von Stall und Ochs und Esel. Ein Gotteskind kommt zur Welt wie jedes andere auch, mitten hinein in die Armut, in die Kälte. Eine Legende? Ich weiß es nicht, irgendwie hat die Jugend ein Gespür dafür, daß es auch heute an der Wende zum dritten Jahrtausend, noch Gelegenheiten gibt, damit Gott die Menschen schreckt und liebt in einem, daß er ihnen ein Kind schickt, das sie zur Umkehr auffordert.
Christiane liest, wir sind ganz im Banne ihrer Geschichte.
Und es geschah in heutiger Zeit, daß zwei Eltern von ihren Hütten vertrieben wurden. Es war die Zeit, als die große Kälte kam und diesen Menschen nichts mehr blieb als nur ein Esel, der die Mutter trug, und ein Sack Leinwand, auf den sie sich setzte, damit es ihr leichter wurde, von dem Esel getragen zu werden, fort von dem Dorf, in dem sie gewohnt hatten, das durch feindliche Krieger geplündert und niedergebrannt wurde. Der Mann trottete stumpfsinnig neben dem Esel einher. Was hatte das Leben noch für einen Sinn? Alles zerstört, was er gemeinsam mit seinem Weib aufgebaut hatte, was er sich erspart hatte, geraubt, und die Freunde und Verwandten niedergeschlagen, erstochen, von Bomben getötet. Nur der Esel blieb ihm und ein dumpfes Gefühl in der Kehle, daß er einer der letzten aus dem Dorf war. Was sollte er den Esel mit der Rute
schlagen, wenn auch er nicht mehr weiterwollte durch den Schlamm und Morast der Straße? Der kalte Wind pfiff beiden, Mensch und Tier, um die Ohren nur die Pfützen ließ er nicht gefrieren, damit das Schreiten leichter würde. Ja, und noch etwas blieb, das Kind, das seine Frau unter
dem Herzen trug. Vielleicht hatten deshalb die Soldaten von ihr abgelassen, sie nicht geschändet wie die anderen Frauen aus dem Dorf. Der Mann lag machtlos in der Ecke und mußte zuschauen, ohne helfen zu können. So lag er die Nacht über da, unruhig im Schlaf, dann weckte ihn die warme Zunge des Esels. Hastig stand er auf, das Weib schlief ruhig an seiner Seite. Fort... fort... ehe sie wieder erscheinen. Nur wohin? Er wollte in die Stadt, aus der die Verwandten seiner Frau stammen. Dort möchte er sich anmelden. Viele Flüchtlinge sind wie er unterwegs. Hoffentlich
kommen wir nicht zu spät. Ich brauche dringend ein Dach über dem Kopf. Was soll werden, wenn das Kind zur Welt kommen wird? Bei den Aufregungen der letzten Tage... Nein, nicht solche Gedanken ausmalen. Es wäre fürchterlich, wenn alles so enden würde. Man muß zuwarten. Gott
wird es schon zum Guten wenden...
Billiger Trost einer frommen Seele! So kamen sie in die Stadt, aber nirgendwo war Herberge für sie. Die Frau weinte, der Mann war verbittert. Da trat ein kleines Mädchen zu ihnen. Es sah die Frau weinen und dachte an seine eigene Mutter. Vorige Woche hatten fremde Soldaten sie aufgegriffen in einem Maisfeld, in dem sie sich verkrochen hatten, die Mutter wehrte sich und wurde von einem Uniformierten erschossen. Die toten Augen... Schrecklich!
Nein, die Augen der Frau auf dem Esel, sie sind lebendig, sie schenken noch Tränen der Trauer in der Welt. Das könnte meine Mutter sein. Ich muß ihr helfen. So nahm das Mädchen die Zügel des Esels, der seinen Kopf tief zu Boden hängen ließ, und sagte: Kommt! Die Fremden folgten
willig. Aus der Stadt führte der Weg hinaus, vorbei an niedergebrannten Hütten. Ziegen und Schafe weideten an dürftigen Gräsern. Der Hund, der sie hülten sollte, kauerte daneben und hatte vor den Fremden alle Scheu verloren. Er knurrte nicht, jaulte nur auf, so wie wenn er wehen Schmerz empfinden würde. Dann kamen sie zu einem einsamen Haus. Es standen nur noch die Wände. Als Dach schaute der Himmel herein, sternenlos. Das Mädchen sagte: Hier, da seid ihr vor dem kalten Wind sicher. Und da drüben liegt auch ein wenig Stroh. Ich komme morgen früh wieder und bringe etwas zu essen. Gute Nacht!
