Zweimal sprang mir Kommissar Zufall zur Seite.
Beide Male passierte es wÀhrend der Fahrten von einer Hochzeits-Location zur nÀchsten.
Zuerst - und das war weniger Zufall, sondern von Vater klar so geplant - setzte er mich bei den Eltern der Braut ab. Von dort aus wollte die Hochzeitsgesellschaft gemeinsam zum Standesamt laufen.
Bruder hingegen holte einen ehemaligen, ĂŒber 80-jĂ€hrigen Arbeitskollegen von sich und dem BrĂ€utigam ab und fuhr diesen aufgrund dessen körperlicher Verfassung direkt zum Standesamt.
Die zweite Fahrt zur Hochzeitsfeier ĂŒbernahm der nette Nachbar des nun verheirateten Ehepaares. Er nahm mich vom Elternhaus der Braut mit zum Veranstaltungsort.
Wie erleichtert ich war, Bruder aus dem Weg gegangen zu sein, kann man - glaube ich - nur schwer nachfĂŒhlen.
Auch auf der Feier selbst schafften wir es, uns zwölf Stunden aus dem Weg zu gehen und kein Wort miteinander zu wechseln.
Wobei das nicht ganz stimmt. Einmal musste ich doch kurz Kontakt aufnehmen. Sein ehemaliger Arbeitskollege saĂ neben ihm und ich fragte: âDarf man Sie Beide fĂŒr das Brautpaar fotografieren?â
Zustimmung. - Uff!
Wie bereits vor einem Jahr, als der Bruder der Braut heiratete, gab es wieder
viel zu sehen. Der Schauwert war fĂŒr mich groĂ, denn es handelte sich um einen
anderen Menschenschlag als den, mit dem ich normalerweise verkehre.
Von der Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und der Art, wie man sich um mich kĂŒmmerte, hĂ€tte es mir kaum besser gehen können. Man gab sich sogar MĂŒhe, mir immer wieder ein Lob auszusprechen.
Von dem Elternhaus der Braut liefen wir die wenigen Meter zum Standesamt.
Ich mag das sehr, wenn der komplette Hochzeitstross gemeinsam ins Standesamt einzieht.
Die Standesbeamtin war ausgesprochen nett. Sie sagte gleich: âWenn ich Sie beim Fotografieren störe, schubsen Sie mich doch einfach zur Seite.â
Ich hĂ€tte es ja fast gerne ausprobiert â zumindest, wenn es ein Mann gewesen wĂ€re. Vielleicht hĂ€tte ich tatsĂ€chlich einmal versucht, ihn mit einem Football-Tackle aus dem Weg zu rammen. đ
Aber eine Frau schubsen oder Ăhnliches? Das bringe ich spĂ€testens seit der Grundschule nicht mehr ĂŒbers Herz.
Die Standesbeamtin machte ihre Sache toll. Sie erinnerte daran, gerade in schwierigen Zeiten fĂŒreinander da zu sein, aber auch die guten Zeiten mit dem Lebensmenschen zu genieĂen und gemeinsam durchs Leben zu gehen.
Auch das klassische Hochzeits-SĂŒĂholzgeraspel gefiel mir gut. FĂŒr mein Empfinden hĂ€tte davon sogar noch deutlich mehr dabei sein dĂŒrfen.
Die
Lockerheit des Brautvaters hÀtte ich gerne gehabt.
Kurze Hose, T-Shirt. Mit diesem Outfit war er auf dem Standesamt bei weitem
nicht der Einzige.
Das war mir fast schon zu leger.
Vielleicht empfand ich es aber auch nur deshalb als auĂergewöhnlich, weil man mir schon immer eingeblĂ€ut hatte, dass man so nicht auf solchen Lebensfeiern auftaucht.
Ich selbst trug, ein luftiges, schönes hellblaues Hemd und eine lange beige Anzugshose.
Die Brautmutter hingegen trug einen feiertauglichen Rock.
