Wo hatte Alissa nur das Bett her? Mir ist es noch nie untergekommen, dass ich eine chinesische Aufbauanleitung in der Hand hatte und außerdem hatte ich das Gefühl, dass es auch noch die falsche sei. Zum Glück war die Konstruktion des Bettes simpel und dadurch intuitiv zu erfassen.
Zurück in meiner Wohnung, die schon wieder vom schwülen Stick des Sommers erfüllt war, saß ich vor dem Ventilator und grübelte vor mich hin. Warum küsste ich sie so unvermittelt? Lag das an dem Auftritt von Sabina, die in mir die Wut hochkochen ließ? Es tat gut, nach den vielen Tiefschlägen dieser Frau mal wieder etwas Zärtlichkeit zu erfahren und ja, ich genoß es durchaus. Alissa allem Anschein nach ebenso. Nachdem ich sie auf dem Sofa nochmal küsste, hatte ich plötzlich ein schlechtes Gewissen. Nutzte ich sie aus? Tröstete ich mich damit über die schmerzliche Begegnung mit meiner Ex-Frau hinweg? Oder hatte ich Angst davor, dass aus diesen Küssen mehr wird? Ein Mehr für das ich mich nicht bereit fühlte. Noch nicht. Oder doch? Um abzulenken ging ich in ihr Schlafzimmer und baute das Bett auf, bedankte mich für den Kaffee und ging. Der verwunderte Blick aus ihren blauen Augen verfolgte mich im Geist bis jetzt. Stieß ich sie vor den Kopf? Kam sie sich abgewiesen vor?
Wieder kreisten meine Gedanken um die Frage, wie wir eigentlich zueinander stünden. Nachbarn waren wir. Okay, aber sind wir mehr? Freunde? Hmm... was macht eine Freundschaft aus? Normal erwächst die aus einer langjährigen gemeinsamen Zeit mit vielen Erlebnissen... Hochs und Tiefs.... das schweißt einen doch zusammen, oder? Oder ist es Lust? Begehre ich sie? Ich gebe zu, dass sie mir durchaus gefiel und ihr Geheimnis gab ihr zudem etwas Verruchtes, das ihr eine sehr erotische Ausstrahlung verlieh. Klar, bin ich am Ende auch nur ein Kerl und die Natur hat ihren Dienst bei mir noch nicht eingestellt, aber darüber hinaus? Vor meinem geistigen Auge rief ich mir das Bild von Alissa auf, betrachtete sie vom Scheitel bis zur Sohle. Ließ meinen Blick über ihr Gesicht, ihren Busen, ihren Bauch die Beine hinabgleiten und versuchte dabei auf meinen Kopf zu hören. Sex pur? Erobern, Spaß haben und dann?
Nein, je mehr ich mich mit solchen Gedanken herumschlug, umso mehr kamen sie mir falsch vor. Das war nicht nur animalische Lust, die mich bei ihr befiel. Es war mehr und das wurde mir in diesem Augenblick klar. Weniger klar wurde mir, wie viel mehr es sein würde.
Zwei Wochen später.
Irgendwie verpassten Alissa und ich uns immer wieder. Egal, wann ich durch den Flur ging oder auf den Bus wartete... von Alissa war nichts zu sehen. Abends brannte nicht einmal Licht in ihrem Fenster, wenn ich ein paar Runden durch die Siedlung spazierte um die erlösende Abkühlung des Abends zu genießen. Dieser extreme Sommer hatte nicht nur mit den hohen Temperaturen böse Überraschungen für mich bereit gehalten. In diese ganze Misere kam dann unverhofft diese Frau, die mich faszinierte und deren Geheimnis ich erfahren wollte. Aber sie schien wie vom Erdboden verschluckt worden zu sein. Nichts sah oder hörte man von ihr. Warum gab ich ihr nicht meine Nummer? Oder sie mir ihre? Waren die Küsse doch nur aus purer Lust und dann schnell vergessen? Es würde zu meinem Leben passen, wenn etwas, das für mich nach Glück aussieht, dann mein Untergang werden würde. Die Probleme wurden schließlich nie weniger und jeder Strohhalm, an dem ich mich festhalten wollte, knickte sofort ab. Ließ mich erbarmungslos in die Tiefe fallen. War Alissa auch so ein Strohhalm?
Apropos Strohhalm. Ich genoss einen gekühlten Ananassaft und bildete mir ein, dass es ein Cocktail von einer Strandbar sei, den ich durch einen Strohhalm trank. Das Röcheln des Halms gab zu verstehen, dass der TetraPak leergetrunken, aber mein Durst noch nicht gestillt war. Der Blick in meinen Kühlschrank allerdings war eine wahre Ernüchterung. Wieder leer und dabei war nur knapp die Monatshälfte rum. Es half nichts. Die letzten Geldreserven mussten für einen Einkauf herhalten. Ich schnappte mir meine Schlüssel und verließ die Wohnung. Die Hitze des Spätnachmittags erschlug mich fast, als ich aus dem Wohnblock trat und die Treppenstufen hinunterging. Die Sonne blendete mich und ich kniff die Augen fest zusammen, beschattete sie dabei mit meiner rechten Hand. Plötzlich hörte ich einen Motor und drehte mich zu einem schwarzen Van um, der mit quitschenden Reifen bei mir zum Stehen kam. Zwei Männer in dunklen Anzügen sprangen daraus hervor und liefen direkt auf mich zu. Ich wusste gar nicht wie mir geschah, als ich plötzlich eine Faust in die Magengrube bekam und kurz darauf eine Faust an die Backe. Mir tanzten Sterne vor Augen und ich taumelte. Dann fiel ich... bei meinem Glück natürlich mit dem Gesicht mitten in einen frischen, weil noch feuchtwarmen Hundehaufen.
„Zahl Deine Schulden oder das wird nur der Anfang sein!", drohte mir einer der Männer, dessen Stimme aber nur diffus und unwirklich durch mein beginnendes Delirium drang.
Dann düste der Van ab und ich wollte mich schon in die düstere Finsternis, die mich umgab, hinüber gleiten lassen, als ich plötzlich eine zärtliche Berührung an meinen Wangen spürte. Ich zwang meine Augen auf und durch den Nebel sah ich die blauen Augen von Alissa, die mir in diesem Moment, wie die eines Engels vorkamen. Doch dann verlor ich den Kampf gegen die Dunkelheit.
Ich erwachte mit einem dröhnenden Schädel in einem Krankenhausbett und wurde von einem recht penetrant wirkenden Polizeibeamten mit allerlei Fragen bombardiert, die mir nur auf die Nerven gingen. Alles, was mich zu dem Zeitpunkt interessierte, war Alissa.
Luftmatratze 11
