Gegen Mittag erreichten sie ihr Ziel. Das Dorf Cocohome am Loch Mama lag pittoresk in die seichten Hügel gelegt. Die Häuser aus grauen Bruchsteinen waren mit dunkelgrauen Schindeln gedeckt und eine holprige Kopfsteinpflasterstraße wand sich zwischen ihnen durch. Neben einem Gasthof gab es ein Bürgerhaus und eine kleine Kirche nebst Pfarramt und Wohnhaus. Abseits der Häuser erstreckten sich Schafweiden und ein paar Obstbäume, typischerweise getrennt durch kleine Mauern aus aufgeschichteten Steinen. Was das Dorf aber so berühmt macht, ist die Burg Cocotime die etwas erhöht auf einem Hügel stand und so seit Urzeiten über das Dorf und den See wacht. Die Schatzkammer der Burg war ein beliebtes Touristenziel und auch Luna und Dennis wollten sich das nicht entgehen lassen.
Dennis parkte das Wohnmobil neben dem Gasthaus und nachdem dieses Kunststück der Rangierarbeit glückte, öffnete er seiner Frau die Tür, schob sie galant mit der Hand im Rücken hindurch und schlurfte ihr nach. Doch etwas Enttäuschung machte sich breit, als man das Innere des Gasthauses sah. Denn die bunten Leuchtreklamen und die Snackpackungen waren garantiert nicht das Ambiente, das man sich hier erwünschte. Schon gar nicht der rote Popcornwagen, der eben wild knatterte und frische Ware machte.
»Hallo? Was darf ich Ihnen bringen?«, fragte eine freundliche junge Dame und ihre grünen Augen strahlten vor Freude endlich auch mal Gäste zu haben.
»Ja, äh….«, begann Dennis, der sich eigentlich auf was völlig anderes vorbereitete und nun ganz aus dem Konzept war.
»Ach ich stell mich einfach mal vor. Ich bin Michelle Angel, aber alle nennen mich nur Poppy. Naja...«, sagte sie lachend und nickte in Richtung der Popcornmaschine.
»Dennis und Luna Luniless«, sagte prompt Luna und reichte Poppy Angel die Hand. »Was würden Sie uns denn empfehlen?«
»Also, ich hätte da ein paar Chips und Käsesosse oder mögt ihr das nicht?«, sagte Poppy etwas verunsichert.
»Chips? Ich will doch nicht knabbern«, begann Dennis und bekam prompt den Ellbogen seiner Frau in die Seite.
»Chips sind Pommes«, zischte sie aus dem Mundwinkel und nickte Poppy zu. »Zweimal bitte und dazu was zu trinken. Für mich Wasser und für ihn irgendwas Klebriges mit extra viel Zucker.«
»Geht klar«, sagte Poppy Angel, verschwand hinter dem Tresen und frittierte sodann ein paar Kartoffelstifte, die sie in einer sehr rezenten Käsesosse ertränkte. Danach gab sie noch dreißig Esslöffel Zucker in die Cola von Dennis und servierte den beiden das Mahl, die bereits an einem Tisch Platz genommen hatten.
»Viel los ist hier aber nicht, oder?«, fragte Dennis kauend.
»Ist grad keine Saison«, gab Poppy Angel achselzuckend an.
Nachdem Luna und Dennis aufgegessen hatten und er mit dem Messer die klebrigen Reste seiner Limonade aus dem Glas kratzte, standen sie auf und bezahlten. Dabei gab ihnen Poppy noch jeweils eine kleine Tüte Popcorn gratis dazu. Das sei so üblich und Service des Hauses, meinte sie.
»Können wir das Wohnmobil stehen lassen?«, fragte Dennis.
»Nein, auf gar keinen Fall. Campieren ist hier strengstens verboten!«, sagte Poppy kopfschüttelnd.
»Und… wo schlafen wir dann?«, wollte Luna wissen.