Oder anders ausgedrĂŒckt, vielleicht bin ich doch noch spieĂiger, wie ich immer dachte.
Es wurde kurz Sekt, Orangensaft oder ein Mix aus beiden GetrÀnken getrunken.
Man stieĂ auf das Wohl und die gelungene Trauung des Brautpaares an und lieĂ
sie hochleben.
Beim Gratulieren stellte ich eines fest, dass waren alles echte GratulationsdrĂŒcker. Da wirkte nichts gespielt, sondern ehrlich und von Herzen kommend.
Es ging zurĂŒck zum Braut-Elternhaus und von dort nach einigem Flachsen
mit Freunden, Bekannten und Verwandtschaft weiter zum Veranstaltungsort der
Hochzeitsfeier.
Ventilatoren brummten aus allen Ecken des gemieteten Feierraumes.
Kaum eingetreten, wurde man von den Verwandten des Paares zu einem kleinen Snack eingeladen, den teilweise sogar die Braut selbst mit auftrug. So etwas hatte ich vorher auch noch nicht oft erlebt.
Es gab KaffeestĂŒckchen (unter anderem Schokoladenhörnchen), Tomaten mit KĂ€se auf einer Platte, Laugenstangen, Brezeln und SpundekĂ€s. Dazu natĂŒrlich verschiedene KaltgetrĂ€nke.
FĂŒr die anwesenden Kinder war der Veranstaltungsort ebenfalls ein kleines Spielparadies. Der Eingangsbereich war groĂzĂŒgig gestaltet, sodass man dort gut mit Soft-Football und anderen BĂ€llen werfen oder kicken konnte.
Von nun an fĂŒhlte ich keine wirklichen Hochzeitschwingungen mehr.
Vielmehr fĂŒhlte sich alles wie ein aufgeblĂ€hter Familiengeburtstag an - nur dass neben dem engeren Kreis auch Verwandtschaft und Freunde angereist waren, ĂŒber die man sich auch gerne mal das Maul zerreiĂt.
Der Nachmittag nahm langsam Fahrt auf. Die Rauchpausen ebenfalls.
Die Stimmung
war gut â aber ausgelassen und wirklich hochzeitswĂŒrdig?
DarĂŒber muss ich noch einmal nachdenken.
Ich denke, ich bleibe eher bei meiner Geburtstagsaussage.
Der Kuchen und die Hochzeitstorten waren wahnsinnig lecker. Selbstgebacken und
mit viel Liebe zubereitet.
Mittlerweile waren gefĂŒhlt 92 Prozent der GĂ€ste in kurzen Hosen und T-Shirts gekleidet. Selbst bei den Frauen hatte die Mehrheit Kleid und Rock gegen Freizeitkleidung eingetauscht.
Die Feier war
herzlich und schön â und trotzdem erinnerte mich die Stimmung immer mehr an
einen Cluburlaub.
Ohne jemals einen Cluburlaub gemacht zu haben, wurden irgendwie alle Klischees
bestÀtigt, die man aus Fernsehen und Internet kennt.
Der BrĂ€utigam tanzte seinen Hochzeitstanz zu Roland Kaisers âDich zu liebenâ.
Dabei wurde die Braut immer wieder dreimal nach rechts und zweimal nach links
gedreht, bevor sie endlich auch eigene Tanzschritte zeigen durfte.
Erstaunlich - aber irgendwie auch sehr ehepaar-innig.
Nicht viel spĂ€ter sang der BrĂ€utigam ein satirisches Lied fĂŒr seine frisch angetraute Frau, das sinngemÀà ungefĂ€hr so lautete:
âVon nun an gehen wir zusammen durch dick und dĂŒnn, ob es warm wird oder kalt. Nun sind wir verheiratet und du bist meine Alt.â
Das vermĂ€hlte, nette Paar ist ĂŒbrigens bereits in den FĂŒnfzigern beziehungsweise leicht darunter.
