„Alissa, sag mir Wahrheit! Hast Du mich nur benutzt um an Karamasow ranzukommen? Sind Deine Gefühle für mich echt? Sag mir, wie ich Dir nach alldem vertrauen können soll...", sagte ich zu Alissa, die ruhig auf dem Sofa saß und mich ansah.
„Meine Gefühle zu Dir sind echt. Wirklich! Ich gebe zu, dass Du zuerst nur ein Mittel zum Zweck warst. Aber nicht wie Du jetzt denkst. Ich wanzte mich nicht an Dich ran. Das passierte. Ich beabsichtigte es nicht. Meine Gefühle für Dich sind echt und ich half Dir, weil ich es wollte und ich Dich liebe, Tim. Glaub mir, ich würde alles tun, damit Du aus der Scheiße kommst und wir uns ein neues Leben aufbauen.", sagte Alissa mit fester Stimme.
Ich stand schweigend da, die Hände in die Hüften gestemmt und sah Alissa einfach nur an. Mir rasten Gedanken durch den Kopf, die mich die letzten Wochen hinterfragen ließen, doch jeder Gedanke lief immer wieder darauf hinaus, dass es an ihren Worten nichts zu zweifeln gab. Man kann diese Blicke nicht so intensiv fälschen, wie das, was ich in Alissas Augen sah. Die Inbrunst, mit der sie Rache an Boris Karamasow schwörte, gab mir auch keinen Grund den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen anzuzweifeln.
„Okay, Alissa...", begann ich seufzend, „...ich glaube Dir. Aber ich muss das alles erst verdauen. Es war schlicht zu viel für mich. Alles auf einmal."
„Gut, das verstehe ich.", sagte Alissa, während sie vom Sofa aufstand und Richtung Wohnungstür schlenderte. „Wenn was sein sollte, weißt Du, wo ich zu finden bin. Für Dich immer. Sag Bescheid, wenn Du Dir über alles im Klaren bist."
Mit diesen Worten verließ sie meine Wohnung und verschwand in ihrer. Ich setzte mich auf das Sofa, strich mit der Hand über die Stelle des Polsters, an der vor ein paar Augenblicken noch Alissa saß, spürte den warmen Abdruck ihres Hinterns und schloss die Augen. Das erste, was ich vor meinem geistigen Auge sah, waren die blauen Augen Alissas, die mich aus dem bildhübschen Gesicht anlächelten. Doch dann begannen diese Augen zu weinen. Sie füllten sich mit blutroten Tränen, die in feinen Spuren über ihre Wangen hinabrannten und mich befiel eine unsagbare Traurigkeit.
Die Türklingel riss mich aus meiner Tagträumerei. Schwerfällig erhob ich mich vom Sofa und ging zur Gegensprechanlage, drückte den Knopf für die Sprechverbindung und fragte nicht besonders freundlich: „Wer ist da?"
„Mach die Tür auf, Tim!", gellte mir die Stimme Sabinas entgegen und der Hass, der darin lag, tropfte förmlich aus dem Lautsprecher.
Die hatte mir nun gerade noch gefehlt. Missmutig drückte ich den Türöffner und blieb an der Wohnungstür stehen, die ich geöffnet hatte und in den Flur blickte. Sabina war nicht alleine. Zusammen mit dem schmierigen Anwalt, der ihr wohl aus der Hand fraß, kam sie um die Ecke und im Schlepptau zwei Polizisten. Mit einem zynischen und irgendwie triumphierenden Grinsen im Gesicht schaute mich Sabina an und stolzierte wie ein Model auf dem Laufsteg über den Teppich des Flurs. Ihr Anwalt hingegen schaute abwechselnd zu Boden und auf seine protzige Armbanduhr.
„Ha, nun wollen wir sehen, wer hier noch was zu sagen hat!", giftete meine Exfrau mich an, als die Truppe vor mir zum Stehen kam.
Natürlich ging in dem Moment auch die Tür der Kozlowski auf und sie steckte ihren schwammigen Kopf hindurch um ja nichts von der Posse zu verpassen.
„Wir haben hier einen richterlichen Beschluss zur Pfändung von....", begann der Anwalt, der aber nicht weiter kam, denn meine ganze aufgestaute Wut entlud sich in einem donnernden Faustschlag, der ihn mitten ins Gesicht traf.
Prompt packten mich die beiden Polizisten und rangen mich zu Boden, hielten mich unten und legten mir Handschellen an. Ich ließ es zu. Schweigend. Der Anwalt hingegen heulte wie ein Junge, dem man sein Spielzeug wegnahm und versuchte die Blutung aus seiner Nase mit einem sündhaft teuer aussehenden und selbstverständlich mit einem Monogramm bestickten Seidentaschentuch zu stillen. Der Kozlowski wurde die Situation wohl zu brenzlig und sie verschwand augenblicklich wieder in ihrer Wohnung, während Sabina meinte, mir einen Tritt in die Seite mit ihren Highheels geben zu müssen.
„Du Schuft, das wirst Du bereuen, Du....", schimpfte sie und die Ader auf ihrer Stirn schwoll so dermaßen stark an, dass man es mit der Angst bekam, sie könne jederzeit platzen.
„So, Sie kommen jetzt mal schön in Gewahrsam und machen keine Fissimatenten, klar?", sagte einer der Polizisten zu mir.
