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Weisheit - Eine Novelle aus der Adam Winzir Reihe

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Gelöschter User
12. April 2026(bearbeitet)
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 WEISHEIT

Inhalt

Das Problem

Neue Freunde

Die Pépinière

Der Fall ist gelöst

Auf der Flucht

Das Verhör

Miezi

Besuch aus der Provinz

Die Jagd

Witwe Bolte












Das Problem


„Die Arbeit hat geendet. Wir verlassen den Tempel so wie wir ihn betreten haben: Schweigend, paarweise, in geordnetem Zug. Folgen sie mir meine Brüder!"

Die Prozession setzte sich wie ein Tausendfüßler langsam und behäbig in Gang. Unterarme fanden sich, um sich ineinander zu verhaken. Die Brüder verließen, wie gefordert, schweigend und mit ernster Miene, dem Zeremonienmeister folgend den Tempel. Ich war bereits aufgestanden und wollte mich einreihen um mir einen Partner für den Auszug zu suchen, da fuhr eine Hand unter meine Ellenbeuge und hakte sich fest ein.

„Guten Abend, Adam, ich müsste sie bitte kurz sprechen."

Ich sah zur Seite. Die Stimme gehörte zu Klopstock, einem sehr gepflegten, kräftigen älteren Herrn. Ich hatte ihn bereits öfter in der Loge gesehen, aber nie gesprochen, ich war erstaunt, dass er mich scheinbar kannte. Er war Professor und seine Stellung im Orden war mir auch bekannt, vielmehr wusste ich allerdings nicht über ihn.

„Bei der Tafelloge hätten wir Gelegenheit Professor, setzen wir uns doch zusammen."

„Nein, Adam mir wäre es recht, wenn wir sofort sprechen könnten. Solange wir noch…nüchtern sind."

„Verstehe."

Wir hatten den Tempel bereits verlassen und beglückwünschten uns alle gegenseitig zu der Arbeit.

„Wir holen uns Burkhard noch dazu." Sagte er und winkte einen anderen älteren Herrn herbei.

Da dieser nahtlos auf sein Winken reagierte und auf uns zuging, ohne zu zögern, ahnte ich ein zuvor abgesprochenes Spiel. Burkhard und ich beglückwünschten uns und gingen zusammen mit Klopstock auf die Terrasse des Ordenshauses. Es war bereits dunkel, der Sternenhimmel klar und die Luft etwas kalt. Ich zog meine Handschuhe aus und steckte mir eine Zigarette an.

„Na, dann schießen sie mal los, meine Herren! Ihren Mienen entnehme ich, dass es hier wohl nicht um meine anstehende Beförderung geht?"

„Hören sie Winzir" sagte Burkhard. „Wir hatten noch nicht das Vergnügen, aber wie es so alter Brauch und Sitte ist haben wir sie schon länger im Auge. Sie sind ein patenter und äußerst zuverlässiger Mann, das haben sie bewiesen. Deshalb haben sie in den letzten zehn Jahren auch ordentlich Karriere im Orden gemacht, wenn man das so sagen darf."

Ich war skeptisch und argwöhnisch. ,Wenn zwei hohe Herren mir Honig ums Maul schmieren, was sollte da kommen?' Dachte ich und sagte:

„Ich bringe mich gerne in den Orden ein, es ist eine gute Sache." Oder so ähnlich, denn heimlich arbeitete mein Gehirn bereits auf Hochtouren. Was hatten sie noch gleich für Berufe? Womit waren sie im Orden beschäftigt, wo arbeiteten sie im profanen Leben?

„Ich bin Ermittlungsgruppenleiter der Criminalpolizei in der Roten Burg." Burkhard nickte mir mit ernstem Blick zu.

Mir lief es kalt den Rücken herunter. Freimaurerei, Polizei, das klang nach Politik oder irgendwas anderem Unanständigen.

„Ich bin Mitglied der Kaiser Wilhelm Gesellschaft, dort ist es zu...Vorkommnissen gekommen." Sagte Klopstock und jetzt bekam ich etwas Angst. Das Vorgenannte, gepaart mit Wissenschaftlern, die besonders protegiert sind…das konnte ja was werden! Ich drückte umständlich meine Zigarette aus, um den beiden nicht in die Augen sehen zu müssen.

„Wie kann ICH ihnen da helfen, meine Herren?"

„Wir würden ihnen zunächst kurz den Sachverhalt umreißen und sie anschließend bitten, sich mit der Angelegenheit auf IHRE Weise zu befassen. Ihre Art, wie sie das mit dem Regalienhandel in Hamburg aufgedeckt haben und der sorgfältige, diskrete Umgang mit den Urkundenfälschungen in Halle haben uns davon überzeugt, dass sie genau der richtige Mann sind, um uns bei einer sensiblen Angelegenheit zu helfen!"

,Aha, das hieß vermutlich übersetzt, dass ich der einzige war, den sie sich für den Schlamassel vorstellen konnten. Keine rühmliche Aussicht' dachte ich, sagte aber: „Es wäre mir eine Ehre!" und vermutlich meinte ich es auch so.

***

Aus dem Gebäude drang der Ruf des Zeremonienmeisters, der umständlich zur Tafelloge lud.

„Erstmal eine kurze Übersicht Adam:"

Warum nannte mich der Professor Adam, der Kripomann hingegen mit meinem Nachnamen? Ich war hellwach.

„Kennen Sie die Chirurgische Pépinière?"

„Ja, selbstverständlich, das ist die Militärchirurgische Lehranstalt in der Friedrichstraße, sie ist für ihre Stipendien bekannt."

„Jawoll, sie ist besser als die Charité und ich habe dort eine Professur inne."

,Angeber' dachte ich und sagte: „Interessant!"

„Wir haben viele junge Forscher und neue Forschungsgebiete, um die sich bisher nicht viel von Seiten der Wissenschaft gekümmert wurde."

„In einer solchen Forschungsgruppe kam es leider in letzter Zeit zu einem bedauerlichen Todesfall…Ein Selbstmord. Und ein weiterer Todesfall könnte mit ihm zusammenhängen," ergänzte der Polizist.

"Wie kann ich Ihnen dabei helfen, meine Herren? Soll ich einen Sicherheitsdienst installieren?" Ich war nun bereits sehr interessiert.

„Nein, wir dachten da eher an gewisse Nachforschungen."

„Aber die Todesursache ist unzweifelhaft?"

„Die Todesursachen ja, aber bei dem Hintergrund…"

„Welchem Hintergrund?"

„Die Forschung dort unterliegt natürlich dem Militärgeheimnis, deshalb muss dort jemand ermitteln, der absolut integer ist. Und die Forscher dort sind sehr…ehrgeizig." Der Professor war nun sichtlich verärgert.

„Dafür würden sie Menschenleben gefährden?"

„Würden sie" sagte Burkhard ernsthaft. „Es geht um Ruhm, Ehre, gesicherte Forschungszuwendungen - nichts weniger als um einen Platz im Geschichtsbuch!".

Wenn sie einen Kreis von Verdächtigen bereits hatten, warum arbeitete die Polizei ihn nicht ab?

„Wofür brauchen Sie mich dann ausgerechnet?"

„Sie könnten diskret innerhalb dieses Personenkreises ermitteln, sie haben da wohl das richtige Fingerspitzengefühl…"

„Als Spitzel unter Brüdern?"

„Nein, als Ermittler, und die Gruppe ist keine Loge, eher ein verschworener Kreis von Wissenschaftlern. Aber sie sind allesamt Militärs, so wie sie Winzir, das könnte ihre Eintrittskarte sein - als Veteran"

Das alles klang für mich interessant. Da ich sonst nicht viel zu tun hatte und etwas Nervenkitzel eine willkommene Abwechslung wäre, hatte ich mich innerlich bereits dazu entschlossen mitzumachen. Ich zierte mich noch etwas, aber schließlich willigte ich ein, mir die Angelegenheit einmal etwas näher anzusehen. Burkhard gab mir seine Karte.

„Reden Sie zunächst mit unserem Herrn Dietrich in der Burg, er wird Ihnen alle Hintergrundinformationen zukommen lassen."

Drei Kapitelringe klirrten und die Sache war abgemacht.

***

Wegen der Tafelloge war es bereits sehr spät, ich ließ mich aber trotzdem in der Leipziger Straße von dem Kutscher absetzen, um noch etwas frische Nachtluft vor dem Schlafen zu genießen. Ich dachte nicht über den neuen Auftrag nach, das konnte bis morgen warten.

Zügig ging ich die Straße entlang und genoss die Stille. Es war irgendwie unheimlich, dass diese große, moderne und stets emsige Stadt nachts so ruhig da lag. Aus der Ferne erklang das Gelächter Betrunkener, es hallte in den leeren Straßen nach. Ich erreichte mein Mietshaus und öffnete die große Eingangstür. Im Treppenhaus verzichtete ich darauf das Licht abzuschalten, es hätte nur unnötig Lärm verursacht und ich kannte die Treppe so gut wie meine Westentasche, da ich niemals den Aufzug benutzte.