Was ich sehr lustig fand: Der BrĂ€utigam singt definitiv noch schlechter als ich. đ
Was ich aber wirklich mochte, war seine gestenreiche Darstellung von âdick, dĂŒnn, warm und kaltâ. An ihm ist definitiv ein kleiner Unterhalter verloren gegangen.
Bruder stand mehrmals drauĂen neben mir.
Ich war zufrieden, dass niemand uns beide so in ein gemeinsames GesprÀch
verwickelte, in dem wir miteinander hÀtten agieren oder Fragen zu Familie und
Co. beantworten mĂŒssen.
Denn hĂ€tte jemand gefragt, wie wir uns aktuell verstehen, wĂ€re uns beiden durchaus zuzutrauen gewesen, ehrlich zu antworten: âDerzeit gar nicht.â
Nein â man wollte keine gestellten Bilder.
Der BrÀutigam erzÀhlte, dass er bei seiner ersten Hochzeit nichts schlimmer
gefunden habe als den Fotografen, der immer nur sagte: âStellen Sie sich mal so
und so hin.â
Gerade deshalb habe man sich fĂŒr mich entschieden, weil ich das vor einem Jahr gut gemacht hĂ€tte - ohne groĂes Posieren.
Wenn er
wĂŒsste, wie gerne ich einmal eine halbe Stunde oder Dreiviertelstunde schöne â
auch gestellte â Hochzeitsbilder gemacht hĂ€tte, wĂ€re seine Wahl vermutlich
anders ausgefallen.
FĂŒr zwei Bildchen waren die Eheleute dann aber doch zu haben.
Und einmal
setzte ich mich durch. Ich redete dem Ehepaar ins Gewissen, dass man neben den
Feierbildern zumindest ein Foto machen sollte, auf dem wirklich alle GĂ€ste zu
sehen sind.
Nach einigen Minuten Beratung lieĂen sie sich darauf ein.
Ich wette, dass sie dieses Bild innerhalb der nÀchsten Jahre besonders zu schÀtzen wissen werden.
Ich unterhielt mich auĂerdem â was ich vielleicht hĂ€tte bleiben lassen sollen â
mit einem sehr netten Familienvater und dem Nachbarn ĂŒber Politik und Sport. Wobei
gerade bei solchen Feiern mein Credo eigentlich lautet: âKeine Politik.â
Ich suchte auf dieser Hochzeitsfeier ein wenig die groĂe Romantik.
Bin dabei aber wahrscheinlich von zu vielen Filmen geprÀgt und deshalb zu
klischeehaft an die Sache herangegangen.
Es wurde dafĂŒr Uno gespielt, mit dem Handy gedaddelt.
Die Braut, ihr Bruder und dessen Mann, die engsten Vertrauten, Eltern und Tante kochten selbst. Ich konnte es kaum glauben: Da spĂŒlte die Braut tatsĂ€chlich in ihrem Brautkleid ab, der Vater briet die Schnitzel, der Braten köchelte und SpĂ€tzle, Knödel, Kartoffelknödel, Geschnetzeltes, verschiedene SoĂen und Salate wurden vorbereitet.
Innerhalb von zweieinhalb Stunden war das Abendessen angerichtet.
Die Braut war in dieser Zeit kaum zu sehen. Wenn doch, stellte sie GetrÀnke, GlÀser oder anderes auf den Tisch oder legte zwischendurch ein schnelles weiteres RaucherpÀuschen ein.
Das Essen war
so lecker.
Und â auch das gehört zur Wahrheit â selten bin ich auf einer Hochzeit so oft
zum BĂŒfett gelaufen. Nicht unbedingt in die Abteilung GrĂŒnzeug, aber an so
einem Tag sei mir das verziehen.
Bruder brachte seinen ehemaligen Arbeitskollegen nach Hause.
Er stellte das Auto zu Hause ab und war danach noch eineinhalb Stunden auf der
Hochzeit seiner Freunde zu Gast.
Fehlte natĂŒrlich noch das obligatorische alberne Brautpaar-Spielchen.