Ehe sich die beiden Fremden bedanken konnten, war das Mädchen verschwunden. Der Hund aus der Herde des Hirten kauerte vor der zerbrochenen Tür und hielt Wache. So legten sich der Mann und die Frau nieder, letztere auf dem ausgebreiteten Ballen Leinwand. Der Weg hatte sie müde gemacht. Der Esel kaute noch lustlos an einem trockenen Strohhalm herum. Dann versuchte auch er, den Tag zu vergessen und die Augen zu schließen.
Mitten in der Nacht wurde die Frau unruhig. Es war ihr, als hörte sie immer wieder ihren Namen rufen. Sie schaute auf. Da, am Himmel, ein Stern, groß und rot, dann ein anderer, wieder ein anderer, hunderte. Das werden doch nicht die Leuchtkugeln der Soldaten sein? Wenn die jetzt
kommen? Nein, schrie sie auf. Der Mann neben ihr erwachte. Er tastete zur Seite. Da lag seine Frau, krümmte sich, wand sich, bäumte sich hoch. Den Mann durchfuhr ein schrecklicher Gedanke: Das Kind... Mein Gott, wenn das das Kind ist. Hier, in dieser erbärmlichen Hütte. Auf Stroh und kein Dach über dem Kopf... Woher die vielen Sterne auf einmal? Der Mann glaubte selbst nicht daran, daß der Hund ihn verstehen würde. Aber der Hund verstand. Er machte kehrt und sauste los, verschwand in der Dunkelheit.
Der Mann kniete neben seinem Weib. Er verfluchte in dieser Stunde alles, was um ihn war, diesen Stall und die Stadt, die Menschen und ihre Lieblosigkeit, die Not und den Tod, das Grausame ebenso wie das Liebevolle. Warum muß immer Feindschaft gesetzt sein zwischen dem Nächsten und mir? Diese Botschaft des Friedens für alle, die guten Willens sind, was hat sie gefruchtet? Geschändet und gemordet, gequält und gefoltert, so taumelt die Menschheit am Rande eines gähnenden Abgrundes hin, eines Abgrundes, den sie noch das Glück nennen. Wo ist das Zufriedene in der Welt geblieben? Wo darf der Nachbar seinen Acker in Gelassenheit bebauen, ohne daß ein anderer ihm Steine mitten in die Saat wirft, er ihm die Ernte mißgönnt und vor der Reife niedertrampelt? Ist das der gute Wille, den der da droben uns zum Auftrag eines friedvollen Zusammenlebens gegeben hat? Ich habe den Krieg nicht gewollt, ich habe ihn nicht gemacht, ich habe die Kanonen nicht gesegnet, ich bin ein Flüchtling, den dieser Krieg aus seiner Wurzel riß. Heiliger und verfluchter Gott im Himmel, warum züchtigst du die Menschen so?
Mache es kurz mit deiner fragwürdigen Gnade, hole uns weg, fort von hier... Der Mann bettete den Kopf des Weibes auf das Leinwandpolster. Er hörte Schritte vor dem Stall. Eine Frau drängte ihn zur Seite.
Hier, da wärme die Milch. Heißes Wasser brauche ich auch. Draußen schlage Feuer. Bald werden andere kommen. Der Fremde gehorchte. Er streichelte den Hund, der heiser hechelte und seinen Kopf am Bein des Mannes rieb. Wenn wir uns nicht mehr verstehen, du, das Tier, und ich, der Abgott Mensch, was wäre dann um uns? Er schlug das Feuer zwischen den Steinen, an denen die Hirten sich ihr Essen aufwärmen. Auf einmal hörte er jämmerliches Schreien aus dem Stall. Geschwind eilte er herbei. Die Frau reichte ihm ein nasses, hilfloses Menschenbündel entgegen.
Dein Sohn, der in der Kälte dieser Nacht zur Welt kam. Nimm von der Leinwand und reibe ihn trocken. Ich muß mich um dein Weib kümmern.
Später eilten viele Leute herbei, die von dem Wunder in der Hütte gehört hatten. Auch Soldaten waren darunter. Einer erkannte die Fremden. Er sagte: Und da hätten wir beinahe einen Mord verübt, einen Doppelmord. Wißt ihr noch in der Hütte dieses Mannes droben in dem Bergdorf? An dem Esel erkenne ich sie wieder. Jetzt sind sie zu dritt. Kommt, hier in die Kiste der Maschinengewehrmunition legen wir den Kleinen, ich habe noch eine Wolldecke, damit schlagen wir sie aus...
