Lunaria-Galaxie
Blog Übersicht»Der Auftrag
Zurück

Der Auftrag

Marcus
3. April 2021(bearbeitet)
1 Aufrufe
Noch nicht bewertet

Kapitel 1



Der Wecker klingelt und ich werde langsam aber unerbittlich aus meinem Traum gerissen. Es war ein schöner Traum und dann dieses furchtbar nervige Geräusch des dummen Weckers. Aber es hilft nichts, ich habe einen Auftrag und ich muss leider raus. Habe ich einen Auftrag? Ich habe ja schließlich noch nicht zugesagt. Außerdem höre ich mir immer erst an worum es geht und entscheide dann. Langsam mühe ich mich aus dem Bett und gehe in die Küche. Das morgentliche Ritual, Wasser aufsetzen, Brot in den Toaster und ab ins Bad. Duschen, Zähne putzen und der ganze Rest. Frühstücken im Stehen, Kaffee trinken und los. Es ist ein kalter Morgen im November, es nieselt und ich bin um diese Zeit ganz allein auf der Straße. In den Pfützen spiegeln sich die Lichter der Laternen und der Leuchtwerbung. In den Ecken sammelt sich der Unrat und die Überreste der Nacht zieren die Häuserwände und Gehsteige, In einer dunklen Ecke treibt es ein betrunkenes Pärchen miteinander. Eigentlich beneide ich sie ein wenig. Ist schon etwas her, dass ich das getan habe.  Ich wende mich ab und zwinge mich selbst zur Konzentration. Genau in diesem Augenblick trete ich in die Hinterlassenschaften eines Hundes. Natürlich nicht in einen ganz kleinen Haufen, nein, hier muss jemand seinen Elefanten ausgeführt haben. Notdürftig putze ich meinen Schuh am Bordstein und an dem schmalen Rasenstreifen des Bürgersteiges ab. Verflucht, jetzt muss ich mich auch noch beeilen. Der Mann , der sich am Telefon Herr Schultz nannte, bestand auf Pünktlichkeit und machte mir die Wichtigkeit des Auftrages klar, ohne Einzelheiten zu nennen. Eigentlich übernehme ich solche Aufträge ungern aber ich hatte das Gefühl, in diesem Fall müsste ich es tun. Ich eilte an de U- Bahn Station vorbei und an der Lotosbar in der ich das erste mal betrunken war und die ich seitdem immer mal wieder besuche. Der Kiosk, der Döner und natürlich das Bordell. In was für einer Gegend wohne ich hier eigentlich? Im Laufe der Jahre konnte man den Niedergang des Viertels beobachten. Ein Geschäft nach dem Anderen hat geschlossen und das Geld wurde in vielen Familien knapp. Das sah man nicht zuletzt an der Kleidung der Menschen. Anzugträger sind hier selten geworden und wer es sich leisten konnte, zog weg von hier. Aus den offenen Fenstern hörte man entweder Leute die sich stritten oder Kindergeschrei. Wer wohnt hier eigentlich, fragte ich mich. Bei diesen Temperaturen offene Fenster? Das können ja nur Eskimos sein. In dem Haus an der Ecke hat früher meine Freundin gewohnt. Das war noch bevor der Besitzer das Feuer gelegt hat um seine Mieter loszuwerden. Das Haus wurde nie saniert und ragt wie ein hohler schwarzer Zahn in den Himmel. Irgendwie roch es auch nach all den Jahren noch nach verbranntem Holz. Würde ich jetzt geradeaus weiterlaufen, würde ich zum alten Vergnügungspark kommen in dem es Berichten zufolge spuken soll. Ich glaube das ist wohl eher dem Genuss zu vieler hochprozentiger Getränke geschuldet, als dass etwas wahres daran ist. Ich war schon oft dort, und mir ist noch nie ein Geist begegnet. Ich muss mich aber links halten und durch den Park am Fluss gehen. Jedes mal wenn ich hier entlang ,laufe, erinnere ich mich daran, wie ich hier meine Unschuld verloren habe. Ich war 15 und er, das weiß ich nicht mehr. Es war nach dem Straßenfest und ich habe mich dazu überreden lassen. für mich war es furchtbar und für ihn wohl tolle 30 Sekunden. Nun werde ich wohl zeitlebens daran erinnert wenn ich hier vorbei muss. Früher gab es hier Straßenfeste und im Park spielten lachende Kinder, Jeder kannte jeden und die Menschen haben sich gegrüßt. Aber auch ich habe mich geändert und trinke manchmal viel zu viel. Wenn ich dann irgendwo aufwache und mich an nichts mehr erinnern kann, weiß ich, dass ich hierher gehöre. Ich nehme mir jedes mal vor, so etwas nie wieder zu tun aber im Grunde genommen bereue ich nichts. 

