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Das Medaillon - Eine Kurzgeschichte aus der Adam Winzir Reihe

Skintin
30. März 2026(bearbeitet)
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Das Medaillon



Hufgetrappel ist in einer Kaserne nichts Außergewöhnliches, deshalb schaute ich auch nicht aus meinem Fenster, sondern blieb am Tisch sitzen und schrieb weiter. Doch als ich das Gepolter von Reitstiefeln in meinem Vorzimmer hörte, schaute ich auf und sah zu meinem Erstaunen einen dünnen schwarz gekleideten Zivilisten vor mir stehen. Er hielt einen Bowler mit beiden Händen vor seiner Brust, präsentierte mir stolz seine etwas zu hohe Stirn und fragte:

„Oberleutnant von Winzir?"

Die Leute hatten anscheinend in der Schule noch nie etwas von Scharnhorst gehört. Ständig dachten sie fälschlicherweise, ein Offizier müsse adelig sein. Ehrlich gesagt versetzte mir das stets einen kleinen Stich, wenn ich ständig sagen musste, dass ich nicht adelig bin. Ich sollte das langsam mal ändern.

„Oberleutnant ja, aber Winzir reicht", sagte ich und rief in das Vorzimmer: „Klaasen! wie kommt der Zivilist hier rein?"

Keine Antwort.

„Klaasen haben wir rausgeschickt", sagte der schwarze Mann. „Ich heiße von Ansitz, Seine Exzellenz schickt mich Sie abzuholen Herr ... Winzir. ER möchte mit Ihnen sprechen."

Ich rief: „Klaasen, wir sind hier nicht im Gymnasium, Ihre Pennälerscherze gehen mir zu weit. Schaffen Sie Ihren Komiker hier heraus. Sofort!" Ich fühlte eine dunkle Wut in mir aufsteigen; Klaasen machte häufig Scherze mit anderen, ging mir damit aber trotzdem auf den Geist, wir waren hier schließlich nicht auf dem Pausenhof.

„Klaasen haben wir rausgeschickt", wiederholte der Mann seelenruhig, als hätte ich den Schwachsinn nicht gehört. Niemand schickte meine Ordonanz weg.

Ich stand auf und drängelte mich mit rotem Kopf an dem Mann vorbei. Zwei Schritte später stand ich in meinem Vorzimmer. Dort salutierten mir zwei Offiziere des preußischen Gardekorps mit Kürass und allem Drum und Dran. Klaasen winkte durch die offene Tür vom Flur her mit dämlichem Grinsen. Ich erwiderte weder den einen noch den anderen Gruß, sondern stürzte ohne ein Wort ans Fenster. Unten standen sechs Pferde und zwei weitere Kürassiere im vollen Putz. Eines davon war Grimm, mein Pferd, voll gesattelt und gezäumt.

Ich drehte mich um und fragte mit finsterer Miene: „Was soll das Theater? Bin ich verhaftet?"

Von Ansitz war mir in mein Vorzimmer gefolgt und antwortete leicht amüsiert: „Ich verstehe das Winzir, der Kaiser schickt wohl nicht oft nach Ihnen. Keine Sorge, Sie sind nicht verhaftet. Im Gegenteil, Sie haben eine Audienz!"

Ich schloss wütend den Kragen, nahm meinen Pallasch vom stillen Diener und befestigte ihn am Koppel. Mit der Schirmmütze in der Hand trat ich auf den Flur hinaus und blieb vor Klaasen stehen, dass sich unsere Nasenspitzen fast berührten. „Oberfähnrich, wenn Sie heute nichts mehr von mir hören sollten, gehen Sie abends direkt zur Wache der Feldgendarmerie und melden persönlich den Vorfall!"

Er nickte, nun mit ernster Miene, schlug die Hacken zusammen und sah mir nach wie ich dem Tross voraus den spiegelblanken Flur hinabmarschierte.



✠


Für Mitte Dezember hatten wir schönes Wetter: Die Mittagssonne schien und in meinem schweren Reitmantel gewickelt ließ es sich aushalten. Schweigend genossen wir den Ritt. Zu meiner Verwunderung ritten wir aber nicht über Steglitz nach Berlin, sondern über Dahlem, vorbei an der Domäne, die Berlin mit Milch versorgt. Als wir aber an der alten Waldschenke nach Schmargendorf abbogen, war klar, dass wir nicht zum Stadtschloss, sondern zum Schloss Charlottenburg ritten. ‚Der Kaiser möchte wohl nicht mit mir gesehen werden', dachte ich und schmunzelte. Die anderen dachten anscheinend nichts, sie schauten die ganze Zeit stur geradeaus, wie während einer Parade. Wir ritten also schweigend durch die Spargelfelder am Neubau der Siedlung Halensee vorbei auf den Kurfürstendamm. Bereits am Beginn der Schloss Straße, dem Karpfenteich des Lietzengrabens, konnte man jetzt im Winter, da die Linden sich ihrer Blätter entledigt hatten, das Schloss sehen. Es war ein imposanter Anblick: Es strahlte in der Wintersonne in quitteähnlichem Gelb am Horizont.

Wir ritten an der Wache vorbei in den Ehrenhof ein und hielten direkt vor dem Eingang des mittleren Hauptgebäudes. Für die Wachmannschaft schien von Ansitz kein unbekannter zu sein. Mit kurzem Gruß ließen sie uns ohne weiteres passieren. In der Halle des Schlosses sollte ich mich auf eine kleine Plüschbank setzen und warten. Meine Begleiter zogen ab, von Ansitz setzte sich neben mich, nachdem ein livrierter Diener uns die Mäntel abgenommen hatte.