Ich war technischen Neuerungen gegenüber stets aufgeschlossen, fast neugierig, aber den Aufzug hasste ich. Er bedeutete für mich Stagnation: Erst warten, bis er erscheint, dann eingepfercht herumstehen, bis er am Ziel ankommt. Tagsüber mit dem Aufzugführer sinnlose Gespräche über das Wetter führen - ich hasste ihn.

Die Treppe wand sich um den Aufzugsschacht nach oben, geschützt durch einen verstaubten Maschendrahtzaun. Ich stieg gemächlich die knarzende Treppe hinauf, abwechselnd beschienen vom durch das Butzenglas der Treppenhausfenster bräunlich gefärbten Licht des Mondes.

Meine Wohnungstür war nur durch ein Zimmerschloss gesichert, weshalb ich nach einigen ärgerlichen Vorkommnissen stets ein kleines Stück Papier zwischen die Zarge und dem Türblatt versteckte, um zu merken, ob sich jemand in der Zeit meiner Abwesenheit unberechtigter Weise Zutritt verschafft hatte.

Ich hätte eigentlich ein besseres Schloss anbringen sollen, aber irgendwie kam ich nie dazu. So zog ich das Papier aus der Ritze, öffnete die Tür und legte es zusammen mit dem Schlüsselbund in die kleine Schale auf der Flurkommode neben der Tür. Immerhin gab es von innen einen schweren Riegel, den ich automatisch vorschob, welches durch ein lautes, scharfes Widerhallen im Treppenhaus quittiert wurde.

Im Schlafzimmer entledigte ich mich meines Smokings, den ich ordentlich gefaltet in einen Wäschesack legte, um ihn morgen in die Wäscherei zu bringen. Als ich meine eigene Sorgfalt bemerkte, schüttelte ich den Kopf und lächelte über meine Pedanterie. Ich hatte gelernt, damit zu leben. Nachdem ich mir die Haare ordentlich gekämmt hatte, legte ich mich ins Bett und versank augenblicklich in einen traumlosen Schlaf.

Neue Freunde

Am nächsten Morgen spazierte ich direkt nach dem Frühstück zum Alexanderplatz. Das Polizeipräsidium, die „Rote Burg", war tatsächlich ein imposantes Gebäude.

Ich irrte zwischen Alexander- und Dircksenstraße hin und her, bis ich den passenden Eingang gefunden hatte. Innerlich verfluchte ich Bruder Blankenstein, solch ein Ziegelsteinmonster aufgestellt zu haben. Die alte Stadtvogtei war nicht so repräsentativ, aber dort kannte man sich schnell aus. Vielleicht hatte auch der alte Baugrund, auf dem bis vor kurzem noch eine Heilanstalt stand, einen gewissen Einfluss auf die größenwahnsinnigen Ausmaße des Bauvorhabens. Oder Berlin war moralisch bereits so verkommen, dass solch ein Aufwand für die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung unbedingt nötig war. Immerhin enthielt der Komplex auch ein komplettes Gefängnis.

Egal, letztendlich fand ich einen Eingang, an dem ein Schutzpolizist mir umständlich den Weg erklärte, um zu meinem Kontaktmann zu kommen. Burkhard hatte mir seine Karte gegeben und auf der Rückseite stand der Name des Mannes, den ich heute hier treffen sollte. Er hatte angeboten mich Zuhause besuchen zu lassen, aber wenn der Polizist so auftreten würde wie ich mir das vorstellte, (im Innenhof meinen Namen rufend: „Herr Winzir hier ist die Polizei!"), wäre mein Ansehen in der Hausgemeinschaft für immer ruiniert.

Eigentlich freute ich mich sogar auf den Ausflug nach Berlin und hatte einen wichtigen Vorwand, um mal wieder im Aschinger essen zu gehen. Der Wächter erklärte mir den Weg ins Labyrinth, ich merkte mir allerdings nur die ersten drei Sätze. Ich wusste, ich werde noch andere auf meinem Weg fragen müssen.

Nach einer ganzen Weile, Trepp auf, Trepp ab, stand ich vor einem Büroraum im Seitentrakt des Nebentreppenhauses – ich würde hier nicht mehr alleine herausfinden. Bisher hatte ich alle Türschilder aufmerksam durchgelesen. Wenn hier jemand über nur wenige Titel verfügte, waren auf den Schildern sogar alle Vornamen vermerkt. Auf einem Türschild aber stand lediglich ‚Hr. Dietrich' - sehr ungewöhnlich. Ich war nun sehr gespannt auf unseren Herrn Dietrich. Ich klopfte höflich an die Tür und erhielt umgehend ein brüllendes „Herein" zur Antwort. ‚Na, das konnte ja was mit uns werden, Herr Dietrich'.

***

Ich öffnete die Tür, blieb aber direkt im Türrahmen stehen, denn ich hatte das Gefühl nicht auch noch in das kleine Zimmer zu passen. Mehr noch: Ich fürchtete, dem armen Mann das letzte bisschen Luft weg zu atmen, das in dem Raum noch verfügbar war.

Er war wirklich sehr viel Mann, mit großer offener Nase und ohne Haare. Seine rosige Kopfhaut… ich drängte mühsam Tiervergleiche im Kopf zur Seite, um die Angelegenheit professionell zu beginnen.

Er trug einen veilchenblauen Anzug und ein gelbes seidenes Halstuch. Um ihn herum breitete sich sein Schreibtisch aus wie eine Handwerkerschürze. Darauf stand nichts außer einer Strelitzie im Topf. Ich sagte meinen Namen, doch weiter kam ich nicht.

Er brüllte, er hätte mich bereits erwartet und wüsste, wer ich bin. Dann zog er seinen Schreibtisch aus und quetschte sich an der Seite daran vorbei. Der Schreibtisch schob sich dabei auf mich zu und die Topfpflanze wackelte, als würde sie ebenfalls auf mich zukommen wollen. Nachdem das gesamte Ensemble gnadenlos umrangiert war, stand er also vor mir, etwa zwei Meter größer als ich und reichte mir seine Hand, aber mit der Handfläche nach oben. Ich legte zögerlich meine Hand auf den riesigen Fleischteller und er schaute prüfend auf den Ring an meinem Mittelfinger. Er grunzte kurz und verwandelte seine Hand in den Meisterhandgriff. Ich war erstaunt, zeigte es aber nicht.

„Na, dann herzlich willkommen, Bruder Winzir, hier bei uns in der Burg!"

Ich murmelte etwas und er drückte mich in den Flur, wo ich das erste Mal seit dem Öffnen wieder einatmete. Wie er da so vor mir stand, dachte ich an ein riesiges Vergissmeinnicht und war sicher, dass er mir in der Loge garantiert aufgefallen wäre, egal wie weit hinten er sitzen würde.

„Na, dann wollen wir mal ins Archiv", sagte er und watschelte voran.

Ich hatte mir das anders vorgestellt: Einen Uniformierten, der sich als Archivar erst haarklein die Umstände erklären lässt, bevor jemand seine Schätzchen sehen darf. Aber das ließ sich gut an, ich hoffte nur, dass das Archiv eher einem Lesesaal gleichen würde als einem Kellerverschlag, damit wir beide gleichzeitig da hineinpassten.

Ein großer Lesesaal, welch eine Erleichterung!

Wir standen frei in einem Raum, dessen Wände komplett mit hölzernen Karteikästen verstellt waren. Er zeigt mit beiden Armen weit von sich gestreckt auf alle Kästen gleichzeitig.

„Ich zeige ihnen nun alles, was wir über diese beiden Unglücksfälle wissen."

Er griff in einen Kasten, entnahm zwei Pappordner und ging mit mir hinüber zu einem großen, mit grünem Linoleum belegten Holztisch. Dort öffnete er die erste Akte legte sie auf den Tisch und trat einen Schritt zurück.

Ich trat einen Schritt vor und betrachtete den Inhalt:

Ein Formblatt, handbeschrieben mit den persönlichen Daten von Bernhard von Malwitz, geboren in Königsberg, 24 Jahre alt, wohnhaft in der Curtius Straße 27, Berlin-Lichterfelde, Offizierssohn, Medizinstudent.

Ein Totenschein, ausgestellt von Dr. Moritz, Pépinière, Todesursache Tod durch Erhängen (Suizid) festgestellt vor 3 Tagen.

Eine Körperkarte der Mordkommission (der Umriss einer männlichen Person, gedruckt, zum handschriftlichen Einzeichnen von Wunden o.ä.). Ohne äußere Verletzungen, abgesehen von den Würgemalen des Stricks.

„Einer von DEN Malwitz'?"

Dietrich nickte mit geschlossenen Augen.

