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Jenny Holmes und das Vermächtnis der indischen Lampe

Fizzy Lemon
2. April 2021(bearbeitet)
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Zum Geleit:

Dies ist eine kleine Geschichte, die sich als Art FanFiction zu Jennys Geschichten rund um die Meisterdetektivin Jenny Holmes dreht. Die meisten Figuren und vergangene Begebenheiten beziehen sich auf die Geschichten von Jenny, von denen leider viele gelöscht wurden und somit unwiederbringlich verloren gingen. Die Geschichte ist abgeschlossen. Ähnlichkeiten zu lebenden, toten oder untoten Personen wären rein zufällig.


Jenny Holmes und das Vermächtnis der indischen Lampe


Es war ein warmer und sehr sonniger Frühsommertag am Rande des viktorianischen Londons, wo Lord Lemon sich nach vielen Schicksalsschlägen in ein feudales Anwesen zurückzog. Es zermürbte ihn arg, dass er erst den Verlust seiner geliebten und hochschwangeren Frau beklagen musste und danach das mysteriöse Ableben von Miss Beaver verkraften musste. Doch die Zeit heilt bekanntlich alle Wunden und so trat in das Leben von Lord Lemon die bezaubernde Lady Biberly, in die er sich augenblicklich verliebte und seine Seelenpein über Bord werfen konnte. Dass dabei Lady Biberly Miss Beaver wie ein Zwilling glich, dürfte mit Sicherheit seinen Teil dazu beigetragen haben, dass Lord Lemon von dieser Frau nicht mehr lassen konnte. Er ließ seinen ganzen Charme spielen und buhlte um die Gunst der schönen Aristokratin, bis er endlich ihr Herz gewann und es zu einem Ehegelöbnis kam und sich das glückliche Paar auf das Anwesen von Lemonshire zurückzog. Dabei nahm er natürlich seine Bediensteten, die nicht von angsteinflößenden Erscheinungen dahin gemeuchelt wurden, mit und so kümmerte sich die Oberhaushälterin Sabine, eine distinguierte aus Deutschland stammende Mittvierzigerin, um das Haus und koordinierte die restlichen Angestellten.

Natürlich blieb auch die Freundschaft zu Jenny Holmes, der Meisterdetektivin, erhalten. Ja, sie festigte sich sogar dadurch, dass man sich gegenseitig im Leid der vergangenen Ereignisse stützte. Somit war Jenny Holmes ein gern und oft gesehener Gast auf Lemons Anwesen. Da sie eine der wenigen Frauen war, die über ein neuartiges Automobil verfügte, mit dem sie halsbrecherisch über das Kopfsteinpflaster der Straßen und Gassen bretterte, war es ihr auch oft möglich das entlegene Anwesen zu besuchen. Ihre Wohnung in der Baker Street gab sie nämlich um nichts in der Welt auf. Auch wenn sie nun alleine darin wohnte, denn ihre damalige Assistentin Mrs. Watson verliebte sich Hals über Kopf in einen Rummelplatzboxer und zog es nun vor, über die Jahrmärkte Englands zu tingeln, anstatt Jenny Holmes dabei zu helfen, die dunklen Ecken von London von Verbrechern und anderem Gesindel zu befreien. Somit musste die Meisterdetektivin die letzten Fälle mehr oder weniger alleine lösen, weil auch auf die Hilfe von Inspektor McLoad nicht mehr zu bauen war. Seine intensive Inspektion der Nippel von Mrs. Watson ging ihm nicht mehr aus dem Kopf und verschleierte seinen Blick auf das Wesentliche der Kriminalfälle, die er eigentlich zu lösen hatte, so dermaßen, dass er beschloss in den schon lange wohlverdienten Ruhestand zu gehen. Da sich auch bei Jenny Holmes langsam das Alter bemerkbar machte, schaltete auch sie einen Gang herunter und nahm nicht mehr jeden Fall an. Zumal sie alleine das auch gar nicht mehr konnte.

Jenny Holmes knatterte mit ihrem Automobil die lange Zufahrt auf das große Hauptgebäude von Lord Lemons Anwesen entlang. Vorbei an Bäumen, Büschen und Blumenbeeten hinüber zu dem mit Efeu berankten schlossähnlichen Gebäude, das aus gelbgrauem Sandstein errichtet war. Überall war geschäftigtes Treiben der Gärtner und Hilfskräfte, die sich um alles kümmerten und hier harkten, dort schnitten. Jenny parkte ihr Auto gekonnt vor der großen Treppe, die hinauf zu der eisenbeschlagenen Eingangstür führte, wo sie bereits von Sabine erwartet und natürlich freudig begrüßt wurden. Sodann führte die Oberhaushälterin die Meisterdetektivin durch die Eingangshalle und den großen Salon mit dem riesigen Kamin, der von einem kunstvollen Rahmen aus Marmor umgeben war, hinaus auf die weit ausladende Terrasse hinter dem Haus, wo Lord Lemon gemütlich an einem Tisch saß und in einer Zeitung blätterte. Als er Jenny erblickte, legte er das Blatt beiseite, stand auf, griff Jennys Hand und machte einen galanten Diener, wobei er ihr einen Kuss auf den Handrücken gab. Danach bot er ihr an Platz zu nehmen und goß ihr etwas von dem gekühlten Wassermelonensaft in ein grazil verziertes Kristallglas ein. Nach dieser Begrüßung plauderten die Beiden ein bisschen über die letzten Neuigkeiten in und um London herum, wobei Lord Lemon nicht vergaß zu erwähnen, dass Lady Biberly jeden Moment kommen müsste und es sich nur noch um Minuten handeln könne. Der Smalltalk wurde allerdings immer wieder durch das Geknatter dieser neuartigen Erfindung der neuen Chefgärtnerin gestört. Lord Lemon war seiner Zeit schon immer voraus und gab entgegen dem Zeitgeist auch Frauen Führungspositionen und so übertrug er die Leitung der Gärten an eine aus den Alpen stammende, etwas maskulin wirkende Frau namens Bibi, die sich nie zu fein dazu war, sich die Hände schmutzig zu machen. Ihr Fleiß und ihre Intelligenz beeindruckten Lord Lemon damals genauso, wie ihre Ideen, die sie unbändig in die Tat umsetzten wollte, wenn sie denn dürfe. So erfand sie ein Bewässerungssystem für das Anwesen, so dass man nicht mehr wie früher kannenweise Wasser aus der Zitadelle befördern musste, sondern nur noch im Gärtnerhaus einen Hebel umlegen musste. Schon spritze aus Düsen im Boden Wasser heraus und sorgte dafür, dass das Grün in Lemonshire grüner war als anderswo. Aber das alleine reichte Bibi noch nicht und so baute sie sich ein dampfbetriebenes Gefährt mit einer Sensenwalze vorne dran, womit sie viel schneller das Grün in seiner gewünschten Höhe halten konnte. Tatsächlich funktionierte das auch wunderbar, doch war das Gerät, mit dem die dunkelhaarige Gärtnerin herumdüste ohrenbetäubend laut und immer, wenn sie an der Terrasse vorbei kam, verstand man sein eigenes Wort nicht mehr.