*
Christiane hat ihre Geschichte beendet. In der Stube ist es still geworden. Wir sitzen nachdenklich da und schauen den Kerzen zu, die flackernd abbrennen. Ja, es muß nicht immer eine schön gefertigte Krippe sein, es darf ruhig auch mal die Wahrheit sprechen, wie ein Kind zur Welt gekommen ist, den Menschen den Frieden zu bringen, wie es aber aufgenommen worden ist im Unverstand und im Haß der Zeit. Daß da das Lied von der süßlichen stillen Nacht, der fragwürdigen heiligen Nacht nicht mehr in die Stimmung paßte, das wird jedermann verstehen, der plötzlich neben der Geschichte und bei den vielen hundert Sternen am Nachthimmel Namen aufleuchten sieht wie Vietnam, Südamerika, Naher Osten...
*
Gloria in excelsis Deo - aber nur solange das Geschäft am Handel mit Waffen und Krieg blüht! Der Friede stört den Wohlstand, der andere gerne satt machen würde. Hunger in der Welt, Trostlosigkeit in der Hütte, Verzweiflung bei Kindern, keine geweihte Nacht, die von Sternen gesegnet wird. Ein Kind in der Kiste, die einst Munition getragen hat, womit Menschen, Mütter und Väter niedergeschossen worden sind. Nur eine Decke wärmt, leiht Schutz vor Kälte und Bitternis der Welt.
Gloria in excelsis Deo... Laßt den alten Mann in seinem Himmel, wir werden auch ohne ihn die Welt uns untertan machen.
Nur erhebt sich die Frage: Wie lange noch...?
(Ein Text aus dem Jahre 1981)
Es muß nicht immer Krippe sein
Auch an der Schwelle zum zweiten Jahrtausend schreibt die Zeit ihre Geschichten mit ehernen Lettern in die Chronik der Menschheit...
Christiane ist schuld daran, daß ich zu dieser Geschichte gekommen bin. Die ganze Weihnachtsfeststimmung geriet ins Schwinden, als justament am Tag vor Heiligabend mich eine malifiziöse Grippe am Wickel packte und mit Fieberschauern ins Bett warf. Wer richtet nun den Tannenbaum? Wer vor allem gestaltet die kleine Feier vor der Krippe? Aus der Traum von Weihnachtsseligkeit und lang geplanten Überraschungen vor dem Gabentisch. Wo der Vater aller Dinge fehlt, der nützlichen und manchmal auch der unnötigen, da ruhen solche Notwendigkeiten, die dem Tag die Weihe geben. Aber Christiane, ein Prachtteenager, fühlte ihre Stunde gekommen. Endlich mal dem gestrengen und gottseidank krank gewordenen Herrn Papa beweisen können, daß Mädchen in ihrem Alter nicht nur Flausen im Kopfe haben.
Das mache ich, konstatiert sie, pflege du nur deine Grippe, damit du wenigstens ein paar Stunden mit uns Weihnacht feiern kannst. Ein guter Trost fürwahr! Nun, mir ist es gleich. Grippe oder Krippe - es kommt im Leben meistens auf solche winzigen Unterschiede an, so wie hier bei den Buchstaben G beziehungsweise K - das ist die Frage, keineswegs noch die Entscheidung. Christiane soll meine Stellvertretung wahrnehmen. Sie gibt sich unbekümmert, zeigt keine Sorgenfalten, wie sie bei mir oft zu Gesicht stehen, wenn die Stunde der Überraschung immer näher rückt und ich immer noch kein Konzept im Kopf habe, wie dieses Jahr die Stunde der Bescherung zu gestalten sei. Nun, das Schema ist immer das gleiche, Lied, Gedicht, Lesen des Evangeliums, Gebet, Lied und dann die Schlacht der Einwickelpapiere, das staunende Oh, das heuchelnde Ah, heuchelnd deswegen, weil man ja schon seit dem 1. Advent weiß, was eingekauft und verpackt worden ist.
