Von Fizzy Lemon auf Samstag, 26. Dezember 2020
Kategorie: Geschichten

Grmlkeppelmotschkakeifkruzifixnuamoiundsakkrahaxendazu

In einem Wald am Rande einer Stadt lebte die Zauberin Bungdi friedlich in ihrer burgähnlichen Behausung, die sie am Rande einer Felswand errichtet hatte, von der sich ein Wasserfall in einen Teich ergoss. Es war eine Idylle, die ihresgleichen suchte und Bungdi war gerne und oft an diesem Teich, betrachtete die Vögel, wie sie aus den Baumwipfeln herab ans Teichufer kamen um zu trinken. Natürlich hatte Bungdi überall dafür gesorgt, dass es den Tieren gut ging. So waren allerlei stets gut gefüllte Futterkrippen und Tränken aufgestellt. Die Tiere nahmen dieses Angebot auch gerne an und hatten schon längst die Scheu vor diesem Menschen abgelegt. Sie kamen sogar wie zum Dank zu Bungdi und ließen sich von ihr streicheln.

Doch eines Tages verfluchte sie ein böser Magier, der einst um ihre Gunst buhlte und der Bungdis Zurückweisung nie überwinden konnte. "Wenn ich Dich nicht haben kann, so soll Dich niemand haben wollen!", schrie er im Zorn und belegte die arme Bungdi mit einem Fluch. Fortan wurde sie mit jedem Tag mehr. Sie wurde dicker und dicker und das Laufen fiel ihr schwer. Völlig von diesem Hemmnis vereinnahmt, verbarrikadierte sie sich in ihrer Unterkunft und wurde nie wieder gesehen. Alles um die Burg herum verwilderte und auch die Krippen blieben leer. Die Idylle von einst wurde eine düstere Wildnis und die Menschen der nahen Stadt mieden diesen Ort. Man erzählte sich wundersame Geschichten, was sich dort zugetragen haben soll und ein jeder versuchte bei seiner Erzählung die Vorkommnisse noch weiter auszuschmücken, als sein Vorgänger. Dadurch entstanden wahre Horrormärchen, was sich einst in dem Wald zugetragen haben soll. Der Teufel persönlich solle von der Zauberin Bungdi Besitz ergriffen haben und als Strafe für das Fressen von Kindern sei sie auf ewig verdammt worden. Man nutzte alle möglichen Einflüsse um die Geschichte noch dramatischer zu machen und vermengte allerhand, so dass scheinbar Bungdi für alle Unbill in der Welt verantwortlich schien.

So verging die Zeit, bis sich die kleine Hibi und ihr Freund Dennis wieder einmal in den Haaren hatten.

"Du bist doch nur ein Feigling!", zeterte Hibi Dennis an.
"Bin ich nicht!", erwiderte er.
"Bist Du wohl!", ließ Hibi nicht locker und unterstrich ihre Aussage noch dadurch, dass sie Dennis die Zunge rausstreckte und die Arme verschränkte.
Mit Tränen in den Augen sagte Dennis noch kleinlaut: "Nein, das ist nicht wahr."
"So, wenn das also nicht wahr ist...", begann Hibi erneut, "... dann beweise mir doch, dass Du kein Schisser bist!"
"Ja, und wie?", wollte Dennis wissen.
"Geh in den Wald, wo die Bungdi hausen soll und bring mir was von da!", sagte Hibi.
Dennis erschrak. "Waaaas soll ich??"
"Du hast es gehört. Schisser!", gab Hibi trotzig von sich.
"Aaalso guuut....", seufzte Dennis und glaubte selber nicht, was er da sagte.
"Na los. Geh!", befahl Hibi regelrecht und Dennis blieb nix anderes übrig, als zu gehorchen.

Dennis ging ordentlich die Muffe, als er sich alleine auf in den Wald machte und sich seinen Weg durch das Gestrüpp bahnte. Zum Glück hatte er lange Hosen an, denn sonst hätten die kratzigen Disteln, die dort am Boden wuchsen ihm die Beine zerkratzt. "Wieso lasse ich mich immer wieder auf sowas ein...?", murmelte Dennis vor sich hin, während er weiter in den Wald hinein ging. Endlich am sagenumwobenen Teich der Bungdi angekommen, fing Dennis an vor Furcht zu zittern. Der Ort hatte etwas bedrückendes. Überall waren verwelkte Pflanzen und es roch modrig, was den Verfall ringsumher nicht nur sichtbar machte. Nein, man konnte es riechen. Dennis versuchte sich vorzustellen, wie dieser Ort früher einmal ausgesehen haben muss. Als es noch eine Idylle gewesen sein soll. Er stellte sich vor, wie sich das Sonnenlicht auf der Wasseroberfläche des Teichs widerspiegelt und kleine goldene Lichtpunkte tanzen ließ. Wie das Wasser des Wasserfalls glitzernd hinabfiel. Und wie die Tiere ohne Scheu an Futterkrippen standen. Von alldem war nichts mehr zu sehen. Der Wasserfall ist schon längst vertrocknet und der Teich ist zu einem brackigen Tümpel verkommen, in dem kein Fisch länger als ein paar Sekunden überleben hätte können. Jenseits dessen sah er im Schatten mächtiger Bäume die sagenumwobene Behausung der Zauberin Bungdi. Ein burgähnlicher Verschlag, aus Bruchsteinen und Holz errichtet und mittlerweile von einer dunkelroten Dornenhecke überwuchert.

