Das war bis in den Abend hinein ein unbeschwerter Donnerstag!
Die Bilder vom Geburtstag gab ich ab, denn ich vor einigen Tagen fotografierte, worüber sich die Mutter vom Sohn der nun sechzehn ist, freute.
Mir tat die Sonne auf der Haut so gut.
Vielleicht werde ich langsam alt? Oder eben vernünftiger?
Kann jetzt, wie der Großteil der Menschheit mehr und mehr die Sonnenwärme schätzen?
Meine Augen hingegen sind nach wie vor alles andere als angetan von Sonnen- oder grellem Licht.
Ich stand in sämtlichen Drogerieketten minutenlang vor den Regalen und las in welchen Duftnoten es Duschgels und Co. gibt.
Meine neueste Errungenschaft ist eine 2 in 1 Dusche in der Duftrichtung „Lemongras". Obacht, also wenn ihr an einer Person vorbeiläuft die stark nach gemähten Rasen und etwas nach Zitrone riecht, ist das durchaus möglich, dass ich das bin, denn ihr da erschnuppert habt.
Beschlossen hatte ich mit dem 19 Uhr 20er-Bus nachhause zu fahren.
Gutgelaunt und summend traf ich am Busbahnhof ein, voller Vorfreude aufs Lesen im Bus.
Derzeit lese ich übrigens den neuesten „Musso": „Das Mädchen und der Verrat".
Wie aufs Stichwort kam auch ein Mädchen auf mich zu.
(Noch) später am Abend stellte sich heraus, eine waschechte Medizinstudentin aus Österreich, 24 Jahre alt, die in Deutschland weilt, da ihre Nichte am Dienstag eingeschult wird.
Allerdings nicht in Worms. Sondern wenn ich sie richtig Verstand mehr im Mainzer Raum?
„Wissen sie welcher Bus zum Klinikum fährt".
„Früher war es meiner Meinung nach die „405" oder die „408!" Sicher bin ich mir jedoch nicht!"
„Danke".
Wie das Mädchen und ich später herausfanden, war es die „401" an Busbahnhofsteig „C1".
Der Frau liefen Schweißbäche über die Stirn und sie wirkte blass.
; Sonnenopfer, zu wenig Getrunken, durch die Stadt gerannt und zu viel Sonne sich eingefangen.
Typisch, liest man und hört man ja überall, folgerte ich in einem Anflug von Besserwisserischer Arroganz.;
Mein Bus kam angefahren.
Die Frau mit den Schweißbächen auf der Stirn, fragte, um sicherzugehen nochmals beim Busfahrer, die Fahrgelegenheiten ins Klinikum, nach.
Der Busfahrer konnte jedoch auch nicht sofort weiterhelfen.
Drückte ihr jedoch Anstandshalber ein lieblos zusammen getackertes mehrseitiges Papier mit Busabfahrten und Ankünften in die Hand.
Die Frau; die ich ab jetzt gleich hier im Blog als „Flo" bezeichnen werde; bat ausgerechnet mich wieder, mit einem Fuß schon im Bus um mein Ticket zu zahlen:
„Ich verstehe das gerade nicht, würde sie mir nochmals helfen?"
Einen Augenblick hätte man sicher meinen können ich verfolgte ein Tennismatch, ich schaute zur Frau hin, zum Bus, zur Frau hin, zum Bus.
Die Frau erklärte dem Busfahrer und mir:
„Ich bin etwas neben der Spur gerade. Ich bin seit siebzehn Stunden unterwegs, bin hier ausgestiegen, wegen meines Migräneanfalls. Auf der rechten Seite sehe ich nichts mehr nur noch Blitze.
Ich möchte ins Klinikum.
Hier in Worms wurde mir am Mittag meine Geldbeutel geklaut, ich war bei der Polizei, Geldbeutel bekam ich mit Ausweisdokumenten (nach einigen Stunden) zurück, jedoch ohne Bargeld".
Für das, was ich jetzt dachte, sollte ich mich schämen; Du böse, böse Frau! Du willst doch die Leutchen abzocken, wie oft hast Du denn das schon gemacht?
Du erzählst hier eine grandiose Räuberpistole.
Für mich war sie offensichtlich und ganz klar eine Betrügerin! – Vorverurteilt!
Blick wieder auf junge Frau gerichtet:
Das Mädchen schwankte zusehends mehr, das T-Shirt war nun sichtbar von oben bis unten durchtränkt mit Schweiß, auch die Haare klebten, am Hals und vor allem über der Stirn nahm der Schweißfluss kein Ende mehr.
Dem Busfahrer gab ich – zugegeben mit einem bedauernden Seufzer - das Signal er könne abfahren, ich würde mich kümmern.