„Da wären wir nun also", sagte er, „Sie waren noch nie hier?"

„Drinnen nicht, aber ich bin in Charlottenburg aufgewachsen, allerdings drüben in der Friedbergstraße hinter dem Amtsgericht."

„Ach was, hat Ihr Vater bei Gericht gearbeitet?" Jetzt sah er wirklich interessiert aus.

„Ja, aber er war nur Gerichtsschreiber, im Criminalgericht gegenüber. Mit den Beziehungen dort hat es dann gereicht, mich auf die Kadettenanstalt zu schicken."

„Sie wissen es vielleicht noch nicht Winzir, aber Sie stehen gerade am Anfang Ihrer Karriere. Mehr sage ich dazu lieber nicht." Sein Gesicht sah nun gütig aus. „Eins noch: Ihren Pallasch legen Sie bitte da drüben in die Kiste, den werden Sie hier nicht brauchen. Sie werden gleich abgeholt." Er zwinkerte mir zu, drehte sich um und verschwand hinter einer Kabinetttür in der Wand.

Ich tat wie mir geheißen und wartete ab, was nun geschehen sollte. Da kamen auch schon zwei Gardesoldaten, aber ohne Stiefel, sie trugen nur leichte Halbschuhe. Ein seltsamer Anblick, irgendwie lächerlich. Trotzdem schauten sie sehr ernst, als sie mich in Ihre Mitte nahmen und die langen Flure entlang eskortierten. Wir blieben vor einer großen Doppeltüre stehen, die von zwei weiteren Uniformierten bewacht wurde. Einer öffnete mir, ohne anzuklopfen, die Tür und gab mir ein Handzeichen einzutreten.

Ich betrat einen rechteckigen Saal, in den meine Wohnung mehrmals hineingepasst hätte. Die Wand gegenüber hatte etwa zehn Fenster, welche fast vom Boden bis zur Decke reichten und einen wunderbaren Blick auf den verschneiten Schlossgarten freigaben. Wir waren im neuen Flügel, hier waren die Räume ohnehin größer als im Altbau, aber die Weite des Saales überraschte mich trotzdem. An der linken Seite, ich konnte sie kaum erkennen, befand sich ein großer Kamin mit einem riesengroßen Gluthaufen darin. Links am Kamin lehnte eine große, massige Gestalt mit Vollbart, vor dem Kamin befand sich ein breites Ledersofa, auf dem ein Mann saß, von dem ich lediglich dessen Hinterkopf sehen konnte.

Der Bärtige war der Kaiser.

Ich hatte es bis zum letzten Augenblick nicht für möglich gehalten den Kaiser zu treffen. Man muss sich das einmal vorstellen: ER sitzt beim Frühstück und sagt zu einem Diener, 'Ach übrigens muss ich den Winzir heute sprechen, holen Sie den mal'. Was für eine Vorstellung! Aber so oder so ähnlich musste es ja wohl gewesen sein.

Ich wartete völlig eingeschüchtert, dass er etwas sagte, oder sollte ich einfach militärisch grüßen – das war eigentlich immer richtig und mir sehr vertraut. Wegen der ganzen Eindrücke verging etwas Zeit, während der ich wie angeleimt dastand. Einfach nur so dastand. Eigentlich war ich als Berliner nie verlegen, uns konnte nichts überrumpeln, denn hier geschah stets das unerwartete. Aber der Kaiser?

Der Kaiser.

Er tat etwas, das ich überhaupt nicht erwartet hatte: Er griff sich in den Bart, nickte mir zu und verließ den Saal durch eine Türe neben dem Kamin, ohne etwas zu sagen. Die Tür schloss sich leise hinter ihm und das war's wohl mit meiner Audienz. Hatte ich es verbockt? Hinter mir verließen die beiden Wachsoldaten, ich hatte gar nicht gemerkt, dass sie hinter mir mit eingetreten waren, leise den Saal und ich war alleine mit dem Hinterkopf auf dem Sofa.

„Na, Winzir, wie gefällt es Ihnen hier? Entschuldigen Sie die weite Anreise. Wir hätten uns auch in Sodtkes Restaurant in der Mulackritze treffen können, aber wir dachten, hier haben wir es bequemer. Was meinen Sie Adam?"

Die Stimme kam mir bekannt vor, aber ich konnte sie an diesem Ort irgendwie nicht einordnen. Ich riet: „Der Höchstleuchtende Landesgroßmeister?"

„Nicht so förmlich Adam, wir sind hier unter uns. Wir werden ein bisschen Vertrauen brauchen für die Aufgabe, die vor Ihnen liegt, da sind Förmlichkeiten hinderlich. Nennen Sie mich doch bitte Fedor"

„Herr Generalmajor, … Fedor, Ich dachte Sie sind in Mainz?"

„Sehen Sie mal Adam, ich bin extra wegen Ihnen nach Charlottenburg gekommen, damit Sie es nicht so weit haben", er kicherte leise, „an der Angelegenheit, die wir Ihnen übertragen wollen, liegt uns sehr viel, da wollte ich es Ihnen leichter machen ihn anzunehmen."

„Oh! Das heißt, ich kann ablehnen? Das hatte ich noch nicht."

„Spaß bei Seite Adam, setzen Sie sich neben mich und nehmen Sie sich einen Bärenfang, einen Doppelten. Das wird eine handfeste Sache." Er schlug dabei mit der flachen Hand auf die Sitzfläche neben sich, ich hörte das Klatschen durch den ganzen Saal. Zwar war ich immer noch beeindruckt, aber mit dem Landesgroßmeister war die Stimmung bereits etwas brüderlicher.