„Ja, genau, er kam als Doktorand nach Berlin an die Friedrich-Wilhelms-Universität, um in der Medizin zu promovieren. Dort bekam er durch den Einfluss seiner Familie die Gelegenheit, in einer prominenten Forschungsgruppe in der Pépinière mitzuarbeiten, die mit üppigen Forschungsmitteln ausgestattet ist und somit zur Forschungselite des Reiches gehört. Dummerweise hat sich dieser junge Mann mit glänzenden Karriereaussichten in seiner Wohnung aufgehängt. Die Familie kann es nicht glauben und der Orden hat sich der Sache angenommen, weil das Interesse, wie auch die Fähigkeiten der Polizei in den Augen derer von Malwitz als zu gering eingeschätzt werden, um die wahren Hintergründe zufriedenstellend zu erklären."

Sein Gesichtsausdruck verriet, dass er als berliner Polizist beleidigt, als Ordensbruder hingegen geschmeichelt war, weil es ihm in diesem Fall eine herausragende Position verschaffte. Sollte ich erfolgreich sein, würde es seiner Karriere in beiden Rollen weiterhelfen. Wenn er mich nicht aufs Glatteis führen wollte, würde er sicherlich ein treuer Verbündeter sein.

„Wir haben sein Büro durchsucht und dort seinen Wohnungsschlüssel in der Aktentasche im Schreibtisch gefunden." Er lächelte schräg. „Und in seiner Wohnung fanden wir keinen Abschiedsbrief. Nur einen hängenden Mann. Aber so richtig seltsam wurde die Geschichte, als ein Kollege in einem anderen Fall, einem ‚Badeunfall' in der Spree ermittelte. Der Verunfallte konnte zunächst nicht identifiziert werden, dann stellte sich aber heraus, dass jemand, der so aussah wie der Tote, in einer Pension vermisst wurde und der hatte an diesem Tag einen Termin in der Friedrichstraße - bei eben jener Forschungsgruppe! Da überschnitten sich unsere Ermittlungen und ich nahm dem Kollegen den Fall ab."

Ich legte die Blätter in die Akte zurück und verschloss sie wieder mit der dünnen roten Schnur, die ich um einen kleinen Messingknopf wickelte, der an der Pappvorderseite befestigt war, und gab sie Dietrich zurück. Der legte mir ohne ein weiteres Wort die zweite Akte in die Hand. Ich öffnete sie auf die gleiche Weise und entnahm ihr ebenfalls drei Blätter:

Wieder ein Formblatt, diesmal für Horst Gruner, 38 Jahre alt, geboren in Breslau, wohnhaft in der Dernburgstraße 4, Witzleben, Berlin-Charlottenburg, eine Montagepension, Tagelöhner, keine bekannten Verwandten. Veteran

Ein Totenschein, ausgestellt von Dr. Moritz, Pépinière, Tod durch Ertrinken (ohne äußere Einwirkung), festgestellt vor 7 Tagen.

Eine Körperkarte ohne äußere Verletzungen.

Nachdem ich mir Notizen gemacht hatte, verschloss ich diese Akte ebenfalls sorgfältig und runzelte die Stirn.

„Der Mann ist vor einer Woche gestorben, liegt die Leiche noch in der Pathologie?"

Dietrich beschrieb eine Visitenkarte.

„Ja, er müsste in der Pathologie der Charité liegen, da es sich nicht um einen offiziellen Criminalfall handelt haben sie nicht die Gerichtsmedizin damit belästigt. Der Leichnam wird aber erst nach meiner Freigabe eingeäschert und im Armengrab verscharrt. Traurig. Wissen Sie, wo das ist? Am Alexanderufer, gegenüber dem Lehrter Stadtbahnhof."

„Ich weiß."

„Gut, dann geben sie dem Institutsleiter meine Karte."

Ich nahm die Karte, bedankte mich höflich und machte, dass ich Land gewann, bevor ich mit dem dicken Mann wieder in ein Zimmer musste. Nachdem ich endlich aus dem Labyrinth herausgefunden hatte, ging ich auf ein paar Knacker mit Erbsensuppe ins Aschinger. Die moderne Form der Gastronomie gefiel mir. Ohne Reservierung, im Stehen essen, bei Lieferung bezahlen, schnell wieder weg. Das entsprach dem Zeitgeist dieser modernen Stadt. Man fühlte sich modern, im Aschinger. So modern, wie die jungen Leute, die Zigaretten rauchten um damit zu zeigten: Seht her, ich genieße nur kurz und schon geht es wieder weiter, es gibt viel zu tun in diesen Zeiten!

***

Die Pathologie war nicht weit entfernt, also nutzte ich den Weg dorthin als Verdauungsspaziergang und meldete mich beim Pförtner. Der schickte mich zunächst ins Verwaltungsgebäude zu einem Dr. von Bellwitz.

Er war zwar nur der stellvertretende Institutsleiter vom Dienst, aber er erklärte sich nach eingehender Inspektion der Karte umgehend dazu bereit, mir in jeder Hinsicht weiterhelfen zu wollen. Ich bat ihn die Leiche eines gewissen Herrn Gruner in Augenschein nehmen zu dürfen und er zuckte weder mit den Augen, noch stellte er weitere Fragen. Es schien ihm egal zu sein – die Karte war GUT!

Dieser Arzt war ein großer Mann in meinem Alter und ich hatte ziemliche Mühe, mit ihm Schritt zu halten, als er nach einem knappen „Na, dann kommen Sie mal mit!" wehenden Laborkittels voranschritt.

Die hellgrün gekachelten Gänge zogen nur so an uns vorbei, bis wir im Neubau waren und durch eine mit Blech beschlagene Schwingtür in die nunmehr weiß gekachelte Leichenhalle eintraten.

Die Wände des riesigen Saals bestanden vom Fußboden bis auf Augenhöhe aus niedrigen, schmalen, weiß lackierten Eisentüren, jeweils in drei Reihen übereinander. Er schaute kurz in ein auf einem Stehpult liegendes offenes Anwesenheitsbuch, ruckelte seinen Kneifer zurecht und ging zielstrebig auf eine der Türen zu.

Dann wartete er, bis ich neben ihm stand, nahm den Kneifer ab und sah mich ernst an.

„Haben sie schon einmal eine Leiche gesehen?"

„Ja, Herr Doktor, etwa 1000, mir sind eigentlich alle Todesarten geläufig: Weißenburg, Spichern, Wörth, etc. Villepion und so weiter."

„Ach!" sagte von Bellwitz verwundert, „Villepion? Ich habe General von Stephan den Granatsplitter aus der Brust operiert!"

Es war schon verwunderlich, wie schnell man in dieser Zeit Verbündete fand, auch außerhalb der Freimaurerei.

„Ich war als Verbindungsoffizier der Kavallerie den Königsbergern unterstellt," entgegnete ich.

„Na gut, ich wollte ihnen zunächst nicht glauben Winzir, wie ein Ostpreuße sehen sie nicht aus!"

Wir lachten beide leise, bis uns auffiel, dass hier zwar der richtige Ort war, um über Gefallene zu sprechen, aber weniger um über Anekdoten zu lachen. Deshalb kamen wir schnell wieder auf den eigentlichen Grund meines Besuches zurück. Allerdings hatte sich die Atmosphäre geändert. Sie war nun viel wärmer geworden, wenn man das von einer Leichenhalle so sagen kann. Jetzt fuhr der Arzt viel freundlicher fort:

"Wir haben hier eine erwachsene männliche Leiche, ertrunken, augenscheinlich ohne äußere Einwirkung"

Er öffnete die Rollbahre.

„Muss er noch für weitere Ermittlungen zurückgehalten werden?"

Ich war mir nicht sicher, deshalb bat ich ihn darum, mit der Kremierung noch einen Tag zu warten. Er schlug mit geübtem Griff das Leichentuch vom Kopf auf die Brust der Leiche.

Vor uns lag ein weißblauer, etwas aufgedunsener Leichnam. Auch ich konnte keine oberflächlichen Wunden entdecken und keine Würgemale am Hals erkennen. Die Leiche war da, sie sah normal tot aus und für mich gab es keinen weiteren Grund sie zu betrachten. Auf mein Kopfnicken hin schloss von Bellwitz die Lade.

„Wurde die Leiche von einem weiteren Arzt begutachtet, als von Dr. Moritz?" fragte ich beiläufig, wobei ich selber nicht wusste, was diese Frage sollte.

Von Bellwitz schaute noch einmal in das große Buch und verneinte.

„Der Mann wurde mit Totenschein eingeliefert und ist nur wegen der polizeilichen Untersuchung noch hier, kein Grund für eine Obduktion."

Auf dem Weg zum Ausgang fragte ich den Arzt, ob auch der Leichnam des von Malwitz hier ruhte.

„Ja, wollen sie ihn sehen? Eine letzte Gelegenheit, er soll morgen nach Königsberg überführt werden."