Ich sagte zu ihr, sie solle sich hinsetzen, ich würden den Busbahnhof von oben nach unten abklappern, mit welchem Bus es ins Klinikum geht.
Wie bereits erwähnt fand ich – eigentlich wir - da sie mir trotz meiner Aufforderung sitzenzubleiben, mit einem kleinen Rosa Rollkoffer und einem großen silbernen Rollkoffer und einer schweren Plastiktasche sofort folgte, heraus – das der Bus zum Klinikum um 20 Uhr 29 vom Busbahnhofsteig „C1" abfahren werde.
Ich tadelte sie kurz, dass sie nicht sitzen geblieben war, woraufhin sie mir erzählte, sie müsse dringend ein paar Schritte gehen, sonst würde sie sicher einschlafen. Außerdem hätte sie in den vergangenen siebzehn Stunden nichts gegessen und genug herumgesessen.
Augenblicklich hatte ich wieder für Sekunden den Gedanken: „Betrügerin". So fängt es also an. Na warte.
Wobei, sie ja schon unübersehbar geschwankt hatte.
Im Nachhinein war es auch ungemein doof, so etwas auch nur Ansatzweise zu vermuten, schließlich, bleibt die Gewissensfrage in mir haften, wie ich das annehmen konnte?
Wie hätte sie denn die Schweißbäche auf der Stirn oder das ein-geschweißte T-Shirt vortäuschen sollen?
Dann ein genauerer Blick auf die Frau:
Dunkelblondes Mittellanges Haar, das zu einem Knoten gefestigt war. Schätzungsweise 1 m 60 groß. Durchaus sportlich. Die Haut eine Mischung – wahrscheinlich ein Umstand, da es ihr nicht gutging - aus Quarkbraun und Leberwurstgrau.
Sie trug bequeme braune offene Hausschuhe. Eine rosa Jogginghose ein violettes T-Shirt.
Alles schweiß durchtränkt.
Ich lud die Frau zum „Subway" ein. Der Genau gegenüber vom Worms Busbahnsteig „C1" liegt.
Mein Interesse war geweckt, mehr über sie zu erfahren.
Sie entspannte sich zunehmend. Mit einem Sandwich zwischen den Zähnen und Getränk vor der Nase. Sie bedanke sich mehrmals für meine Hilfe.
Das Mädel berichtete, ihr Name sei „Flo".
Medizinstudentin aus Österreich.
Erzählte dann, leidenschaftlich von ihrer Nichte mit quietschender heller Stimme, die am Wochenende – davon aber noch nichts wisse – zu „Frozen (Die Eiskönigin) ins Musical nach Hamburg fahren und besuchen werde. Außerdem hätte ihre Schwester ihrer Nichte eine „Barbie, Dinosaurier, Zuckerschultüte" gebastelt, da es dieses nirgendwo zu kaufen gibt.
Nebstdem erzählte „Flo" mit Glanz in den Augen von ihrem Mops.
Informierte mich wie teuer Wien sei. Sie bezahle für ein Studentenzimmer um die 1700 Euro. Ohne Bad und Toilette. Die wären auf dem Flur in dem Studentenheim/Haus separat zu nutzen.
Irgendwann wolle sie in die „Onkologie" (Wissenschaft für Krebs) einsteigen.
Ich hörte interessiert zu.
Dachte jedoch noch immer mit leichter Skepsis: „Das klingt zu gut und zu ausgedacht."
Dieses Misstrauen in mir spürte sie offenbar überdeutlich.
Sie zog ihr Mobilphone aus der Tasche und belegte jedes einzelne Detail mit Fotos.
Kaum aus dem „Subway". Fiel „Flo" ein, kein Geld für den Bus zu haben. Woraufhin ich ihr mitteilte, das mit dem Busticket zum Klinikum wäre nun wirklich das geringste Problem.
Wenn es ihr gutgegangen wäre, davon bin ich relativ überzeugt, hätte sie garantiert die Einladung zum Essen ausgeschlagen. Hunger hin oder her.
„Flo" berichtete, sie glaube, sie müsse sich übergeben, sie könne unmöglich jetzt Busfahren, doch zum Klinikum die paar Kilometer (5) nach Herrnsheim würde sie schon schaffen.
Die Wegstrecke hätte sie sich aus dem Internet über ihr Mobilphone herausgesucht.
Die Medizinstudentin wirkte nun kurzzeitig lebendiger. Dadurch auf mich Gesprächiger. Überspielte deutlich ihren Zustand. Auch wenn ihr gerade einmal kein sichtbarer Schweiß über den Körper lief.
