Ich konnte die Freude darüber, Alissa mir gegenüber am Tisch sitzen zu sehen, gar nicht in Worte fassen. Sie saß genüsslich kauend in einem weißen Herrenhemd da, das sie sich locker überwarf und die hereinfallenden Sonnenstrahlen des Morgenlichts fingen sich in dem hellen Stoff, so dass sie das Hemd wie ein glühender Kokon umgab unter dem die Silhouette ihres Körpers sichtbar wurde. Trotz der zerzausten Haare oder vielleicht auch gerade deswegen wirkte sie unglaublich sexy. Ein widersprüchliches Empfinden plagte mich, da ich wusste, dass sie eben noch in einem Zustand zwischen Leben und Tod hing, unfähig zu irgendeiner Regung und mir das Herz schwer machte, mich die Angst um ihren Verlust beinahe den Verstand kostete. Und nun saß sie da und wirkte auf mich belebend, wie ein Aphrodisiakum. Doch ich zügelte meine Gedanken und bannte die aufkeimende Lust in einem inneren Gefängnis. Ich wollte Alissa schonen und sie hegen und pflegen, bis sie wieder ganz bei Gesundheit war.
Die Aktion auf Karamasows Anwesen, die Verwundung und die schwierige Genesung Alissas führte mir überdeutlich die Gefährlichkeit ihres Jobs vor Augen. Sie verlor dadurch schon ihr ungeborenes Kind und das fraß sie innerlich auf. Sie schwor damals Rache an Boris Karamasow, der dafür verantwortlich war, doch was war mit Leo? Ihrem Ex, den sie verließ, weil sie weg wollte von ihrem alten Leben, das so abrupt mit dem Verlust des Kindes endete und sie es nicht länger aushielt, Leo unter die Augen zu treten. An seine Stelle trat ich, doch was wäre, wenn sich wieder eine ähnliche Situation einstellen würde? Würde Alissa mich dann auch verlassen, wie Leo?
Die letzten Wochen waren für mich die Hölle. In Angst um das Leben Alissas trank ich um den Schmerz zu betäuben, der meine Seele quälte. Alles hätte passieren dürfen, nur nicht Alissas Tod. Wäre das eingetreten, hätten mich wahrscheinlich auch die Lebensgeister verlassen. Aber so kam es zum Glück nicht. Nein, diesmal hatte ich kein Pech. Diese wunderbare Frau kehrte zurück ins Leben und wie sie selbst sagte, nur, damit ich keine Dummheiten anstelle. Unwillkürlich fragte ich mich in diesem Augenblick, wie ich wohl reagiert hätte, wenn statts Alissa Sabina in dem Krankenhausbett gelegen und um ihr Leben gekämpft hätte. Ich rief mir diese Szene vor mein geistiges Auge und es ließ mich total kalt. Wahrscheinlich wäre ich einfach gegangen und hätte Sabina ihrem Schicksal überlassen. Wieder wurde mir deutlich klar, wie sehr ich meine Ex verachtete und keinerlei positive Gefühle mehr entgegen brachte. Anders als Alissa und Martina gegenüber.
Ach ja, Martina. Meine gute Freundin war die letzten Wochen für mich da. Gab mir Halt und kümmerte sich fast mütterlich um mich. Obwohl ich sie nicht darum bat, putzte sie die Wohnung und wusch meine Wäsche, während ich vom Alkohol betäubt danieder lag und meinen Rausch ausschlief. Sie machte es mir nicht zum Vorwurf. Martina kannte mich so gut, dass sie nachvollziehen konnte, wie es in mir aussah. Vor allem, nachdem ich ihr alles über meine Gefühle zu Alissa erzählte. Diesmal war Martina nicht so frostig zu mir. Im Gegenteil. Sie freute sich offenbar für mich, dass ich mein Glück mit einer Frau wie Alissa fand. Dabei gingen mir immer noch Fragen durch den Kopf, ob Martina mich damals schnitt, weil ich mit Sabina anbandelte und sogar die Eselei einer Ehe einging? Dann der unvermittelte Kuss, den sie mir gab und dadurch die Eifersucht Alissas weckte. Ist es verwegen von mir zu glauben, dass es hier zwei Frauen gab, die mich wollten? Zugegeben, der Gedanke schmeichelte meinem Ego, aber als ich tief in mich horchte und dabei Alissa zusah, wie sie sich eben eine dick gehäufte Gabel in den Mund schob und genüsslich kaute, wusste ich, dass mein Herz zwar Zweien, aber meine Liebe nur einer gehörte.