„Haben Sie ihn denn gesehen?" In das Urteil meines Kameraden hatte ich Vertrauen, ich brauchte heute keine Leiche mehr.

„Nein, schauen wir doch kurz bei ihm vorbei!"

Er lächelte mich an und nach einem erneuten kurzen Blick ins Buch öffnete er eine andere Blechschublade.

Diesmal war es ein jüngerer Mann mit anderer Hautfarbe, gelblich und purpur, aber nicht so aufgedunsen, und er hatte einen tiefen roten Streifen um den Hals.

„Tja" sagte von Bellwitz, „Ein typischer Erhängter…"

„Können Sie mir mehr darüber erzählen? Etwas genauer sagen, was sie sehen?"

Bellwitz sah mich prüfend an, wohl abschätzend wie viele Fachbegriffe pro Satz er in seinen folgenden Vortrag einbauen durfte. Dann nahm der den Kopf in beide Hände und drehte ihn mehrmals nach beiden Seiten, wobei er mit seinem Ohr nah am Kopf horchte. Er atmete tief ein und ratterte los:

"Also, keine Brüche oder Subluxationen im Bereich der obersten Halswirbel, was wiederum die Zerstörung des verlängerten Rückenmarks unwahrscheinlich macht. Also kein Erhängen aus größerer Höhe, wie bei einer Hinrichtung…wenn die Energie beim Fallen in die Schlinge nicht groß genug ist, bleibt die Halswirbelsäule unbeschädigt. Trotzdem wird die Schlinge wahrscheinlich die Karotiden, also die großen Halsschlagadern abschnüren und damit die Blutzufuhr in den Kopf unterbrechen. Das Opfer wird schnell bewusstlos, aber erst einige Minuten später tritt der Hirntod ein, der irreversible Ausfall der Hirnfunktion. Interessanterweise kann das Herz noch eine halbe Stunde weiter schlagen, aber die Todesursache ist trotzdem der Sauerstoffmangel im Gehirn…"

Er tastete prüfend den Hals ab.

„Hm, das Zungenbein scheint nicht gebrochen zu sein, also bleibt noch ersticken durch Zusammendrücken der oberen Atemweg, das ist aber sehr qualvoll und dauert etwa eine Viertelstunde wobei sich durch Körperbewegungen im Todeskampf und Eigengewicht des Körpers nach und nach die oberen Atemwege verschließen. Und dann brechen meistens auch die Kehlkopfknorpel. Aber auch das kann ich hier nicht feststellen…Und in seltenen Fällen kann es zu einem reflektorischen Herzstillstand durch Druck auf das Glomus caroticum kommen, aber das ist, wie gesagt, sehr selten, ich kenne es nur aus dem Studium."

Er schaute mich an. Ich stand mit leicht offenem Mund und abwesendem Blick einfach da.

„Was ist Ihre Meinung, Kamerad?"

„Dieser Mann," sagte Bellwitz bedächtig, „ist den sanftesten Tod am Strick gestorben, den man sich wünschen kann!"

Die Pépinière

Es war erst früher Nachmittag, deshalb entschied ich, kurz noch in der Pépinière in der Friedrichstraße vorbeizuschauen. Wenn das die Forschungselite des Reiches war, würden sie sicher nichts anderes tun als zu forschen und vielleicht sogar am Schreibtisch schlafen, um keine Zeit zu vergeuden.

Ich ging durch das Foyer des Haupteingangs des Neuen Lehrgebäudes am Reichstagsufer 17 und wurde prompt von einem alten Wachmann angesprochen, mit gewachstem Schnurrbart, Dienstmütze und offenem Hosenstall. Ich war wohl nur so weit gekommen, weil er kurz auf der Toilette war. Ich fragte nach Professor Klopstock und wurde, nicht ohne mich vorher ordentlich in das Besucherbuch einzutragen, von dem Alten direkt in das Vorzimmer des Professors geleitet.

Er begrüßte mich jovial mit der Frage:

„Na, Winzir, schon was herausgefunden?"

Ich war von seinem Optimismus überrascht und erklärte ihm geduldig, dass gut Ding Weile haben will. Als ob er sonst nichts zu tun hätte, kam er sofort meiner Bitte nach, mich den Personen unseres Interesses vorzustellen.

Wieder einmal ging es treppauf, treppab und immer tiefer in den Bauch dieses Baumonsters. Plötzlich standen wir vor einem Eingang mit weißlackierten doppelten Schwingtüren. Auf einem Messingschild stand: ‚Aufenthaltsraum'.

Der Professor schob sich durch die Tür und ich folgte ihm, bevor mich die zurück pendelnde Schwingtür erfassen konnte. Sofortige absolute Stille erfolgte mit Eintritt des Professors. In dem kleinen Saal standen in vereinzelten Grüppchen Männer mit blutbeschmierten weißen Kitteln und Händen. Ausnahmslos alle rauchten in irgendeiner Form und starrten uns an. Mir kamen sofort Bilder meiner letzten offenen Feldschlacht in den Sinn. Man musste es mir wohl angesehen haben, denn der Professor fragte mich:

„Was für eine Arbeitskleidung haben sie denn in einer chirurgischen Forschungsanstalt erwartet Hauptmann?"

Die blutigen Raucher lachten wie auf Befehl. Der Professor sagte:

„B3 in das Schreibzimmer!"

Daraufhin lösten sich vereinzelt Männer aus den Gruppen und gingen ohne weitere Worte in das dem kleinen Saal angrenzende Zimmer. Dort standen Schreibtische in langen Reihen, jeder einzelne mit einer Messing-Leselampe und weinroter Linoleumauflage. Der Professor baute sich in aller Herrlichkeit vor einem großen Fenster auf und die Studenten ordneten sich augenblicklich im perfekten Halbkreis an. Er zeigte mit dem ganzen Arm auf mich wie auf das Ergebnis eines überraschenden Ergebnisses einer Lehrvorführung.

„Das," sagte er in ehrerbietendem Ton „ist Hauptmann Winzir, Kavallerist und Veteran des Französisch-Preußischen Krieges. Vielfach heldenhaft verwundet und aufgrund unserer ausgezeichneten Kenntnisse komplett wiederhergestellt"

Die jungen Blicke, die mich jetzt musterten, waren irgendwo zwischen Respekt, Mitleid und Eigenstolz gelagert. Sie wussten nicht, was sie davon halten sollten. War ich Gegenstand einer Lehrvorführung? Ich war weder nackt noch tot. Also sollten sie mir vermutlich gefälligst Respekt zollen und entschieden sich dafür mich anzuhimmeln.

„Guten Tag," sagte ich etwas unbeholfen in die Runde.

„Der Herr Hauptmann möchte sich über die näheren Umstände zum Suizid des von Malwitz unterrichten. Stehen sie ihm Rede und Antwort!"

Das war's von Seiten des Professors und er entschwand augenblicklich. Nun stand ich alleine vor dem Halbkreis der blutigen Männer, alle Augen auf mich gerichtet.

***

„Also, zunächst bitte ich die Herren, sich ihrer Laborkittel zu entledigen und an den Tischen Platz zu nehmen"

Ich zog mein eigenes Jackett aus und hängte es zusammen mit dem Hut an den Kleiderständer hinter der Tür.

Sie waren insgesamt sieben junge Männer, zwei etwas älter, eher in meinem Alter. Nachdem sie ebenfalls hemdsärmelig Platz genommen hatten, sahen sie, bis auf ihre roten Hände und einige kleinere Blutschmieren an Hals oder Kragen, wie gewöhnliche arrogante Studenten der gehobenen Gesellschaft aus.

Ich sah sie der Reihe nach einzeln von meinem etwas erhabenen Platz vor der riesigen Kreidetafel aus an, um sie für die folgende Fragerunde etwas einzuschüchtern.

„Ich möchte zunächst wissen: Erstens, was heißt ,B3'? Zweitens, womit beschäftigt sich diese Forschungsgruppe und drittens, wie ist sie personell strukturiert?"

Ich hoffte, den arroganten und militärischen Ton getroffen zu haben, den sie gewohnt waren und möglichst automatisch antworten würden. Tatsächlich stand ein älterer Herr auf (aha, also der Führer der Gruppe), und antwortete mit starrem Blick wie aus der Pistole geschossen.

„,B' steht für ‚Biostase', dem hypothetischen Zustand, in dem ein biologischer Organismus unabhängig von der lokalen Außenwelt existieren könnte. Wir haben hier drei Arbeitsgruppen zu dem Gegenstand: B1 ist die theoretische Gruppe, B2 die chemische und B3 die medizinische. Wir sind in B3 acht Personen, also jetzt nur noch sieben, Malwitz ist ja wohl von uns gegangen… Ein Professor, das bin ich, Flottenarzt von Haubach, ein promovierter und erfahrener Arzt, Oberstabsarzt Moritz hier und 6 Studenten gehobener Semester, Herr Hauptmann"

Mein Gegenüber war also ein Arzt im Dienstgrad vergleichbar mit dem eines Obristen des Heeres, nur bei der Marine. Er würde also doppelt auf mich herab sehen.