Es ist jetzt vielleicht an der Zeit mich vorzustellen. Mein Name ist Alejandra und keine Angst jetzt kommt nicht der Nachname wie Bunt oder so etwas. Meine Kennnummer ist auch nicht 007. Die ist so lang, das die niemand im Kopf behalten kann. Ich lebe in einem heruntergekommenen Viertel einer großen Stadt, obwohl ich mir sicher etwas besseres leisten könnte und ich bin.......tja was bin ich eigentlich? Ich betrachte mich als Dienstleisterin. Ich erledige Aufträge für Firmen oder Personen, woran sich niemand sonst die Finger verbrennen möchte. Ich arbeite allein oder im Team mit Kolleginnen. Je nachdem was der Auftrag erfordert. Wir finden uns also zusammen oder arbeiten allein. Je nachdem was verlangt wird. Wir sind nicht nur Kolleginnen sondern auch Freundinnen. Ich würde den beiden anderen jederzeit mein Leben anvertrauen und sie mir ihres. Ich bin in unserer Gruppe die Frau fürs grobe. Ich bin vertraut mit allen arten von Waffen und Meisterin in verschiedenen Kampfsportarten. Bei diesem Gedanken muss ich etwas in mich hineingrinsen. Wer hätte das gedacht. Als ich größer wurde, nahm ich das sehr wörtlich. Ich war immer eine lange Bohnenstange und noch dazu sehr dünn. Ich sah immer ein wenig aus, wie ein wandelnder Besen. Lang, dünn, Haare wie ein explodiertes Sofakissen und dann noch das fremde Aussehen. Ich wurde am Ende der Welt geboren und bin erst mit 7 Jahren hier her gezogen. Meine Mama hatte meinen Stiefpapa kennengelernt und irgendwann haben wir unsere Koffer gepackt und waren plötzlich hier. Ich sprach kein Wort deutsch und niemand hier sprach spanisch. Das hat auch nicht gerade zu meiner Beliebtheit beigetragen. Ich flüchtete mich immer in meine Traumwelt in der ich eine Superheldin war und die niemand verletzen konnte. Wenn ich geweint habe, nahmen meine Eltern mich in den Arm und sangen mir etwas vor. Das machen sie auch heute noch. Die Natur hat allerdings einen feinen Sinn für Humor. Etwa mit 13 begann ich mich zu verändern. Aus dem Besenstiel wurde langsam im Laufe der Monate und Jahre etwas ganz ansehnliches, eine Frau. Eine Frau mit Kurven wo sie hingehören einem recht scharfen Verstand und einer unbändigen Abenteuerlust. Plötzlich begannen sich alle für mich zu interessieren aber für mich war das Thema durch. Selbst wenn das die letzten Menschen auf der Welt wären, ich würde sie nicht einmal mit dem Hintern anschauen. Alles in allem ein recht passables Gesamtpaket. Die Männer schauen mir jedenfalls hinterher, was mich allerdings nicht sehr oft interessiert. Ich mag eher Frauen.

Ich reiße mich von meinen Gedanken los denn ich bin am Ziel angekommen. Der dreistöckige Bürokomplex wirkt wie ein Fremdkörper in dieser Gegend. Die glänzende Fassade und die Glasfront kommt mir immer wie ein Alien in der Waschstraße vor. Wer hier sein Büro hat, hat entweder etwas zu verbergen oder kann sich nichts besseres leisten. Es ist nicht das erste mal, dass ich hier zu tun habe. Und da stehe ich nun. Auf der Tür steht in roten Buchstaben: Anwaltsbüro Schultz und Krause. Ich bin also da.



