Lunaria-Galaxie
Blog Übersicht» „Manche gehen sich glücklicherweise aus dem Weg und andere bestreiten hoffentlich einen ausgesprochen glücklichen gemeinsamen Lebensweg “
Zurück

„Manche gehen sich glücklicherweise aus dem Weg und andere bestreiten hoffentlich einen ausgesprochen glücklichen gemeinsamen Lebensweg “

John Baker Sander
13. Juli 2026(bearbeitet)
6 Aufrufe
Noch nicht bewertet


Zweimal sprang mir Kommissar Zufall zur Seite.

Beide Male passierte es während der Fahrten von einer Hochzeits-Location zur nächsten.

Zuerst - und das war weniger Zufall, sondern von Vater klar so geplant - setzte er mich bei den Eltern der Braut ab. Von dort aus wollte die Hochzeitsgesellschaft gemeinsam zum Standesamt laufen.

Bruder hingegen holte einen ehemaligen, über 80-jährigen Arbeitskollegen von sich und dem Bräutigam ab und fuhr diesen aufgrund dessen körperlicher Verfassung direkt zum Standesamt.

Die zweite Fahrt zur Hochzeitsfeier übernahm der nette Nachbar des nun verheirateten Ehepaares. Er nahm mich vom Elternhaus der Braut mit zum Veranstaltungsort.

Wie erleichtert ich war, Bruder aus dem Weg gegangen zu sein, kann man - glaube ich - nur schwer nachfühlen.

Auch auf der Feier selbst schafften wir es, uns zwölf Stunden aus dem Weg zu gehen und kein Wort miteinander zu wechseln.

Wobei das nicht ganz stimmt. Einmal musste ich doch kurz Kontakt aufnehmen. Sein ehemaliger Arbeitskollege saß neben ihm und ich fragte: „Darf man Sie Beide für das Brautpaar fotografieren?“

Zustimmung. - Uff!


Wie bereits vor einem Jahr, als der Bruder der Braut heiratete, gab es wieder viel zu sehen. Der Schauwert war für mich groß, denn es handelte sich um einen anderen Menschenschlag als den, mit dem ich normalerweise verkehre.

Von der Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und der Art, wie man sich um mich kümmerte, hätte es mir kaum besser gehen können. Man gab sich sogar Mühe, mir immer wieder ein Lob auszusprechen.

Von dem Elternhaus der Braut liefen wir die wenigen Meter zum Standesamt.

Ich mag das sehr, wenn der komplette Hochzeitstross gemeinsam ins Standesamt einzieht.

Die Standesbeamtin war ausgesprochen nett. Sie sagte gleich: „Wenn ich Sie beim Fotografieren störe, schubsen Sie mich doch einfach zur Seite.“

Ich hätte es ja fast gerne ausprobiert – zumindest, wenn es ein Mann gewesen wäre. Vielleicht hätte ich tatsächlich einmal versucht, ihn mit einem Football-Tackle aus dem Weg zu rammen. 😉

Aber eine Frau schubsen oder Ähnliches? Das bringe ich spätestens seit der Grundschule nicht mehr übers Herz.

Die Standesbeamtin machte ihre Sache toll. Sie erinnerte daran, gerade in schwierigen Zeiten füreinander da zu sein, aber auch die guten Zeiten mit dem Lebensmenschen zu genießen und gemeinsam durchs Leben zu gehen.

Auch das klassische Hochzeits-Süßholzgeraspel gefiel mir gut. Für mein Empfinden hätte davon sogar noch deutlich mehr dabei sein dürfen.

Die Lockerheit des Brautvaters hätte ich gerne gehabt.
Kurze Hose, T-Shirt. Mit diesem Outfit war er auf dem Standesamt bei weitem nicht der Einzige.

Das war mir fast schon zu leger.

Vielleicht empfand ich es aber auch nur deshalb als außergewöhnlich, weil man mir schon immer eingebläut hatte, dass man so nicht auf solchen Lebensfeiern auftaucht.

Ich selbst trug, ein luftiges, schönes hellblaues Hemd und eine lange beige Anzugshose.

Die Brautmutter hingegen trug einen feiertauglichen Rock.

Oder anders ausgedrückt, vielleicht bin ich doch noch spießiger, wie ich immer dachte.


Es wurde kurz Sekt, Orangensaft oder ein Mix aus beiden Getränken getrunken. Man stieß auf das Wohl und die gelungene Trauung des Brautpaares an und ließ sie hochleben.

Beim Gratulieren stellte ich eines fest, dass waren alles echte Gratulationsdrücker. Da wirkte nichts gespielt, sondern ehrlich und von Herzen kommend.


Es ging zurück zum Braut-Elternhaus und von dort nach einigem Flachsen
mit Freunden, Bekannten und Verwandtschaft weiter zum Veranstaltungsort der Hochzeitsfeier.

Ventilatoren brummten aus allen Ecken des gemieteten Feierraumes.

Kaum eingetreten, wurde man von den Verwandten des Paares zu einem kleinen Snack eingeladen, den teilweise sogar die Braut selbst mit auftrug. So etwas hatte ich vorher auch noch nicht oft erlebt.