✠


„Haben Sie schon von Bruder Schiffmann gehört, dem Provinzialmeister von Pommern?"

„Nein nicht so viel", ich dachte angestrengt nach.

„Er hatte vom damaligen Kronprinzen Friedrich Wilhelm den Auftrag bekommen, die behaupteten Ursprünge des Schwedischen Systems in den Eckleffschen Akten wissenschaftlich zu beweisen. Er kam auch zu Ergebnissen – infolgedessen kam es zum Zerwürfnis mit dem Kronprinzen…"

Jetzt war ich wieder im Bilde: „Der Schiffmann-Streit! Haben Sie den Bruder Schiffmann nicht damals von der Royal-York wieder zurückgeholt?"

„So war es Adam, die Anschuldigungen waren haltlos und seine Forschung brillant. Wegen der Eckleffschen Forschung hatte er sich auch mit Andrew Michael Ramsay beschäftigt. Können Sie auch mit diesem Namen etwas anfangen?"

Ich schüttelte ernsthaft den Kopf.

„Ein Schotte, der Anfang des 18. Jahrhunderts wegen des Spanischen Erbfolgekrieges nach Frankreich kam. Er wurde Katholik und…", er machte eine bedeutungsvolle Pause, „wurde der Erzieher des kleinen Karl Eduard, dem Sohn des vertriebenen Jakob III, dem ‚Old Pretender'."

„Ach was! Jakobiter und Stewards…eine interessante Sache in Bezug auf unsere Hochgrade", platzte es aus mir heraus. Die Geschichte wurde jetzt richtig spannend.

„Eben", bestätigte Fedor, „Der Schotte also, war Freimaurer und hielt in Paris 1727 eine berühmte Rede zur Reformierung der Freimaurerei. Einige seiner Thesen waren umstritten, z.B. leitete er die Johannisfreimaurerei fälschlicherweise von den Johannisrittern ab und man mutmaßte, dass er Ritter-Hochgrade erfand, um die Freimaurerei katholisch zu machen. Das auch noch aus politischen Gründen, um seinen Zögling in England wieder auf den Thron zu setzen."

„Ja, da könnte es brisante Forschungsergebnisse geben", stimmte ich zu.

„Ich will damit nur sagen: Er kannte sich aus. Nun hat es sich also im Zuge der Forschungen Schiffmanns ergeben, dass gehofft werden kann, bisher unveröffentlichte Unterlagen des Schotten, insbesondere einem bisher unbekannten Hochgradritual, zu finden."

Ich hörte mit offenem Mund zu. Er setzte noch einen drauf:

„Und wir glauben zu wissen wo."

Ich klappte meinen Mund zu, griff nach dem Bärenfang und stürzte ihn hinunter. Der Landesgroßmeister tat es mir nach.

„Was sagen Sie dazu Adam? Der Auftrag liegt auf der Hand, nicht wahr?"

Nachdem ich mich damit abgefunden hatte, eine Expedition für den Orden anzuführen, brannte ich darauf die Einzelheiten zu erfahren.

„Einverstanden, aber wie stellen Sie sich das vor?"

Er setzte sein Glas ab und nahm ein weißes Portfolio vom Tisch.

„Sie werden, am besten morgen früh, aufbrechen. Wir unterstellen Ihnen ein kleines Kontingent des Gardes du Corps aus Potsdam. Dann geht es mit der Kanonenbahn nach Metz. Lothringen gehört jetzt zum Reich, von dort werden Sie zu einer Klosterruine reiten, um die Unterlagen zu bergen und nach Berlin zu bringen. Ach, und Sie werden Klaasen mitnehmen, wir wollen Ihn endlich zum Leutnant machen – aber ohne Kriegserfahrungen…", er wackelte mit dem Kopf.

„Sie erwarten einen Konflikt?" fragte ich, nicht besorgt, aber neugierig, auf was ich mich da einstellen müsste.

„Keinen Konflikt, aber eigentlich ist Lothringen nicht wirklich befriedet. Mindestens ist die Bevölkerung noch nicht ganz auf unserer Seite – in Bayern zwar auch nicht…", er legte den Kopf etwas schief und lächelte mich an.

Ich lächelte zurück. „Na, in Bayern sollte man auch immer ein paar Mann dabeihaben."

„Und es gibt dort noch Räuberbanden, die wir noch nicht gehängt haben, Adam. Den Franzosen können wir nicht trauen, in Lothringen wird es einige Spione geben. Sie werden uns, wenn alles so klappt wie wir uns das vorstellen, einen regelrechten Schatz mit nach Hause bringen. Rein, Raus, aus die Maus. So machen wir das."

Ich stimmte ihm zu: „und vor Weihnachten wieder zuhause."

„Sie werden das Kind schon schaukeln, Hauptmann", sagte Fedor, und als ich ihn korrigieren wollte: „Ach, das hätte ich ja fast vergessen!" Er reichte mir einen Umschlag. „Ihre Urkunde."

Nun also völlig überrascht nahm ich zögerlich den Umschlag und öffnete ihn: Meine Ernennungsurkunde zum Rittmeister! „Hoffentlich werde ich Sie nicht enttäuschen, bei so viel Vorschusslorbeeren!" stammelte ich.

„Keine Sorge Adam", lachte er. „Dann können wir Sie degradieren und Sie haben nichts verloren!"

Das gefiel mir.