»Ihr könnt ja mal bei Old McGuby fragen. Drüben im Pfarrhaus. Die haben immer ein Zimmer frei«, sagte Poppy.
Die beiden verließen das Gasthaus in Richtung Pfarrhaus und schlugen mit dem großen Türklopfer an die schwere Holztür. Grummelnd öffnete ihnen ein kleiner untersetzter Mann, der hinter den dicken Brillengläsern die Augen zusammenkneifte und die Fremden begutachtete. Seinen Hut etwas zurechtrückend, stellte er sich vor Luna und Dennis auf und fragte: »Was wollen Sie hier? Wir kaufen nichts!«
»Na, hallo junger Mann, wir wollen nichts verkaufen. Wir hörten, Sie haben ein Zimmer frei?«, sagte Dennis betont freundlich.
»Wer hat Ihnen das gesagt?«, wollte Old McGuby argwöhnisch wissen.
»Poppy Angel«, sagte Luna daraufhin.
»So….?«, sagte Old McGuby leise.
»Was ist nun? Ist das Zimmer frei und können wir die Nacht dort verbringen?«, drängte Dennis nun.
»Weiß nicht. Muss ich Mama fragen«, raunte Old McGuby. »MAMA??!«
»Was ist denn Bua?«, sagte eine ältere Frau, die sich gerade die Hände an der Schürze abwischte und ihre Gäste ansah. »Oh, Gäste? Bua, warum sagst denn nix! Sie wollen ins Gästezimmer, oder?«
Luna und Dennis nickten, wollten schon eintreten, da baute sich Old McGuby vor ihnen auf und maulte: »Halt! Des gibts net umsonst. Wir sind ja nicht in der Politik, gell? Erst wird bezahlt und dann….«
Dennis verdrehte die Augen und eine gewisse Röte der Wut stieg ihm ins Gesicht. Zähneknirschend zückte er den Geldbeutel und entnahm ihm ein paar Geldscheine.
»Wieviel wollen Sie?«, sagte er gepresst.
»Weiß nich, muss ich Mama fragen. MAMA??!«
»Was is denn Bua? Oh… dann geben Sie mal 50 Pfund. Morgen ab 7 ist Frühstück«, sagte die Frau Mama.
Dennis zog den Schein heraus und hielt ihn Old McGuby hin, der gierig nach ihm griff, doch sofort meldete sich seine Mutter.
»Na komm, gib das Geld her. Komm, da legst den Schein hin!«, herrschte sie ihren Sohn an und zeigte auf das kleine Tischchen neben dem Treppenaufgang. »Wer weiß, was Du sonst wieder für einen Blödsinn damit kaufst. Und nun hilf den Gästen mit dem Gepäck!«
Old McGuby stieß den Atem durch die Nase, kniff die Augen zu, schnappte die Taschen von Luna und Dennis und begleitete beide die Treppe hinauf in den ersten Stock, wo sie ihr Zimmer für die Nacht bezogen.
»So, hier könnt ihr schlafen und wenn ihr euch waschen wollt«, sagte Old McGuby, »dann ist am Ende des Flurs das Bad. Gute Nacht.«
Ohne eine Reaktion seiner Gäste abzuwarten, verschwand er durch die Tür und rumpelte die ausgetretene Treppe hinunter.
»Na gut, dann machen wir es uns eben bequem«, meinte Luna und öffnete ihre Tasche, aus der sie einen Pyjama und ein Necessaire zog.
Dennis testete derweil die Matratze und war erstaunt, dass ihre Federwirkung noch so intakt war. Es war wohl das einzige in dem Zimmer, das noch zu gebrauchen war. Der Spiegel am Kleiderschrank hatte einen Sprung und die Scharniere der Türen machten auch einen eher gebrechlichen Eindruck. Sie zu öffnen, erschien ihm keine gute Idee, aber es sollte auch nur für eine Nacht sein. Zu dem ganzen Eindruck passte es, dass die Funken nur so aus der Nachttischfunzel schlugen, als er diese anschalten wollte.