In den folgenden Tagen und Wochen kümmerte ich mich um Alissa, kaufte ein, machte den Haushalt - wobei meine eigene Wohnung gänzlich vernachlässigt wurde, weil ich ganz bei Alissa wohnte - und begleitete sie zu den Untersuchungen beim Arzt. Ebenso versorgte ich ihre Wunden, wie es mir gezeigt wurde und freute mich wie ein kleines Kind, wenn der vernarbte Krater ihres Einschusslochs wieder ein weiteres Stück abheilte. Je mehr die Genesung Alissas voranschritt, umso mehr banden wir die Wundversorgung in ein erotisches Spiel ein, das uns Beide wieder das Leben in vollen Zügen spüren und genießen ließ. Mein Glück hingegen war getrübt von der Vorladung zu einer Gerichtsverhandlung wegen Körperverletzung, die ich mir dadurch einhandelte dem Anwalt von Sabina mit einem Fausthieb die Nase zu brechen. Klar, war das keine gute Idee. Aber es fühlte sich einfach saugut an. Ich konnte den Kerl eh nie riechen. Wenn es einen Prototyp für einen schmierigen Winkeladvokaten gab, dann war er es! Und es machte mich wütend, wenn ich mir vorstellte, dass Sabina mit dem Kerl ins Bett ging. Es machte mich nicht mal wütend, dass sie mit Anderen vögelte, sondern warum sie es tat. Und dass es sie nicht einmal störte, sich derart zu prostituieren. Das war es nämlich, was Sabina machte. Wenn sie etwas haben wollte, dann bekam sie es. Egal, was sie dafür tun musste.
Alissa begleitete mich zu meiner Verhandlung, die recht zügig damit abgeschlossen wurde, dass ich mich fortan nicht mehr als 500 Meter diesem Möchtegernanwalt nähern darf, was ich ohnehin nicht vorhatte und zu 200 Stunden Sozialarbeit verdonnert wurde, die ich deswegen aufgebrummt bekam, weil man finanziell nichts bei mir holen konnte. Das Urteil akzeptierte ich und sagte lächelnd am Ende der Verlesung: „Das war es wert!"
Der Blick des Richters war köstlich und die Gewissheit, damit das Ego des Anwalts verletzt zu haben, war Gold wert. Sabina blieb der Verhandlung übrigens fern. Was mich ein wenig wunderte, denn eine Verurteilung und somit Bestrafung von mir würde sie sich sonst nicht entgehen lassen. Wir verließen den Gerichtssaal und hofften, dass dieses Problem nun auch aus der Welt sein würde. Wenn Alissa dann vor Gericht gegen Karamasow aussagen musste, war ich ebenso an ihrer Seite, wie sie bei mir. Das Problem Boris Karamasow war allerdings ein anderes Kaliber, als meine Problemchen mit Ex und Anwalt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass dieser berüchtigte Unterweltsheld sich so eine Niederlage bieten ließ. Seine Rache an Alissa, die er mit Sicherheit aushecken würde, trieb mir Angstschweiß auf die Stirn. Da half es mir auch nicht, dass sie mir ständig erzählte, ihre Kollegen würden alles tun um sie zu schützen und wir bräuchten uns keine Sorgen machen. Je näher der Tag, an dem wir Boris im Gerichtssaal unter die Augen kommen würden, rückte, um so größer wurde meine Angst.
Luftmatratze 31