Kapitel 2


Langsam bahnt sich der Tag auch seinen Weg durch die dünnen Gardinen in das unaufgeräumte Zimmer. Noch halb betrunken öffnet Jane ihre Augen. Sie braucht einen Moment sich zurecht zu finden. In ihrem Kopf hämmerte ein mittleres Bergwerk und der Geschmack im Mund ähnelte dem eines Toten Tieres. Sie war nackt und neben ihr lag irgendein belangloser Typ. Sie weckte ihn und befahl ihm schroff  seine Klamotten zu nehmen und abzuhauen. Als er weg war stand sie auf und versuchte einigermaßen zu sich zu kommen. Was war eigentlich passiert? Ihr war gestern Abend langweilig und sie ging noch auf einen Drink in die lotosbar. Dort waren zwei Männer die ungefähr so alt waren wie sie. Die beiden spendierten einen Drink nach dem anderen und langsam wurde Jane immer betrunkener. Sie erinnerte sich noch, dass sie auf die Toilette musste und kurz danach einer der beiden Männer ihr folgte. Im Gang zur Toilette holte er sie ein und hielt sie fest. Er drückte sie gegen die Wand und küsste sie. Sie erwiderte den Kuss und ihr wurde heiß. Er schob ihren Rock nach oben und sie spürte seine Hand zwischen ihren Beinen. Aber so betrunken war sie noch nicht und schob seine Hand weg. Sie flüsterte ihm ins Ohr, dass sie ihn später mitnehmen würde und ging allein zur Toilette. Sie blieb noch etwas in der Bar und trank weiter. Irgendwann kann sie sich an nichts mehr erinnern. Aber sie hatte irgendwie das Gefühl, als ob der fremde seine Sache gut gemacht hätte. Sie setzte Wasser für den Kaffee auf und ging unter die Dusche. 3 Tassen Kaffee und 2 Aspirin später, hatte sie das Gefühl, einigermaßen bereit für den Tag zu sein. Sie ging zum Fenster und zog den Vorhang zur Seite. Bei der Gelegenheit stellte sie fest, dass der mal wieder eine Wäsche betragen könnten. Obwohl die Flecken langsam aussahen, als ob sie das Muster des Vorhangs wären. Es war ein trüber Novembertag und es nieselte. Die Dachrinne über Janes Fenster war kaputt und so ergoss sich jedesmal wenn es regnet ein Sturzbach auf ihren Fenstersims. Dies hatte zur Folge, dass die Wand um das Fenster ständig feucht ist. Die Flecken passten allerdings gut zu denen im Vorhang. Wie praktisch dachte Jane und grinste in sich hinein. Auf dem Weg zum Kleiderschrank kam sie an ihrem großen Spiegel vorbei. Dieses riesige victorianische Stück passte so gar nicht zur restlichen etwas heruntergekommenen und spärlich eingerichteten Wohnung. Sie blieb stehen und betrachtete sich im Spiegel. Sie ist die Älteste der Gruppe aber kann mit den anderen ohne Mühe mithalten. Ihre helle Haut ist makellos und schneeweiß. Ihre blonden Haare reichen bis zu den Schulterblättern und wenn sie die nach dem Duschen nicht in Form bringt, sieht sie aus wie ein explodiertes Sofakissen. Maria sagt immer, wie eine Ente im Ventilator. Ihre Brüste sind nicht sehr groß und fest. Ihre Knospen sind nicht ganz in der Mitte und stehen etwas nach oben. Wenn auch nur ein kleines Lüftchen weht, stellen sie sich auf. Jane weiß, dass sie Maria damit in den Wahnsinn treiben kann. Und sie tut es, wenn immer sich die Gelegenheit bietet. Sie ist überaus sportlich und der leichte sixpack steht ihr ausgesprochen gut. Auf ihrem Venushügel sieht sie ihr Muttermal das mit viel Fantasie an ein Herz erinnert. Sie murmelt kaum hörbar zu sich selbst, das sie sich mal wieder rasieren könnte. Sie wendete sich ab und dachte, du bist schon eine verdammt hübsche Schlampe. Zufrieden mit sich selbst zog sie sich an. Sie ging zurück in die Küche und trank noch einen Kaffee. Langsam ging sie ins Schlafzimmer und kramte unter dem Bett einen schwarzen Koffer hervor. Sie stellte ihn vor sich auf den Tisch und stellte die Kombination ein, 030902. Marias Geburtsdatum. Sie nahm die Teile des Sattellitentelefons heraus und baute alles vor sich auf. Sie setzte sich hin, starrte auf das Display und wartete. 