Dennis fasste sich Mut und machte sich daran einen Eingang zu finden. Irgendwo hinter der Dornenhecke muss ja einer sein. Und er wollte es Hibi ein für allemal zeigen, dass er nicht der Schisser ist, für den sie ihn immer hält! Nach langem Suchen fand er tatsächlich den Eingang und stupste ihn durch die Hecke mit einem Ast an. Die Tür gab nach und Dennis kam ein Schwall abgestandener Luft entgegen. Er holte aus seiner Hosentasche sein geliebtes Klappmesser, das ihm einst sein Onkel vermachte, heraus und begann die Hecke damit durchzuschneiden. Das Messer war nicht besonders scharf und so dauerte es eine ganze Weile, bis er sich endlich einen Durchlass schuf, der groß genug für ihn war. Mit pochendem Herzen betrat er Bungdis Heim.

An den kahlen Wänden spiegelte sich der Schein kleiner Öllampen und irgendwo knisterde ein Feuer vor sich hin. Dennis schlich ganz vorsichtig durch die Gänge und wagte kaum zu Atmen. Sein Herz schlug so heftig, dass es ihm schier zum Halse herausspringen wollte, doch traute er sich immer weiter. An den Wänden waren hölzerne Regale in denen sich massenweise Gläser stapelten, allesamt eingekochte Früchte aus dem Wald. Sei es als Kompott, als Marmelade oder Gelee. Da bekam Dennis richtig Hunger zumal ihm in diesem Augenblick der Duft frischen Brotes in die Nase stieg. Nun packte ihn plötzlich die Angst wieder. Was erzählte man sich? Bungdi hätte Kinder gefressen? Er wird doch wohl nicht ihr Mittagessen werden? Dennis fröstelte es und am liebsten hätte er sofort die Flucht ergriffen, doch sein Stolz und die Aussicht darauf Hibi einmal sprachlos und wie sie sich bei ihm entschuldigen musste zu sehen, ließ seinen Mut wieder aufflammen und er stromerte weiter durch die Gänge und Räume, um irgendeine unmissverständliche Trophäe für Hibi zu ergattern.

Als er wohl das Schlafzimmer entdeckte, wähnte er sich schon am Ziel. Wo sonst soll so etwas zu finden sein, wie das, was er suchte, wenn nicht in einem Schlafzimmer? Er ließ alle Vorsicht fahren und ging in den Raum, wo er ganz ungeniert anfing, die Schränke und Schubladen zu durchsuchen. Viel brauchbares fand er nicht, bis er auf dem Nachttisch ein kleines Bild entdeckte. Darauf war eine hübsche junge blonde Frau zu sehen. War das einst die Bungdi, bevor man sie verfluchte?, fragte sich Dennis. Aber ein Zweifel konnte nicht bestehen, denn hinter der Hübschen war die Behausung zu sehen. Zwar wie sie einst mal war, aber dennoch unverkennbar. Dennis beschloss, dass dieses Bild genau die Trophäe sei, die er suchte und ließ einen kleinen Freudenschrei los. Im selben Augenblick allerdings, riss er vor Schreck die Augen auf und hielt sich die Hand vor den Mund.