„Ihr von Malwitz war also einer ihrer sechs Studenten. War er Geheimnisträger?"

Jetzt lachten wirklich alle im Raum einmal laut auf. Entweder ich hatte ihr Herz gewonnen oder mein Ansehen verspielt.

„Wir sind hier in diesem Gebäude ALLE Geheimnisträger", platzte es aus Moritz heraus.

„Alle sind wir Angehörige der kaiserlichen Armee und unterliegen vollständig dem Militärrecht. Unsere Forschungsgegenstände sind nicht nur vertraulich wie zum Beispiel in der Industrie oder Wissenschaft, sondern unterliegen dem militärischen Geheimnisschutz" blies er sich auf, und er legte noch eine Schippe drauf: „Haben sie eine Ahnung was die Definition des Herrn Professors eigentlich bedeutet, Herr Hauptmann?"

Ich hatte natürlich keine Ahnung, fühlte mich ins Gymnasium zurückversetzt und sagte:

„Biostase ist der Zustand eines Organismus ohne Interaktion mit seiner Umwelt, wie der Herr Professor mir nachvollziehbar erklärt hat. Ich folgere daraus, wenn man diesen Zustand für einen Menschen herbeiführen könnte, wäre es möglich, das Überleben eines Verwundeten auf dem Schlachtfeld erheblich hinauszuzögern, was wiederum die Wiederherstellung des Mannes wahrscheinlicher macht. Soldaten könnten im Wasser vielleicht ohne komplizierte Apparaturen überleben und agieren. Darüber hinaus gedacht könnte die Forschung vielleicht sogar zur Unsterblichkeit führen…?"

Das war absolut geraten und ich erwartete, dass sie über mich herfielen und verhöhnten und all die Schande. Aber ich hatte sie: Sie saßen allesamt mit offenem Mund da und sahen mich ernst an. Vermutlich waren sie geschockt, dass ein einfacher Soldat ihren Forschungsgegenstand ad hoc kognitiv erfassen konnte.

Dann könnte die Forschung vielleicht gar nicht so schlau sein. Bevor sie sich fassen konnten, um einen intellektuellen Gegenangriff zu starten, sagte ich mit schnarrender Stimme (wie sie es von ihresgleichen wohl erwarten würden):

„Was macht die medizinische Abteilung derzeit konkret?"

„Die B1 besteht aus Wissenschaftlern, die sich Gedanken machen, wie das Problem angegangen werden könnte. B2 besteht aus Chemikern, Biochemikern und Physikanten, die sich Gedanken machen, wie, mit welchen Medikamenten oder Vorrichtungen das umgesetzt werden könnte. Wir sind schließlich dafür zuständig, das Ergebnis der anderen beiden Abteilungen anzuwenden, die Auswirkungen auf den menschlichen Körper zu überwachen und zu dokumentieren." Sagte Haubach, während er sich mit blutigen Fingernägeln eine Pfeife stopfte.

„Menschenversuche?"

„Am Ende selbstverständlich, aber so weit sind wir noch lange nicht, soviel kann ich Ihnen versichern, Hauptmann."

Mit pfiffigem Grinsen steckte er sich die Pfeife in den Mundwinkel. Die Aussage passte überhaupt nicht zur Mine. Dieser selbstverliebte Fatzke machte mich sauer. Ich würde das noch aufs genaueste prüfen, ob sie an irgendwem herumfummelten. Schließlich war eine mutmaßliche Testperson jetzt tot….

***

Nach weiteren unbedeutenden Verbalscharmützeln verließ ich freundlich dankend die Vorstellung und begab mich, meine Jacke lässig überstreifen in das breite Treppenhaus. Ich bemerkte hinter mir leise Schritte, drehte mich aber nicht um. Einerseits gab es wohl keinen Grund zu der Besorgnis hier überfallen zu werden, andererseits wollte ich dem mutmaßlichen Verfolger keinen Anlass geben, mich für nicht genügend Selbstsicher zu halten.

Ich schritt schnell die Treppe hinab, als ich aber das Foyer durch die Hofdurchfahrt verlassen wollte, hatte mich mein Verfolger eingeholt und sprach mich leise und zögerlich von hinten an.

"Hauptmann! Haben Sie eine Minute Zeit für mich? Subrosa?"

Ich wandte mich um und nickte. Vor mir stand ein junger Mann aus der B3 Gruppe. Er drängte sich an mir vorbei und ging schnell in eine schlecht einsehbare Ecke des Hofes. Ich folgte ihm nach und bald standen wir dicht beieinander im schattigen Winkel grob behauener Sandsteinmauern.

"Es ist wirklich vertraulich, aber sie müssen es wissen. Ich konnte vorhin nicht frei darüber reden - Sie sind die Mörder…es war kein Selbstmord!"

"Was reden Sie denn da? Das ist eine schwere Anschuldigung, wie heißen Sie?" Ich konnte es kaum glauben, den Fall so schnell gelöst zu haben.

"Von Freybrink ist mein Name und ich war mit Bernhard … befreundet, sehr sogar…"

Seinem Zögern entnahm ich, dass sie wohl durch mehr als Freundschaft verbunden waren, aber ich war kein Pfarrer und entschied, seiner Aussage mehr Glauben zu schenken, als wenn sie Konkurrenten gewesen wären.

"Reden Sie schon, Mann!" setzte ich ihn unter Druck.

"Wir haben, um schneller voranzukommen, ohne den Prof und den Moritz, unsere Forschung...also wir dachten, wir könnten zu menschlichen Versuchspersonen übergehen!"

Die Worte verschwanden in seinen Handflächen, die er sich entsetzt, für meinen Geschmack etwas theatralisch, vor das Gesicht geschlagen hatte.

Ich packte seine Handgelenke fest, auch damit er sich nicht abwenden und fliehen konnte, und zog sie von seinem Gesicht ab.

"Was sagen Sie denn da Mensch?" erwiderte ich ebenso theatralisch, hoffend den richtigen Ton angeschlagen zu haben. Ich wollte natürlich unbedingt, dass er weiter redete.

"Ein Mensch ist gestorben in der Nacht…aber Bernhard konnte das nicht ertragen…er wollte es gestehen…"

"Sie nicht?"

"Nein, ich bin zu feige," erwiderte er schluchzend.

"Und wie wollte er das beweisen?"

"Keine Ahnung, aber er hatte etwas, er war sicher, die Polizei würde ihm glauben."

Wir würden seine Wohnung ordentlich auf den Kopf stellen müssen, um diesen Beweis zu finden. Zu der Behauptung passte, dass sein Wohnungsschlüssel im Schreibtisch gefunden wurde. Wie war er in die Wohnung gelangt, um sich dort aufzuhängen? Sehr wahrscheinlich war es, dass er unterwegs von seinen Komplizen abgefangen und gewaltsam in die Wohnung verbracht wurde, ich würde sie auf Einbruchspuren untersuchen müssen. Meine Gedanken rasten.

"Diese Testperson war der Gruner?"

Freybrink nickte, "wir konnten ihn nicht aufwecken!"

"Und dann haben sie ihn wie einen alten Lumpensack einfach ins Wasser der Spree geworfen?"


"Ich und Bernhard nicht…wir hätten es nicht gekonnt, aber Bartz, Schleicher und Kortwitz waren es. Kollmann hatte bei den Versuchen nicht mitgemacht, ihn hatten wir gar nicht eingeweiht, den Streber."

"Und diese drei haben Malwitz umgebracht?"

Er weinte und nickte.

"Wieso sind sie sich da so sicher?" Ich hob sein Gesicht mit einer Hand an, um ihm in die roten Augen zu schauen.

"Ich war da, heulte er."

"Sie haben also doch mitgemacht?"

"Nein, ich war unter dem Bett, ich hatte ihn erwartet. Als ich mehrere Stimmen hörte, habe ich mich schnell versteckt, wenn es Freunde gewesen wären, was sollten sie denken? Die Umstände waren kompromittierend…"

Das wollte ich nicht näher wissen, es gab sicherlich viele Spielarten solcher ,Freundschaften'. Ich schaute ihn ernst an:

"Wir werden uns morgen früh in seiner Wohnung treffen und nach dem Beweis suchen. Sie reißen sich erstmal zusammen, die Spitzbuben wähnen sich ja in Sicherheit. Also morgen um Punkt 8 Uhr in der Curtius Straße, und machen Sie keinen Rückzieher, wenn wir die anderen drankriegen, können wir für Sie vielleicht etwas machen"

Er nickte stumm aber bestätigend, ich wendete mich ohne ein weiteres Wort von ihm ab und ging durch die Hofdurchfahrt auf die geschäftige Straße zu. Noch in der Durchfahrt sah ich, dass die Pförtnerloge wieder unbesetzt war. Ich hatte eine Eingebung und schritt schnell auf das kleine hölzerne Häuschen zu.