Christiane aber schüttelt nur den Kopf. Sie ist ein modernes Mädchen. Lied und Gebet, ja, das gehört zur Weihnacht wie der Duft von Kerzen und Tannengrün. Aber muß es immer die Geschichte um die langweilige Krippe sein? Jerusalem und Bethlehem, na schön, Städte, die heute keineswegs mehr den Frieden von vor zweitausend Jahren ausstrahlen. Und der Stern über dem Stall? Nein, das mag alles schön und wahr sein, in der Bibel wohlgeordnet niedergeschrieben. Aber ob das Christkind sich dort wieder in eine Krippe betten lassen würde? Maschinengewehre ersetzen den Sturm der Engel mit ihrem Geratter. Leuchtkugeln erhellen die Nacht. Die Hirten tragen statt Lammfell Uniformen und in ihren Händen Schießprügel statt harmloser Stäbe.
Nein, mein liebes Christkind, so paßt du nicht mehr in unsere Zeit. Diese Krippe ist nichts für dich, warte mal... Ja, so murmelt Christiane vor sich hin. Das paßt besser in meine Geschichte als die verlogene Kälte im warmen Land am Jordan...
Ich höre, wie meine Tochter schon eifrig bei der Sache ist. Gar zu gerne wäre ich mal neugierig gewesen. Aber Väter sollen die Gedanken ihrer Kinder nicht allzu vorzeitig stören. Folglich bleibe ich wie von mitleidender Frauenseele verordnet hübsch brav im Bett liegen, hüte die Grippe wie der Hirte seine Schafe, trinke fleißig den Lindenblütentee und komme auch ohnedies tüchtig ins Schwitzen. Ach ja, genau wie so manche Jahre zuvor... Stimmt doch: Alle Jahre wieder...
Es ist am anderen Tag abends. Der Christbaum steht im Schmuck, nicht so altväterlich wie von Papa den ungeschriebenen Familientraditionen getreu garniert, nein, nur mit Lametta und Strohsternen. Das ist Angelikas Werk gewesen. Die Kerzen aus braunem Bienenwachs brennen ruhig und gelassen. Die Krippe - etwas Romantik muß ja das Fest verbrämen - steht auch. So kann Christianes Stunde nun beginnen.
Das Programm, das sie verteilt, zeigt bereits den modernen Zuschnitt. Ich sitze im Lehnstuhl, in Decken fürsorglich eingehüllt, und harre der Dinge, die da ablaufen sollen. Lied - ich brumme die Melodie eine Oktave tiefer mit. Gedicht - nichts mehr von stillen Weihnachtsgassen und
erhellten Schaufenstern, von erwarteter Liebe und Christi Geburt; hier spricht das Leben, die Winternot wird wach, die Wölfe heulen, die Bäume erstarren in der Kälte, der Strahl aus der Ferne wärmt und schenkt neues Leben. Ja, Gloria in excelsis Deo...
Dann die Weihnachtsgeschichte. Wie sind wir gespannt. Endlich einmal weg die Krippe und die verkitschte Atmosphäre von Stall und Ochs und Esel. Ein Gotteskind kommt zur Welt wie jedes andere auch, mitten hinein in die Armut, in die Kälte. Eine Legende? Ich weiß es nicht, irgendwie hat die Jugend ein Gespür dafür, daß es auch heute an der Wende zum dritten Jahrtausend, noch Gelegenheiten gibt, damit Gott die Menschen schreckt und liebt in einem, daß er ihnen ein Kind schickt, das sie zur Umkehr auffordert.
Christiane liest, wir sind ganz im Banne ihrer Geschichte.
Und es geschah in heutiger Zeit, daß zwei Eltern von ihren Hütten vertrieben wurden. Es war die Zeit, als die große Kälte kam und diesen Menschen nichts mehr blieb als nur ein Esel, der die Mutter trug, und ein Sack Leinwand, auf den sie sich setzte, damit es ihr leichter wurde, von dem Esel getragen zu werden, fort von dem Dorf, in dem sie gewohnt hatten, das durch feindliche Krieger geplündert und niedergebrannt wurde. Der Mann trottete stumpfsinnig neben dem Esel einher. Was hatte das Leben noch für einen Sinn? Alles zerstört, was er gemeinsam mit seinem Weib aufgebaut hatte, was er sich erspart hatte, geraubt, und die Freunde und Verwandten niedergeschlagen, erstochen, von Bomben getötet. Nur der Esel blieb ihm und ein dumpfes Gefühl in der Kehle, daß er einer der letzten aus dem Dorf war. Was sollte er den Esel mit der Rute
schlagen, wenn auch er nicht mehr weiterwollte durch den Schlamm und Morast der Straße? Der kalte Wind pfiff beiden, Mensch und Tier, um die Ohren nur die Pfützen ließ er nicht gefrieren, damit das Schreiten leichter würde. Ja, und noch etwas blieb, das Kind, das seine Frau unter
dem Herzen trug. Vielleicht hatten deshalb die Soldaten von ihr abgelassen, sie nicht geschändet wie die anderen Frauen aus dem Dorf. Der Mann lag machtlos in der Ecke und mußte zuschauen, ohne helfen zu können. So lag er die Nacht über da, unruhig im Schlaf, dann weckte ihn die warme Zunge des Esels. Hastig stand er auf, das Weib schlief ruhig an seiner Seite. Fort... fort... ehe sie wieder erscheinen. Nur wohin? Er wollte in die Stadt, aus der die Verwandten seiner Frau stammen. Dort möchte er sich anmelden. Viele Flüchtlinge sind wie er unterwegs. Hoffentlich
kommen wir nicht zu spät. Ich brauche dringend ein Dach über dem Kopf. Was soll werden, wenn das Kind zur Welt kommen wird? Bei den Aufregungen der letzten Tage... Nein, nicht solche Gedanken ausmalen. Es wäre fürchterlich, wenn alles so enden würde. Man muß zuwarten. Gott
wird es schon zum Guten wenden...
