Die neue Nachbarin ist wirklich hübsch. Ich hätte nicht gedacht, dass sie so unbekümmert nur in einem Badetuch bekleidet, so einfach den Fremden hier die Tür öffnet. Was mich einerseits freute... nein, nicht nur des hübschen Anblicks wegen, sondern wegen ihrer offenen Art, die dieses Funkeln in ihren blauen Augen auslöste und durch das sie im Nu die Herzen der Mitmenschen gewinnt. Während ich meine Wohnungstür aufschließe, lasse ich mir ihren Namen durch den Kopf gehen. Ganz langsam, Buchstabe für Buchstabe. Sie ist eine so ganz andere Persönlichkeit, als die Gestalten die sonst so in dieser Siedlung am Stadtrand hausten. Die korallefarbenen mehrstöckigen Häuser strahlten alles andere als Behaglichkeit aus und der rissige Asphalt, wo aus jeder Ritze der Löwenzahn wuchert, verstärkte diesen Eindruck noch. Was brachte Alissa hierher? In diese Anhäufung der sozial Schwachen, der Lebensverlierer und Versager. Wo normal nur die stranden, die sonst nie was auf die Reihe kriegen. Mich eingeschlossen, der zu lange seinen Träumen nachhing und in einer fast romantischen Art immer noch an den Erfolg glaubte, der sich nie einstellen wollte, bis mir die Schulden über den Kopf wuchsen und ich ganz unten angekommen war. Ein schöner Unternehmer war ich! Aber gut, wer nichts wagt...
Mir fiel sie schon vorgestern auf, als sie mit einem Koffer aus dem Bus stieg. Die einzige Verbindung zur Stadtmitte, wenn man kein Auto hat. Was hier die Wenigsten haben. Der kurze Anblick von Alissa hielt mich nicht davon ab, meinen Blick durch den Flur schweifen zu lassen. Er war so gut wie leer. Keine Möbel, keine Garderobe. Nichts. Flüchtete sie vor etwas, dass sie nichts mitnehmen konnte? Ach, vielleicht kommen ihre Möbel noch? Kann ja sein. Nachdem ich mir eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank holte setzte ich mich auf das Sofa, schaltete den Ventilator an und trank in großen Schlucken begierig das erfrischende Nass. Der Tag schien wieder heiß zu werden. Hundstage eben. Obwohl noch nicht einmal Mittag war die Hitze schon unerträglich und Schweiß rann mir in Strömen den Rücken hinab. Die verwirbelte Luft des Ventilators tat gut und das kalte Wasser tat sein Übriges dazu. Dann hörte ich die Tür von gegenüber zuschlagen und den Schlüssel mehrfach drehen. Wer bist Du, schöne Alissa? fragte ich mich selbst und schloss die Augen, um mir ihr Gesicht in Gedanken wachzurufen.
Sollte ich sie nach ihrer Handynummer fragen? Oder ist das zu schnell? Als mir diese Fragen durch den Kopf schossen, fiel mir auf, dass mein Prepaidguthaben so gut wie aufgebraucht war. Ich rief den Kontostand ab und sah, dass nur noch läppische 12 Cent vorhanden waren. Da ich immer noch finanzielle Probleme durch meinen Schuldenberg hatte, wollte ich keine Direktaufladung, sondern nur per Wertmarke laden. Doch die gibt es hier nicht, weil der Kiosk, der inmitten der Siedlung stand und sozusagen die Lebensader der Versager hier war, vor ein paar Jahren schloss. Seitdem ist das kleine Verkaufshäuschen mehr zu einer Übungsleinwand für Graffitikünstler und einer öffentlichen Notdurftanstalt verkommen. Wer also nur ein bisschen was brauchte, kam nicht umhin, einen der wenigen Busse zu erwischen um in die Stadt zu fahren, damit er seine Besorgungen verrichten konnte.
Murrend stand ich auf, griff meine Schlüssel, verließ die Wohnung, schloss die Tür ab und ging aus dem Haus. Die Bullenhitze erschlug einen förmlich als man durch die Haustüre ins Freie ging. Ich beschattete mit der Hand meine Augen und lief durch den verbrennenden Sonnenglast hindurch zu dem überdachten Buswartehäuschen, wo Alissa noch immer saß.
Luftmatratze 1