Die Tür war nur angelehnt, ich öffnete sie rasch und schlich mich schnell ohne Rücksicht auf Entdeckung in das kleine Zimmer. Auf einem brandnarbigen Eichentisch lag das dicke Anmeldebuch, in welchem ich meinen Besuch vorhin eingetragen hatte. Flink suchte ich nach dem Datum, von dem vermutet wurde, dass Gruner seinen Tod fand. Und siehe da…

"Was machen Sie denn da!"

Ich hatte genug gesehen, legte unauffällig einen Geldschein in das Buch und drehte mich lächelnd zu dem Alten um.

"Ach, Sie sind dit? Hier dürfen nur Amtspersonen herein"

"Sie waren nicht da und ich wollte ihnen für die Führung ein Trinkgeld hinterlassen", erwiderte ich unschuldig und zeigte auf das Buch.

"Er schlug es auf, nahm den Schein und sagte: " Dit wäre aber nich nötig gewesen, Sie sind ein feiner Kerl, Herr Winzir!"

Nun waren wir beide zufrieden und ich verließ frohen Mutes das Institut.

***

Zuhause konnte ich es nicht erwarten, noch in Schuhen und Jackett goss ich mir einen großen Bärenfang ein, nahm den Einkaufszettel von der Korkwand und legte ihn mit der Rückseite auf den Küchentisch. Meinen Bleistiftstummel fischte ich aus der Hosentasche und stürzte den Schnaps auf einen Zug hinunter. Ich setzte mich und schrieb:

  1. Freybrink, Malwitz, Bartz, Schleicher und Kortwitz machen irgendeinen Frankenstein- Versuch zum Nachteil des geschädigten Gruner.

Mir war piepegal, was genau sie da angestellt hatten, aber ein Mann war tot. Er war in der Spree ertrunken, nichts deutet auf ein Verbrechen, aber er war als Versuchsperson bei einer Forschungsgruppe der Pépinière und wurde am nächsten Morgen aus der Spree gefischt, eigentlich schon verdächtig, aber: 5 Tage später erhängt sich aus unerfindlichen Gründen ein Mitarbeiter der Forschungsgruppe. Anzeichen für ein Verbrechen: Unsinnig und sein Wohnungsschlüssel findet sich auf Arbeit. Und dann gesteht sein Liebhaber. Das macht Sinn.

  1. Sie verbringen und entledigen sich der Leiche Gruners, alle Welt denkt, er ist ertrunken.

Beweisen, dass es Mord war → Obduktion!

  1. Bartz, Schleicher und Kortwitz überfallen Malwitz auf dem Heimweg, weil er auspacken will. Sie bringen ihn um.

Beweisen → Zeugenaussage Freybrink? Glaubwürdig? Andere Beweise, um ihn zu schonen?

Bisher unmöglich,die anderen werden ihn in den ersten Mord hineinziehen, der Beweis, den Malwitz hatte wird außerdem beweisen, dass auch er und Malwitz mit drinstecken - Schade.

  1. Vermutung: Der Beweis für den Mord an Gruner wird wahrscheinlich die herausgerissene Seite aus dem Anmeldebuch der Pépinière sein, in der Wohnung nach Zettel suchen!

→ Dann hätten wir ein Indiz für den Mord an Gruner, ein guter Verhörbeamter kommt damit sicher zu Geständnissen.

Also: Pathologie wegen Obduktion, Curtius Straße, Burg, Fertig!

Ich trank noch einen Schnaps, hängte den Einkaufszettel wieder an die Wand und legte mich zufrieden schlafen. Das war ein erfolgreicher Tag.

Der Fall ist gelöst

Ich stand wie immer um sechs Uhr auf, dafür brauchte ich keinen Wecker, auf ein Frühstück musste ich heute verzichten, auch die Rasur konnte warten. Im Gegensatz zu den meisten meiner Zeitgenossen trug ich keinen Bart, rasierte mich aber nur etwa ein mal pro Woche, um den Unterschied aufrechtzuerhalten. Jetzt war es erstmal wichtig, die Einäscherung von Gruner zu verhindern und ihn gründlich auf Mordmerkmale untersuchen zu lassen.

Deshalb eilte ich so schnell es ging zum Pathologischen Institut der Charité und bewirkte, dass der Pförtner sofort beim Eintritt des ersten Arztes meldete, dass der Gruner aufbewahrt bleiben würde und unverzüglich gründlich untersucht werden müsste. Mein Schreiben von Dietrich hatte ihn so weit eingeschüchtert, dass es keinen Zweifel daran gab, dass er die Sache nicht verbocken würde.


Dann eilte ich in die Curtius Straße, sie befand sich in Lichterfelde und war nur mit der elektrischen Stadtbahn in kurzer Zeit zu erreichen. Ich hatte Glück und stand um Punkt acht Uhr mit Freybrink im Schlepptau vor der Tür des Hausmeisters, dessen Frau als Aufwartefrau der Wohnung des verschiedenen Malwitz diente und über einen Schlüssel zu der Wohnung verfügte. Wir stiegen unter ihrem nicht versiegen wollenden Geplapper in die Wohnung unter dem Dach hinauf und sie ließ uns ein, weil sie Freybrink als dessen Genossen erkannte. Augenscheinlich hatte sie einen besonderen Instinkt für besondere Freundschaften oder einfach nur gute Ohren. Nach den überschwenglichsten Beileidsbekundungen zog sie endlich ab.

Wir sahen uns in der Wohnung um. Währenddessen erzählte mir Freybrink was sich in der Wohnung abgespielt hatte, als Malwitz zu Tode kam. Er unterbrach ständig durch schluchzen und jammern und eigentlich lag er die ganze Zeit auf dem Bett und plapperte. Aber was er sagte, ergab Sinn.

Malwitz war angeblich in der Gefolgschaft seiner Mordkomplizen nach Hause gekommen, das war anscheinend ungeplant, da er ja von Freybrink erwartet hatte dort auf ihn zu warten. Deshalb war auch die Wohnungstüre unverschlossen, auch Freybrink hatte einen Schlüssel zu der Wohnung. Die anderen merkten es wohl nicht, aber Malwitz musste ahnen, dass sein Geliebter sich dort versteckt hielt und am Ende seinem Tod beiwohnte, ohne einzuschreiten. Wie schrecklich, Freybrink jammerte zwar ständig, wie sehr er es bereute, sich nicht todesmutig in den Kampf gestürzt zu haben, aber das machte es nicht besser. Für mich war es undenkbar, jemanden so im Stich zu lassen, aber ich glaubte dem Häufchen Elend.

Jedenfalls wollten sie ihn wohl gar nicht überreden, da er sie bereits von sich als ein Sicherheitsrisiko überzeugt hatte. Sie hielten ihn fest und einer erstickte ihn mit einem Kopfkissen, dann hängten sie ihn im Salon an einem Deckenbalken auf. Das war's.

Beim dritten Versuch hatte ich es gefunden: Die fehlende Seite des Besucherbuches steckte mehrfach gefaltet unter deinem Bein des großen Bettes. Pfiffig war er, aber das half ihm jetzt auch nicht mehr weiter.

Ich verließ den Tatort, den heulenden Freybrink auf dem Bett liegen lassend, mit breitem Grinsen im Gesicht und schämte mich ein bisschen dafür.

***

In der Pathologie hatten sie dankenswerterweise bereits alles für die Obduktion vorbereitet und luden mich freundlich ein, dem Vorhaben beizuwohnen. Ich lehnte grinsend ab, denn mir war klar, dass sie mich damit nur necken wollten. Aber ich wartete gespannt, pfeiferauchend im Flur vor dem Obduktionssaal.

Es war nur eine kurze Weile vergangen, da öffnete sich die Tür und ein erstaunlich sauberer von Bellwitz kam kopfschüttelnd auf mich zu.

"Winzir…woher haben sie das gewusst?"

"Eine Eingebung", entgegnete ich grinsend.

"Wir wissen nicht, und ich glaube, genau werden wir das nicht mehr herausfinden, woran er gestorben ist, aber der Gruner ist auf jeden Fall nicht ertrunken!"

"Soso, das reicht mir schon, Herr Doktor, machen Sie sich bitte keine weiteren Umstände."


"Ein Schnitt und…da war kein Wasser in der Lunge…vermutlich mit Äther oder Chloroform betäubt, aber zu lange, er ist erstickt, ohne äußere Anzeichen…wegen dem Wasser. Hätte man ihn im Trockenen gefunden, hätten wir mit Sicherheit rote Stellen um den Mund herum gehabt, oder andere Anzeichen. So wäre uns aber ein Mord mit Sicherheit durch die Lappen gegangen. Mein aufrichtiger Respekt, Dankeschön, Kamerad. Haben Sie denn einen Verdächtigen?"

"Mehrere, Kamerad Doktor, mehrere!"