✠


Bereits am nächsten Morgen traf ich mich mit Klaasen am Bahnhof Charlottenburg, dem neuen Startbahnhof der ‚Kanonenbahn'. Sie diente während des Deutsch-Französischen Krieges als Nachschublinie. Jetzt wo das Elsass-Lothringische Gebiet Teil des Deutschen Reiches war allerdings auch, denn man war stetig dabei die Gegend militärisch zu befestigen, falls es zu einem erneuten Konflikt kommen sollte. Militär sollte es also an unserem Zielort genügend geben, aber Berlin misstraute den dort stationierten, weil viele davon keine Preußen waren und weil dort viele Spione vermutet wurden. Das liegt in der Natur der Sache: Soldaten liieren sich in der Garnison, die einheimischen Frauen haben Brüder – das war's dann auch schon mit der Geheimhaltung.

Wir fuhren zunächst nach Potsdam, um dort die Kameraden vom Garde du Corps aufzunehmen. Sie waren nicht zu übersehen. Vielleicht wollten sie einen guten Eindruck machen und das war ihnen auch gelungen - aber eine unauffällige Expedition würde das nicht. Um nicht aufzufallen hatten Klaasen und ich unsere ‚kleinen Dienstanzüge' an, unbewaffnet, nur mit Schirmmütze. Unsere Ausrüstung hatten wir in Kisten verpackt, die wir später in Metz in der Kaserne lagern konnten. Unsere Garde hingegen war komplett aufgerödelt: mit Pallasch, Kürass, Helm und fast drei Meter groß, auch ohne Pferd. Die hatten wir wenigsten hierlassen können, um ihnen die Aufregung der langen Reise zu ersparen.

Wir waren allesamt Kavalleristen und kamen daher sehr schnell ins Gespräch. Sie waren gute und kluge Kameraden, kriegserfahren und äußerst diszipliniert. Es waren fünf Feldwebel und Wachtmeister mit ihrem Rittmeister. Mir gefiel es immer unter unseresgleichen. Uns verband die Liebe zum Pferd und ich wurde endlich als Rittmeister angesprochen – Infanteristen sagen immer ‚Hauptmann', wieviel weniger das doch ist als ein ‚Rittmeister'! Leider musste ich noch meine alte Uniform tragen, das Umschneidern würde lange dauern, aber sie waren instruiert, dass ich der Leiter der Expedition sei. Soldaten konnten damit umgehen. In Metz sollte noch ein weiterer Expeditionsteilnehmer auf uns warten, den wir nicht einordnen konnten, ich wusste lediglich, dass er direkt vom Orden kam.

Während der Fahrt, sie würde mindestens bis morgen Abend dauern, wenn alles klappte, besprachen wir die Einzelheiten zur Umsetzung unseres Auftrages. Die Kürassiere waren von ihrem General vergattert worden, aber Klaasen hatte es zuhause von seinem Vater erfahren. Da musste ich in Zukunft mal etwas genauer hinschauen, was für eine Familie das wohl war. Wir würden nach Metz fahren, uns dort in der Steinmetz-Kaserne melden, um unsere Pferde sowie zusätzliche Ausrüstung, Proviant und Munition in Empfang zu nehmen. Dann, mit Einbruch der Nacht, würden wir die etwa 20 Kilometer zur Klosterruine reiten, den Schatz ausgraben (er sollte sich im Grab eines Abtes befinden) und direkt wieder, ohne Geplänkel, in die Bastion zurückreiten. Uns allen war klar, dass das, trotz der geringen Entfernung, vielleicht nicht zu halten war, denn wir hatten bereits Winter. Der Boden würde gefroren sein und es konnte jederzeit ein Sturm aufkommen, vor dem wir Schutz suchen müssten, vielleicht weit ab der Strecke. Und genau so sollte es kommen.

In Metz kamen wir leider nicht sehr erholt an. Das Ruckeln des Zuges wirkte vielleicht noch einschläfernd, das überraschende Kreischen und Quietschen hingegen, das meist völlig unvermittelt einsetzte, weckte uns regelmäßig. In der Dritten Klasse, die wir eigentlich gewohnt waren, war es außerdem bitterkalt. Auf dem Rückweg würde ich die Zweite Klasse notfalls selbst bezahlen.

Obwohl es bereits spät am Abend war, wurden wir vom Kasernenkommandanten persönlich empfangen. Ungewöhnlich um diese Zeit, aber er hatte ein Kabel aus Berlin bekommen und war sehr gespannt auf unsere Gesandtschaft. Ich zeigte ihm meine Kaiserliche Urkunde, die ihn tief beeindruckte. Damit war ich persönlich beauftragt, in Seinem Sinne (unter Beachtung der geltenden preußischen Gesetze) zu handeln. Was auch immer das heißen mochte. Wir waren nett, sagten ihm aber kein Sterbenswörtchen, obwohl er alles daran setzte etwas aus uns herauszubekommen.

Am dritten Tag unserer Reise hatten wir genügend Zeit, die Stadt und unseren neunten Mann, Pierre, etwas kennen zu lernen. ‚Pierre', oder wie auch immer er wirklich heißen mochte, war wirklich sehr besonders. Da er direkt vom Orden entsandt wurde und auch Papiere dabeihatte, die das legitimierten, nahmen wir ihn vertraulich in unseren Kreis auf; und doch war er der Prototyp eines französischen Spions. Man merkte sofort, dass er es nicht gewohnt war in einer Mannschaft zu sein. Er war im Gegensatz zu uns eher zierlich: klein, dünn, schwarzhaarig und -äugig, in unserem Alter, vielleicht auch etwas drüber, aber gewiss noch keine vierzig. Seine Kleidung war das wirklich seltsame an ihm: Eine Art Phantasieuniform in schwarz, mit viel zu engen Beinkleidern und einer Uniformjacke in Strick. Er kannte sich allerdings in der Gegend bestens aus, zeigte uns die Stadt und sprach fließend Französisch. Am Abend sollte es losgehen, deshalb verbrachten wir den Nachmittag damit unsere Ausrüstung zu überprüfen und unsere Pferde kennen zu lernen. Sie hatten uns wirklich gute Gäule ausgesucht, ich hatte schlimmeres befürchtet, denn es gibt ja niemand sein Lieblingspferd für eine solche Mission in fremde Hände. Wir hatten nun noch zusätzliches Pioniergerät dabei und deshalb auch einen zusätzlichen Maulesel für die Last und einen weiteren für die Beute.