Indessen betrat Luna das kleine Badezimmer am Ende des Flurs. Der fensterlose Raum hatte rein gar nichts einladendes an sich. Es war zwar ein funktionales Bad, aber es hatte den Charme einer Fabrikdusche. Ein einfacher Spiegel mit Klammern an die Wand über dem kleinen Waschbecken mit den kalkfleckigen Armaturen befestigt, eine Kloschüssel, eine Badewanne aus Emaille. Alles in einem nüchternen Beige gehalten, wie auch die Fliesen, die nur die halbe Wandhöhe bedeckten. Der Rest war einfach nur grau gestrichen. Seufzend stellte Luna ihr Necessaire auf den Waschtisch und holte ihre Utensilien heraus, die sie sich hinrichtete. Dann schlüpfte sie aus den Klamotten und drehte den Wasserhahn an der Dusche auf. Mit der Hand kontrollierte sie die Temperatur, die nur ganz langsam in Richtung Warmwasser ging. In der Zwischenzeit beschlich sie ein merkwürdiges Gefühl. Als ob sie nicht alleine im Raum wäre. Sie schaute sich um, aber sah natürlich niemanden. In dem engen Badezimmer war ja kaum Platz für Zwei, also wer sollte da auch sein? Und dennoch beklemmte sie das Gefühl. Endlich hatte das Wasser eine angenehme Temperatur erreicht und Luna schlüpfte durch den Duschvorhang aus Kunststoff, stellte sich unter den massierenden und nach dem langen Tag wohltuenden Wasserstrahl. Doch immer noch hatte sie das Gefühl nicht alleine zu sein. Sie spürte förmlich die Blicke auf sich und so schob sie den Vorhang ruckartig beiseite und schaute in das Badezimmer. Natürlich war sie alleine und sie schalt sich selbst für diese Torheit. Langsam wirst verrückt, dachte sie bei sich selbst. Sie seifte ihren Körper ein und der Duft nach exotischen Früchten erfüllte das Bad. Sie genoß die wohltuende Wirkung des Duschgels und vergaß darüber ihre Angst. Nach der Dusche stieg sie aus der Wanne, schlang ihre Haare in ein Handtuch und rubbelte sich mit einem Badetuch trocken. Bevor sie allerdings dieses um ihren Körper schlang bemerkte sie ein anderes Bedürfnis und setzte sich noch schnell auf die Toilette. Nach Verrichtung erhob sie sich und drückte auf die Taste am Spülkasten, welche zwar nachgab, aber lediglich ein schwaches Röcheln zu hören war. Wasser kam keins. Luna stutze und dachte nur, dass das ja passen würde, wenn nun auch noch die Spülung hin wäre. Abermals versuchte sie es, doch wieder kam nur ein Röcheln und Zischen, aber kein Wasser. Sie wollte schon laut fluchen, als sie den kleinen Münzschlitz neben der Taste bemerkte und auf dem verwitterten Schild daneben, das man kaum noch lesen konnte, stand: »1x spülen, 1 Pfund«
»Waaaaas?! Das darf doch wohl nicht wahr sein!«, maulte sie laut und schlang sich in das Badetuch, lief schnurstracks durch den Flur zu Dennis und schaute ihn mit wütenden Blitzen in den Augen an. Er saß auf der Bettkante und warf Luna einen fragenden Blick zu.
»Wo ist Dein Geldbeutel?«, fragte sie ihn und Dennis zeigte auf seine Hose, die er bereits ausgezogen und auf die Kommode gelegt hatte.
»Warum? Wozu brauchst Du Geld?«, fragte er sie.
»Weil hier nicht einmal das Brunsen umsonst ist«, schoss sie Giftpfeile ab, schnappte sich die Pfundmünze und ging zurück ins Bad.
