Jack London war mit Sicherheit der größte Einfluss meiner Kindertage, die mich oft von Alaska träumen ließen. Das weite Land, überwiegend menschleer. Nur Natur und der Kampf gegen die Elemente. Hübsche Indianerinnen eingeschlossen. Stoffe wie »Alaska Kid« und anderes begeisterten mich.
Nach einer schweren Sinnkrise sortierte ich mein Leben neu. Wagte es, dem Mief des Alltags zu entfliehen. Endlich Richtung Abenteuer. Gehetzt wie einst Alexander Supertramp verkaufte ich alles, was ich hatte, um mir das Geld für einen Neustart in Alaska zu verdienen.Das war nun schon eine Weile her. Ich wanderte mit meinem treuen Husky oder trampte bei LKWs, die selten einen an der Straße stehen ließen. Im Sommer ist das ja kein großes Problem, doch im Winter kann es tödlich sein, wenn man keinen Unterschlupf findet. Mir und meinem Hund war dieses Glück jedoch beschieden. In einem kleinen Städtchen umgeben von dichten Nadelwäldern kam ich in einer Pension unter. Wohnen durfte ich umsonst, das Essen konnte ich mir erarbeiten, in dem ich in der Pension aushalf.
Wobei man sich im Allgemeinen hier half. Wenn es drauf ankam, konnte man sich selbst auf den größten Miesepeter verlassen. Ein Zusammenhalt, wie ich ihn in der sogenannten Zivilisation vermisse. Wo jeder nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist und nicht zögert, jemanden auf der Straße verrecken zu lassen, wenn es ihm irgendwie nützt.Es ist zwar nicht immer so – das weiß ich auch – aber haben Sie nicht auch das Gefühl, dass die Welt so ist?
»Kaffee oder Tee?«, fragte mich Suzie, die Inhaberin der Pension und weckte mich aus meinen Gedanken, die mir durch den Kopf gingen, als ich hinaus in die kalte Landschaft blickte.
Der Wasserfall, der sich von der Hügelkuppe ergoss, war zu Eis gefroren. In den wenigen Sonnenstrahlen, die durch die dicke graue Wolkendecke drangen, glitzerten die Zapfen auf magische Weise.
Noch war das Wetter einigermaßen zu ertragen, doch sollte ich mich sputen meinen Einkauf zu machen, denn ein schwerer Schneesturm wurde von dem Meteorologen angesagt und wer einmal solch einen Blizzard erlebte, ist froh, wenn er eine schützende Unterkunft hat.Ich bestellte einen Kaffee und trank ihn relativ schnell leer, nachdem Suzie ihn brachte.
Währenddessen fiel mir auf, dass wir mittlerweile Februar hatten. Erinnerungen an die Feiern mit den Freunden im Karneval kamen mir in den Sinn. Die Enge der Leiber, die Lautstärke der Musik und der Feiernden um einen herum… alles Dinge, die es hier nicht gab und die ich auch nicht vermisste. Ich liebte die Einsamkeit, jedoch bin ich auf froh um die wenigen Menschen um mich herum, die mir letztlich das Leben hier ermöglichten.
Ich raffte mich auf und nahm meinen Husky an die Leine. Zusammen gingen wir zu dem kleinen Gemischtwarenladen an der einzigen Straße dieses Örtchens und kaufte alles, was mir noch fehlte um für etwaige Ausfälle gewappnet zu sein. Viel brauchte ich nicht und das Wenige war schnell bezahlt.
Zurück in unserem Zuhause, legte ich noch etwas Holz im Ofen nach und harrte der Dinge. Der Sturm kam. Er war tatsächlich ungewöhnlich stark und rüttelte das ganze Haus durch. Irgendwo knallte und schepperte etwas, so dass ich befürchtete, das Dach hätte Schaden genommen. Aber dem war glücklicherweise nicht so. Den ganzen Tag wütete der Sturm und ließ erst in der Nacht langsam nach. Mutig öffnete ich die Fensterläden, die das Glas davor schützten, dass der Wind es eindrückt und späte hinaus. Die Wolkendecke hatte sich geöffnet und gab den Himmel auf einen schwarzen Sternenhimmel preis über den Sternschnuppen durch die bunten Lichter zogen. Welch zauberhaftes Naturspektakel. Die Sterne glitzerten mit den Eiszapfen am Wasserfall um die Wette und Aurora Borealis tauchte alles in ein magisches Licht. Sprachlos betrachtete ich es, bis der Sturm wieder an Kraft gewann und ich besser die Läden wieder vor das Fenster machte.
Am nächsten Morgen war es windstill. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand ging ich vor die Pension, betrachtete die Schäden des Sturms, wie er Gegenstände durch die Luft wirbelte und sie sonstwo landeten, sah die Löcher in den Dächern, umgestürtze Strommasten … die ganze Verwüstung, die allerdings weitaus schlimmer hätte sein können. Dankbar nochmal so glimpflich davon gekommen zu sein, fiel mein Blick auf ein kleines Schneehäuflein am Boden der Verandatreppe, aus dem sich vorwitzig ein erstes Schneeglöckchen stahl.
Der Frühling naht!