Ich teilte ihr mit, dass sie in ihrem Zustand keinen einzigen Meter laufen sollte.
Ich einen Krankenwagen rufen werde. „Woraufhin sie sagte, dass sie das nicht möchte."
„Flo" meinte, ich könne doch Nachhause fahren.
Woraufhin ich ihr mitteilte, wenn sie jetzt alleine nach Herrnsheim aufbräche fände ich keine Ruhe mehr in den nächsten Tagen. Und meine innere Ruhe wäre mir heilig.
Das erste was passierte, nachdem ich meine Begleitung angeboten hatte, dass sich „Flo" gleich mehrmals bei mir – mit hörbar stimmlichem Überschwang – bedankte.
So liefen wir vorerst stillschweigend nebeneinander her.
Das war eine Qual die Frau mit ihrer Tasche und Rollkoffern laufen zu sehen. Weshalb ich ihr den silbernen großen Rollkoffer und die Tasche abnahm.
Lediglich den kleinen rosa Rollkoffer überließ ich ihr, da ich um meinen Hals auch noch meine eigene Tasche zu tragen hatte.
Unter Protest (und doch sichtbar spürbar erleichtert) gab „Flo" einen Rollkoffer und Tasche an mich ab.
Unsere Unterhaltung nahm an Fahrt auf, während wir langsam durch das abendliche und zunehmend verdunkelnde Worms mit dem Ziel Herrnsheim vor Augen trotteten.
Bedauerlicherweise nahmen auch ihr Schwanken und der Schweißfluss unübersehbar wieder zu.
„Flo" berichtete mit brüchiger Stimme von ihren Eltern, die nur halbwegs begeistert wären, dass sie mit einer Frau, die Psychologie studiert, zusammenlebe, hätten doch die Eltern sich auf Enkelkinder (auch von ihr) gefreut.
Ich wusste nicht so recht, was ich dazu sagen sollte?
Mir fiel nichts Bedeutung-Schwangeres ein, wie „Flo" mitzuteilen, dass im Jahr 2024 bei Bedarf auch in so einer Lebenskonstellation es Mittel und Wege für Enkelkinder gäbe. Worüber sie kurz schmunzelte.
Mir fiel fast die Arme ab vom zusätzlichen Gewicht, dass ich mir Freiwillig aufgehalst hatte.
Natürlich gab ich das - als halbwegs starker und vitaler Mann - nicht zu.
Dennoch war ich ausgesprochen dankbar einen „Rewe (Supermarkt)" zu entdecken.
Floh schwankte beim Gehen nun deutlich mehr und mehr.
Das T-Shirt und mittlerweile auch der Hosenbund waren durchtränkt von Schweiß. Auch ihre Atmung wirkte schwerfälliger und alles andere als normal.
Ich schickte Floh – nach einer Pause und stabilerer Atmung - in den „Rewe-Supermarkt".
Versprach bei den Koffern und Taschen zu bleiben.
Sie müsse jedoch dringend sich etwas zu trinken beschaffen, was „Flo" (fast) zu meinem Erstaunen auch ohne Gegenrede einsah.
In der Zeit ohne Floh in meiner Nähe, informierte ich Vater über mein Mobilphone, warum ich nicht Zuhause sein konnte und zweitens gerade auf dem Weg ins Klinikum mit einer fast wildfremden Frau war.
Papa war auch mehr als skeptisch. Meinte ich sollte aufpassen und ihr auf gar keinen Fall, unter keinen Umständen auch nur einen Cent geben.
Er – Papa – sagte, er würde mich am Eingang des Klinikums abholen.
Es ihm auszureden war sinnlos. Er beharrte darauf.
„Flo" und ich setzten unseren Weg mit Ziel Klinikum Worms fort.
„Flo" verfiel einige Minuten in tiefe Schweigsamkeit, eindeutig konzentriert aufs Gleichgewichthalten beim Gehen. Das mit dem eingeschränkten Sichtfeld stimmte unzweifelhaft auch.
Ich plauderte in einem Monolog über den Sport und über meinen Alltag.
Unerwartet unterbrach mich „Flo". Sie erzählte mir stockend nochmals alles, was sie mir bisher schon über sich anvertraut hatte.
Dazu schwankte sie nun wie ein schwerfälliger Tanzbär von einem Bein aufs andere und wieder zurück.
Darüber hinaus machte „Flo" sich Sorgen über eine kleine schwarze Katze, die wir auf unseren Weg ans Klinikum, einige Minuten zuvor angetroffen hatten, die Katze nannte sie Ulla und meinte wir müssten die Katze doch mitnehmen, sie wäre einfach noch zu klein um im Dunkeln alleine draußen zu bleiben.