Dennis kratzte sich am Kopf und verstand nichts mehr. Aber das war er schließlich schon von seiner Frau gewöhnt und deshalb beließ er es einfach dabei.
Zurück im Bad warf Luna die Münze in den Schlitz am Spülkasten, drückte die Taste und mit einem satten Wuuuusch, spülte das Wasser die Schüssel durch, dass es eine wahre Freude war. Augenverdrehend stellte sie sich an den Waschtisch, legte Badetuch und Handtuch weg und begann ihre langen schwarzen Haare, die in der Zwischenzeit getrocknet waren, zu kämmen. Das mulmige Gefühl der Beobachtung beschlich sie erneut und immer noch konnte sie nicht sagen, warum nun eigentlich. Doch es war diesmal mehr. Sie meinte jemanden atmen zu hören. Lunas Herz klopfte und sie war nahe an einer Panik. Sie wollte nicht mehr länger in diesem Bad sein. Schnell sammelte sie ihre Utensilien ein, stopfte sie in das Necessaire, sprang regelrecht in den Pyjama und lief mit großen Schritten den Flur entlang zurück ins Zimmer. Erst als sie bei Dennis im Bett lag, fühlte sie sich wieder sicher und wohl. Als er nun aufstehen und ins Bad wollte, hielt sie ihn fest und bat ihn zu bleiben. Er könne sich auch morgen früh waschen, aber jetzt solle er bei ihr bleiben. Also legte sich Dennis wieder hin, nahm seine Frau in die Arme und nach kurzer Zeit fielen beide in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Die ersten Sonnenstrahlen des Tages kamen durch das Fenster und weckten Luna und Dennis auf. Die frische Morgenluft, die durch das offene Fenster hereinströmte, erfüllte den Raum und sorgte dafür, dass beide rasch wach und munter wurden. Dennis' Magen knurrte schon und er freute sich auf das Frühstück, weswegen er nur eine kurze Morgentoilette machen wollte. Luna hingegen verzichtete liebend gerne auf einen erneuten Besuch des Badezimmers. Dennis kam fluchend zurück ins Zimmer, schnappte sich eine Münze aus dem Geldbeutel und ging grummelnd zurück, wo sodann das Wuuuuusch der Spülung ertönte. Angezogen und für den Tag zurechtgemacht, ging das Ehepaar Luniless hinunter, wo Mama McGuby schon mit dem Frühstück wartete.
Einen richtigen Frühstücksraum gab es nicht und so nahm man eben in der Küche am Tisch Platz, wo zwar gedeckt war, aber weder Brötchen noch sonst was zu finden war. Stattdessen hatten sie jeweils eine silberne Servierglocke vor sich. Dennis starrte wie der Ochs vor dem Berg, als er die Glocke anhob, aber statts den Teller darunter freizugeben, hob er diesen nur an. Die Glocke war scheinbar untrennbar mit dem Teller verbunden. Ebenso bei Luna.
»Ja, was ist denn das nun?«, grummelte Dennis und bemerkte am oberen Ende der Servierglocke einen Münzschlitz.
»Da hört sich ja alles auf...«, grollte nun auch Luna und schob nach »bestimmt ein Pfund zum Einstecken!«
In der Tat musste erst eine Pfundmünze in den Schlitz gesteckt werden, sodass diese mit einem Klick den Teller darunter freigab. Danach war die Enttäuschung richtig groß, denn das Frühstück bestand lediglich aus einer Scheibe Toast (leicht verbrannt) mit einer Haselnusscreme bestrichen (und das so dünn, dass man sie kaum wahrnahm) und einer halbvollen Tasse labbrigen Kaffees. Eigentlich mehr dunkel gefärbtes Wasser, damit man es mit Fantasie als Kaffee bezeichnen konnte. Die beiden schauten sehr sparsam, als sie dieses üppige Festmahl erblickten und Dennis bekam schon wieder diese Röte des Zorns ins Gesicht. Er knirschte mit den Zähnen, aber beruhigte sich selbst damit, dass es ja nur für eine Nacht sei. Man aß das bisschen Frühstück, stand auf und ging zurück ins Zimmer, wo man sich für den Tag und vor allem dem Besuch auf Burg Cocotime vorbereitete.