✠


Kurz vor Einbruch der Dunkelheit ritten wir aus dem Nordosttor der Steinmetz-Kaserne heraus, ein stückweit an der Mosel entlang und schließlich Richtung Vigy. Am Ortseingang, auf einem Schild, sahen wir, dass Vigy einen Adler im Wappen trug, das Emblem Johannes des Evangelisten. Das deuteten wir als gutes Zeichen für unsere Mission. Es war jetzt schon sehr kalt, doch in fortgeschrittener Nacht, wenn es noch kälter wäre, würden wir arbeiten müssen, dabei würde uns warm werden, da war ich mir sicher. Hinter Vigy trafen wir auf die Canner, einen Zufluss der Mosel, nach dessen Überquerung die waldigen Hügel begannen. Auf einer kleinen Landstraße erreichten wir in fast absoluter Dunkelheit den kleinen Ort Sankt-Hubert. Der Ort wurde nach dem Heiligen Hubertus von Lüttich benannt, dem Schutzpatron der Jäger – was sollte jetzt noch schiefgehen? Von dort führte ein direkter Pfad durch den Wald direkt zur Klosterruine von Weiler-Bettnach.

Das Kloster wurde um 1130 als Zisterzienserabtei gegründet, um 1790 aber aufgegeben, seitdem verfällt sie. Als der Schotte Ramsay die Reformation der Freimaurerei plante und später vielleicht ein geheimes, von ihm gegründetes Ordenskapitel aus Genf die berühmten zerschnittenen Bögen an Eckleff sandte, war die Abtei noch vollumfänglich in Betrieb und wäre als Zisterzienserabtei durchaus geeignet gewesen, als Rückzugsort für vermeintliche Tempelritter zu dienen.

Frohen Mutes, allerdings bereits sehr durchgefroren, erreichten wir die Ruine. Der Vollmond war teilweise durch dichte Wolken verhangen. Eiskristalle schwebten, vom Wind zum Tanzen gebracht, glitzernd um uns herum. Schnell fanden wir das uns beschriebene Grab. Die Gräber waren alle anonym, da die Mönche damit das Demutsgebot befolgten, aber auf dem von uns gesuchten war ein kleiner Akazienzweig eingemeißelt. Wir gruben mit vereinten Kräften im gelblichen Schein unserer Pionierlampen, die wir um unsere Baustelle herum in die Büsche gehängt hatten. Tatsächlich stießen wir, nachdem wir die Frostschicht durchstoßen hatten, bald auf etwas hartes. Da wir nicht wussten, ob uns eine gefährliche Vorrichtung erwartete, trugen wir dicke Lederhandschuhe und lange Pionierschürzen. Gemeinsam hievten wir mühsam eine große bleierne Kiste an die Oberfläche. Sie ließ sich nicht öffnen, aber das war auch nicht unsere Aufgabe. So luden wir sie auf das dafür vorbereitete Maultier und umwickelten sie zur Tarnung mit den Lederschürzen. Dann schütteten wir die Grube sorgfältig zu. Abgesehen von dem fehlenden Schnee auf dem Grab würde man nicht bemerken, dass hier heimlich gegraben wurde. Aber wenn es so weiter schneite, wäre auch das in einigen Stunden kein Problem mehr. In der Aufregung über unseren Fund hatten wir nicht gemerkt, dass das Schneetreiben an Kraft ständig zugenommen hatte. Wir mussten uns beeilen, um es noch vor dem aufziehenden Unwetter nach Metz zurückzuschaffen.

Bereits nach kurzem Ritt, nicht weit hinter Sankt-Hubert, wurde uns klar, dass wir es nicht rechtzeitig schaffen würden. Wir beschlossen irgendwo Schutz zu suchen, am geeignetsten erschien uns ein verlassener Hof, falls es in dieser Gegend so etwas gab. Zurück zur Ruine konnten wir nicht. Falls wir dort bis morgen festsitzen würden, wären wir bestimmt von einer Entdeckung gefährdet. Der Schnee und das Tosen des Windes wurden schnell so stark, dass wir kaum noch etwas sehen konnten. Als schnellen Schutz ritten wir vom Weg ab durch den dichten Wald. Wir kamen an eine Lichtung, auf der eine Windmühle stand, von ihr führte ein Weg zu einem Dorf hinunter, vermutlich nach Bettsdorf. Der Sturm wurde immer stärker so, dass wir beschlossen, dort einzukehren – notfalls auch gegen den Willen der Bewohner.

Doch wir hatten Glück: Die Mühle schien leer zu stehen. Die Ställe boten genügend Platz für die Pferde und Maultiere und, nachdem wir die Hintertüre erbrochen hatten, sahen wir, dass die Innenräume in gutem Zustand waren. Wir hatten den optimalen Lagerplatz gefunden und würden hier ausruhen können, um unsere Reise am frühen Morgen fortzusetzen.