***

In der Roten Burg ließ ich mich von einem Schupo durch das Labyrinth zum Aufenthaltsort von Dietrich manövrieren. Er stand umringt von Uniformierten in der Mitte eines großen Raumes und erzählte gerade einen Witz.

"...im Schrank?...Hahahah!"

Sein Lachen dröhnte durch den Saal, aber als er die Blicke der Polizisten sah, die mich anschauten, brach sein Lachen unvermittelt ab. Er drehte sich um und sah mich zwar freundlich, aber neugierig und erst an.

"Winzir! Haben Sie denn schon was herausgefunden mein Freund?" fragte er jovial.

Als er meinen Gesichtsausdruck sah, wurde er noch erster.


"Nicht wahr Winzir…Sie haben was herausgefunden! Unglaublich, nach einem Tag? Wie weit sind Sie? Kann ich jemanden verhaften? Jetzt grinste er wieder.

Ich sagte trocken: "Ja, ich habe das aufgeklärt und verfüge über die Namen der Täter, Zeugen und Beweise. Ich mache dann für heute Feierabend."

Das schlug ein wie eine Bombe und ich erzählte alles haarklein, bis Dietrich restlos überzeugt war. Er gab einige Anweisungen und die Beamten schwärmten aus, die Verhaftungen vorzunehmen. Die Seite aus dem Besucherbuch wurde sorgfältig asserviert. Glückwünsche wurden ausgesprochen und ein Kollege von Dietrich lud uns ins Aschinger ein.

Der Nachmittag wurde zum Abend, ich wurde offiziell zum inoffiziellen Mitarbeiter, Maskottchen und was weiß ich noch alles, ernannt und so gingen wir spät am Abend glücklich auseinander.

***

Ich musste von dieser Geschichte den Kopf freibekommen, ein Spaziergang durch die kalte Abendluft sollte mir dabei helfen. Der Weg nach Hause war nicht weit. Ich hatte meinen Hut noch nicht am Haken, als es laut an meiner Wohnungstür klopfte. Ein hageren Mann mit Schiebermütze fragte schnodderig:

"Winzir?"

Ich griff unauffällig nach meinem Armeerevolver auf der Flurkommode, bevor ich antwortete:

"Wer will das wissen?"

"Inspektor Krüger, Dietrich schickt mich."

"Wollen Sie reinkommen?"

"Das wird nicht nötig sein, Freybrink ist tot."

Auf der Flucht

Er drehte sich um und ging Richtung Aufzug, ich schloss die Tür und lehnte mich erschüttert mit dem Rücken dagegen. Da klopfte es erneut. Ich dachte, er hätte etwas vergessen, oder wollte vielleicht doch auf einen Schnaps hereinkommen, weil Freybrinks Tod ihn auch irgendwie berührte oder so etwas, aber als ich die Tür erneut öffnete, stand dort ein großer, ordentlich gekleideter Mann mit einer Pistole in der Hand.


Reflexartig knallte ich die Tür wieder zu und fast gleichzeitig ertönte ein Schuss, die Tür barst an einer Stelle und Staub und Holzsplitter flogen durch die Luft. ,Das kann ich auch' dachte ich, stellte mich breitbeinig auf, umschloss meinen Revolver mit beiden Händen und feuerte drei Schüsse auf Brusthöhe durch die geschlossene Tür. Draußen fluchte jemand, ich riss die Tür auf und sprang in den Hausflur, aber direkt bis in die Türzarge der gegenüberliegenden Wohnungstür. Ich schaute in den Flur, da war keiner. Schnell rannte ich zum Aufzug und sah in der Kabine bei offener Gittertür Krüger liegen. Er hatte eine Menge Blut am Hals und atmete nicht. Kurz dachte ich, ich hätte ihn vielleicht erwischt,aber das wäre der verrückteste Querschläger der Welt gewesen, sein Hals war von einem Ohr zum anderen aufgeschlitzt. Ich hetzte die Treppe hinunter, öffnete die schwere Haustüre, als wäre sie aus Papier und sprang auf die Straße.


Links - Rechts, niemand zu sehen. In meinem Haus gingen Lichter an, irgendwer würde bestimmt die Polizei rufen. Ich ging ein Stück die Straße entlang, erst in die eine, dann in die andere Richtung in Hoffnung auf Blutspuren oder Ähnliches zu stoßen, fand aber nichts.


Als ich enttäuscht an der Straßenecke stand, wollte ich meinen Revolver, den ich verkrampft in der Hand hielt, unter meinem Sakko im Hosenbund verstecken, um eventuelle Passanten nicht zu erschrecken. Langsam kam ich wieder zu Sinnen und bemerkte, dass meine linke Körperseite warm und nass war. Schlagartig wurde mir kalt, ich war wohl angeschossen worden.


Unverzüglich machte ich mich auf den Weg zu meinem Zahnarzt, der seine Praxis an der Ecke führte. Ich wusste, dass er mit seiner Frau dort wohnte, er war ein Bruder und garantiert um diese Uhrzeit Zuhause.


"Meine Güte, wie sehen Sie denn aus Herr Winzir?" schrie seine Frau mich an, bis er kurz darauf hinter ihrer massigen Schulter im gestreiften Pyjama auftauchte. Ich sank bewusstlos in ihre Arme.


***


Im Krankenhaus zeigte sie keine Bedenken,mich unverzüglich wieder zu entlassen, wenn ich selbstständig zurecht käme. Es war nichts Ernstes, der Zahnarzt hatte mich mit einem Nachbarn hergebracht, nachdem er Erste Hilfe an mir vorgenommen hatte. Die Spritze wirkte noch, ich hatte keine Schmerzen, war nur etwas wackelig auf den Beinen, aufgrund des Blutverlustes.


"Ich muss sofort zur Polizei in die Burg, wie spät ist es?"


Der Zahnarzt sah auf seine Taschenuhr: "Kurz vor Neun, ich muss in die Praxis, ich kann sie mit der Kutsche absetzen Winzir, aber meinen Sie wirklich, dass Sie stabil genug sind?"


"Das wäre gut. Vielen Dank für die Hilfe, es ist mir ein wenig peinlich, Sie da hineingezogen zu haben. Sie wollen gar nicht wissen, was passiert ist, Doktor?"


Er schaute mich lächelnd an "Nicht nötig Adam, wenn ich nach Hause komme, wird mir meine Frau garantiert alles brühwarm erzählen, ich bin mir sicher, sie weiß bereits alles."


Ich stand bereits neben dem Bett, die Krankenschwester verließ das Zimmer und ich zog meine Hose wieder an, sie hatte wenig abbekommen. Dann stopfte ich das Oberteil des Krankenhauspyjamas in die Hose und er reichte mir sein Sakko, wir hatten etwa die gleiche Statur.


"Bitte nicht auch noch blutig machen, ich habe nicht viele Anzüge", sagte er schmunzelnd und ich drückte ihm zum Dank fest die Hand.


Die Krankenschwester kam zurück ins Zimmer, in ihrer ausgestreckten Hand hielt sie meinen Revolver wie ein totes Tier. Ich nahm ihn ihr vorsichtig ab und bedankte mich artig bei ihr. Die Rechnung würde ich per Post bekommen und die Meldung des Vorkommnisses bei der Polizei würde ich sogleich selbst erledigen. Man vertraute mir.


***

Wenn es auch in der Burg nie wirklich ruhig zuging, war jetzt aber die Hölle los. Auf dem Hof sprangen Uniformierte in die Polizeikutschen und verließen fluchtartig den Hof, während gleichzeitig andere eintrafen. In der Abteilung, in der ich gestern Dietrich die frohe Botschaft verkündet hatte, ging es zu wie auf dem Hauptbahnhof und ebenso laut.


"Was haben Sie denn gemacht?" fragte Dietrich entsetzt, als er mich ansah. "Sind Sie aus dem Irrenhaus ausgebrochen?" Er deutete auf das gestreifte Pyjamaoberteil.


"Aus dem Krankenhaus!" erwiderte ich, er hatte eine bemerkenswerte Auffassungsgabe.


"Freybrink ist tot und die beiden Inspektoren, die ich zu Ihnen geschickt hatte sind bei Ihnen anscheinend in einen Hinterhalt geraten. Was wissen Sie darüber Winzir?" Seine Schweinsäuglein funkelten mich böse an.


Ich erzählte es ihm. Er konnte es nicht fassen, dass einer seiner Leute ein Verräter und Mörder sein sollte. Allerdings änderte er sofort seine Anweisungen dahingehend, nicht mehr nach einem harmlosen Opfer zu suchen.


Mit einem Becher starken schwarzen Tee in der Hand und einer Decke um die Schultern saß ich auf einer schmalen Bank im Flur, als Dietrich aus der Besprechung kam.


"Die Fahndung läuft auf Hochtouren. Winzir, gehen Sie erstmal nach Hause und ruhen sich aus. Ich schicke nach Ihnen , wenn wir etwas neues haben."