»He, wo willst Du denn hin?«, fragte Luna ihren Mann, der gleich nach dem Verlassen des Pfarrhauses in Richtung Dorfmitte statts auf die Burgsteige zuhielt.
»Zum Gasthaus, was frühstücken«, knurrte Dennis angesäuert und trabte mit großen Schritten davon.
Luna blieb nichts anderes übrig als ihrem Mann zu folgen und in der Tat verspürte auch sie immer noch Hunger. Das üppige Mahl bei den McGubys war eben schottisch. Also geizig in der Menge.
Das Gasthaus von Poppy war bereits geöffnet, doch Dennis stutzte beim Eintritt. Aus dem bunten Raum mit Popcornmaschine wurde über Nacht eine Subwayfiliale. Hinter dem grün erleuchteten Tresen stand Poppy und grinste. Luna dachte nur, dass das irgendwie hier her passte. Ihre roten Haare leuchteten mit dem Grün und Gelb um die Wette. Poppy grinste die beiden an und sagte erstmal kein Wort.
»Äh, wie… was…. Und wieso?«, stammelte Dennis.
»Ach, man muss mit der Zeit gehen«, plapperte Poppy los. »Immer nur Popcorn lockt auch niemand vor dem Ofen vor und so kann ich vieles anbieten. Außerdem bekomme ich das Material gestellt und als Tüpfelchen auf dem i kann ich nach Ladenschluss vom unverkauften Rest so viel essen, wie ich will!«
»Aber… äh...«, stammelte Dennis immer noch.
»Ihr wollt Frühstück, stimmts? Getreu dem Motto: ‚Morgenstund hat Brot im Mund' empfehle ich euch das Bed&Breakfast-Bundle«, sagte Poppy und lächelte so breit, dass sich Dennis dachte, da könne man ein ganzes Clubsandwich quer in die Schnute schieben.
Poppy holte ein kleines Bett aus Pappe unter dem Tresen vor, in dem ein langes Sandwich lag, welches üppig mit allerlei Dingen wie Schinken, Tomate, Käse und vielem anderen belegt war.
»Davon nehmen wir zwei!«, sagte Luna gierig und griff bereits nach dem ersten Sandwich.
Erst jetzt merkte sie, wie hungrig sie wirklich war. Poppy machte in der Zwischenzeit auch Dennis ein B&B-Sandwich und überreichte es ihm lächelnd. Dennis biss herzhaft in das weiche Brot und sein Zorn über das spartanische Frühstück der McGubys verflog in diesem Augenblick. Er griff in seine Tasche, holte den Geldbeutel heraus, entnahm ihm genug Geld, so dass die Rechnung beglichen wurde und zudem ein großzügiges Trinkgeld für Poppy heraussprang. Kauend verabschiedeten sich Luna und Dennis von der jungen Frau und verließen das Gasthaus.
»Nun aber auf zur Burg, sonst kommen wir noch zu spät«, mahnte Luna zur Eile und Dennis trottete ihr wie ein folgsames Hündchen hinterher.
