Die oberste Etage dieses leerstehenden Hochhauses hatte wirklich etwas magisches an sich. In fast völliger Stille überblickte man die Stadt, an deren Horizont man die Blöcke des „Reiches der Verlierer" erkennen konnte. Und man fühlt sich plötzlich ganz frei und erhaben, als ob nichts und niemand einem schaden könnte. So unscheinbar dieses Haus von unten auch erscheinen mag, so atemberaubend kann die Überraschung sein, wenn man hier oben steht. Der Himmel über der Stadt war nur von leichten Schleierwolken durchzogen, die sich im beginnenden Abendrot goldgelb färbten. Der Untergang der Sonne zauberte jedesmal ein besonderes Farbenspiel über dieses Panorama und ich genoß es immer wieder, wenn ich mich hier verkroch um meine Wunden zu lecken. Doch diesmal musste ich mich nicht verkriechen. Meine Schulden waren abgezahlt, das heißt, sie waren bei den ehemaligen Gläubigern abbezahlt. Mir war schon klar, dass ich keinen Cent weniger verschuldet war, aber nun stand ich bei Alissa in der Schuld und ich könnte mir nichts mehr wünschen als das. Ich stand hinter ihr, umarmte sie und Alissa griff meine Arme. Hielt sie fest, wie auch ich sie fest hielt. Diese außergewöhnliche Frau wollte ich nicht mehr loslassen. So eng umschlungen standen wir an dem schmutzigen Fenster, blickten hinaus über das Lichtermeer, das die Stadt langsam im zunehmenden Dunkel wurde und genoßen gemeinsam wortlos das Schauspiel. Als die Sonne dann hinter dem Horizont verschwand und die ersten Sterne am Firmament funkelten, setzten wir uns auf den Boden, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, schauten hinaus auf den Sternenhimmel und kuschelten. Ich gab Alissa einen Kuss auf die Stirn, sah ihr dann tief in die blauen Augen und flüsterte ihr entgegen: „Ich liebe Dich, Alissa."
Alissa zog mich zu sich und gab mir einen sehr innigen und langen Kuss und ich erwiderte ihn voll Leidenschaft. Es tat unwahrscheinlich gut, wieder solche Gefühle in mir zu spüren, die ich längst verloren geglaubt hatte und die mich durch diese Frau erneut durchströmten. Und es tat gut, sie endlich ihr gegenüber offenbart zu haben.
Erst als uns die Dunkelheit zu arg wurde, standen wir auf und machten uns auf den Weg nach unten. Durch ein stockfinsteres Treppenhaus. Mit der Taschenlampe meines Smartphones leuchtete ich Alissa den Weg und hielt dabei ihre Hand, als ob ich dadurch überhaupt jemals einen Sturz von ihr verhindern hätte können. Aber das war mir egal. Die Berührung alleine war für mich eine unbeschreibliche Wohltat. Wir gelangten sicher ans Ende der Treppe und verließen das Hochhaus. Ein paar Meter davon weg parkte Alissas Auto, in das wir lachend einstiegen. Kaum schlugen die Türen zu, griff ich zum Gurt um mich anzuschnallen, als wir plötzlich ein Motorengeräusch laut und nah hörten, bevor es zu einem metallischen Scheppern und zum Bersten von Glas kam. Das Auto ruckte mit Gewalt zur Seite, bäumte sich auf und überschlug sich. An unseren Leibern und Gliedern zerrte es schmerzhaft und Alissas Körper knallte gegen mich. Bevor ich überhaupt die Situation erfassen konnte, dass uns ein anderes Auto mit voller Wucht rammte, zerrten mich kräftige Hände an den Armen aus dem Wrack und vom Auto weg. Unterbewusst sah ich Alissas Körper schlaff in dem zerbeulten Wrack liegen und Panik machte sich in mir breit. Da beugte sich eine Person über mich und hielt mir ein Messer vor die Augen. Ich erkannte ihn sofort: Alexandr! Einer von Boris Karamasows Schlägern. Dann wird Dimitri wohl auch nicht weit sein, dachte ich und wusste selbst nicht, woher ich in diesem Augenblick die Abgeklärtheit hatte. Natürlich stand Dimitri am Wrack von Alissas Auto und zerrte nun auch ihren Körper aus dem Fenster. Nicht besonders rücksichtsvoll, nebenbei bemerkt.
„Dachtet ihr, das hier....", fauchte mich Alexandr an und hob seine linke Hand mit dem geschienten kleinen Finger, „...sei witzig gewesen? Da habt ihr Euch die falschen ausgesucht. Hör mir gut zu, Du Wichser! Wir haben Euch beobachtet. Wie ihr Geld geholt habt. Wo ist es, he? Komm, mach's Maul auf. Ist nur mein Schmerzensgeld."
„Leck mich am Arsch!", sagte ich fest zu Alexandr, auch wenn mich die Angst nur so überrollte.
„Soll ich Dir ein Auge ausstechen? Wie gefällt Dir das, he?", giftete mich Alexandr an, der mit seinem Bein auf meiner Brust stand und mich so felsenfest am Boden hatte, dass ich mich kaum rühren konnte und nur schlecht Luft bekam. „Oder nein... hahaha.... besser eins der hübschen Augen Deiner Freundin... hahaha!"
Alexandr klang regelrecht wahnsinnig und dazu lief ihm auch noch Speichel aus dem Mund, was ihn nur noch mehr wie einen Psychopathen wirken ließ.
„Dimitri! Dimitri, mach hin.... los!", rief Alexandr zu seinem dicken Kumpel, der nun nach Alissa griff, die sich eben erst aufrecht hinsetzte.
Dann wurde ich Zeuge einer unbegreiflichen Szene, die sich binnen Sekunden abspielte. In dem Moment als Dimitri Alissa packen wollte, schnellte sie in die Höhe, griff Dimitris Arm und verdrehte ihn blitzschnell, bis man die Knochen knacken hören konnte. Eine weitere Drehung und der dicke Schläger lag schreiend am Boden. In dieser Bewegung griff Alissa den Revolver aus Dimitris Schulterholster, drehte sich zu uns um und schoß. Mir spritzte Blut und ich glaube auch ein wenig Gehirn von Alexandr- wer hätte gedacht, dass in dem Kopf so was vorkommt? - ins Gesicht, bevor sein Körper schlaff auf meinen und das Messer in seiner Hand nur haarscharf an meiner Wange vorbei fiel. Entgeistert sah ich zu Alissa, die mit blutender Nase und einer aufgeplatzten Augenbraue ganz ruhig da stand, die Waffe immer noch in unsere Richtung hielt und mit dem Fuss Dimitris Kopf auf den Boden drückte. Ihr weißes Top war rot von Blut und ich hörte von weit her Polizeisirenen, die sich rasch näherten.
Luftmatratze 23