Endlich erschien auch Lady Biberly auf der Terrasse und die Freude über das Wiedersehen war bei Lady Biberly genauso groß, wie bei Jenny. Es gab die herzlichste Begrüßung, die man sich nur denken konnte und schnell waren die beiden Damen in ein Gespräch vertieft. Dabei aß Lady Biberly genüsslich eines der Croissants, die noch am Tisch lagen, hatte sie doch das Frühstück ausgelassen, weil sie nach langer Zeit einmal wieder ohne Störung mehrere Stunden am Stück durchschlafen konnte. Nur in einem Morgenmantel gekleidet saß sie nun mit Jenny Holmes tratschend am Tisch und Lord Lemon erfreute sich daran, diese Unbeschwertheit und Fröhlichkeit der Beiden sehen zu dürfen. Als Lady Biberlys kurzes Frühstück beendet war, stand sie auf, entschuldigte sich bei Jenny und Lord Lemon, da sie nun vorhatte, ihre alltäglichen Runden im großen Swimmingpool, der sich gleich hinter der Terrasse befand, zu schwimmen. Natürlich gab man sie dafür frei und Lord Lemon betrachtete seine Frau, wie sie förmlich die Stufen der gewundenen Treppe hinab in Richtung Pool schwebte. Lady Biberly stellte sich an den Rand des Pools, schlüpfte aus ihren Schuhen, und fühlte kurz mit dem großen Zeh die Wassertemperatur. Jenny und Lord Lemon schauten ihr dabei von der Terrasse aus zu und das Geknatter des Dampfmähers von Bibi kam wieder ohrenbetäubend laut daher. Schnaufend und zischend bog das Gefährt um die Ecke herum, gerade in dem Moment, als Lady Biberly den Morgenmantel ablegte und splitterfasernackt einen Kopfsprung in das Wasser machte. Gärtnerin Bibi verrenkte sich bei dem Anblick schier den Hals und war für einen kurzem Moment unfähig einen klaren Gedanken zu fassen, geschweige denn ihr grasfressendes Monstrum zu beherrschen. Wo bekam man denn im viktorianischen London schonmal so einen Anblick zu sehen? Weiter den Blick auf den Pool gerichtet mähte sie glatt in die Büsche an der Wand des Hauses und der Mäher bockte sich auf und kippte zur Seite. Bibi ließ einen Schrei los, der aber nicht vom Umkippen herrührte! Alarmiert sprangen Jenny und Lord Lemon auf und rannten die Treppen hinunter.

„Ist Ihnen was passiert?", fragte Lord Lemon, als er Bibi vom Boden aufhalf und dabei bemerkte, wie sie kreidebleich wurde.

Inzwischen waren auch Sabine und Lady Biberly, die sofort aus dem Pool kam und sich den Morgenmantel umwarf, an der Unfallstelle eingetroffen. Bibi zeigte auf das umgemähte Gebüsch und alle Augen richteten sich darauf. Zwischen den Stoppeln des Gebüsches entdeckten sie eine Frauenleiche!

„Oh mein Gott! Anna?", kreischte Jenny Holmes heiser und alle Umstehenden schauten sie fragend an.

„Anna? Welche Anna? Was meinst Du?", fragte Lady Biberly Jenny.

„Anna war unsere Assistentin. Eigentlich behandelten wir sie eher wie eine Praktikantin. Also wir schickten sie Essen holen oder ließen sie putzen, anstatt sie auf eine unserer gefährlichen Ermittlungstouren mitzunehmen.", erzählte Jenny Holmes. „Das war auch nicht ganz fair, aber wir hatten wirklich Angst um sie und wollten auch nicht, dass ihr was geschieht. Eines Tages dann sollte sie uns aus der Clarke's Bakery Frühstück besorgen, doch sie kam nie wieder. Irgendwo in Soho verlor sich ihre Spur. Wir kamen in unseren Ermittlungen nicht weiter. Eine mysteriöse Wahrsagerin mit einem Killerkätzle hatte etwas von einer Lampe aus Indien gefaselt, aber wie auch immer das zusammenpassen sollte und was das mit Annas Verschwinden zu tun hatte, konnten wir nie klären. Das wurde zu einem der wenigen ungelösten Fälle in meiner Laufbahn als Detektivin."

„Und wie kommt nun ihr Leichnam in dieses Gebüsch?", wollte Sabine wissen und schaute komischerweise Lord Lemon direkt an, als ob er eine Antwort darauf wüsste.

„Was schauen sie mich dabei so an?", fragte Lord Lemon leicht entrüstet, worauf Sabine nur mit den Schultern zuckte.

Bibi hingegen sagte gar nichts mehr, weil sie aus dem Glotzen nicht mehr heraus kam. Da sich Lady Biberly nicht abtrocknete, durchnässte der Morgenmantel und ließ den Stoff so eng an ihrem Körper kleben, dass man keine Fantasie brauchte um zu sehen, was sich unter diesem Kleidungsstück verbarg. Immerhin war der Anblick angenehmer als der der Leiche. Sie musste schon einige Zeit dort liegen und war entsprechend geschunden. Man konnte sie zwar noch gut erkennen, was auch seltsam war, denn berücksichtigte man die Zeit von Annas Verschwinden und ihrem unerwarteten Auffinden, müsste ihr Leichnam viel stärker verwest sein. Jenny Holmes beugte sich hinunter und schaute sich Anna ganz genau an. Sie war plötzlich wieder ganz die Meisterdetektivin. Lady Biberly hingegen stand nur da und ließ ihre blauen Augen von einem zum Anderen gleiten.

„Das hat nun alles keinen Wert. Lasst uns ins Haus gehen und die Sache an Scotland Yard melden.", schlug Lord Lemon vor und alle, einschließlich der blonden Jenny, stimmten zu.

Im Salon saß man, trank etwas Whisky oder Sherry und wartete auf die Ankunft des neuen Inspektors, der den Posten von McLoad übernommen hatte. Als nach einer gefühlten Ewigkeit die Glocke des herrschaftlichen Anwesens ertönte und Sabine den erwartenen Polizisten in den Salon führte, staunte man nicht schlecht. Erwartet hatte man etwas ganz anderes. Da stand ein kleiner und irgendwie verzagter, schüchterner Mann in einem unscheinbaren Mantel und schaute eher bedröppelt zu Boden, als die Leute im Salon zu begrüßen. Die Vorstellung übernahm stattdessen Sabine.

„Ladies und Gentlemen, darf ich vorstellen: Inspektor Guby von Scotland Yard.", sagte Sabine in etwas zu aristokratischer Weise.

Erst jetzt setzte sich Inspektor Guby eine Nickelbrille auf und begrüßte die Anwesenden mit einem knappen: „Guten Tag. Wo ist die Leiche?"