Billiger Trost einer frommen Seele! So kamen sie in die Stadt, aber nirgendwo war Herberge für sie. Die Frau weinte, der Mann war verbittert. Da trat ein kleines Mädchen zu ihnen. Es sah die Frau weinen und dachte an seine eigene Mutter. Vorige Woche hatten fremde Soldaten sie aufgegriffen in einem Maisfeld, in dem sie sich verkrochen hatten, die Mutter wehrte sich und wurde von einem Uniformierten erschossen. Die toten Augen... Schrecklich!
Nein, die Augen der Frau auf dem Esel, sie sind lebendig, sie schenken noch Tränen der Trauer in der Welt. Das könnte meine Mutter sein. Ich muß ihr helfen. So nahm das Mädchen die Zügel des Esels, der seinen Kopf tief zu Boden hängen ließ, und sagte: Kommt! Die Fremden folgten
willig. Aus der Stadt führte der Weg hinaus, vorbei an niedergebrannten Hütten. Ziegen und Schafe weideten an dürftigen Gräsern. Der Hund, der sie hülten sollte, kauerte daneben und hatte vor den Fremden alle Scheu verloren. Er knurrte nicht, jaulte nur auf, so wie wenn er wehen Schmerz empfinden würde. Dann kamen sie zu einem einsamen Haus. Es standen nur noch die Wände. Als Dach schaute der Himmel herein, sternenlos. Das Mädchen sagte: Hier, da seid ihr vor dem kalten Wind sicher. Und da drüben liegt auch ein wenig Stroh. Ich komme morgen früh wieder und bringe etwas zu essen. Gute Nacht!
Ehe sich die beiden Fremden bedanken konnten, war das Mädchen verschwunden. Der Hund aus der Herde des Hirten kauerte vor der zerbrochenen Tür und hielt Wache. So legten sich der Mann und die Frau nieder, letztere auf dem ausgebreiteten Ballen Leinwand. Der Weg hatte sie müde gemacht. Der Esel kaute noch lustlos an einem trockenen Strohhalm herum. Dann versuchte auch er, den Tag zu vergessen und die Augen zu schließen.
Mitten in der Nacht wurde die Frau unruhig. Es war ihr, als hörte sie immer wieder ihren Namen rufen. Sie schaute auf. Da, am Himmel, ein Stern, groß und rot, dann ein anderer, wieder ein anderer, hunderte. Das werden doch nicht die Leuchtkugeln der Soldaten sein? Wenn die jetzt
kommen? Nein, schrie sie auf. Der Mann neben ihr erwachte. Er tastete zur Seite. Da lag seine Frau, krümmte sich, wand sich, bäumte sich hoch. Den Mann durchfuhr ein schrecklicher Gedanke: Das Kind... Mein Gott, wenn das das Kind ist. Hier, in dieser erbärmlichen Hütte. Auf Stroh und kein Dach über dem Kopf... Woher die vielen Sterne auf einmal? Der Mann glaubte selbst nicht daran, daß der Hund ihn verstehen würde. Aber der Hund verstand. Er machte kehrt und sauste los, verschwand in der Dunkelheit.