Hinter ihm bewegte sich was und vor Angst zitternd drehte er sich um. Da war sie, die Zauberin Bungdi! Riesig groß lag sie auf einem Bett, das sich unter ihrer Last durchbog. Sie schaute Dennis verwundert an und brach dann in Zorn aus.
"Was willst Du Bengel hier? Gib das Bild wieder her! Na warte, Freundchen, wenn ich Dich kriege!!", schrie sie erbost und Dennis fing an zu rennen.
Schreiend versuchte er den Ausgang zu finden, doch es war wie im verrückten Labyrinth. Kaum hatte er eine Biegung genommen, war erneut ein Gang zu sehen und keiner kam ihm bekannt vor. Wütend "Grmlkeppelmotschkakeifkruzifixnuamoiundsakkrahaxendazu" vor sich hin maulend kullerte Bungdi hinter Dennis her. Kullern war die einzige Möglichkeit, wie sich die arme Zauberin wegen des Fluchs noch bewegen konnte. Dennis versuchte alles ihr zu entkommen, doch sie kam immer schneller und immer näher auf ihn zu. Plötzlich sah Dennis eine Nische in der Mauer und in diese zwängte er sich hinein. "Wenn die erst einmal vorbei gekullert ist, dann werde ich einfach in die andere Richtung verschwinden!", dachte sich Dennis. Leider bedachte er nicht, dass zwar sein Körper nicht aber seine Füße in die Nische passten und so kullerte Bungdi ihm über die Füße. Dennis schrie vor Schmerzen auf, doch das Adrenalin in seinem Körper ließ ihn den Schmerz vergessen. Er krallte sich immer noch fest an das Bild und watschelte wie mit Schwimmflossen den Gang in die andere Richtung entlang. Als er die Regale mit den Marmeladegläsern wiedersah, fand er sich auch wieder zurecht und erreichte schließlich den rettenden Ausgang. Bungdis Haus erbebte unter ihren "Grmlkeppelmotschkakeifkruzifixnuamoiundsakkrahaxendazu"-Schreien, die sie alsbald weinerlich von sich gab, da ihr nun das einzige genommen wurde, was ihr von damals blieb.

Dennis tat das zwar in der Seele weh, weil er niemanden verletzten wollte, aber er musste Hibi endgültig mal beweisen, was er für ein Kerl war! "Vielleicht...", grübelte er vor sich hin, "... bringe ich ihr ja das Bild wieder?"
Er watschelte auf seinen platten Füßen zurück in die Stadt, wo er sogleich Hibi fand, die ihn mit großen, braunen Augen anstarrte.

"Was ist denn mit Dir passiert?", fragte sie ehrlich besorgt und deutete dabei auf Dennis' riesengroße Plattfüße.
"Die Bundgi war das! Aber ich bin ihr entkommen. Sieh, was ich Dir mitgebracht habe!", sagte Dennis stolz und überreichte Hibi das Bild.
"Äh... echt jetzt?". Hibi konnte es nicht glauben, aber der Anblick seiner Füße und dieses Bild schienen Beweis genug zu sein, dass Dennis die Wahrheit sagte. "Dann.... ähm... nun.... *hust*... ", druckste sie herum.
"Jaaaa?", fragte Dennis mit einer Spur Genüsslichkeit in der Stimme.
"Dann bist Du doch kein.... äh... muss ich das jetzt wirklich sagen?", fragte sie ihn peinlich berührt.
"Und ob! Na los, sag es!!", forderte Dennis sie auf.
"Okay.... Du bist kein Schisser! Tut mir leid.", sagte Hibi dann.

Dennis' Mut war erwacht. Er hatte alle Furcht in den Wind geschlagen und ein gefährliches Abenteuer gemeistert. Dennis wurde von allen Kindern wie ein Held betrachtet. Der Hexenbezwinger! Schon liefen die ersten Kinder mit viel zu großen Schuhen herum, weil sie so sein wollten wie Dennis. So kam es, dass er eine Gruppe gründete: "Die Plattfüßer" mit ihm als Anführer. Unter diesem ganzen Lob und der Bewunderung der anderen Kinder, die er früher nie erfuhr, vergaß er allerdings, dass er diesen Erfolg nur dadurch hatte, dass er jemanden etwas wegnahm, was ihr wichtig war. Vielleicht das wichtigste überhaupt? Seit dieser Zeit hörte man des Nachts aus dem Wald ein bitterliches Schluchzen, das einem durch die Gebeine ging und mit jedem Tag mehr, bedrückte es Dennis schwer. Im Hauptquartier der "Plattfüßer" stand das Bild wie eine Reliquie auf einem Altar und stand für den großen Erfolg von ihm. Es gab Tage, da dachte er, seine Gefolgschaft würde mehr an dieses Bild als an ihn glauben. Er ist nur das Beiwerk neben diesem Bild, das viel mehr angebetet und bewundert wurde als er. Was wäre, wenn dieses Bild nicht mehr da wäre? Würden sie ihm dann immer noch folgen? Würden sie ihn dann immer noch bewundern? Würde seine Heldentat immer noch den gleichen Stellenwert haben? Wobei ihm das schon lange nicht mehr als Heldentat vorkam. Ihm war es mehr eine Schurkentat, denn je mehr er darüber nachdachte, was er da tat, um so mehr mochte er sich selbst nicht mehr leiden. Er dachte an die Erzählungen, die Bungdi eigentlich nur verunglimpften. Sicher, sie reagierte erbost, aber würde er das nicht auch? Schließlich brach er bei ihr ein und nahm ihr was weg.