Nochmals fragte ich nach, ob wir nicht einen Krankenwagen rufen sollten.
Was „Flo" fast panisch verneinte.
Es ginge ihr gut bis auf die hämmernden Kopfschmerzen, weder Pausen noch einen Krankentransport bräuchte sie, schließlich wären wir laut ihrem Mobilphone „gleich" da.
Ich informierte sie, dass dieses „gleich" noch ein gutes Stück wäre.
Alleine an ihrer Antwort: „Egal". – Hörte ich heraus, dass das so überhaupt keineswegs egal war.
Der Kampfgeist von dieser Frau einfach nur Bewundernswert.
Gleichzeitig machte mir ihr Zustand Angst. Damit meine ich so richtige, richtige Gänsehautangst.
Die Panik in mir nahm noch zu, als „Flo" plötzlich erneut anfing alle diese Informationen – die sie schon über sich preisgegeben hatte – erneut fast im hundertprozentigen Wortlaut zu wiederholen.
50 Meter vor dem Eingangsbereich sackte „Flo" nach einem: „Ich glaube, ich falle gleich um" in sich zusammen.
Vor Schreck ließ ich das Gepäck fallen, und mit Glück, konnte ich sie geradeso „Floh" auffangen.
Nur gut, dass gerade zwei Schwestern, die wohl auf dem Weg in den Feierabend waren, aus dem Eingangsbereich des Klinikums kamen uns mit einer bewundernswerten Routine halfen.
Sofort wurde von einer der Schwestern Rollstuhl herbeigeschafft, die andere blieb bei „Floh" (und mir).
Gefühlt keine Minute später wurde „Flo" fürsorglich und Fachfraulich in den Rollstuhl hineingesetzt.
In einem Tempo deutlich zu schnell für mich – der mit ihren Sachen wieder bepackt war - wurde „Flo" von den Schwestern im Rollstuhl in die Notaufnahme geschoben.
Wo auch ich zwei Minuten später im Wartebereich schnaufend eintraf. Allerdings ohne einen Blick nochmals auf „Flo" zu erhaschen.
Ein Pfleger kam auf mich zu. Informierte „Flo" seit zur Untersuchung.
Bat mich freundlich die Gesundheitskarte von Flo vorzulegen.
Ich erklärte dem Angestellten des Klinikums, dass meine Gefährtin eine Zufallsbekanntschaft ist, ich mit ihr in keiner Art und Weise – nimmt man unseren Weg vom Busbahnhof ins Klinikum aus – verbunden bin.
Woraufhin der Pfleger schnell schaltete, die Koffer und Tasche an sich nahm und in einen Raum mit Sichtschutz unterbrachte.
Ich schrieb meine Mobilphone-Nummer zwischenzeitlich auf einen Zettel, Unterschrieb diesen mit meinem Vornamen.
Wollte die Nummer an der Anmeldung zur Notaufnahme abgegeben.
Als gerade der Pfleger, der „Flos" Gepäck an sich genommen hatte, wiederauftauchte.
Dieser kam auf mich – einen Rollstuhl (ohne „Flo") vor sich herschiebend – zu. Bedankte sich in „Flos" Namen außerordentlich herzlich bei mir und versprach, die auf dem Zettel notierte Nummer ihr zu überreichen.
Danach vergingen keine weitere drei Minuten, bis Vater mir über „WhatsApp" mitteilte er warte im Eingangsbereich.
Vater berichtete im Auto, ich hätte am Telefon überdurchschnittlich aufgeregt geklungen. Besorgniserregend aufgeregt. – Ich selbst hatte mich beim Anruf überhaupt nicht als aufgeregt wahrgenommen, sondern eher ruhig und abgeklärt.
Zu Hause:
Der Gedanke, wie geht's „Flo" (in regelmäßigen Wiederholungen)?
Essen. Duschen mit und in Lemongras.
Dazu fiel mir aus dem Tarzan-Musical– wieso auch immer? –:
„Hör die Wörter, die dein Schicksal prägen. Zwei Welten, eine Familie Glaub an dich, vertrau darauf. Das Leben zeigt dir wie" – „Phil Collins"
ein.

Du warst vorsichtig aber nicht ablehnend durch Skepsis. Trotzdem hätte ich den Rtw oder zumindest den Ktw spätestens bei dem 5km Spaziergang zur Klinik letztlich gerufen. Aber das hätte ich gemacht, als Betrachter dieser Zeilen, der nicht dabei war.
Sie war nicht allein und wer weiß wo der Butterflyeffect für diese gute Tat dafür zuschlägt :).