Burg Cocotime war der Inbegriff der schottischen Idylle. Aus groben Bruchsteinen errichtet, wacht die Burg auf einem Hügel über den kleinen Ort am Loch Mama. Die Morgensonne stieg immer höher und vertrieb die Kühle des Morgens. Damit lichtete sich auch der Nebel über dem Wasser von Loch Mama und gab den Blick frei auf eine dunkelblaue ruhige Fläche, die im Sonnenlicht glitzerte. Natürlich betrat man die Burg stilecht über eine Zugbrücke aus dunklem Holz, die an schweren Ketten eingezogen wurde, als sich im rauen Mittelalter Feinde näherten. Heutzutage nähern sich nur Touristen und eine Traube dieser stand bereits vor dem Eingang, wartend auf die Führung durch die Burg. Eine kleinere, schon etwas betagte Dame, die sich mit Conny Rainbow vorstellte, begrüßte die Truppe und bat alle Teilnehmer der Burgführung ihr in das Innere des Gemäuers zu folgen. Auch Luna und Dennis folgten gespannt diesem Ruf.
Die Führung zog sich durch schier endlose Gänge und Kammern, wo man viele Utensilien des Lebens längst vergangener Zeiten bestaunen konnte. Ebenso wie man die Kleidung im Wandel der Mode betrachten durfte. Nicht zuletzt wurden auch die Ahnenbilder gezeigt, die in kunstvollen Rahmen die Wände schmücken und Miss Rainbow wusste zu jedem eine mehr oder weniger unterhaltsame Anekdote zu erzählen. Sie war mit allen Wassern gewaschen ihr Publikum in Bann zu halten und hatte wirklich zu allem eine Geschichte zu erzählen. So auch die Sage von Gurki, dem Seeungeheuer, das in den Tiefen von Loch Mama hausen soll. Die Bewohner des Ortes fürchteten sich so sehr vor diesem Ungeheuer, weil einst eine junge Frau am Ufer des Sees spurlos verschwand und man Gurki dafür verantwortlich machte. In Zeiten des finsteren Mittelalters opferte man ihm am Ufer eine dunkeläugige brünette Jungfrau, nur damit Gurki den Ort verschont und ein weiteres Jahr verborgen im Loch Mama bleibt. Dennoch sah man ihn immer wieder durch die Nebelschwaden seinen Kopf aus dem Wasser strecken, Ausschau haltend nach neuen Jungfrauen.
»Bis heute wird Gurki erblickt«, schloss Miss Rainbow ihren Vortrag, »doch nie wurde es fotografiert. Und Jungfrauen opfert man auch schon seit einer geraumen Zeit nicht mehr.«
Die Touristen lachten und applaudierte dem gelungenen Vortrag. Bevor es nun in die Schatzkammer ging, bat Miss Rainbow die Besucher zu warten.
»Aber nun, meine Damen und Herren«, sagte sie geheimnisvoll, »wird es Zeit, dass Sie die Burgherrin kennenlernen!«
Mit einer ausladenden Handbewegung zeigte sie auf eine große Tür, deren Flügel sich öffneten und Lady Coco betrat den Raum. Die Besucher applaudierten ihr wie einem Star, der die Bühne betritt. In der Tat hatte der schreiend bunte Mantel, den Lady Coco trug, wirklich etwas von Showbiz und stand in krassem Gegensatz zu der schlichten schwarzen Hose und dem ebenso schlichten schwarzen Oberteil, das sich unter dem Mantel verbarg. Ihre schwarze Brille rundete das Gesamtbild ab und ließ ihre Erscheinung wie die erwartete Exzentrik der Adligen wirken. Doch schon mit der Begrüßung der Gäste schwang eine Sympathie mit, die ganz und gar fern adliger Hochnäsigkeit war und die Herzen flogen Lady Coco nur so zu.
»Du, schau mal«, raunte Luna Dennis zu und stupste ihn in die Seite, »der Anhänger an ihrer Halskette.«
»Was ist damit?«, fragte Dennis, der wohl auf andere Stellen lieber achtete, als auf irgendeinen Schmuck.
»Das ist doch die gleiche goldene Nuss, wie da auf dem Bild«, sagte Luna und wies auf ein Ahnengemälde, das eine Vorfahrin von Lady Coco zeigte, die in der Tat dieselbe goldene Nuss um den Hals trug.
Fortsetzung folgt....