✠


Im Vorderen Bereich der Mühle befand sich ein kleiner Schankraum mit einem Kamin aus Feldstein. Daneben lagen, sauber aufgeschichtet, Spalthölzer, um ein wärmendes Feuer für die restliche Nacht am Brennen zu halten. Zur Not könnten aber auch noch die Stuhl- und Tischbeine als Brennholz herhalten. Nur zu Trinken gab es leider nichts in der Kneipe - man konnte nun mal nicht alles haben.

Nach einer Weile, wir hatten uns gründlich umgesehen, legte sich der Sturm, aber wir beschlossen, nach den Aufregungen und der anstrengenden Arbeit der Nacht, trotzdem bis zum Morgen hier zu bleiben. Die anderen verzogen sich in die hinteren Räume zum Schlafen, Klaasen und ich blieben mit Pierre vor dem Kamin sitzen. Nach einer Weile, es war draußen noch dunkel, wachte ich auf, weil mich etwas berührt hatte. Klaasen? Er schlief einen Meter entfernt, in seine Reitdecke gewickelt wie ein Toter, ohne einen Mucks. Er konnte es also nicht gewesen sein und Ungeziefer wird es um diese Jahreszeit hier nicht geben. Pierre hatte sich weiter weg, hinter den Tresen gelegt, ich konnte von Weitem seine Stiefel sehen. Was war es also gewesen?

Da, schon wieder - eine zarte Berührung an meinem Hinterkopf! Ich drehte mich schnell um…da stand ein kleines Mädchen vor mir. Hielten sich ihre Eltern vielleicht in der Mühle versteckt? Sie sprach zu mir, aber ich hörte kein Wort. Seltsam. Sie hatte ein hellblaues kurzes Kinderkleidchen an, war aber barfuß und trug sonst weder Schal noch Mütze, lediglich ein Amulett oder Medaillon um den nackten Hals: Sommerkleidung.

Trotz des mühsam glimmenden Gluthaufens im Kamin musste es im Zimmer um die Null Grad kalt sein. Warum fror sie nicht? Ich schätzte sie auf etwa fünf Jahre, Kinder in dem Alter konnten bei diesen Temperaturen doch nicht überleben. Selbst hier im Haus würde sie über kurz oder lang erfrieren müssen. Ihr Gesicht allerdings, wirkte rosig. Hätte ich doch nur verstehen können, was sie sagte. Ich versuchte es von ihren Lippen abzulesen, vielleicht war es Französisch, ja ganz bestimmt, aber das brachte uns nicht weiter. Sie schien das zu begreifen, denn nun begann sie damit, aufgeregt zu einem Fenster zu zeigen. Ich schaute zu Klaasen und überlegte, ihn zu wecken, damit er Zeuge würde, aber sie sah so verzweifelt aus, dass ich dachte es würde drängen. So stand ich auf und ging zu dem Fenster. Ich sah nichts. Als ich mich umdrehte, war sie nicht mehr zu sehen. Ich verstand das nicht. Träumte ich?

Plötzlich sah ich aus dem Augenwinkel doch etwas da draußen. Ich ging näher an das Fenster heran und starrte konzentriert in die Dunkelheit. Jetzt sah ich es: Schatten! Sie huschten von Baum zu Baum, von Hecke zu Hecke. Rings um das Haus, soweit ich sehen konnte. Ich konnte den Blick gar nicht abwenden vor Grauen. Sollten wir eingekreist und überfallen werden? Sofort weckte ich Klaasen, er verstand schnell, als ich nach draußen zeigte und verschwand, ohne weitere Fragen zu stellen, nach hinten, um die anderen zu alarmieren. Kurz darauf kamen sie geduckt, um nicht durch das Fenster von außen gesehen zu werden in das Zimmer. Sie waren glücklicherweise sehr erfahrene Kameraden und hatten solche Situationen bereits mehr als ein Mal durchstanden. Wenn die Angreifer nur nicht die Mühle anzündeten! Aber das war dank der Wetterlage sehr unwahrscheinlich.

Flüsternd und mit Handzeichen verabredeten wir unser Vorgehen. Das war in solch einer Situation allerdings immer dasselbe. Wir mussten uns nur die Aufgaben aufteilen. Klaasen, Pierre und ich griffen unsere Revolver und Säbel, kippten Tische in Richtung Eingangstür um und warteten auf die Eindringlinge. Im hinteren Bereich des Hauses würden die Kürassiere durch die von uns als Eingang benutzte Tür und durch die Fenster unauffällig ins Freie dringen, um später in die Rücken der Angreifer zu fallen, wenn sie auf die Eingangstüre angriffen. Wir konnten nur hoffen, dass es sich um keine erfahrenen Söldner handelte. Und unsere Bitte wurde erhört: Es stellte sich heraus, dass es sich um eine große, aber dumme und leichtfertige Räuberbande handeln musste, denn die Tür sprang mit einem Knall auf und die Angreifer stürzten mit einem Riesengetöse in die Wirtsstube. Zivilisten hätte das Angst gemacht, wir hingegen konnten nun besser zielen.

Es erwarteten sie mehrere gezielte Salven und das Ergebnis war selbstverständlich ein Haufen Verletzter und Toter. Wir sprangen auf und hieben auf sie ein bis weiter keine Gegenwehr mehr zu erwarten war. Nun hörten wir auch draußen Kampfeslärm und Geschrei. So stürzten wir ebenfalls nach draußen, um den Angreifern wiederum in den Rücken zu fallen und unsere Kameraden zu unterstützen. Am Ende des Geplänkels lagen etwa sechs tote Räuber vor uns, drei konnten wir lebendig fangen. Der Rest war panisch entsprungen. Auf unserer Seite war ein Wachtmeister schwer verletzt, weil er hinten die Tür geöffnet hatte, welcher ein Räuber bewachte. Sie hatten sicher nicht mit einer so großen Anzahl von Gegnern gerechnet, deshalb ließen sie dort nur einen Posten zurück. Er schoss sofort, als der Soldat in der Tür erschien, allerdings bewahrte den sein Kürass vor dem sicheren Tod. So sollte das sein. Die anderen überwältigten ihn schnell und eilten zur Vordertür, wo sie der Nachhut der ersten Angriffswelle in die Flanke stießen. Mit unserem Nachrücken von innen war das Schicksal der Halunken besiegelt.