Sabine übernahm auch diese Aufgabe und führte Guby über die Terrasse hinaus zu dem Fundort. Mit einer Lupe in der Hand untersuchte er gewissenhaft Leiche und Gebüsch und notierte sich alles Wichtige oder vielleicht auch Unwichtige in einem kleinen ledergebundenen Notizbüchlein. Dann sagte er ebenso wortkarg: „Nachher holen welche die Leiche ab. Fassen Sie nichts an, lassen Sie alles so wie es ist. Wir melden uns bei Ihnen. Haben Sie noch einen schönen Tag."

Prompt verschwand er um die Hausecke. Sabine stand etwas ratlos da. Sie hatte sich wohl mehr erhofft und fragte sich ernsthaft, ob dieser komische Kauz wirklich zum Inspektor taugte. Und diese Ungewissheit verstärkte sich, als Guby plötzlich von der anderen Seite des Gebäudes um die Ecke kam und Sabine leicht errötend fragte: „Entschuldigung, aber wo ist der Ausgang bitte?"

Währenddessen war man im Salon in eine angeregte Unterhaltung verfallen. Es wollte niemand in den Kopf, wie Anna in das Gebüsch gelangen konnte. Lord Lemon kaufte das Anwesen erst vor kurzem. Da war die Assistentin schon lange verschwunden. Also kann es nur ein Zufall sein. Das Anwesen von Lemonshire war lange Zeit verwaist. Einst war es im Besitz eines Asiaten namens Freund-Chen, der dann auf wundersame Weise verschwand. Der Besitzer danach war ein seniler Mann, der das Anwesen kaufte, es dann aber wohl vergaß und so verwilderte es und wurde am Ende für einen recht erschwinglichen Preis von Lord Lemon erstanden und wieder zu alter Blüte gebracht. Dass dieses Anwesen ausgerechnet dem diabolischen Freund-Chen gehörte, auf dessen Konto der Tod von Lemons erster Frau ging, war schon gruselig genug. Fraglich, ob er trotz des günstigen Preises zugeschlagen hätte, wäre ihm diese Information früher zuteil geworden. Aber sein voriges Anwesen wollte er auch nicht mehr zurück. Dort spukte es auf andere Weise und die blondgelockten Hausgeister, die durch die Wände huschten und das omninöse Mädchen mit dem Teddybären, das wohl für den Tod von Dan Friendly und Lemons zweiter Frau, der amerikanischen Sonderermittlerin Catalea Beaver, die einst dazu beitrug Freund-Chen das Handwerk zu legen, verantwortlich war, ließen ihn keine Nacht mehr schlafen. Nein, das Anwesen alleine konnte dafür ja nichts und Lord Lemon fühlte sich auch recht wohl. Trotz aller Umstände. Nur war diese Ruhe nun verloren, nachdem man Annas Leiche fand. Wieder einmal wurde Lord Lemon in seltsame Vorgänge verwickelt und durch die himmelblauen Augen der blonden Meisterdetektivin Jenny Holmes ging ein Blitzen, das ihre Lust auf Ermittlungen zeigte. Zumal sie nun endlich Klärung im Fall von Annas Verschwinden betreiben könnte.

„Egal, was Scotland Yard auch sagt...", gab Jenny Holmes fast feierlich bekannt, „...ich werde den Fall annehmen. Das bin ich Anna schuldig. Und ich finde heraus, was und wer es war. Das ist mal so sicher wie das Amen in der Kirche!"

In diesem Moment ertönte die Haustürglocke erneut und der Postbote stand davor. Ein noch junger Bursche, dessen pausbäckiges Gesicht vor lauter Fröhlichkeit nur so strahlte. Er war mit einem Fahrrad den ganzen Weg von London nach Lemonshire gefahren und holte aus seiner ledernen Tasche einen ganzen Stapel Briefe hervor, die er sortierte, als er eiligen Schrittes in den Salon kam.

„Ah, Miss Holmes. Ich dachte mir, dass ich sie hier antreffe. Hier ist ein Brief für sie aus Amerika.", frohlockte er und drückte Jenny den Brief in die Hand.

Fragend blickten ihre blauen Augen aus dem immer noch hübschen Gesicht, doch als sie den Absender auf dem Kuvert las, ließ sie ein freudiges Kichern hören. Flugs öffnete sie den Briefumschlag und entnahm ihm einen drei Seiten langen Brief, den sie schleunigst las. Dann entfuhr ihr ein: „Oh mein Gott!"

Alle drehten sich zu Jenny Holmes mit großen Augen um.

„Was ist geschehen?", wollte Lord Lemon wissen.

„Entschuldigt mich bitte.", sagte Jenny eilig, „Ich muss dringend nach Plymouth. Der Brief ist von meiner Nichte Avery. Meine Schwester ging doch damals nach Amerika, weil ihr Mann unbedingt auf Goldsuche gehen wollte. Er fand neben ein paar Nuggets leider auch den Tod, doch das Gold reichte aus, damit sich meine Schwester ein sorgenfreies Leben in Amerika machen konnte. Sie heiratete erneut und bekam eine Tochter. Und die schrieb mir, dass sie nach London kommt. Dank der Schneckenpost erfahre ich jetzt erst, dass das Schiff in ein paar Stunden im Hafen von Plymouth einläuft. Ich muss mich sputen um noch rechtzeitig da zu sein. Machts gut, ich stelle sie euch dann vor, wenn wir wieder in London sind."

Mit diesen Worten hastete Jenny Holmes in Richtung Ausgang und alsbald hörte man das Röhren ihres Automobils, mit dem sie Richtung Südwesten verschwand.


Plymouth


Nach Stunden über einer schlecht ausgebauten Landstraße, die Jenny Holmes langsam schmerzhaft an ihrem Hintern spürte, erreichte sie Plymouth. Diese im Südwesten von England gelegene große Hafenstadt. Schon von Weitem sah man das Meer und die weißen Segel der Schiffe, die nahezu im Licht leuchteten auf der vom Sonnenglast glitzernden Meeresoberfläche. Ebenso auch die dunklen Rauchschwaden der wenigen Motorschiffe, die ebenfalls vor Reede lagen. Jenny Holmes warf einen Blick auf die Kirchturmuhr, als sie die Innenstadt von Plymouth passierte und sah mit einer gewissen Genugtuung, dass sie es wohl rechtzeitig schaffen würde, ihre Nichte Avery vom Schiff abzuholen. Es lief ihr ein leichter Schauer über den Rücken bei dem Gedanken, was ihrer Nichte alles zustoßen könnte, würde sie über lange Zeit alleine an der Mole stehen. Doch zum Glück erreichte sie der Brief ihrer Schwester gerade noch rechtzeitig und die Meisterdetektivin konnte ihre schützende Hand über ihre Nichte legen, die sie bis dahin noch nie gesehen hatte. Wie lange musste das nun her sein, dass ihre Schwester ein Kind gebar? Fünfzehn oder Sechzehn Jahre? Wie die Zeit vergeht..., dachte Jenny Holmes bei sich während sie das Automobil auf die Hafenzufahrt steuerte und langsam in Richtung des Landeplatzes der Seagull, an deren Bord Avery sein sollte, an den vielen Hafenarbeitern vorbei manövrierte.