Er beschloss, diesem Spuk und vor allem seinem schlechten Gewissen ein Ende zu bereiten und nahm das Bild an sich. Damit machte er sich auf in den Wald. Er wollte es Bungdi zurückbringen und sich für seine Tat entschuldigen. Selbst wenn er zur Strafe aufgegessen oder eingekocht würde. Das war ihm egal. Und wenn, dann geschehe es ihm Recht. Nichts in der Welt könnte ihn von seinem Vorhaben abhalten. So streifte er erneut durch das Gebüsch, lief um den übelriechenden Tümpel herum und zwängte sich abermals durch die Dornenhecke. Im Haus angekommen, rief er mit erstaunlich fester Stimme: "Frau Bungdi?"
Er wartete ab. Als sich nichts rührte, ging er weiter hinein und rief erneut: "Frau Bungdi?"
Schluchzend ertönte aus dem Schlafzimmer Bungdis Stimme: "Was willst Du Dieb schon wieder? Hast Du mir nicht alles genommen, was mich mein Elend ertragen ließ?"
"Deswegen bin ich hier, Frau Bungdi.", sagte Dennis. "Es tut mir leid, was ich tat. Es war eine Dummheit. Das gebe ich ja zu. Ich wollte nur endlich einem Mädchen beweisen, was ihn mir steckt. Mir war nicht bewusst, dass ich damit jemand anderem wehtun würde.", sagte Dennis kleinlaut und doch bestimmt. Die Worte kamen ihm ganz einfach über die Lippen und er spürte tief in sich, dass er das Richtige tat.
Bungdi drehte sich zu ihm um und schaute ihn erstaunt an. "Was sagst Du da, Jungchen?"
"Hier ist das Bild, das ich Dir nahm." Dennis reichte es Bungdi.
Sie nahm das Bild an sich, drückte es sich an die Brust und fing an zu lächeln. "Danke, dass Du es mir wiederbringst, Junge. Ich bin so froh."
"Tut mir leid!", sagte Dennis noch einmal und Bungdi strich ihm über den Kopf.
"Du hast es eingesehen und es mir wiedergebracht. Das ist das Wichtigste. Du hast damit vielmehr Mut bewiesen, als zuvor. Jemanden etwas wegnehmen ist keineswegs so mutig, wie zu seinem Fehler zu stehen und das dieser Person gegenüber wieder gutzumachen. Weißt Du, seit diesem Fluch rennen die Leute von mir weg und wollen nichts mit mir zu tun haben. Überall erzählen sie Schauermärchen und machen mich zum Unwesen. Man rennt lieber vor mir weg oder meidet mich. Du hingegen hattest den Mut und kamst zu mir zurück. Du hast auf Dein Herz gehört und das Richtige getan.", sagte Bungdi mit immer sanfter werdender Stimme.
Da stahl sich plötzlich ein Sonnenstrahl durchs Fenster und als dieser auf Bungdi traf begann eine zauberhafte Wandlung. Aus ihr wurde wieder diese hübsche blonde Frau, die auf dem Bild zu sehen war. Alles lichtete sich, die Luft roch frisch und wohlig nach Wald. Draussen erklangen wieder Vogelstimmen und Dennis wollte seinen Augen nicht trauen, als er aus dem Fenster sah und die Veränderung der Wildnis zu einer traumhaften Idylle gewahrte. Ganz zum Schluss fiel auch wieder Wasser den Fels hinab und spülte den Tümpel frei von Unrat, sodass sich wieder dieser Teich findet, an dessen Ufer die Wildtiere aus Krippen ästen.

"Danke, mein Kleiner. Durch Deine Tat, die aus Aufrichtigkeit geschah und die Du nur tatest, weil Du es dem Menschen in mir tun wolltest, hast Du mich von meinem Fluch erlöst. Das ist die wahre Heldentat, die Du vollbracht hast.", sagte Bungdi lächelnd. Dann kreiste sie mit ihrem Finger, um den lustig Sterne tanzten, durch die Luft und zeigte auf Dennis' riesige Plattfüße die sich plötzlich wieder auf Normalmaß schrumpften. Dennis freute sich endlich diese Behinderung loszusein und erkannte so, wie schlimm sich der Fluch über all die Jahre für Bungdi angefühlt haben muss. Und er konnte diesen Fluch brechen... das tat ihm in der Seele gut.

Die Beiden freundeten sich an und trafen sich oft an dem Teich, wo sie von frisch gebackenem Brot leckere Marmelade aßen und auch die anderen Kinder und "Plattfüßer" kamen immer wieder zu Besuch. Die Horrorgeschichten der Bungdi gerieten langsam in Vergessenheit und wichen stattdessen zauberhaften Märchen über die Wohltätigkeit der Zauberin, die nur noch selten Anlass dazu hatte "Grmlkeppelmotschkakeifkruzifixnuamoiundsakkrahaxendazu" keifen zu müssen.

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