Kapitel 3



Auch über der idyllischen Vorstadt lichteten sich allmählich die Schleier der Nacht. In der Dämmerung erkannte man die Umrisse der Häuser. Es waren meist mittelgroße Bauten mit schneeweißen Fassaden. Die enge Straße verlief schnurgerade und an den Rändern und in den Einfahrten parken Autos. An den Autos erkannte man, dass hier wohl niemand Hunger leiden musste. Hier sah es aus, als ob das Spießertum sein Hauptquartier errichtet hätte. Alles war geordnet, die Menschen grüßen sich wenn sie sich sehen, alle lächeln immerzu und jeder hilft jedem wenn es etwas anzupacken gilt. Hinter den Kulissen sieht es allerdings eher anders aus. Da werden haarklein die angeblichen vergehen der anderen seziert. Wer hat beim letzten Straßenfest zuviel getrunken, mit wem hat die junge Frau aus der 18 gerade angeblich ein Verhältnis, wer ist sich mit wem gerade nicht grün....... Es störte noch etwas andere. Dieses Viertel ist nicht lebendig. Es ist konstruiert. Es gibt nur gerade Linien, ein Haus gleicht dem Anderen. Die Straßen sind immer sauber und wenn einmal etwas lautes zu hören ist, ist das Kinderlachen. Es gibt nur eine Ausnahme, das allerletzte Haus in der Birkenstraße. Der Name ist etwas irreführend da es in der ganzen Straße keine einzige Birke gibt. Es wurden vor zwei Jahren Baumscheiben angelegt in denen Platanen gepflanzt wurden. Die einzige Birke befindet sich auf dem Grundstück ganz hinten in der Ecke. Es ist ein großes Stück Land mit einem großen Naturgarten. Die Baugesellschaft hat damals mit allen Mitteln versucht, auch an dieses Land zu kommen aber Annas Eltern haben sich damals erfolgreich gewehrt. Nun ist dieses Stück der einzige Farbtupfer in dieser sehr geometrischen Gegend. Wir waren schon als Kinder fasziniert von den Möglichkeiten, die sich uns in diesem kleinen Stück Natur boten. Besonders angetan waren wir immer von dem halb verfallenem Haus am hintersten Ende des Gartens. Es ist von der Straße aus kaum zu sehen und ganz von Efeu bedeckt. Von weitem sieht es einfach wie ein grüner Hügel aus. Es war früher wohl ein Gästehaus aber so genau weiß das niemand mehr. Das Wohnhaus ist groß und gelb angestrichen. Das gibt in der Gegend noch einen zusätzlichen Farbtupfer. Im Haus regt sich langsam Leben. Die Zwillinge tobten laut schreiend durchs Haus. Anna öffnete die Augen halb und seufzte. Sie drehte sich zu Tom um und rüttelte ihn wach. Sie setzte ihr Schmollgesicht auf und bat Tom nach den Mädchen zu schauen, wohl wissend, dass er ihr so nichts abschlagen konnte. Tom sprang auf und verließ den Raum. Anna ließ sich auf den Rücken fallen und schnaufte tief durch. Sie liebt die beiden Mädchen abgöttisch aber noch nicht um diese Zeit. Es war fünf Uhr morgens und an diesem trüben Novembertag noch stockfinster. Sie beschloß nie wieder Sex mit Tom oder einem anderen Mann zu haben um nicht noch einmal das alles zu erleben. Auf jeden Fall keine weiteren Kinder! Anna schloss die Augen und träumte vor sich hin. Sie stellte sich den Sommer vor mit seiner schönen Wärme und unweigerlich kamen ihr die schönen treffen mit Maria und Jane in den Kopf, der See in dem sie immer badeten und die Unbeschwertheit. Unvermittelt straffte sich ihr Körper und sie sprang auf. Ihr Gesichtsausdruck war ernst und bestimmt. Sie ging ins Bad und putzte ihre Zähne. Tom schlich sich von hinten heran und fasste sie um. Anna drehte sich um und ließ augenblicklich los. Den Gesichtsausdruck kannte er nur zu gut. Er ging in die Küche und setzte Wasser für Annas Tee auf und ließ sie allein. Anna zog sich an und schlürfte ihren Tee. Sie schaute auf die Uhr und ging in den Flur. In der kleinen Ecke vor dem Badezimmer öffnete sie ein kleines Fach was vorher völlig unsichtbar war. Nicht einmal Tom wusste davon. Sie nahm einen kleinen metallischen Gegenstand heraus und steckte ihn in ihre Tasche. Ohne noch ein Wort zu sagen verließ sie das Haus in Richtung der Ruine im hinteren Teil des Gartens. Sie ging um den grünen Hügel herum und legte eine Tür frei. Sie nahm dem metallenen Gegenstand aus der Tasche, der sich als Schlüssel entpuppte. Sie schloss die Tür auf und schaltete das Licht ein. Ihre Augen brauchten einen kleinen Moment, um sich an das grelle Licht zu gewöhnen. Im Inneren der unscheinbaren Ruine flimmerten tausende Lämpchen und das permanente surren von Festplatten und Lüftern war zu hören. Anna war die Technikern des Teams. Sie kann alles mit Computern, was man sich vorstellen kann und noch vieles mehr. Sie beherrscht alte Sprachen, kann jeden Code knacken und verschlüsseln. Anna ist auf ihrem Gebiet ein Genie und wird von vielen Stellen auch gern als Expertin hinzugezogen. Anna drückte eine Taste und ein Fach öffnete sich. Ein Sattellitentelefon kam zum Vorschein. Anna prüfte den Empfang und stellte die richtige Frequenz ein. Als alles erledigt war, nahm sie sich einen Stuhl, setzte sich vor das Telefon, starrte auf das Display und wartete. 