Überall war geschäftiges Treiben. Ballenweise Waren wurden von großen Kränen und Seilwinden aus den Bäuchen der Schiffe entladen und von Arbeitern aller Coleur flugs in die Kontore des Hafens verbracht und dort weiterverarbeitet. Matrosen kamen die Gangways hinunter und wurden von ihren Frauen oder Verlobten begrüßt oder man wurde sich mit einer der Dirnen einig, die dort ihre Dienste feilboten für all diejenigen, die auf die Liebe einer Frau verzichten mussten. Jenny Holmes wusste aus London gut genug, wie es in den Spelunken um den Hafen herum zuging und hatte dem einen oder anderen Gauner in ihrer Karriere das Handwerk gelegt, die mit Betrug und Glücksspiel sich die Taschen füllten oder arme Frauen für sich anschaffen ließen. Die Saat des Bösen gedieh gut auf diesem Grund und diese Gedanken mahnten sie erneut dazu, schnell ihre Nichte unter ihre Fittiche zu nehmen.

Die blonde Meisterdetektivin parkte ihr Automobil unweit der Gangway des Liegeplatzes derSeagull und stieg aus. Sie fragte den Mann an der Gangway ob ihre Nichte noch an Bord sei oder schon ausgecheckt habe und dieser schaute auf eine Liste, die er auf einem hölzernen Klemmbrett in Händen hielt, bevor er kurz und knapp „Nein, noch da." sagte. Danach wandte er sich ab, als ob Jenny Holmes gar nicht mehr vorhanden wäre. Plötzlich ertönte von oben her ein schrilles „Tante Jeeeeeeennyyyyyyyyyyy!" und Jenny Holmes blickte fast erschrocken nach oben. Ihre blauen Augen gingen erfreut auf, als sie auf der Gangway ein hübsches brünettes Mädchen erblickte, die freudestrahlend auf sie zukam. Etwas zu schnell, denn sie verhedderte sich in dem mit Rüschen bestickten weißen Rock und kam ins Straucheln. Alle Versuche sich zu fangen schlugen fehl und Avery kullerte purzelbaumschlagend die lange Gangway hinunter, bis sie an den Füßen von Jenny zu liegen kam. Kurz bevor Jenny Holmes in einen Lachanfall verfiel, verdrehte sie spielerisch genervt die Augen und half dann ihrer Nichte auf. Die klopfte sich den Schmutz der Mole aus dem weißen Kleid und umarmte ihre Tante erst einmal innig.

„Schön, Dich endlich kennenzulernen, Tante Jenny. Meine Mum hat mir schon so viel von Dir und Deinen Abenteuern erzählt. Ich kanns kaum erwarten mit Dir die fiesen Jungs dingfest zu machen. Die können was erleben, wenn die es mit mir...", plapperte Avery los, doch Jenny unterbrach ihren Wortschwall streng.

„Stopp. Wer hat da was von Verbrecherjagd gesagt? Ich werde einen Teufel tun und Dich solchen Gefahren aussetzen. Nun lass Dich erstmal anschauen. Ist das erste Mal, dass ich Dich sehe, aber Du bist Deiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten.", sagte Jenny Holmes.

Avery hingegen blickte missmutig zu Boden und nörgelte ein leises „Menno... ich hatte mich schon so gefreut, dass..."

„Nichts dass! Du bist auf Besuch und in meine Obhut gegeben. Da spielen wir nicht Räuber und Gendarm, junge Dame! Nun komm, wir wollen noch vor Sonnenuntergang in London sein. Wo ist Dein Gepäck?", herrschte Jenny ihre Nichte etwas schärfer an, als sie eigentlich wollte.

Avery zeigte nach hinten wo zwei große Koffer von ihr waren, die ein muskulöser Matrose packte und in ihre Richtung brachte.

„Wo soll'n die hin?", knurrte der Seemann und Jenny zeigte auf ihr Automobil das nicht weit von ihnen weg stand. Der Matrose nickte und brachte die schweren Koffer zum Automobil und war trotz seiner rauen Schale so weit Gentleman, dass er das Gepäck gleich hinten im Automobil verstaute und mit den ledernen Gurten sicher fixierte. Daraufhin gab Jenny dem Matrosen 10 Pfund als Trinkgeld, das dem harten Kerl dann doch ein Lächeln aus seinem sonnengegerbten Gesicht zauberte. Man verabschiedete sich und ging. Avery war ganz aufgeregt. Mit großen Augen bestaunte sie das motorisierte Gefährt und konnte kaum glauben, dass das Jennys Auto war. Natürlich kannte sie aus Amerika Automobile, doch sie konnte sich nicht daran entsinnen, jemals eine Frau am Steuer gesehen zu haben. Schon war ihr das alte Europa sympathischer, weil hier die Frauen wohl mehr durften und konnten, als es in ihrer prüden, patriarchalischen Heimat möglich zu sein schien. Ganz in mädchenhafter Spielerei verloren hüpfte sie um das Automobil herum, schwang sich auf den Fahrersitz hinter das Steuer und brummte ein Motorengeräusch. Jenny Holmes lachte laut los, als sie diese junge Dame in kindischer Spielerei sah und gönnte ihrer Nichte den Spaß. Dann aber sagte sie: „Nun komm, rutsch rüber. Wir sollten los, sonst schaffen wir es nicht mehr. Und ich möchte nicht unterwegs irgendwo übernachten müssen. Sowieso warten zu Hause ein paar Dinge auf mich, die mir keine Ruhe lassen. Das aber erzähle ich Dir während der Fahrt."

Avery rutschte auf den Beifahrersitz und Jenny Holmes ließ den Motor an, der krachend zum Laufen kam. Sie verließen den Hafen, bald darauf Plymouth und Jenny steuerte das Automobil wieder auf diese holprige Landstraße, die abermals eine Tortur für ihren Hintern sein würde.

Während der langen Fahrt löcherte Avery ihre Tante mit Fragen rund um ihre spektakulären Fälle und ließ sich haargenau erzählen, wie Jenny die Gauner überführte und dingfest machte. Gewisse Details sparte sich Jenny aber aus, denn sie wollte ihrer Nichte nicht die schauerlichen Elemente ihrer Fälle auf die Nase binden. Was sollte dieses Mädchen denn von London denken, wenn sie ihr von Untoten und vermeintlichen Gespenstern erzählte? Trotzdem fühlte sich Jenny Holmes von dem Interesse an ihr geschmeichelt und tratschte unbedacht wohl mehr aus, als sie eigentlich beabsichtigte. So erzählte sie auch von dem neuerlichen Fund und schalt sich innerlich selbst dafür. Bei Avery ging ein Leuchten durch die braunen Augen, als sie davon erfuhr, dass ihre Tante, die Meisterdetektivin, einen neuen Fall hatte. „Nun ja, eigentlich mehr ein alter Fall. Einer der wenigen ungelösten in meiner Zeit als Detektivin.", erklärte Jenny noch.

Avery hingegen ließ nur ein „Ui...." hören und plapperte dann mit einem Lächeln weiter „...das werden wir auch noch lösen."

