Ich erwachte und wusste zuerst gar nicht, wo ich eigentlich war. Nachdem sich der Schlaf aus meinen Augen und aus meinem Verstand verabschiedet hatte, erkannte ich Alissas Wohnzimmer. Ich musste wohl auf ihrem Sofa eingeschlafen sein.
„Alissa?", fragte ich in den Raum während ich mich aufsetzte, doch Antwort blieb aus.
„Alissa?", rief ich etwas lauter, aber scheinbar war niemand da.
Leicht ächzend stand ich auf und schlurfte in die Küche. Auf dem Tisch stand Alissas Laptop aufgeklappt und daneben lag eine handschriftliche Notiz.
„Lieber Tim, ich bin bei einem Einsatz und konnte nicht länger warten. Da ich Dich nicht wecken wollte, ging ich einfach. Nimm Dir aus dem Kühlschrank was Du brauchst. Ich bin bald zurück. In Liebe, Alissa.", stand in einer schnörkellosen Handschrift auf dem Zettel, der neben dem Laptop lag.
Ich nahm ein Glas aus der Anrichte und füllte es mit etwas Leitungswasser, das ich trank. Dann fiel mir auf, dass der Laptop lief. Neugierig drückte ich auf die Leertaste und tatsächlich! Der Computer war nicht in Standby. Der Bildschirm flackerte auf und gab eine Maske aus Oszillographen und Kamerabildern wieder. Verwundert sah ich das Treiben auf den Bildern, das Gewusel dunkel gekleideter Einsatzkräfte, das in einer mir bekannten Umgebung stattfand. Das war Boris Karamasows Anwesen!
Rasch schraubte ich die Lautstärke nach oben und aus den integrierten Lautsprechern des Laptops erklangen wilde Rufe und ich meine ein Knallen oder gar Schüsse von irgendwo aus der Villa zu hören. War Alissa etwa bei dem Einsatz dabei?
Dann blieb mir schier das Herz stehen. Zwei Einsatzkräfte trugen eine blutüberströmte Alissa in Richtung Einfahrtstor. Ihr Körper hing schlaff, nahezu leblos zwischen den Männern, die sie eilig davontrugen. Das Glas Wasser in meiner Hand fiel mir vor Schreck aus der Hand und ich war wie zu einer Salzsäule erstarrt. Mit Tränen in den Augen schaute ich weiter auf die unscharfen Bilder, die die angezapften Kameras von Boris' Überwachungssystem zeigten. Dann hörte ich Sirenen und sah ein Blaulicht blitzen und die Sorge um Alissa wuchs ins Unermessliche.
Für mich stand fest, dass ich dahin musste. Nur wie? Ich schnappte mein Smartphone und rief Martina an, bat sie, so schnell wie möglich herzukommen und mich zu Karamasow zu fahren. Sie zögerte keine Sekunde, versprach mir augenblicklich zu kommen und schon fast eine halbe Stunde später war sie da und chauffierte mich quer durch die Stadt zum Villenviertel, wo an einer Straßensperrung Schluss für uns war. Ich stieg aus und wollte zu Fuß weiter, doch ein Beamter hielt mich fest und ließ mich keinen Schritt weiter tun.
„Hallo, hallo.... wo wollen wir denn hin?", sagte der Polizist sehr gefasst und verdrehte mir den Arm in einer schmerzhaften Weise auf den Rücken.
„Ich muss... ah.... verdammt, Sie tun mir weh!.... Alissa! Was ist mit Alissa? Ich will zu ihr! Sofort!", schrie ich.
„Joa... das hätten wir gerne, nech? Aber nun kommen Sie mal mit in unser kleines mobiles Büro.", sagte der Polizist wieder in seiner stoischen Art und führte mich zu einem Kleinbus mit vergitterten Fenstern, den er wohl als mobiles Büro bezeichnete.
Kaum saß ich auf der Sitzbank hatte ich schon Handschellen am Handgelenk und wurde an eine Stange gebunden. Dann setzte sich der Polizist gemütlich mir gegenüber und leierte förmlich seine Sätze runter: „Name? Anschrift? Alkoholpegel?"
Wobei er bei letzterem lächelte.
Ich erzählte ihm, dass ich der Freund von Alissa sei und sie bei einem Einsatz in Karamasows Villa ist. Dort wohl verwundet wurde und ich nun endlich wissen will, was mit ihr ist.
Die Stirn in Falten gelegt, fragte mich der Polizist: „Woher wissen Sie das?"
Sollte ich ihm nun sagen, dass ich Alissas Überwachung benutzt hatte? Ich war mir gar nicht sicher, ob ich das durfte und ich wollte auf gar keinen Fall, dass Alissa durch mich Ärger bekommen würde. Aber wie sollte ich es denn dann sagen? Also log ich ihm etwas von einer handschriftlichen Notiz vor, die sie mir hinterließ.
„Aber sie wollen wissen, dass sie verwundet wurde?", insistierte der Beamte weiter.
„Ja, nein, das heißt... ich mache mir Sorgen. Nennen Sie es Intuition oder meinetwegen auch telepathische Verbundenheit. Ja, schauen Sie mich nur wie einen Spinner an! Aber ich weiß... fühle es, dass mit Alissa was geschehen sein muss. Und das bringt mich um den Verstand!", sagte ich mit allem Nachdruck.
„Warten Sie bitte einen Moment.", sagte der Polizist dann, verließ den Bus und schloss die Schiebetür.