Kapitel 4

Auf dem Schild mit den roten Buchstaben stand drittes Obergeschoss. Ich suche den Fahrstuhl der, wie nicht anders zu erwarten war, außer Betrieb ist. Mist, denke ich, denn obwohl ich sehr durchtrainiert bin, hasse ich nichts so sehr wie Treppen steigen. Ich ging durch den ewig langen Gang in Richtung Treppe. Links und rechts waren Bilder von Edward Hopper aufgehängt. Ich verehre diesen Maler sehr. In Dieser Reihe von Bildern hin plötzlich völlig unvermittelt ein ganz anderes Gemälde. Ein Bob Ross. Also nichts gegen Bob Ross aber wer seine Sendung schon einmal gesehen hat, fragt sich, was er zu Lebzeiten alles so geraucht hat. Bitte nicht falsch verstehen, ich mag auch Bob Ross und hätte auch gern mit ihm zusammen so einiges geraucht aber zum ersten ist er schon lange tot und zum zweiten sieht er neben Hopper ein wenig so aus, als würde man meine Kinderzeichnungen im Louvre ausstellen. Instinktiv nehme ich das Bild von der Flurwand und betrachte es. Das Motiv gefällt mir sogar. Im Hintergrund ein Berg mit Kiefern bewachsen von dem sich ein kleiner Bach, wie ein blaues Band aus Seide, ins Tal schlängelt. An den Ufern des Baches ist eine Wiese mit weißen Kamillenblüten und überall die kräftig gelben Blüten des Löwenzahn. Ein paar Vögel fliegen am Himmel und eine Hummel setzt gerade zur Landung auf dem Löwenzahn an. Erstaunlich, bei der Hummel kann man jedes einzelne Haar am Körper erkennen. Auf der rechten Seite des Bildes befindet sich ein kleines Holzhaus mit einem Jägerzaun und einem kleinen Garten vor den Fenstern. Im Garten wächst Petersilie und Dill. Am Apfelbaum hängen große rote Äpfel. Beim anschauen wird mir ganz wohlig warm ums Herz bei dieser Idylle. Ich drehe das Bild um und lächel zufrieden in mich hinein. Habe ich es doch gewusst! An der Rückseite war mit Tesafilm ein kleiner Schlüssel befestigt. Er sah aus wie ein Briefkastenschlüssel oder von einem Vorhängeschloss. Ich stecke ihn ein und hänge das Bild wieder an seinen Platz. Ich kann mir ein triumphierendes Lächeln nicht verkneifen. Ich habe ein Rätsel ganz ohne Annes Hilfe gelöst. Ich gehe die drei Stockwerke hinauf und stehe vor der Kanzlei. Schultz und Krause. Ich klopfen kurz an und trete ein. Meine ganze Körperhaltung ändert sich mit dem eintreten. Ich stehe ganz aufrecht vor der Dame am Empfang und sage ruhig und ganz langsam: Alejandra Carmona, ich habe einen Termin. Sie grüßt knapp springt unvermittelt auf öffnet mir die Tür und stammelt aufgeregt : Senorita Carmona, sie werden erwartet. Etwas verwundert über die plötzliche Aufregung trete 7ch ein und die Tür schließt sich augenblicklich hinter mir. Ich stehe in einem riesigen Büro in dem sich wohl seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts nichts geändert hat. Eine Schrankwand zur rechten, im besten Gelsenkirchener Barock und die grünen Sessel an der langen Tafel zur linken, hatten wohl auch schon bessere Zeiten erlebt. Am anderen Ende des Raumes befand sich ein riesiger Schreibtisch