„Ach, werden wir?", fragte Jenny und verfluchte sich selbst, hatte sie doch ihre Nichte jetzt erst recht scharf aufs Detektivspiel gemacht. Um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, schweifte Jenny schnell um und sagte: „Wir sind bald in London. Du hast doch bestimmt Hunger? Was magst denn dann essen?"

Leider hatte man Avery über die englische Küche nicht allzuviel Gutes in der Heimat berichtet und die Aussicht etwas Ungenießbares hinunter würgen zu müssen, ließ sie kreidebleich werden. Was sollte sie denn auf diese Frage nun antworten? Also griff sie zur Notlüge und meinte: „Ach, ich hab auf dem Schiff so viel gegessen, dass ich gar keinen Hunger habe."

„Das trifft sich gut.", lachte Jenny dann los, „Ich habe nämlich nicht viel zu Hause. Ein bisschen kaltes Roastbeef und etwas Teewurst. Das war es dann schon. Morgen werden wir uns was Leckeres besorgen. Aber Du wirst eh müde von der langen Fahrt sein, hm?"

Das stimmte sogar. Kaum hatte Jenny die Müdigkeit erwähnt spürte Avery tatsächlich die bleierne Schwere in ihren Knochen und sie sehnte sich schon danach, sich in Morpheus' Arme sinken lassen zu können. Da tauchte am Horizont London auf.

„Wir sind gleich da." sagte Jenny mit einem unwiderstehlichen Lächeln und zwinkerte ihrer Nichte zu, die nur noch mit dem Kopf nickte, weil die Müdigkeit sie langsam übermannte.


London


Durch die hereinbrechende Dämmerung knatterte das Auto von Jenny Holmes über das Kopfsteinpflaster der Straßen zur Baker Street. Im Schein der Gaslaternen, die die Straßen in schwaches Licht hüllten, stieg sie aus und holte schon Averys Koffer von der Gepäckablage. Dann weckte sie ihre Nichte, die mittlerweile auf dem Beifahrersitz eingeschlafen war, sanft mit säuselnder Stimme.

„Wir sind da, Avery. Wach auf!"

Avery schlug die Augen auf und wusste zuerst nicht, wo sie sich eigentlich befand. Sie schaute sich fragend um, doch als ihr wieder klar wurde, wo sie war, stahl sich ein Lächeln auf ihr Gesicht und sie sprang in alter Frische aus dem Auto.

Jenny Holmes schloß die Türe auf und zeigte Avery gleich das Gästezimmer, das sie extra für sie herrichtete und dessen Eingang gleich die erste Tür links im Flur war. Avery schaute es mit großen Augen an. Etwas kitschig fand sie es ja schon mit dem ganzen Krimskrams, den die schrulligen Engländer wohl um sich brauchten. Überall sah man den Union Jack oder Porzellantinnef mit dem Konterfei eines Mitglieds der Königsfamilie. Oh, ja... das alte England. Lauter treue Royalisten. Avery schmunzelte bei dem Gedanken und stellte sich ihre Tante vor, wie sie vor dem Buckingham Palast stünde und Königin und König zujubelt, die in einer pompösen Kutsche an ihr vorbeirauschen. Indessen wuchtete Jenny den schweren Koffer ihres jungen Besuchs ächzend durch die Tür und ließ ihn polternd im Gästezimmer zu Boden fallen. Sie holte erstmal tief Luft und fragte sich, ob sie am nächsten Tag noch gerade stehen könnte, wegen der Schlepperei. Nun, auch die Meisterdetektivin wird nicht jünger und spürt das Alter.

„Ich bin todmüde, Tante Jenny. Würde es Dir was ausmachen, wenn ich mich gleich schlafen lege? Die Reise war lang und aufregend. Ich kann nicht mehr.", fragte Avery etwas verdruckst.

„Nein, gar nicht.", beteuerte Jenny Holmes. „Schlaf Dich aus. Morgen ist auch noch ein Tag und an dem gibt es viel zu tun. Für mich jedenfalls. Aber das soll Dich jetzt nicht stören. Schlaf gut!"

Jenny drückte Avery ein Küsschen auf die Wange, verließ das Gästezimmer und schloß die Tür hinter sich. Insgeheim war sie froh, dass sie nun selbst ins Bett kam. Der Koffer war doch schwerer als sie dachte und der Schmerz größer, als sie gegenüber ihrer Nichte zugeben wollte. Außerdem brannte Jenny der neue Fall unter den Nägeln und sie wollte so schnell wie möglich mehr erfahren. Deshalb stand für sie fest, dass sie gleich am nächsten Tag zu Scotland Yard eilen würde.

Rasch ging die blonde Detektivin in ihr Schlafzimmer, zog sich aus und schlüpfte in ein bequemes rüschenbesetztes Nachthemd mit einer dazu passenden Haube, die allerdings aussah, als ob sie einen Nachttopf umgedreht auf dem Kopf hätte und schlief schon beim Zudecken ein.


***


„Guuuuteeeeeen Mooooorgeeeeeeen, Taaaaaaanteeeeeee Jeeeeeeeeennyyyyy!", schallte es durch das ganze Haus und Jenny fiel vor Schreck aus dem Bett. „Früüüüüühstüüüüüüück ist feeeeeertiiiiiiig!"

Jenny sah mit weit aufgerissenen Augen in Richtung ihrer Spiegelkommode.Der Morgen geht ja gut los, grummelte sie bei sich selbst und nahm bei einem kurzem Blick in den Spiegel die roten Äderchen im Weiß ihrer Augen wahr, die deutlicher als sonst zu sehen waren. Auch die blauen Ränder um die Augen ließen Jenny wieder das Alter erkennen, dass sie nun hatte und zum ersten Mal nahm sie auch die ersten grauen Haare wahr, die sich in ihrem immer noch blonden Schopf fanden. Sie fragte sich nach dem Schreck eben, ob die nicht doch ganz plötzlich entstanden sein könnten, doch da klopfte es schon an die Tür.

„Kommst Du, Tante Jenny?", fragte Avery durch die geschlossene Tür hindurch.

Jenny versuchte nicht ganz so genervt zu klingen, wie sie sonst nach der Störung ihrer Ruhe klang und bemühte sich freundlich zu sagen: „Ja, ich komme gleich."

„Okaaaaay!", giggelte ihre Nichte und verschwand wohl wieder in die Küche.

Jenny zog sich schnell einen Morgenmantel an, wie es sich für die viktorianische Zeit so gehörte und stopfte die Haare unter das Häubchen, das ihre zerzauste Frisur verstecken sollte. Dann ging sie in die Küche und erschrak!

„Avery! Sag mal, so kannst Du doch nicht hier herumhüpfen! Also wirklich!", empörte sich Jenny.

„Wie? Was? Warum nicht?" wunderte sich Avery ganz offensichtlich.

Die junge Dame stand nur in Unterwäsche in der Küche. Lediglich die Beine waren von einem langen Unterkleid bedeckt und der Oberkörper zeigte zuviel Hals und erst recht Bauch. Dass man im viktorianischen England keinen Bauchnabel sehen durfte, hatte man der fortschrittlichen und weniger an festgefahrene Etikette gewöhnte Amerikanerin nicht gesagt. Jenseits des großen Teichs war das auch kein Problem. Doch in England war das schier ein Affront, wie sie auch an der Reaktion ihrer Tante merkte.