Beide Polizisten hoben mich hoch und schoben mich durch den Flur Richtung Ausgang, wo sie mich in ihren Streifenwagen verfrachten wollten. Genau in diesem Moment schaute Alissa aus der Tür und ich schüttelte nur mit dem Kopf, um ihr zu verstehen zu geben, dass sie sich aus dieser Angelegenheit heraushalten sollte. Karamasow mag unser Problem sein; Sabina aber war mein eigenes Problem, meine persönliche Hölle. Alissa nickte zum Zeichen ihres Verstehens und sie schloss ihre Tür.
Mit den Handschellen im Streifenwagen fixiert, wartete ich ab, bis die Vier wieder aus dem Haus kamen. Pfändung, dass ich nicht lache. Meine verschissenen Unterhosen hätten sie pfänden können, denn viel mehr hatte ich ja nicht mehr. Doch Sabina konnte sich gar nicht zu sehr über mich erheben. Keine Demütigung war ihr zuviel, wenn es darum ging mich niederzumachen. Und diese Frau habe ich einmal geliebt! Tatsächlich kamen sie auch mit Nichts in den Händen wieder heraus. Das Einzige, was sie bei dieser Aktion bekamen, war eine gebrochene Nase. Und mal ehrlich, das war es für mich wert! Egal, welche Strafe ich nun bekomme.
Da die Polizei jemanden bis zu 24 Stunden in Gewahrsam nehmen darf, wurde mir ein schickes Einzimmerapartement, mit Metallkloschüssel und Gummimatratze für die Dauer meines Aufenthaltes angeboten. Sprich, ich saß tatsächlich die ganze Zeit in einer Ausnüchterungszelle bis man mir mit meinen Entlassungspapieren den Ausgang zeigte. Die ganze Nacht durch tat ich kein Auge zu sondern grübelte über mich und Alissa nach und die Situation, in der wir uns befanden. Ich fragte mich, wie das mit uns weitergehen sollte? Ein Leben mit dieser Frau wäre für mich eine Erfüllung, egal, welche Schatten auf ihrer Seele lagen, aber zugleich fragte ich mich, ob sie je von ihrer Vergangenheit loslassen könnte? Leo, der Mann, dem ihr Herz gehörte, schaffte es nicht, sie aus der Dunkelheit zu holen. Obwohl er sich nach Alissas Erzählung alle Mühe gab. Wie sollte ich es denn dann schaffen? Fragen, die mich auch nach meiner Entlassung auf dem Nachhauseweg begleiteten. Ich zog es vor zu Fuss zu gehen, auch wenn ich dazu ein paar Stunden unterwegs war. Zunächst machte ich einen Abstecher in den Stadtpark zu dem Teich, an dessen Ufer ich so gerne im Schatten der Linde lag und den Enten zusah. Die Hitze der letzten Wochen war zum Glück vorbei, die so viele Menschen in den Park trieben, weil sie sich nach Abkühlung sehnten. Auch ich lag damals im kühlen Schatten hier und hatte nur noch Gedanken für die fremde Frau, die vor kurzem in unseren Wohnblock zog. War es denn wirklich erst ein paar Wochen her? Mir kam es vor, als ob ich Alissa mein ganzes Leben kannte und dennoch wusste ich fast nichts über sie.
„Das ist ja ‚ne Überraschung! Hey, Tim!", sagte Martina, die plötzlich wie aus dem Nichts neben mir stand und mir einen Schmatzer auf die Wange zur Begrüßung gab.
„Martina?! Schön, Dich zu sehen. Wie geht's?", sagte ich.
Wir tratschten ein wenig über dies und das und da ich Martina immer größtes Vertrauen entgegenbrachte, erzählte ich auch, dass ich eben eine Nacht auf der Wache zubrachte, nachdem ich Sabinas Anwalt die Nase brach. Eigentlich erzählte ich Martina immer alles, doch über Alissa schwieg ich und wich auch Fragen nach ihr aus. Dabei wusste ich selbst nicht, warum ich Martina nichts von Alissa erzählen wollte. Meine Freundin kannte mich zu gut, als dass sie nicht erkannt hätte, wann es besser wäre nicht weiter zu insistieren und unterließ somit jede weitere Erkundigung über meine Nachbarin. Nachbarin? Es klang so fremd, wenn Martina das sagte. Alissa war nicht mehr meine Nachbarin. Sie war ein Teil meines Herzens und damit ein Teil von mir. Wieder war in mir die Ungewissheit, ob Martina nicht vielleicht so ein Teil gewesen sein wollte?
Wir plauderten noch, während wir eine Runde durch den Park liefen und Martina mir sogar ein Eis spendierte. Danach bot sie mir an, mich nach Hause zu fahren, weil sie sowieso in der Nähe vorbei fuhr. Sagte sie. Ganz glauben, wollte ich es ihr nicht, nahm das Angebot aber dankend an. Bei der Bushaltestelle im „Reich der Verlierer" hielt Martina den Wagen an und ließ mich aussteigen. Ich bedankte mich für das Herbringen und wir verabredeten uns auf ein weiteres Treffen, das in Kürze sein sollte, schlug die Tür zu und schaute dem Kleinwagen Martinas nach, wie er sich rasch in der Ferne verlor. Das Abendrot ließ den Himmel bereits golden leuchten, als ich mich umdrehte und auf unseren Wohnblock zu marschierte, als ich Alissa hinter ihrer Fensterscheibe sah. Sie stand mit verschränkten Armen da und schaute mich an. Ich blieb stehen und für eine gefühlte Ewigkeit war es mir unmöglich auch nur einen einzigen Schritt zu tun.
Luftmatratze 25