Wir banden die Überlebenden in der Schankstube fest und ließen sie von Pierre bewachen, während wir aufräumten. Ich diskutierte mit dem anderen Offizier, ob wir die Gefangenen ehrenhaft standrechtlich erschießen oder als Räuber besser aufhängen sollten, während die anderen Männer die Leichen hinter das Haus brachten, um sie dort zu verscharren oder wenigstens würdevoll liegen zu lassen. Während des Disputes riss der Offizier an dem gefesselten vermeintlichen Räuberhauptmann herum, wir waren noch ziemlich erregt, da sah ich etwas, was meine Einstellung zur Bestrafung der Spitzbuben schlagartig änderte: Das Medaillon.

Er trug das Medaillon des kleinen Mädchens um den Hals!

Ich hatte mir über diese Entdeckung noch keine weiteren Gedanken gemacht, denn einer unserer Männer erschien in diesem Moment in der offenen Türe und bedeutete uns, ihm zu folgen. Wir gingen ihm hinterher, bis zum Waldrand hinter dem Haus. Dort hatten sie die toten Halunken nebeneinander abgelegt, doch etwas Abseits erkannte ich ein Kreuz. Wir gingen darauf zu und blieben vor fünf nebeneinander angelegten Gräbern stehen. Auf ihnen lagen gefrorene Blumen. An dem hölzernen, mannshohen Kreuz war eine Tafel mit Inschrift angebracht, allerdings auf Französisch. Ohne Aufforderung übersetzte Pierre in angemessener Tonlage:

Hier ruht Familie Bonmiserè:

Henry Bonmiserè,

Nataliè Bonmiserè,

und Ihre Kinder:

Franc17, Olivier 15, und Ameliè 6 Jahre alt.

Sie starben durch Mörderhand

Gott wird die ruchlosen richten!

Da kam es über uns, wie wir so im Schnee standen und uns langsam das ganze Ausmaß klar wurde. Die Räuberbande hatte die Mühle anscheinen schon einmal überfallen, nur wurde damals eine harmlose Müllerfamilie das Ziel ihrer Gier. Gott weiß, was sie ihnen angetan haben. Ich glaube, uns allen kamen die Tränen, denn alle Kameraden fassten sich beiläufig ins Gesicht. Wir, die wir die Schrecken des Krieges gesehen und gespürt hatten, versuchten stets, der notwendigen Gewalt ein zivilisiertes Gesicht zu geben und Gräueltaten auszuschließen. Dieses Verbrechen überforderte schlicht unsere Soldatenmoral. Ein, wie auch immer, selbst durch kulturelle Unterschiede bedingter Ehrencodex, schien hier vollkommen zu fehlen.

Auf dem Rückweg zur Mühle waren wir von abgrundtiefen Hass und Abscheu erfüllt. Ich ließ sie anhalten und bat um Ruhe. In ausführlicher Rede legte ich ihnen meine Gedanken nahe und forderte sie innständig dazu auf, Menschen zu bleiben. Nach längerer Diskussion, erfüllt mit blutigsten Rachegelüsten willigten sie murrend ein, wenigstens die Gefangenen den Bürgern des Nachbarortes zu ihrem Gutdünken zu überlassen. Ich hatte gefordert, sie in die Bastion mitzunehmen, um sie der preußischen Gerichtsbarkeit zu übergeben. Anstatt der von den Soldaten geforderten Strafen, ich möchte sie an dieser Stelle nicht wiederholen, konnten wir uns wenigstens darauf einigen. Nach unserer Ansicht waren wir Besatzungssoldaten und fremd. Die Angehörigen und Nachbarn sollten lieber für Gerechtigkeit sorgen – Amen.

Wir schickten zwei Soldaten mit Pierre und den gefesselten Halunken zu Fuß in die nächste Ortschaft. Dort klopften sie an das größte Haus, in der Hoffnung einen Ortsvorsteher oder ähnliches anzutreffen. Pierre erklärte die Sachlage und berichtete, dass der Angesprochene sehr, sehr gut verstand, was Pierre ihm sagen wollte. Sie kehrten mit einigen Flaschen Wein und Käse in unsere Marschkolonne zurück. So ritten wir müder und erschöpft, aber gerecht nach Metz zurück.

Der Standortkommandant empfing uns mit vielen Fragen in seiner Kaserne. Wir beantworteten nichts, sondern lagerten die Kiste in einer Gefängniszelle in der Wache ein. Ein Mann saß mit in der Zelle und ein weiterer zog mit in das Wachlokal. Nach etwa zwei Stunden würden wir sie ablösen, nachdem wir uns gewaschen und gestärkt hätten.

Bereits am Abend konnten wir unsere Kiste in einem gesicherten Bereich des Gepäckwaggons einlagern. Mit der Bewachung verfuhren wir wie in der Kaserne, Pierre ließ sich nicht davon abhalten, die Kiste während der gesamten Zeit persönlich im Auge zu behalten. Der Zug brachte Soldaten zum Fronturlaub nach Berlin. Eine bessere Bewachung hätten wir uns nicht denken können.