„Zieh Dir sofort was an!", befahl Jenny und Avery verdrehte die Augen, weil ihre Tante sie in diesem Moment haargenau an ihre Mutter erinnerte.

„Okay.", murmelte sie und ging schnell in das Gästezimmer, wo sie sich ebenfalls einen Morgenmantel überzog, bevor sie dann wieder in die Küche kam.

Jenny schnüffelte an der Kanne, die Avery aufgesetzt hatte und verzog dabei das Gesicht. Sie traute sich nicht, was zu sagen, aber das fast schwarze Gebräu darin, sagte ihr einfach nicht zu.

„Was ist das?" fragte sie ihre Nichte, als diese wieder zurück war.

„Kaffee.", strahlte Avery.

„Äh... und wo ist mein Tee?", fragte Jenny ehrlich verwundert. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, wie ein Tag ohne Tee beginnen konnte. Jedenfalls nicht mit diesem braunen Zeugs, dass man Kaffee nannte. Ein weiterer argwöhnischer Blick der Meisterdetektivin ging zu der Pfanne, die auf dem Herd stand und in der ein zwar köstlich aussehendes Rührei war, das obendrein auch verführerisch duftete, aber zu einem Frühstück gehörte nun mal ein Brötchen mit bitterer Orangenmarmelade. Punkt!

Gerade als sie den Gedanken fasste, Avery zum Bäcker zu schicken um Brötchen zu holen, fiel ihr wieder Anna ein, die damals bei genau diesem Auftrag spurlos verschwand. Das gleiche Schicksal sollte ihrer Nichte nicht passieren und da Jenny ohnehin spät dran war, beschloss sie auf dem Weg zu Scotland Yard zu frühstücken.

„Avery, genieße Du Dein Frühstück. Ich muss zu Scotland Yard. Das duldet keinen Aufschub. Bleib aber hier im Haus, hörst Du?! Die Straßen Londons sind gefährlich für junge Damen wie Dich.", sagte Jenny in ganz mütterlichem Ton.

Avery saß bereits am Tisch und löffelte das Rührei direkt aus der Pfanne und gab schmatzend ein „Okay" von sich, bevor sie zwischen zwei Bissen einen Schluck Kaffee nahm.

Ein Kulturschock für Jenny.So ist wohl der Wandel der Zeit, dachte sie und beeilte sich mit der Morgentoilette und dem Anziehen.

„Ich bin dann weg und schließe extra ab. Zu Deiner Sicherheit!", rief Jenny beim Verlassen der Wohnung und schloß die Tür gleich doppelt ab. Sicher ist sicher!


Bei Scotland Yard angekommen ließ sich Jenny Holmes bei Inspektor Guby anmelden, der die blonde Meisterdetektivin freundlich willkommen hieß.

„Ah, guten Morgen Mrs. Holmes. Wie erfreulich Sie bei bester Gesundheit zu sehen.", sagte Guby zur Begrüßung in seiner gestelzten Art.

Jenny bemerkte abermals die Gegensätzlichkeit zu Gubys Vorgänger McLoad, der für seine ruppige, aber doch herzliche Art bekannt war. Sie vermisste ihn irgendwie schon und schwelgte für einen kurzen Augenblick in Erinnerungen an die zahlreichen Abenteuer, die man gemeinsam durchstand und ein Lächeln zauberte sich auf ihre Lippen, wenn sie an die eine oder andere Episode dachte.

„Nun Mrs. Holmes, ihr zweifelsfrei famoser Ruf lässt die Polizeibehörde eine Zusammenarbeit von uns Beiden zu. Auch wenn ich Sie daran erinnern muss, dass Sie wegen der persönlichen Nähe zum Opfer eigentlich befangen sind und schon alleine deshalb gar nicht in die Ermittlungen involviert sein dürften. Aber ihr Leumund spricht für Sie und so darf ich Sie an unseren Erkenntnissen teilhaben lassen. Überflüssig zu erwähnen ist unstrittig, dass Sie wiederum uns über jedes noch so kleine Detail unverzüglich in Kenntnis zu setzen haben. Das war verständlich, oder?", rasselte Inspektor Guby nahezu gelangweilt herunter.

„Ja, ja...", winkte Jenny eher genervt ab. Sie befürchtete, dass dieser junge Inspektor ein Paragraphenreiter sein würde, was den Spaß an einer Zusammenarbeit, wie sie es einst mit McLoad hatte, trüben würde. Aber sie musste wohl oder übel mit Guby auskommen.

„Nun, dann darf ich Sie bitten mich zu begleiten. Dr. Baker Sander erwartet uns in der Pathologie. Wenn Sie mir bitte folgen wollen...", sagte Guby und eilte bereits an Jenny vorbei, die sich nur noch umdrehen und ihm nacheilen konnte.

Am Ende des langen Korridors knatterte ein hölzener Paternoster in den Jenny und Guby stiegen. Ganz unten im Keller befand sich die Pathologie und Guby war doch tatsächlich so unhöflich, ohne Jenny die Hand als Hilfe beim Ausstieg anzubieten, voranzupreschen. So ein unhöflicher Hobel, fluchte Jenny innerlich. Doch Guby störte das wohl kein Stück. Er eilte mit großen Schritten durch den dunklen Kellerflur und die Papiertüte, die er fest in einer Hand hielt, knisterte laut in diesem unheimlichen Gang. Das schwache, flackernde Gaslicht erhellte den Flur auch nicht so wirklich und das gespenstische Flair wurde durch die Aussicht, dass hier die Ermordeten aufgebahrt liegen und hoffentlich letzte Geheimnisse preisgeben würden, noch deutlicher. Obwohl die Meisterdetektivin viel gewöhnt und eigentlich abgehärtet war, fröstelte es sie leicht. Ob das wohl auch das Alter mit sich bringt?, fragte sie sich dabei selbst. Wenn man gefesselt an einem Andreaskreuz in einem feuchten Keller im Londoner Untergrund von einem vermeintlich untoten Asiaten Knopf für Knopf entkleidet wurde, sollte einem so ein Ort keine Bange machen. Oder doch?

Knarzend öffnete Guby eine Doppeltür und wurde sich in dem Moment doch seiner Gentlemanpflicht bewusst, denn nun hielt er Jenny galant die Tür auf und bat sie einzutreten. Da es jenseits der Türe heller war als in dem Korridor, hüpfte Jenny förmlich in den Raum und bedankte sich artig bei Inspektor Guby.

„Na, hereinspaziert! Ist das eine Freude!", wurden die Beiden sehr jovial und strahlend von Dr. John Baker Sander begrüßt. „Mrs. Holmes. Welch wunderbarer Anblick, welch Freude Sie wieder begrüßen zu dürfen!"