In diesem Fall bekam die Braut ein Geschirrtuch ĂŒber die Augen gebunden,
wÀhrend der BrÀutigam eine alberne Brille tragen musste.
Der BrÀutigam war vermutlich der einzige Mensch auf der Welt, der diese
Glubschaugen-Brille einigermaĂen tragen konnte, ohne dass sie völlig albern
wirkte.
Die standesamtlich getrauten Eheleute mussten eine Pinata aus Pappmaschee in Form eines bunten Pferdes von der Decke schlagen und zerstören. Den Inhalt â Geld â durften sie anschlieĂend behalten.
Erst kurz vor Spielbeginn fiel auf, dass die Braut zu klein war, um mit einem normalen Ast die Pinata zu erreichen.
Also lieh man sich kurzerhand die KrĂŒcken eines verletzten Gastes aus.
Hey - gleich
mehrfach fehlte nicht viel und Braut und BrÀutigam hÀtten sich blind mit den
KrĂŒcken gegenseitig erwischt.
Hauchzart verfehlte die Braut mehrmals Kopf, Nase und RĂŒcken ihres Gemahls.
Knapp zehn Minuten wurde blind, dafĂŒr umso kraftvoller auf die Pinata eingeschlagen, bis sie schlieĂlich von der Decke fiel und den endgĂŒltigen TodesstoĂ erhielt. - Geldpferdchen, ruhe in Frieden!
Danach sprach
man nochmals fröhlich dem Waldmeisterschnaps zu.
Oder wie sie es nannten: âEs ist Zeit, hol doch mal den GrĂŒnen.â
Zuerst dachte ich ja an politische Farben.
Doch der GroĂteil der GĂ€steschar entsprach dem, was meine Ohren hörten, eher einem weitaus konservativeren Bild.
Ich verlieà gemeinsam mit dem Brautpaar und den letzten GÀsten die FeierstÀtte.
PĂŒnktlich um zwanzig nach Elf wurde diese unter Umarmungen, Verabschiedungen
und nach einem letzten Waffeleis zugesperrt.
Die Ă€uĂerst leckere Sahnehaube befand sich dabei unter einem durchsichtigen
Plastikdeckel.
Zuvor hatte die kleine, noch anwesende Hochzeitsgesellschaft grob Ordnung gemacht und Ventilatoren sowie anderes Material ins Auto gerÀumt.
Um Punkt halb zwölf erstĂŒrmte ich die Wohnzimmercouch.
Eltern
bleiben Eltern.
Dort saĂen meine Eltern und schauten FuĂball: Norwegen gegen England (1:2).
Vom FuĂball bekam ich allerdings nur noch die VerlĂ€ngerung intensiver mit, denn ungefĂ€hr eine Stunde erzĂ€hlte und beantwortete ich Fragen zu dieser Hochzeit mit ungewohnt hohem Schauwert.
Ich bin einfach nur froh, dass diese Hochzeit ohne Ausraster und ZwischenfĂ€lle verlief â und sogar ohne irgendwelche unangebrachten Worte zwischen uns BrĂŒdern.
Der Sonntag
verlief ruhig. Viel zu ruhig.
Bilder gesichert, im Keller am Computer gesessen, Podcast gehört und bis
ungefÀhr 21 Uhr angefangen, die Bilder durchzusehen und teilweise sogar schon
zu bearbeiten.
Ansonsten war ich heute mit Durchatmen beschÀftigt.
Dass ein Thema, das eigentlich keines sein sollte, dass ich nun aber doch schon lÀnger mit mir herumtrage, so viel Kraft kosten kann, hÀtte ich in dieser Form nicht erwartet.
Ich musste am Sonntag gleich mehrmals an die Weisheit aus dem Kölner Raum denken:
âEt hĂ€tt noch immer jot jejange.â
Das trifft auch auf mich irgendwie zu. Richtig, richtig schief ist bei mir bisher selten etwas gegangen. - Bisher GlĂŒck gehabt.
Passt gut auf euch auf
und seid nett zueinander, wer immer ihr auch seid!?