Ich fuhr diesmal aber zweiter Klasse.


✠


Zwei Tage später stand ich an der Bar im Ordenshaus in Berlin und wartete auf mein frisch gezapftes Bier, als mich ein junger Bruder von hinten antippte. „Der Landesgroßmeister möchte Sie sprechen Bruder Winzir", ich drehte mich herum, „er ist oben in seinem Bureau."

Ich nickte, „Na, dann trinken Sie bitte mein Bier in der Zwischenzeit, bevor es schal wird." Er freute sich – so einfach war das.

„Herein!"

Der Landesgroßmeister war allein in seinem riesigen Amtszimmer im obersten Stockwerk des Logenhauses. Rechts befand sich eine Durchgangstüre zum Vorzimmer, geradeaus vor den beiden Fenstern sein Schreibtisch mit Standarte und links neben dem Eingang eine gemütliche Sitzecke mit niedrigem Couchtisch, auf dem die Füße von Fedor ruhten. Er lächelte mich von unten herauf an, nahm die Füße schnell vom Tisch und klatschte mit der Handfläche auf eine Sitzfläche ihm schräg gegenüber.

„Setzen Sie sich, mein Held!"

„Naja, ein Kommando ist ja noch keine Heldentat", antwortete ich verschämt.

„Der Kaiser sieht das anders", er deutete auf eine kleine schwarze Kiste auf dem Tisch. Sie war diagonal mit einem schwarz-weißen Band dekoriert. „Das ist wohl für Sie, mein bester."

Ich setzte mich, nahm das Kistchen und suchte nach einem Öffnungsmechanismus. Fedor reckte sich nach dem Klingelbrett an der Wand hinter ihm. „Ich bestell uns mal was zum Anstoßen, Sie Tausendsassa", er schien unheimlich gut gelaunt. Ich dachte, der Inhalt der Kiste war wohl ein voller Erfolg. Endlich hatte ich den Öffnungsmechanismus gefunden. Die Schachtel war bereits ein Kunstwerk, sie würde mir als Geschenk bereits ausreichen. Er legte seine Hand über meine, die die Schachtel hielt. Wir sollten mit dem Öffnen wohl noch etwas warten.

Es klopfte.

„Herein!"

Und schon stand ein Sektkübel auf dem Tisch. Hoffentlich französischer, alles andere hätte keinen Stil in dieser Situation. Fedor schenkt ein und bedeutete mir, die Schachtel endlich zu öffnen. Auf blauem Samt lag dort eine goldene Taschenuhr. Auf dem Sprungdeckel war ein Eisernes Kreuz mit schwarzen und weißen Steinintarsien angebracht. Sie war kleiner als üblich, aber schwer. Ich war tief beeindruckt. Das Ziffernblatt war aus Perlmutt, die Stundenmarkierungen aus Saphir oder Lapislazuli. Insgesamt wirkte die Uhr schlicht, aber edel.

„Schauen Sie, ob sie eine Widmung hat", Fedor war vielleicht aufgeregter als ich. Jedenfalls freute er sich für mich. Das fand ich sehr sympathisch. Es war wohl ein Test, denn als ich nach einigem Suchen den Staubdeckel an der Rückseite mit dem Daumennagel öffnete, klatschte er unbewusst. „Was steht da?"


„Meinem Bruder Adam von Winzir

Einem Vorbild an Haltung

und Pflichterfüllung"


und einem Kaisermonogramm las ich laut vor. Ich dachte, ich muss das ändern lassen mit dem ‚von' – auf die eine oder andere Weise. Aber ich ließ mir nichts anmerken. Ich war schwer ergriffen.

„Tja Winzir, ich kenne nur drei Personen, die eine solche Uhr ihr Eigen nennen dürfen. Willkommen in einem erlauchten Kreis, und fröhliche Weihnachten!" So glücklich wie er sah ich wahrscheinlich auch aus.

Wir tranken einen Schluck von dem (französischen) Sekt. Er lehnte sich zur Seite, holte seine Taschenuhr hervor, betrachtete kurz das Eiserne Kreuz auf dem Sprungdeckel, sah auf das Perlmutt-Ziffernblatt und sagte: „So, Adam ich muss wieder los. War schön mit Ihnen, auch von mir einen herzlichen Dank für die erfolgreiche Mission!"

„Fedor, eine Frage habe ich noch", zögerte ich.

„Fragen Sie was Sie wollen Adam, ich werde Ihnen immer ehrlich antworten!"

„War etwas Wertvolles in der Kiste? Das, was Sie erwartet haben?"

„Ja."



✠






Kommentare (2)

Fizzy Lemon
30. März 2026, 20:58
Tolle Geschichte. Habe ich sehr gerne gelesen. Ein paar kleine Tippfehler sind noch drin, aber nichts Schlimmes. Einzig den Teil, dass die Tür erbrochen wurde, würde ich persönlich ändern zu Tür aufgebrochen. Das ist aber nur meine persönliche Meinung. Der Cliffhanger am Schluß macht jedenfalls gehörig Laune auf mehr von Adam Winzir.

Nachtrag: Ich war so frei und hab ein bisschen bei der Formatierung geholfen.
Skintin
31. März 2026, 09:44
Dankeschön Fizzy, da freue ich mich :D und hab ja auch noch mehr von Adams Abenteuern.
Ich bin ein bisschen um eine etwas sperrige und altertümliche Sprache bemüht, um den historischen Kontext zu unterstreichen,
aber mir liegt nichts am erbrechen.
Winke, winke, bis bald!
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