Die Hochzeit
war so ein Wohlfühlding.
Die Menschen waren ausgesprochen freundlich – und ich gefühlt der einzige Nichtraucher.
Die Feier
hatte etwas von einem Restaurantbesuch. Alle saßen in feinem Zwirn beisammen
und unterhielten sich, anfangs noch sehr gediegen.
„Boney M“ und „ABBA“ kamen aus der Musikbox, die immer wieder in den verschiedensten Farben aufleuchtete. Die Musikbox und die fröhlichen Melodien von „ABBA“, „Boney M.“ und Co. glänzten um die Wette. Dass, obwohl die Songs schon vor mehreren Jahrzehnten eingesungen worden waren.
Er, der
Bräutigam, kam aus Thüringen, sie, die Braut, aus einem der Nachbarorte.
Ihren Lebensmittelpunkt haben sie in Thüringen. Gefeiert wurde jedoch hier, da
es viel zu aufwendig gewesen wäre, die gesamte Verwandtschaft der Braut in
Thüringen unterzubringen.
Die Braut
trug einen Brautzweiteiler:
ein schön verziertes weißes Oberteil mit leicht glitzernden Accessoires und
dazu einen langen Seidenrock.
Der
Bräutigam trug:
Einen dunkelblauen Anzug, ein weißes Hemd und eine meiner Meinung nach zu
kurzer, ebenfalls dunkelblauer Krawatte. Die wirkte irgendwie drollig.
Vonseiten
des Bräutigams waren weder Freunde noch Verwandte unter den Hochzeitsgästen. Es
waren ausschließlich Gäste der Braut anwesend.
Das würde er auch so gutheißen, denn ihre Freunde und ihre Familie hätten ihn
gleich ins Herz geschlossen. Wörtlich sagte er: „Die haben mich sofort so
genommen, wie ich bin.“ - Besser geht’s nicht.
Außerdem sei
dies seine zweite und definitiv letzte Hochzeit.
Er liebe seine Braut sehr und wisse, dass sie die Richtige sei. Dabei kennen
sie sich gerade einmal seit sechs Monaten. Wobei ich mich frage, gibt es die
Richtige fürs Leben und die Richtige auf Zeit? … anscheinend?
Die Menschen
mochte ich sofort. Was allerdings auch damit zusammenhängen könnte, dass sie
sich so schön von mir fotografieren ließen und wir während der gesamten Feier
nur Freundlichkeiten austauschten.
Was mir ein wenig die Hochzeitsstimmung nahm – nicht zu verwechseln mit der ansonsten angenehmen Atmosphäre – war, dass Braut und Bräutigam ihre Hochzeitsgesellschaft selbst bedienten.
Die Braut
hatte sogar die Hochzeitstorte und sämtliche andere Kuchen selbst gebacken:
Schwarzwälder-Kirsch-Torte, Muffins, Donuts und Schokoladenkuchen. Dazu gab es
die Torte, die mit blauem Zuckerguss glänzte und im Inneren eine
Vanille-Beeren-Füllung beherbergte.
Geschmeckt hat das alles ganz vorzüglich.
Auch gekocht
wurde selbst. In der Küche, die zum Feiersaal gehörte.
Déjà-vu: Auf der letzten Hochzeit, zu der ich eingeladen war, stand ebenfalls
vor allem die Braut in der Küche. Zufällig sogar im selben Feiersaal.
Ist das ein neuer Trend unter verheirateten Paaren: Kochen auf der eigenen
Hochzeit?
Hier wurden
nun Knödel, Pommes frites, Spießbraten und Schnitzel vorbereitet, dazu
Bratensoße. Außerdem gab es Brote, auf denen eine Art Hackepeter lag, garniert
mit zwei roten und einem gelben Tomatenstückchen. Dazu kam eine Art Nudel, die
mit etwas Fleischigem gefüllt war.
Als Vorspeise wurde eine Markklößchen Suppe zubereitet, zum Nachtisch Tiramisu.
Über diesen exakt viertelstündigen Schichtwechsel war ich gleich mehrmals erstaunt. Braut und Bräutigam wechselten sich ab, unterstützt besonders von der Oma und der Brautmutter. Nach und nach halfen immer mehr Menschen in der Küche mit.
Ich hatte
meine Freude daran, denn Hochzeitsbilder einer Gesellschaft, die gefühlt mehr
Zeit in der Küche als im Festsaal verbringt, sind für mich eine Kuriosität.
Das Essen
verlief nahezu geräuschlos. Alle waren mit dem leckeren Hochzeitsschmaus
beschäftigt. Noch nie – das war mir schon bei Kuchen und Kaffee aufgefallen –
hatte ich ein so stilles und dennoch feierliches, lockeres Festessen miterlebt.
Es gab auch ein Frage-Antwort-Spiel, das von der Trauzeugin der Braut moderiert wurde. Die Eheleute mussten jeweils einen Schuh des anderen hochhalten, wenn sie meinten, dass die Antwort auf die jeweilige Frage zutraf.
Fragen wie:
„Wer hat zuerst gesagt: Ich liebe dich?“ Oder: „Wer kann nach einem Streit
besser verzeihen?“ Um nur zwei Beispiele zu nennen.
Mit dem roten und gelben Schnaps, der nun ebenfalls zur Feier eingeladen worden war, löste sich die Restaurantatmosphäre langsam auf. Die Feier verwandelte sich mehr und mehr in einen klassischen Familiengeburtstag. Heiterer, geselliger – und die gute Laune sowie manche Zote wurden, wie so mancher Alkoholatem, nun deutlich spürbarer.
Dennoch
blieb diese Veranstaltung angenehm gesittet.
Ich spürte einfach nur Wohlwollen untereinander. Neid und Missgunst waren wohl
bereits im Vorfeld ausgeladen worden.
Das werde ich mir für die nächsten Familienfeste gleich mal notieren.
Gegen 21 Uhr
40 waren von den knapp 30 Gästen nur noch fünf anwesend. Die Neu-Eheleute
verabschiedeten mich herzlich und höflich.
Beschwingt
lief ich nach Hause.
Ich
berichtete meinen Eltern, die natürlich auch vorsichtig neugierig waren, ein
wenig von dem Hochzeitsfest.
Dann lud ich die Bildchen auf die Festplatte und setzte mich anschließend neben
Vater auf die Couch, wo wir „das aktuelle Sportstudio“ weitestgehend an uns
vorbeiziehen ließen. Gab es doch von diesem Samstag noch so viel anderes
auszutauschen.
Das war ein aufbauender
Samstag, der seine Aufgabe, mir ein gutes Gefühl mitzugeben, hervorragend
erledigte. - „Danke.“
Passt auf euch auf, wer immer ihr auch seid!?