hinter dem ein Mann mittleren Alters saß der sofort auf sprang als er mich sah und mir nun entgegen eilt. Er ist nicht besonders groß und etwas dicklich. Seine Glatze versucht er zu kaschieren, indem er Haarsträhnen von der Seite quer über seinen Kopf kämmt. Furchtbar und alles in allem ein schmieriger Typ. Er gibt mir seine Hand und diese lag nun schwitzig, dick und ohne jede Kraft einfach in meiner. Unweigerlich musste ich an die Worte aus Heinrich Manns Der Untertan denken. Diederichs Heßling war ein weiches Kind. So musste Diederich Heßling auch in der Fantasie des Autors ausgesehen haben. Selbst seine Stimme klang wich und eher feminin. Guten Tag Frau Carmona, ich bin Dieter Schultz. Ich musste unweigerlich lachen aber hatte mich gleich wieder im Griff. Angenehm, Alejandra Carmona. Ich zeige meinen Ausweis und er nickt zufrieden. Er öffnet den Safe und holt einen einfachen weißen Umschlag heraus und übergibt ihn mir. Ich sehe ihn fragend an. Er zuckt mit den Schultern und sagt: Ich bin nur beauftragt Ihnen das zu überreichen. Mehr weiß ich auch nicht. Ich frage ihn von wem, aber er beantwortet die Frage einfach nicht. Ich drehe mich um und gehe langsam zur Tür. Ich spüre seine Blicke auf meinem Hintern und gehe angewidert schneller. Die Frau am Empfang verabschiedet sich kurz und ich stehe wieder auf dem Gang. Das war bei weitem nicht die merkwürdigste Übergabe, aber gespannt war ich schon. Den Umschlag hätte man mir auch in den Briefkasten werfen können. Warum dieser schmierige Advokat? Ich gehe ein paar Schritte und bleibe in einer Ecke stehen. Nun möchte ich wissen, was es mit dem Umschlag auf sich hat. Ich öffne ihn vorsichtig mit meinem Messer um nicht aus Versehen wertvolle Informationen zu zerstören. Im Umschlag befindet sich eine gefaltete Karte aus weißer Hochglanz Pappe. Darin befinden sich drei 200 Euro Scheine. Die Karte ist mit Ornamenten in sämtlichen vorstellbaren Rottönen verziert. Ich erkenne Chrysanthemen und Lilien und in der Mitte ein großes goldenes F. Sofort wird mir heiß und kalt gleichzeitig und mich überkommt Panik und Euphorie im gleichen Augenblick. Ich weiß nur zu gut, was das F bedeutet. Das heißt niemand weiß es genau aber aufgrund der Erscheinung, des Habitus und des ganzen Drum herum haben wir beschlossen, das F bedeutet Fürstin. Die drei 200 Euro Scheine bedeuten, sie schickt nach uns allen drei. Etwas fehlt allerdings noch im Puzzle. Mir fällt der Schlüssel von der Rückseite des Bildes wieder ein und ich gehe zum Ausgang. An den Briefkästen halte ich an und sehe die Namen durch. Regina F. Wie originell. Ich öffne den Kasten und finde einen kleinen Zettel. 

52''21'11'N     13"44'59'E

11/21.     15:00

Ich denke ich weiß in etwa wo das ist und wann ist eindeutig.  Heute. Es bleiben aber noch ein paar Stunden Zeit. 

Ich lege die Karte, das Geld und die Koordinaten auf den Fenstersims und fotografiere alles. Ich schreibe : 12:00 bei mir und hänge das Bild an. Senden an, Jane und Anne. Erledigt. 