Es gab Kaffeestückchen (unter anderem Schokoladenhörnchen), Tomaten mit Käse auf einer Platte, Laugenstangen, Brezeln und Spundekäs. Dazu natürlich verschiedene Kaltgetränke.

Für die anwesenden Kinder war der Veranstaltungsort ebenfalls ein kleines Spielparadies. Der Eingangsbereich war großzügig gestaltet, sodass man dort gut mit Soft-Football und anderen Bällen werfen oder kicken konnte.


Von nun an fühlte ich keine wirklichen Hochzeitschwingungen mehr.

Vielmehr fühlte sich alles wie ein aufgeblähter Familiengeburtstag an - nur dass neben dem engeren Kreis auch Verwandtschaft und Freunde angereist waren, über die man sich auch gerne mal das Maul zerreißt.

Der Nachmittag nahm langsam Fahrt auf. Die Rauchpausen ebenfalls.

Die Stimmung war gut – aber ausgelassen und wirklich hochzeitswürdig?
Darüber muss ich noch einmal nachdenken.
Ich denke, ich bleibe eher bei meiner Geburtstagsaussage.


Der Kuchen und die Hochzeitstorten waren wahnsinnig lecker. Selbstgebacken und mit viel Liebe zubereitet.

Mittlerweile waren gefühlt 92 Prozent der Gäste in kurzen Hosen und T-Shirts gekleidet. Selbst bei den Frauen hatte die Mehrheit Kleid und Rock gegen Freizeitkleidung eingetauscht.

Die Feier war herzlich und schön – und trotzdem erinnerte mich die Stimmung immer mehr an einen Cluburlaub.
Ohne jemals einen Cluburlaub gemacht zu haben, wurden irgendwie alle Klischees bestätigt, die man aus Fernsehen und Internet kennt.


Der Bräutigam tanzte seinen Hochzeitstanz zu Roland Kaisers „Dich zu lieben“.
Dabei wurde die Braut immer wieder dreimal nach rechts und zweimal nach links gedreht, bevor sie endlich auch eigene Tanzschritte zeigen durfte.
Erstaunlich - aber irgendwie auch sehr ehepaar-innig.

Nicht viel später sang der Bräutigam ein satirisches Lied für seine frisch angetraute Frau, das sinngemäß ungefähr so lautete:

„Von nun an gehen wir zusammen durch dick und dünn, ob es warm wird oder kalt. Nun sind wir verheiratet und du bist meine Alt.“

Das vermählte, nette Paar ist übrigens bereits in den Fünfzigern beziehungsweise leicht darunter.

Was ich sehr lustig fand: Der Bräutigam singt definitiv noch schlechter als ich. 😄

Was ich aber wirklich mochte, war seine gestenreiche Darstellung von „dick, dünn, warm und kalt“. An ihm ist definitiv ein kleiner Unterhalter verloren gegangen.


Bruder stand mehrmals draußen neben mir.
Ich war zufrieden, dass niemand uns beide so in ein gemeinsames Gespräch verwickelte, in dem wir miteinander hätten agieren oder Fragen zu Familie und Co. beantworten müssen.

Denn hätte jemand gefragt, wie wir uns aktuell verstehen, wäre uns beiden durchaus zuzutrauen gewesen, ehrlich zu antworten: „Derzeit gar nicht.“


Nein – man wollte keine gestellten Bilder.
Der Bräutigam erzählte, dass er bei seiner ersten Hochzeit nichts schlimmer gefunden habe als den Fotografen, der immer nur sagte: „Stellen Sie sich mal so und so hin.“

Gerade deshalb habe man sich für mich entschieden, weil ich das vor einem Jahr gut gemacht hätte - ohne großes Posieren.

Wenn er wüsste, wie gerne ich einmal eine halbe Stunde oder Dreiviertelstunde schöne – auch gestellte – Hochzeitsbilder gemacht hätte, wäre seine Wahl vermutlich anders ausgefallen.

Für zwei Bildchen waren die Eheleute dann aber doch zu haben.

Und einmal setzte ich mich durch. Ich redete dem Ehepaar ins Gewissen, dass man neben den Feierbildern zumindest ein Foto machen sollte, auf dem wirklich alle Gäste zu sehen sind.
Nach einigen Minuten Beratung ließen sie sich darauf ein.

Ich wette, dass sie dieses Bild innerhalb der nächsten Jahre besonders zu schätzen wissen werden.


Ich unterhielt mich außerdem – was ich vielleicht hätte bleiben lassen sollen – mit einem sehr netten Familienvater und dem Nachbarn über Politik und Sport. Wobei gerade bei solchen Feiern mein Credo eigentlich lautet: „Keine Politik.“


Ich suchte auf dieser Hochzeitsfeier ein wenig die große Romantik.
Bin dabei aber wahrscheinlich von zu vielen Filmen geprägt und deshalb zu klischeehaft an die Sache herangegangen.

Es wurde dafür Uno gespielt, mit dem Handy gedaddelt.