Ich stand wortlos auf, reichte ihm den Becher und die Decke, nickte ernst und ging den langen Korridor hinunter.


Zuhause vor der Haustür traf ich auf einen Polizisten, der dort auf dem Posten stand. Er war schon etwas älter, uniformiert und hatte einen langen Bart. Er hob eine Hand an den Tschako, stellte sich vor und hielt mir die Tür auf.


"Guten Morgen, Herr Winzir!"


"Woher wissen Sie das?"


"Nichts für ungut, aber so wie sie aussehen?" Er lächelte.


Ich lächelte zurück. "Was ist ihr Auftrag?"


"Auf Sie aufzupassen, Herr Winzir, der Attentäter ist schließlich noch auf freiem Fuß!"


"Na, das können Sie auch oben machen. Kaffee?"


Er freute sich wirklich. "Sehr gerne Herr Hauptmann!"


Wir stiegen die Treppen zu meiner Wohnung hoch. Den Fahrstuhl würde ich nun erst recht nie mehr benutzen. Der Schupo hatte mehr Energie und ging voraus, ich folgte ihm müde. Im Flur vor meiner Wohnung hatten sie aufgeräumt und eine große Holzplatte auf das zerschossene Türblatt genagelt. Sie war zwar noch nicht angestrichen, aber immerhin. Ich gab dem Polizisten meinen Schlüssel und er schloss die Tür auf. Als er sie nach innen öffnete, ertönte ein Knall und er fiel, wie vom Blitz getroffen, sofort um. Ich hatte noch gar nicht kapiert, was da gerade geschehen war, da wurde ich bereits von einem Mann umgestoßen, der aus meiner Wohnung stürmte. Ich hielt mich reflexartig an ihm fest, so dass er ins Straucheln geriet und hinfiel. Er rappelte sich gleichzeitig mit mir auf, ich sprang auf ihn zu.


Er kam noch dazu, einige Schritte Richtung Treppe zu machen, dann wollte ich seine Schultern packen, es reichte allerdings gerade für einen Schubser. Da er den Treppenabsatz bereits erreicht hatte, fiel er nun die Treppe hinab. Unglücklicherweise, er hatte nach dem Handlauf gegriffen, fiel er kopfüber hinab, polterte, schlug einige Male mit dem Kopf gegen Wand und Messingkanten der Treppenstufen und blieb auf dem unteren Treppenabsatz regungslos liegen.


Was für ein Schlamassel. Würde das denn nie mehr aufhören? Die Treppe würde ich von nun an auch ungern benutzen.

Die ersten Wohnungstüren öffneten sich bereits, bei der Nachbarschaft war ich jetzt garantiert unten durch…


***

Dietrich versuchte mich zu beruhigen: "Nein, ich glaube, jetzt haben Sie es wirklich hinter sich gebracht Winzir."


Ich saß wieder in dem Großraumbüro in der Burg, in letzter Zeit hatte ich hier wohl mehr Zeit verbracht als Zuhause.


"Aber Sie sollten sich eine andere Wohnung suchen, Winzir. In diesem Haus ist man ja seines Lebens nicht sicher!"


Sein schwarzer Humor gefiel mir zwar, aber trotzdem war mir nicht nach Lachen zumute.


"Sie haben Recht Dietrich, ich werde mir was anderes suchen, am besten auf einer Insel, dann sehe ich die Bösewichter schon von weitem, wenn sie kommen."


"So ist richtig Winzir. Wenn die ganze Angelegenheit erstmal abgeschlossen ist, sind Sie ein Held, das kann ich Ihnen versprechen."


"Bevor ich mich ausruhen kann, muss ich aber wissen, wer der Drahtzieher des Anschlages war. Ihr Kollege hatte es ja fanatisch auf mich abgesehen. Seinen Kollegen zu töten und sich nach dem ersten Anschlag in meiner Wohnung zu verstecken - Wahnsinn!"


"Anscheinend ist er gar nicht auf die Straße, sondern auf den Dachboden geflohen. Danach ist er während des ganzen Trubels einfach in ihre Wohnung gegangen und hielt sich dort die ganze Zeit über versteckt, bis Sie mit dem Wachmann zurückkamen."


"Wie geht's ihm denn?"


"Soweit ganz gut, er trug ein sehr festes Chemisett, darüber die doppelt überschlagene Uniformjacke aus Drillich und der Schuss traf zwar seine Brust, aber keine wichtigen Organe, er hatte viel Glück, der brave Mann"


"Da bin ich wirklich erleichtert, er scheint ein netter Kerl zu sein, und er hat seine Aufgabe heldenhaft erfüllt - er hat mir tatsächlich das Leben gerettet."


Dietrich lächelte grimmig. "Vielleicht wollen wir uns etwas mit den Schurken unterhalten?"


Das Verhör

Ich folgte Dietrich müde in die Innereien des Backsteinmonsters, zum Gefängnistrakt. In einem Besucherwarteraum vor dem eigentlichen Gefängnis setzten wir uns und bekamen von einer jungen Dame in Schwesterntracht jeweils eine Tasse Kaffee und eine kleine Schale mit trockenen Brotstückchen zum Knabbern vorgesetzt. Dietrich bat sie freundlich, mir eine Ration Tabletten gegen die Schmerzen, etwas zum Schlafen und eine frische Wundauflage zu geben. Sie ging die Sachen holen und er begann:


"Hören Sie Winzir, Sie können nicht in Ihrer Wohnung bleiben, es ist noch nicht ausgestanden: Der Kollege, der Sie überfallen hat, wurde mit Sicherheit von der Familie eines der Täter gedungen. Ich denke, eine größere Summe Geld wird den Ausschlag für die Tat gegeben haben.

Freybrink ist heute morgen aus der S-Bahn gefallen. Bevor wir ihn festnehmen konnten, ereilte uns bereits die Nachricht von seinem Tod. Er soll nach Alkohol gestunken haben, aber es glaubt natürlich niemand mehr an Selbstmord. Wer weiß wie viele der Selbstmorde in dieser Stadt in Wirklichkeit Morde sind…Die anderen drei haben wir jedenfalls hier festgesetzt. Mich interessiert besonders, welche Familie hier gerade ausrastet und alle Zeugen beseitigen lässt. Und das ist auch in Ihrem Interesse. Nach der Befragung werde ich sie mit einem Bruder von der Sitte in ein Versteck bringen lassen. Es wird Ihnen zwar bestimmt nicht gefallen, aber es wird garantiert sicher dort sein. In Hotels würde man Sie garantiert bald ausfindig machen."


Ich hatte brav zugehört und eifrig genickt. Ich war bereits in viele, mitunter auch ausweglos erscheinende Situationen geraten, aber das hier war etwas ganz anderes. Normalerweise konnte ich den Monstern ins Gesicht sehen, wenn sie mich umbringen wollten, jetzt konnte es jeder sein. Kinder und Frauen mal ausgenommen. Aber wenn schon ein Polizist mich tot sehen wollte? Die Drahtzieher mussten über ein beträchtliches Vermögen verfügen. Wer konnte schon einen Polizeibeamten bestechen, der nicht eine kleine Gefälligkeit bietet, sondern danach ein neues Leben anfangen muss. Nach dem Mord an Krüger wäre er aus der Nummer nie wieder herausgekommen.


Als hätte er meine Gedanken gelesen sagte Dietrich plötzlich: "Übrigens hat der Inspektor, bevor er mit Krüger zu Ihnen gefahren ist, also während wir im Aschinger gefeiert haben, den Zettel geklaut…er ist weg…wir fangen bei Null an, wir wissen lediglich wer es war, aber das zu beweisen wird schwer. Sie sind unser letzter Zeuge Winzir, wenigstens haben Sie das Geständnis gehört. Passen Sie bloß auf sich auf."


"Haben Sie Patronen?" fragte ich.


"Ich gebe Ihnen nachher ein paar, hier kommt erstmal Ihre Reiseapotheke."


Die Krankenschwester erschien und reichte mir ein kleines Päckchen.


"Die Runden nehmen sie bei Bedarf, aber nicht zu viele auf einmal!" Sie schaute mich streng an.

"Und die braunen länglichen, wenn Sie nicht einschlafen können, aber versuchen Sie es vorher mit einem Abendspaziergang und danach mit einer heißen Milch mit Honig. Was machen Sie denn da?"


Ich hatte in der Zwischenzeit die kleine Pappschachtel geöffnet, die Rolle Mullverband auf dem Knie balanciert und einem Papierbriefchen zwei runde Tabletten entnommen und mir in den Mund gesteckt. Nun trank ich etwas kalten Kaffee, lächelte sie gequält aus den Augenwinkeln an und versuchte die dicken Dinger hinunter zu schlucken. Die Spritzen hatten aufgehört zu wirken und ich hatte das Gefühl, als steckte eine abgebrochene Hellebarde in meiner Seite.


Sie wandte

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