Mit der Wut über die alte Kozlowski im Bauch schlurfte ich auf mein Sofa und ließ mich wie einen nassen Sack darauf plumpsen. Die Fahrigkeit von Alissa, die aus ihren verweinten Augen sprach, machte mir Sorgen. Nahm sie etwa Drogen? War das der Grund für ihren Abstieg ins Reich der Verlierer? Man kann sowas zwar nie wissen, aber eigentlich machte sie mir nicht den Eindruck danach. Drogensüchtige haben wir hier genug und erst vorletztes Jahr ist ein Junkie im Flur des benachbarten Wohnblocks gestorben. Aber die ganzen Crack-, Crystal-Meth- und Heroinsüchtigen, die früher oder später in Gegenden wie diesen auftauchten, sahen anders aus. Verwahrlost, von ihrer Sucht gezeichnet. Physisch, wie psychisch. Ebenso die zahlreichen Alkoholiker, die das Gros der Verlierer hier bildeten. Es kümmerte einen nicht einmal mehr, wenn mal wieder einer sturzbesoffen im Gebüsch lag oder sich beim pinkeln auf den Schwanz kotzte. Alles war schon da und alles hatte man schon gesehen. Ja, ich weiß selbst, wie die Umgebung, in der auch ich strandete klingt und ich frage mich selbst immer noch, wie es so weit kommen konnte und ob ich jemals dieser Hölle entfliehen werde. Doch Alissa? Nein, Drogen konnten das nicht sein. Aber vielleicht etwas, das mit Drogen zu tun hat? Wenn ich es recht bedenke, dann würde Alissa gut als Frau eines Drogenbarons durchgehen. Sie war hübsch, sicherlich sehr intelligent, eloquent und ihr Auftreten selbst in eher legerer Kleidung adrett. Während ich mir Alissa vor meinem geistigen Auge gestylt in einem schwarzen Abendkleid an einer Speisetafel in einem sündhaft teuren Restaurant vorstellte und dabei an Szenen aus dem Film „Der Pate" erinnert wurde, hörte ich plötzlich ein eher hysterisches Lachen. Ich stutzte. Kam das aus Alissas Wohnung? Erst die Schreie, nun ein Lachen... ich fragte mich, ob sie alleine wäre? Sie weigerte sich auffällig mich in die Wohnung zu lassen und wer weiß? Aber würde sie dann lachen? Vor allem so? Nach dem offensichtlichen Weinen? Ging meine Fantasie mit mir durch? Wie auch immer... Ruhe ließ es mir nicht und ich verließ abermals das Sofa um erneut an Alissa Tür zu klopfen. Die Kozlowski kann mich mal!
Alissa öffnete die Tür. Diesmal ganz und schaute mich mit geröteten Augen und zerzausten Haaren an. Sie stand nur in ihrem Top und dem sportlichen taubenblauen Panty bekleidet da und rieb sich mit den Zehen ihres linken Fußes über den rechten Fußrücken.
„Alissa... ist alles in Ordnung bei Dir? Ich mache mir echt Sorgen.", flüsterte ich aus purer Rücksicht auf die Nachbarin.
Alissa blickte sich scheinbar um, obwohl ja weit und breit keiner zu sehen war, packte mich plötzlich am T-Shirt und zog mich in ihre Wohnung. Dann schloss sie die Tür hinter uns und ging voraus in ihr - nennen wir es Schlafzimmer. Sie nahm mich bei der Hand und führte mich in diesen kahlen Raum, auf dessen Laminatboden nur eine kleine Lampe, ein Laken, ein Kissen und etwas, das wie eine platte, luftleere Luftmatratze - pardon, Veloursbett - aussah.
„Das Mistding", sie zeigte dabei auf die Leiche ihrer Luftmatratze, „ist wie mein Leben. Total daneben. Kaum liege ich darauf, vertraue mich ihm an, macht es - PUFF! - und die Luft ist raus. Es verlässt mich und ich liege im Dreck auf dem harten Boden."
Alissa zuckte mit den Schultern, sah mich an und bot mir an mich zu setzen. Fast im selben Augenblick verschwand sie und ich hörte die Kühlschranktür, danach das Klirren von Flaschenglas, bevor sie wieder mit zwei Flaschen Bier im Schlafzimmer erschien und mir ungefragt eine davon in die Hand drückte. Schweigend saßen wir einen Augenblick auf dem Boden, sahen uns an und tranken ein paar Schlucke.
„Was ist Dir passiert?", fragte ich sie mutig geradeheraus.
„Nein, ich möchte... nicht...", sagte sie mit unsicherem Tonfall und schüttelte dabei den Kopf.
„Ist gut.", beschwichtigte ich. „Du musst ja nicht. Und ja, im Grunde kennen wir uns gar nicht. Warum solltest Du mir also was erzählen? Ist okay."
„Ja, wir kennen uns gar nicht. Das stimmt. Trotzdem sitzt Du in meinem Schlafzimmer.", kicherte sie plötzlich und die Grübchen auf ihren Wangen kamen zum Vorschein. Es tat irgendwie gut sie lächeln zu sehen. Sie strahlte damit eine Fröhlichkeit aus, die selbst durch die Tränen hindurch wirkte. Oder darüber hinwegtäuschte.
„Ja, aber so geht das nicht. Du kannst nicht hier auf dem Boden schlafen.", sagte ich.
„Wo sonst?", fragte Alissa.
„Du kannst zu mir. Ich schlafe auf dem Sofa und Du kannst ins Bett.", schlug ich vor.
„Nein. Danke, für das Angebot, Tim, aber nein. Dazu kennen wir uns noch nicht lange und gut genug. Außerdem möchte ich gerne alleine sein, verstehst Du?", sagte Alissa.
Ich nickte nur, nahm einen Schluck Bier, stand auf und sagte: „Bin gleich wieder da."
Dann öffnete ich ihre Wohnungstür, stellte einen Schuh von ihr dazu, damit die offen bliebe, ging in meine Wohnung aus der ich alsbald mit meiner Matratze bepackt wieder erschien und sie in Alissas Schlafzimmer trug.
„So, das wird wohl die Nacht durch reichen. Dann musst Du nicht auf dem nackten Boden schlafen. Morgen hole ich sie wieder ab.", sagte ich zwinkernd.
Alissa lachte auf und schaute mich wieder mit einer unbeschreiblichen Fröhlichkeit, die im krassen Gegensatz zu ihren verheulten Augen von vorhin stand, an und sagte nickend: „Okay. Morgen bekommst sie wieder."
Dann kam sie nah an mein Gesicht und gab mir wieder einen zärtlichen Kuss auf die Wange.
„Gute Nacht, Tim."
„Äh, ja... dann, schlaf schön und bis morgen. Ach, und ... äh ... Danke für das Bier.", sagte ich und musste mich beinahe losreissen von ihr.
Wie gerne wäre ich bei ihr geblieben, aber wenn sie nunmal alleine sein wollte, dann sollte sie das sein. In der ganzen Wohnung schien ja niemand sonst zu sein. Alissa wäre also sicher. Ich redete nicht mehr lange um den heißen Brei rum, drehte mich zur Wohnungstür, schloss diese im Hinausgehen und verschwand in meiner Wohnung, wo ich mich auf das Sofa legte und im kühlenden Luftzug des Ventilators hundemüde einschlief.
Luftmatratze 7