Die Braut, ihr Bruder und dessen Mann, die engsten Vertrauten, Eltern und Tante kochten selbst. Ich konnte es kaum glauben: Da spülte die Braut tatsächlich in ihrem Brautkleid ab, der Vater briet die Schnitzel, der Braten köchelte und Spätzle, Knödel, Kartoffelknödel, Geschnetzeltes, verschiedene Soßen und Salate wurden vorbereitet.

Innerhalb von zweieinhalb Stunden war das Abendessen angerichtet.

Die Braut war in dieser Zeit kaum zu sehen. Wenn doch, stellte sie Getränke, Gläser oder anderes auf den Tisch oder legte zwischendurch ein schnelles weiteres Raucherpäuschen ein.

Das Essen war so lecker.
Und – auch das gehört zur Wahrheit – selten bin ich auf einer Hochzeit so oft zum Büfett gelaufen. Nicht unbedingt in die Abteilung Grünzeug, aber an so einem Tag sei mir das verziehen.


Bruder brachte seinen ehemaligen Arbeitskollegen nach Hause.
Er stellte das Auto zu Hause ab und war danach noch eineinhalb Stunden auf der Hochzeit seiner Freunde zu Gast.


Fehlte natürlich noch das obligatorische alberne Brautpaar-Spielchen.
In diesem Fall bekam die Braut ein Geschirrtuch über die Augen gebunden, während der Bräutigam eine alberne Brille tragen musste.
Der Bräutigam war vermutlich der einzige Mensch auf der Welt, der diese Glubschaugen-Brille einigermaßen tragen konnte, ohne dass sie völlig albern wirkte.

Die standesamtlich getrauten Eheleute mussten eine Pinata aus Pappmaschee in Form eines bunten Pferdes von der Decke schlagen und zerstören. Den Inhalt – Geld – durften sie anschließend behalten.

Erst kurz vor Spielbeginn fiel auf, dass die Braut zu klein war, um mit einem normalen Ast die Pinata zu erreichen.

Also lieh man sich kurzerhand die Krücken eines verletzten Gastes aus.

Hey - gleich mehrfach fehlte nicht viel und Braut und Bräutigam hätten sich blind mit den Krücken gegenseitig erwischt.
Hauchzart verfehlte die Braut mehrmals Kopf, Nase und Rücken ihres Gemahls.

Knapp zehn Minuten wurde blind, dafür umso kraftvoller auf die Pinata eingeschlagen, bis sie schließlich von der Decke fiel und den endgültigen Todesstoß erhielt. - Geldpferdchen, ruhe in Frieden!

Danach sprach man nochmals fröhlich dem Waldmeisterschnaps zu.
Oder wie sie es nannten: „Es ist Zeit, hol doch mal den Grünen.“
Zuerst dachte ich ja an politische Farben.

Doch der Großteil der Gästeschar entsprach dem, was meine Ohren hörten, eher einem weitaus konservativeren Bild.


Ich verließ gemeinsam mit dem Brautpaar und den letzten Gästen die Feierstätte. Pünktlich um zwanzig nach Elf wurde diese unter Umarmungen, Verabschiedungen und nach einem letzten Waffeleis zugesperrt.
Die äußerst leckere Sahnehaube befand sich dabei unter einem durchsichtigen Plastikdeckel.

Zuvor hatte die kleine, noch anwesende Hochzeitsgesellschaft grob Ordnung gemacht und Ventilatoren sowie anderes Material ins Auto geräumt.

Um Punkt halb zwölf erstürmte ich die Wohnzimmercouch.

Eltern bleiben Eltern.
Dort saßen meine Eltern und schauten Fußball: Norwegen gegen England (1:2).

Vom Fußball bekam ich allerdings nur noch die Verlängerung intensiver mit, denn ungefähr eine Stunde erzählte und beantwortete ich Fragen zu dieser Hochzeit mit ungewohnt hohem Schauwert.

Ich bin einfach nur froh, dass diese Hochzeit ohne Ausraster und Zwischenfälle verlief – und sogar ohne irgendwelche unangebrachten Worte zwischen uns Brüdern.

Der Sonntag verlief ruhig. Viel zu ruhig.
Bilder gesichert, im Keller am Computer gesessen, Podcast gehört und bis ungefähr 21 Uhr angefangen, die Bilder durchzusehen und teilweise sogar schon zu bearbeiten.

Ansonsten war ich heute mit Durchatmen beschäftigt.

Dass ein Thema, das eigentlich keines sein sollte, dass ich nun aber doch schon länger mit mir herumtrage, so viel Kraft kosten kann, hätte ich in dieser Form nicht erwartet.

Ich musste am Sonntag gleich mehrmals an die Weisheit aus dem Kölner Raum denken:

„Et hätt noch immer jot jejange.“

Das trifft auch auf mich irgendwie zu. Richtig, richtig schief ist bei mir bisher selten etwas gegangen. - Bisher Glück gehabt.



Passt gut auf euch auf und seid nett zueinander, wer immer ihr auch seid!?

Kommentare (0)

Bisher keine Kommentare. Schreibe den ersten!

Einloggen um zu kommentieren.