Der Mann kniete neben seinem Weib. Er verfluchte in dieser Stunde alles, was um ihn war, diesen Stall und die Stadt, die Menschen und ihre Lieblosigkeit, die Not und den Tod, das Grausame ebenso wie das Liebevolle. Warum muß immer Feindschaft gesetzt sein zwischen dem Nächsten und mir? Diese Botschaft des Friedens für alle, die guten Willens sind, was hat sie gefruchtet? Geschändet und gemordet, gequält und gefoltert, so taumelt die Menschheit am Rande eines gähnenden Abgrundes hin, eines Abgrundes, den sie noch das Glück nennen. Wo ist das Zufriedene in der Welt geblieben? Wo darf der Nachbar seinen Acker in Gelassenheit bebauen, ohne daß ein anderer ihm Steine mitten in die Saat wirft, er ihm die Ernte mißgönnt und vor der Reife niedertrampelt? Ist das der gute Wille, den der da droben uns zum Auftrag eines friedvollen Zusammenlebens gegeben hat? Ich habe den Krieg nicht gewollt, ich habe ihn nicht gemacht, ich habe die Kanonen nicht gesegnet, ich bin ein Flüchtling, den dieser Krieg aus seiner Wurzel riß. Heiliger und verfluchter Gott im Himmel, warum züchtigst du die Menschen so?
Mache es kurz mit deiner fragwürdigen Gnade, hole uns weg, fort von hier... Der Mann bettete den Kopf des Weibes auf das Leinwandpolster. Er hörte Schritte vor dem Stall. Eine Frau drängte ihn zur Seite.
Hier, da wärme die Milch. Heißes Wasser brauche ich auch. Draußen schlage Feuer. Bald werden andere kommen. Der Fremde gehorchte. Er streichelte den Hund, der heiser hechelte und seinen Kopf am Bein des Mannes rieb. Wenn wir uns nicht mehr verstehen, du, das Tier, und ich, der Abgott Mensch, was wäre dann um uns? Er schlug das Feuer zwischen den Steinen, an denen die Hirten sich ihr Essen aufwärmen. Auf einmal hörte er jämmerliches Schreien aus dem Stall. Geschwind eilte er herbei. Die Frau reichte ihm ein nasses, hilfloses Menschenbündel entgegen.
Dein Sohn, der in der Kälte dieser Nacht zur Welt kam. Nimm von der Leinwand und reibe ihn trocken. Ich muß mich um dein Weib kümmern.
Später eilten viele Leute herbei, die von dem Wunder in der Hütte gehört hatten. Auch Soldaten waren darunter. Einer erkannte die Fremden. Er sagte: Und da hätten wir beinahe einen Mord verübt, einen Doppelmord. Wißt ihr noch in der Hütte dieses Mannes droben in dem Bergdorf? An dem Esel erkenne ich sie wieder. Jetzt sind sie zu dritt. Kommt, hier in die Kiste der Maschinengewehrmunition legen wir den Kleinen, ich habe noch eine Wolldecke, damit schlagen wir sie aus...
*
Christiane hat ihre Geschichte beendet. In der Stube ist es still geworden. Wir sitzen nachdenklich da und schauen den Kerzen zu, die flackernd abbrennen. Ja, es muß nicht immer eine schön gefertigte Krippe sein, es darf ruhig auch mal die Wahrheit sprechen, wie ein Kind zur Welt gekommen ist, den Menschen den Frieden zu bringen, wie es aber aufgenommen worden ist im Unverstand und im Haß der Zeit. Daß da das Lied von der süßlichen stillen Nacht, der fragwürdigen heiligen Nacht nicht mehr in die Stimmung paßte, das wird jedermann verstehen, der plötzlich neben der Geschichte und bei den vielen hundert Sternen am Nachthimmel Namen aufleuchten sieht wie Vietnam, Südamerika, Naher Osten...
*
Gloria in excelsis Deo - aber nur solange das Geschäft am Handel mit Waffen und Krieg blüht! Der Friede stört den Wohlstand, der andere gerne satt machen würde. Hunger in der Welt, Trostlosigkeit in der Hütte, Verzweiflung bei Kindern, keine geweihte Nacht, die von Sternen gesegnet wird. Ein Kind in der Kiste, die einst Munition getragen hat, womit Menschen, Mütter und Väter niedergeschossen worden sind. Nur eine Decke wärmt, leiht Schutz vor Kälte und Bitternis der Welt.
Gloria in excelsis Deo... Laßt den alten Mann in seinem Himmel, wir werden auch ohne ihn die Welt uns untertan machen.
Nur erhebt sich die Frage: Wie lange noch...?
(Ein Text aus dem Jahre 1981)