„Oh, Sie übertreiben.", kicherte Jenny, weil sie um die übertrieben höfliche Art des Doktors wusste. Sie war schließlich öfters an der Seite von McLoad zwar nicht hier unten, aber oben in einem der Besprechungsräume, wo Dr. Baker Sander den Ermittlern seine Erkenntnisse kundtat.

„Nein, nein, ganz und gar. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr es mich freut, Sie wiederzusehen. Und das hier in meinem bescheidenen Reich!", grinste Dr. Baker Sander, während er eine ausladende Geste machte, die durch das dunkelbraune Gewölbe zeigte, das von zahlreichen Gaslichtern erhellt war.

„Hi Doc.", sagte Guby kurz und knapp und nickte dem Doktor nur zu.

„Oh, Inspektor Guby? Sie sind das erste Mal da oder täusche ich mich? Auch Sie sind mir herzlichst willkommen! Möchten Sie einen Kaffee? Oder was anderes?", sagte Dr. Baker Sander.

„Nein, danke. Für mich nichts.", wehrte Jenny das großzügige Angebot ab.

„Jo, Kaffee wär net schlecht.", sagte Guby in einem Tonfall und einer Art, die Jenny nachdenken ließ, ob das derselbe Guby ist, der sie oben im Büro empfing.

Dr. John Baker Sander ging sofort in einen Raum, der wohl die Küche der Pathologie sein dürfte und das so rasch, dass sein weißer Kittel sich im Gehen bauschte. Nur Augenblicke später kam er wieder und hielt einen Totenschädel in Händen aus dessen Kalotte es dampfte. Es dauerte ein paar Sekunden, bis Jenny kapierte, dass dieser Schädel aus Keramik war und nur eine Tasse in Form eines geöffneten Schädels darstellte. Pathologen und ihr seltsamer Sinn für Humor. Ein Humor, an den sich Inspektor Guby zuerst noch gewöhnen musste, denn kaum überreichte Dr. Baker Sander die Tasse an ihn, wich ihm die Farbe aus dem Gesicht. Tapfer nahm er sie dann doch an und traute sich sogar einen Schluck zu nehmen.

„Bittesehr.", lachte Dr. Baker Sander und rieb sich die Hände.

„Danke.", murmelte Guby.

Dr. Baker Sander klatschte in die Hände und das Geräusch hallte vom Gewölbe dieser Kammer mehrfach zurück. Guby erschrak so sehr, dass er beinahe den Kaffee verschüttete.

„Kommen wir nun zum Anlass ihres Besuchs. Wir haben die Leiche untersucht und dabei interessante Erkenntnisse gewonnen. Wenn Sie mir bitte folgen würden?"

Dr. John Baker Sander wandte sich ab und rauschte an die hintere Wand des Gewölbes, wo mehrere dunkelgrün lackierte Türen waren. Unten mannshohe Türen, darüber kleinere Türen. Er öffnete eine dieser Türen und zog einen Rollwagen heraus über dem ein weißes Tuch gebreitet war. Darunter war unschwer der Körper einer Frau zu erkennen. Über dieser Kammer waren kleine Schlitze und man sah etwas Wasser herunter tropfen von den großen Eisklötzen, die darüber waren und für die nötige Kühlung der Leichname sorgte. Das Wasser allerdings ließ sich das Tuch so an die Form des darunterliegenden Körpers anpassen, dass man kaum noch Fantasie brauchte um zu erkennen, was sich unter dem Stoff befand. Unterdessen raschelte die Papiertüte, die Guby in der Hand hielt und Jenny schaute zu dem Inspektor, der aus dieser Tüte einen Schokoladenmuffin herausholte.

„Kennen Sie das neue Geschäft unweit unseres Haupquartiers? Blossem's Bakery. Herrliche Backwerke! Sollten Sie unbedingt versuchen.", schwärmte Guby Jenny Holmes vor ohne auch nur im Entferntesten daran zu denken, ihr etwas anzubieten.

Jenny verdrehte nur die Augen bei dem Anblick, wie Guby dastand, mit der Totenkopftasse voller Kaffee und dem Schokomuffin in der Hand. Inmitten dieser Galerie des Todes ein bizarres Bild.

„Soooooooo.... hier ist sie!", sagte Dr. Baker Sander in seiner gewohnt fröhlich-jovialen Art und hob das Tuch von der Leiche.

Prompt gab es ein Rummsen und Scheppern und Jenny fuhr erschrocken herum. Da lag Inspektor Guby ohnmächtig am Boden und Dr. John Baker Sander fing zu Lachen an.

„Mei, der Arme... kann wohl nichts ab, oder? Naja, soweit wollte ich das Tuch auch gar nicht abziehen. Zumal ich die Leiche noch nicht zugenäht habe. Aber egal nun. Wenn er das nicht aushalten kann, der Gute, dann soll er Kaninchenzüchter werden oder sowas. Moment, ich habe da was...", sagte Dr. Baker Sander während er den Leichnam Annas, der mit geöffnetem Thorax aufgebahrt war, wieder mit dem Tuch bedeckte, so dass nur noch der Kopf zu sehen war.

Dann holte er ein kleines Fläschen und hielt es dem ohnmächtig am Boden liegenden Inspektor unter die Nase. Sofort ging ein Ruck durch Guby und er schrie: „Ja, Pfui Deibel, was is denn des??!"

Wieder lachte Dr. Baker Sander und sagte: „Das nennt man ‚Atemlos'. Das Riechfläschchen einer gewissen H. Fischer aus Deutschland. Damit weckt man Tote auf. Naja, ein paar davon jedenfalls."

„Geh weg damit. Bähhhh....", sagte Guby und schob das Fläschchen, das Dr. Baker Sander ihm erneut unter die Nase halten wollte, weg.

„Naaaaaa, wieder unter den Lebenden, der Inspektor.", lachte Dr. Baker Sander und half Guby auf.

„Können wir nun?", fragte Jenny Holmes etwas genervt.

„Aber natürlich, natürlich. Ich bitte um Verzeihung.", sagte Dr. Baker Sander und begann mit seinen Ausführungen. „Also, bei dieser Leiche gibt es einiges, was uns zu Beginn Rätsel aufgab. Zunächst wunderten wir uns über die geringe Verwesung. Der Todeszeitpunkt muss schon etliche Jahre zurückliegen, aber die äußere Erscheinung lässt eine Verwesung von nur wenigen Monaten zu. Wenn überhaupt. Es gibt auch kaum Anzeichen für Tierbisse oder nennenswerten Insektenbefall. Das lässt nur den Schluss zu, dass die Leiche noch nicht sehr lange im Gebüsch gelegen haben kann. Sie musste demnach erst vor kurzem dort abgelegt worden sein. Über die Todesursache hingegen gibt es keinen Zweifel. Es handelt sich eindeutig um eine stumpfe Gewalteinwirkung gegen die Schläfe und den Hinterkopf. Sie wurde also eindeutig erschlagen. Danach muss die Leiche irgendwo aufbewahrt worden sein, wo es sehr kühl ist. Wo es keine Insekten gibt und wo sie von der Außenwelt abgeschottet ist."