Kapitel 5

Ich muss gestehen, ich bin etwas verwirrt. Als ich in die Kanzlei bestellt wurde, hatte ich mit einem konkreten Auftrag gerechnet. Aber dass die Fürstin nach uns schickt ist genauso ungewöhnlich wie beängstigend. Wir kennen uns nun schon lange und sind uns, wenn immer es ging, aus dem Weg gegangen. Wir arbeiten beide in der gleichen Branche. Wir besorgen Dinge zurück, die andere noch nicht verloren haben. Wir jagen Artefakten nach und bringen sie ihren rechtmäßigen Besitzern zurück. Wobei wir bei der Rechtmäßigkeit, bei entsprechender Bezahlung, auch schon mal etwas frei in der Auslegung sind. Die Fürstin und ihre Organisation sind darüber hinaus auch noch für ihre eher resolute Vorgehensweise bekannt. Ich weiß auch, wofür das F. eigentlich steht, aber dieses Geheimnis kennen nur die Fürstin und ich. Das soll auch so bleiben, vorerst jedenfalls. Wir waren früher einmal ein Paar aber auch davon weiß niemand etwas, nicht einmal Anne und Jane. Jetzt kommen die alten Erinnerungen wieder hoch. Es war eine schöne Zeit, wir waren gerade 18 Jahre alt und schworen uns, niemals auseinander zu gehen. Die Zeit war unglaublich schön und intensiv. Ich merke wie mir ein Schauer über den Rücken läuft und ich ein merkwürdiges Gefühl im Bauch habe. Ob ich mir es eingestehen möchte oder nicht. Ich bin aufgeregt. Langsam schlenderte ich den Weg zurück, den ich gekommen bin. Die Straßen haben sich langsam mit Leben gefüllt. Vor dem Zeitungsladen sitzt Ben der Obdachlos. Er haust meist im verfaulten Zahn und am Tage sitzt er hier und schnorrt. Wie immer werfe ich zwei Euro in seinen Becher und setze mich etwas zu ihm auf den Boden. Er nennt mich wie immer seine schöne Senorita. Er darf das auch. Heute ist Ben noch auffallend nüchtern und ich kann mich mit ihm unterhalten. Er erzählt mir, dass er raus aus diesem Leben möchte und gleich morgen anfängt, sich eine Wohnung zu suchen und wieder arbeiten möchte. Ich schaue ihn an lächle und im selben Augenblick merke ich, wie mir die Tränen über die Wangen rinnen. Ich kann nichts dagegen tun aber ich muss plötzlich hemmungslos weinen. Zu nah geht mir das Schicksal diese Mannes. Ich kenne ihn schon mein ganzes Leben und kenne auch sein Schicksal. Vom Hörensagen zumindest. Ben war einmal Lehrer für Physik und Mathematik. Er hatte eine wunderschöne Frau und eine reizende Tochter. Eines Tages kam er nach Hause und seine Wohnung war leer und Frau und Tochter wie vom Erdboden verschluckt. So sehr er sich auch bemühte konnte er nie herausfinden warum er verlassen wurde und wo die beiden sind. Er begann zu trinken und verlor erst seine Arbeit und dann seine Wohnung. Und nun sitzt er täglich hier und scheint nur auf mich zu warten. Ich sehe ihn genauer an. Das Alter ist schwer zu schätzen unter dem ungepflegt Bart und dem ganzen Schmutz. Ich denke eventuell so mitte dreißig. Er ist groß gewachsen und hat eigentlich eine gute Figur. Erstaunlich gut sogar. Ich erinnere mich noch gut daran als ich einmal völlig betrunken aus der Bar kam und mich zu ihm setzte. Meine Bluse war halb offen und mein Rock ziemlich hochgerutscht. Er schaute mich an und ich sah, dass sich in seiner Hose etwas tat. Also irgendwo unter dem Schmutz war noch der Mann. Er hat wie immer seine schmutzigen Jeans und den speckigen Mantel an. Er richt furchtbar aber das stört mich nicht weiter. Ich verabschiede mich und gehe langsam in Richtung meiner Wohnung. Ganz in Gedanken versunken drehe ich mich noch einmal um und Ben ist verschwunden. Merkwürdig normalerweise verlässt er seinen Platz nie. Ich bleibe kurz stehen und merke wie mein Fuß nass wird. Es gab auf dem ganzen Weg nur eine einzige Pfütze und mitten in dieser stehe ich. Klasse. Na wenigstens ist es nicht der Hundehaufen vom Hinweg....... 