Dann sprach er in sein Funkgerät. Aber zu leise, als dass ich ihn im Bus verstanden hätte. Ich schaute nach hinten, wo Martina noch immer an der Absperrung parkte und sich keinen Millimeter rührte. Wie dankbar war ich für so eine Freundin, die mir sofort zur Seite stand, ohne lange zu fackeln oder zu fragen. Sie war einfach für einen Freund, der Hilfe brauchte da. Ein Charakterzug, den ich gar nicht hoch genug schätzen konnte und den ich mir bei Alissa genauso wünschte. Um es sicher sagen zu können, dazu war es zu dem Zeitpunkt noch zu früh. Noch war Alissa zu einem Teil eine Fremde für mich und ich durch den Reinfall mit Sabina immer noch am Wunden lecken. Aber mein Vertrauen in Alissa war bereits so groß, dass ich nichts anderes glauben konnte. Oder wollte.
In meine Gedanken platzte der Polizist, indem er die Schiebetür aufriss und sagte: „Okay, alles klar. Sie können gehen."
„Was?", fragte ich verdutzt.
„Kommen Sie...", winkte er mir zu, nachdem er die Handschellen öffnete und mich regelrecht aus dem Wagen zerrte. „Sie müssen ins Krankenhaus. Alissa ist bereits in der Notaufnahme und soll schon auf dem Weg in den OP sein. Beeilen Sie sich. Nicht, dass es schon zu spät ist."
Mir blieb der Atem stehen und meine Augen weiteten sich vor Angst.
„D...d...da...danke....", stammelte ich vor Schreck wie gelähmt, riss mich dann aber doch zusammen und rannte zu Martina.
Ich sprang ins Auto und sagte, während ich mich anschnallte, zu ihr: „Fahr ins Krankenhaus. Schnell! Alissa ist schwer verwundet."
Martina sah mich für eine kurze Zeit indigniert an, nickte dann aber und ließ den Motor an. Mit hohem Tempo raste sie die Straßen entlang, überfuhr mutig rote Ampeln und schaffte es in Rekordzeit vor dem Eingang zur Notaufnahme mit quietschenden Reifen zu halten. Das Auto stand noch nicht ganz, da sprang ich schon heraus und rannte in die Notaufnahme. Die Frau am Empfang schaute mich verwundert und auch etwas genervt an, als ich schnaufend vor ihr stand und mich nach Alissa erkundigte. Zunächst wollte sie mir keine Auskunft erteilen, gab dann aber doch ein bisschen nach und wies mich an, im Warteraum Platz zu nehmen, bis mich ein Stationsarzt kontaktieren würde. Ich bedankte mich und ging. Martina, die mittlerweile dazugestossen war, ging derweil in die Cafeteria und besorgte uns beiden einen Kaffee, den wir dann schweigend im Warteraum tranken.
Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis endlich ein hagerer Kerl mit schütterem Haar und einem fransigen Bart erschien. Sein weißer Kittel strahlte unter den Leuchtstoffröhren und sein Namensschild gaben ihn als Dr. Bohnscheit aus. Stationsarzt der Notaufnahme. Nach einer mehr als knappen Begrüßung sagte er: „Sie wurde operiert und wird nun im künstlichen Koma gehalten. Wenn sie die Nacht übersteht, wird sie wieder gesund werden. Aber mit Gewissheit kann man das erst morgen sagen."
„Kann ich sie sehen? Darf ich zu ihr?", fragte ich.
„Nein. Es ist besser, wenn sie in einer sterilen Umgebung liegt. Aber wenn Sie möchten, dürfen Sie sie durch eine Scheibe sehen.", sagte Dr. Bohnscheit gelassen.
Ich nahm das Angebot an und folgte Dr. Bohnscheit, der voranlief und mich zu einer Scheibe führte, durch die ich in ein Zimmer der Intensivmedizin schauen konnte. In dem großen Krankenhausbett sah ich Alissa, kreidebleich und an zig Schläuche angeschlossen. Ein Anblick, der mir das Herz zerriss. Ich weinte. Mir liefen die Tränen die Wangen herunter, als ob man mir Zwiebelsaft in die Tränensäcke gefüllt hätte. Meine Beine gaben unter mir nach und ich fiel nach hinten, wo mich die Wand aufhielt, an der ich mich hinabsinken ließ und auf dem Boden zu sitzen kam.
„Gehen Sie nach Hause. Schlafen Sie. Hier können Sie nichts für Sie tun und vor morgen ist sie einzig in Gottes Hand.", sagte Dr. Bohnscheit in einer ruhigen, fast therapeutischen Art.
„Ja, Sie haben Recht. Das wird wohl das Beste sein.", sagte ich, raffte mich auf und ging zu Martina.
Wir fuhren zu mir nach Hause und setzten uns auf das Sofa im Wohnzimmer, nachdem ich aus dem Schrank eine Flasche Whiskey holte. Die Flasche war so alt wie der Schrank selber. Ich behielt sie für einen besonderen Anlass. Einer, der mir in der Vergangenheit verwehrt blieb. Doch nun wollte ich vergessen und dazu brauchte ich den Alkohol. Viel Alkohol. Und da ich sonst nichts hatte, musste nun diese so lange reservierte Flasche Whiskey dran glauben. Martina verabschiedete sich, weil sie am nächsten Tag wieder zur Arbeit musste. Sie vergewisserte sich, dass ich zurecht käme und ging. Alleine trank ich dann gegen den Schmerz und den Kummer an, bis ich schlussendlich in einen tiefen und traumlosen Schlaf versank.
Luftmatratze 29