„Wie in ihren Kühlkammern?", fragte Jenny, deren blitzgescheiter Verstand wieder wie in jungen Jahren arbeitete.

„Ja, so in etwa. Interessant waren diese Haare, die wir an der Leiche fanden. Es deutet wohl auf Katzenhaare hin. Vermutlich graugetigert... aber... und das ist das Interessante... mit exotischen Gewürzen, die mit höchster Wahrscheinlichkeit aus Indien stammen, verunreinigt sind."

Kommentare (14)

Hasal
02. Apr. 2021, 16:49
Lemon, super tolle Geschichte , bitte bitte noch mehr davon. Wieder echt toll geschrieben, bin auf weiteren Folgen sehr gespannt. Auch wieder 2 neue Namen dabei , WOW , kann ich nur schreiben :D.
Freundchen
02. Apr. 2021, 23:04
Wunderschön geschrieben! Sehr detailliert, super formuliertr und bildhaft geschrieben. Dass Jenny in die Jahre gekommen ist, kann ich mir sehr gut vorstellen. Super waren auch die Anspielungen zu den vergangenen Fällen! Freue mich auf die Fortsetzung.
Jenny
04. Apr. 2021, 08:22
Wiesooooo bin ich in die Jahre gekommen,ich bin noch immer knackig und frisch :o.Tolle Geschichte,da freut man sich schon auf die Fortsetzung,das hätte die Originalautorin nicht besser schreiben können.:D Wäre natürlich noch ein bissi schöner hätte man noch Bilder von Lady Biberly mit eingebaut,besonders die vom Pool :p.
möchen
04. Apr. 2021, 10:53
:o wunder schön fizzy
Hasal
04. Apr. 2021, 13:17
  • Schöne Fortsetzung, bitte noch mehr davon
  • John Baker Sander
    04. Apr. 2021, 17:59
    Hallo, Fizzy Lemon!

    Wunderbare Geschichte um alternde Helden und bekannte Figuren.

    So schön Detailversessen!

    Man fühlt sich in deiner Kriminalgeschichte wirklich sehr wohl. Was nicht zuletzt an den ausgezeichneten Charakteren liegt. Die sofort in jeder anderen Geschichten auch einen Platz finden würden.

    Das ganze erinnert wunderbar ein wenig an "Downton Abbey" mit Kriminaleinschlag.


    Ich hoffe, Fizzy, wir dürfen uns schon bald auf weitere Geschichten aus deiner Feder freuen?

    Hasal
    25. Mai 2021, 15:28
    Super, lese nach und nach immer weiter, aber was ich gelesen habe bis jetzt,, Klasse ''.
    möchen
    29. Mai 2021, 17:29
    :) wunder schön geschrieben so möchte ich auch schreiben können, naja da kommt noch ein teil jenny holms sehr süß geschirieben fizzy
    Fürstin der Nacht
    05. Juni 2021, 11:04
    So, ich habe es endlich geschafft, diese Geschichte durchzulesen. Was mir besonders gut gefallen hat, ist die detaillierte Beschreibung der Umgebung. Ich konnte mir das wunderbar, in mein Kopfkino vorstellen. Man sieht, das in diese Geschichte eine Menge Arbeit drin steckt. Dies ist meine erste, nennen wir es, eine Kriminalgeschichte, die ich gelesen habe. Was mir besonders an Geschichten gefällt, wenn sie mir ein Lachen ins Gesicht zaubern. Das habe ich hier total vermisst. Das ist das, was ich an Geschichten Liebe. Sicherlich würden flotte Sprüche, in alten England nicht wirklich reinpassen. Ich würde z.b. bei dieser Geschichte, die Nichte Avery, bisschen tollpatschig darstellen, um hier und da ein Lacher mit einzubauen. Aber das ist meine persönliche Meinung. Von 5 Sternen, würde ich dir für diese Geschichte viereinhalb Sterne geben, wären noch paar Lacher mit rein gebaut, hättest du vier dreiviertel Sterne bekommen..Lach. Aber im Ernst, die Geschichte hast du super geschrieben.

    P.s Haue nächste mal eine Science Fiction Geschichte raus, dann wird es definitiv nicht so lange dauern, bis ich die gelesen habe...Lach.
    Jenny
    05. Juni 2021, 13:06
    Für mich die beste Story ever,die je hier veröffentlicht wurde.Ich durfte das ganze ja schon vorab lesen und hatte meine helle Freude daran.:D
    Fizzy Lemon
    05. Juni 2021, 14:18
    Naja, eine gewisse Tollpatschigkeit habe ich Avery ja schon zugeschrieben. Bedenke nur, wie sie die Gangway runterpurzelt. Aber ich persönlich lächle immer noch in mich hinein, wenn ich John am Seziertisch sein Steak auseinander schnippeln sehe oder wie Guby Jenny die knappe Zukunft vorhält. Also ganz ohne Humor war es nun auch nicht, oder?

    Und danke für die Anerkennung der "Arbeit", die ich mir zwar machte, um ein bisschen von den Orten zu vermitteln, aber auch nicht so verbissen verfolgte. Wer möchte, kann ja mal googlen. ;)
    Marcus
    11. Sept. 2021, 12:56
    Eine Art FanFiktion ^^ Eine würdige definitiv

    Mir gefiel es sehr sie zu lesen, ich versank darin und auch in England und den Charakteren, man merkt die recherchearbeit dahinter. Dies ist nicht das erste was ich vom Autoren lese, und er beherrscht es weiterhin mich zu anderen Genres zu führen. Schreibt er was, brütet Fizzy ewig und lang, liebevoll und detailgetreu. Er arbeitet Dinge ein, an die ich nie denke. Seine Umgebungen einfach Klasse. Er hat den Grad zwischen Homage und Fanfiktion zu packen und nichts essentiell charakteristisches von Jennys storys um die Detektivin Holmes zu zerstören.

    Ich kann nur danken für diese Mühen und kann nur denken, dafür das ich viele weitere Dinge für meine Schreiben auch beim ihm mitahm.
    Marcus
    11. Sept. 2021, 12:57
    Wunderbar, die Leichenhalle, John, Guby und Jenny dort. =)
    Fizzy Lemon
    11. Sept. 2021, 17:18
    Danke für das Lob, Sora, aber so viel Recherche steckte da nicht einmal drin. Lustigerweise nahm ich Remi als "Kola"-Expertin ran und faselte etwas von einem "Kola-Kult". Ich wollte das nicht mit C schreiben, um nicht mit einem Weltkonzern Ärger zu bekommen. Vielleicht hatte ich es irgendwo tief im Hinterkopf vergraben, aber es gab tatsächlich mal in Ostindien ein Chola-Reich. Das dehnte sich bis nach Indonesien aus und die Herrscher waren für ihren sexuellen Sadismus bekannt. Einem schrieb man sogar Wahnsinn zu, weil er aus Lust eine Hetäre tötete oder einer anderen im Liebsspiel ein Auge ausstach und derlei Dinge. Was ich aber erst nach dem Schreiben von Jenny Holmes rausfand... oder eben doch in den staubigsten Winkeln meines Gehirns ein Rest Wissen befand....
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