Kommentare (15)

Marcus
03. Apr. 2021, 23:56
Ein vielversprechender Anfang.
Bin gespannt wie es weiter geht.
Fürstin der Nacht
04. Apr. 2021, 08:01
Wow, sehr gut geschrieben. Ich konnte mir das Stadtviertel Bildlich sehr gut vorstellen, in den du dein Weg zurück legst. Was ich für sehr wichtig halte, das man sich in eine Geschichte hinein versetzen kann. Auch super geschrieben wie du dich in der Geschichte vorgestellt hast, das du in dem Viertel groß geworden bist. Der Hammer war, die zwei Lacher die du mit ein gebaut hast ...Genau in diesem Augenblick trete ich in die Hinterlassenschaften eines Hundes. Natürlich nicht in einen ganz kleinen Haufen, nein, hier muss jemand seinen Elefanten ausgeführt haben...Wer wohnt hier eigentlich, fragte ich mich. Bei diesen Temperaturen offene Fenster? Das können ja nur Eskimos sein...über die beiden Sätze musste ich so lachen. Ich persönlich halte es für wichtig, das in eine Geschichte paar Lacher mit eingebaut werden, was dir hier super gelungen ist. Denn bring es auch Spaß eine Geschichte zu lesen.

Ich ziehe vor dir den Hut, du hast wirklich Talent zum Schreiben. Du hast für diesem Kapitel volle 5 Sternchen verdient.

Ich freue mich schon auf die Fortsetzung. Ich werde auf alle fälle deine Geschichte weiter verfolgen.

Ich muss es nochmal betonen, dies ist eine geile Einleitung für eine Geschichte.

Mache bitte weiter so und lasse mich nicht zu lange auf den zweiten Kapitel warten.
Fizzy Lemon
04. Apr. 2021, 10:53
Hervorragender Einstieg in eine sehr spannend zu werdende Geschichte. Wundervoll geschrieben und mitreißend. Ich fiebere Kapitel 2 entgegen!
Hasal
06. Apr. 2021, 08:37
Auch ich schließe mich den Vorschreibern an, ich werde Deine Geschichte auch natürlich abonnieren , dann weiß ich Bescheid, wann es weiter geht. Aber eins, Du hat echt Talent sowas zu schreiben .;). Bin gespannt wie es weitergeht, scheint aber spannend zu werden.
Fizzy Lemon
06. Apr. 2021, 21:59
Auch Kapitel 2 ist vortrefflich geschrieben und macht höllisch Lust auf alle weiteren Kapitel. Eine sehr spannende Geschichte voller interessanter Charaktere... weiter so!
Fürstin der Nacht
07. Apr. 2021, 09:56
Kapitel 2 auch supi geschrieben. Bin gespannt wie es weiter geht.
möchen
07. Apr. 2021, 11:54
;) wunder schön geschrieben
Hasal
08. Apr. 2021, 08:45
Bitte mehr davon , ist sehr gut geschrieben ;)
Fizzy Lemon
10. Apr. 2021, 15:33
Auch Kapitel 3 und 4 sind hervorragend geworden. Sehr spannend aufgebaut und vor allem schön bildhaft geschrieben. Liest sich alles sehr flüssig und macht erst recht Lust auf mehr. Gerne auch mehr Hopper und Ross. Wobei man die Beiden wirklich nicht miteinander vergleichen darf.^^
Fürstin der Nacht
11. Apr. 2021, 13:45
Du hast mich sehr neugierig auf Kapitel 5 gemacht. Der Buchstabe F und Fürstin, was das wohl zu bedeuten hat?:D
Hasal
11. Apr. 2021, 16:50
Super -- bitte weiter und mehr davon :p
Marcus
12. Apr. 2021, 14:41
Entwickelt sich gut, freue mich mehr
Fizzy Lemon
15. Apr. 2021, 15:21
Ich weiß auch, wofür das F. eigentlich steht,


Bestimmt für Faustina, wegen des resoluten Vorgehens.... lach :D
Marcus
15. Apr. 2021, 20:54
Fielleicht.... :p
Hasal
24. Apr. 2021, 16:44
Sehr gut hast alle Kapitel geschrieben. Bin gespannt wann was Neues wieder erscheint. ;)Bitte ruhig noch viele Geschichten, Du hast auch sehr viel Talent dafür:)
Einloggen um zu kommentieren.