20 Stunden 57 Minuten her - 11 Stunden 30 Minuten her #6258
"Wenn man zwei Stunden lang mit einem Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heißen Ofen, meint man, es wären zwei Stunden."
Gemütlich saß ich auf der Terrasse und schaute meinen zwei Kindern im Garten beim Spielen zu. So fröhlich und unbeschwert sahen sie aus. Julia wird demnächst 9 Jahre alt und ist für ihr Alter schon recht intelligent. Sie besucht eine Hochbegabtenklasse, in der man sie ausreichend fördern kann. Vorerst noch, denn auch dort beginnt sie sich langsam zu langweilen.
Michael hatte vor 2 Tagen seinen 11. Geburtstag. Der erste Geburtstag nach seiner Stammzellenspende. Lange haben wir gegen seine Krankheit gekämpft - er am meisten. Doch seine Spende scheint erfolgreich zu sein. Langsam bekommt er sein fröhliches Wesen wieder zurück und ich genieße den Moment des Aufatmens sehr, denn solch einen Moment hatte ich die letzten 13 Monate nicht mehr.
Ich nahm noch einen Schluck aus meiner Kaffeetasse und stand ungern und schwerfällig aus meinem Stuhl auf. "Schatz? Ich bin dann gleich weg." rief ich durch die Terassentür ins innere des Hauses. Meine Frau eilte zu mir und umarmte mich, während sie mir eine gute Mittagsschicht wünschte und mir noch einen Kuss aufdrückte. "Bis heute Abend", sagte sie mir lächelnd.
Ich arbeitete nun schon 15 Jahre im Gummiwerk und auch wenn ich gerne den Arbeitgeber wechseln würde, tat ich es nicht. Mein Arbeitsplatz war sicher - das ist alles was für mich zählte. Noch immer haben wir Raten für´s Haus abzubezahlen und demnächst muss ein neues Auto angeschafft werden. Michaels Behandlungen rissen ebenso ein Loch in die Kasse, da wir alles taten, damit es ihm gut ging.
Ich fuhr meine gewohnte Strecke zum Gummiwerk und war schon wieder halb in Gedanken, während ich auf der Bundestraße durch ein kleines Waldstück fahren musste. Gerade als ich daran dachte, dass nun alles besser werden wird, sah ich aus 100 Meter Entfernung einen blauen Schimmer in den Bäumen. Als ich näherkam stellte ich fest, dass diese Bäume strahlend Blau waren. Ich ging vom Gas um mir das genauer anzuschauen und sah, dass ihre Äste und Blätter, ja sogar der Stamm, einfach nur blau waren. Nachdem ich hinter mir kein weiteres Fahrzeug sehen konnte, blieb ich stehen und schaute ungläubig weiter. Ich wollte nicht aussteigen, da ich dachte, diese blaue Farbe ist nichts Natürliches, dass die Bäume eventuelll mit Chemie behandelt wurden und deswegen ihre blaue Farbe bekamen. Also nahm ich mein Smartphone und schoss ein Foto. Das musste ich den Kindern morgen zeigen.
Am nächsten Tag rief ich die Kinder zu mir und packte mein Smartphone aus. Sie waren schon ganz hibbelig, weil ich vorher noch groß ankündigte, dass ich ihnen was seltsames zeigen wollte. Ich öffnete meine Galerie und zeigte ihnen das Foto. "Du hast...Bäume fotografiert Papa?" sagte Julia etwas enttäuscht. "Nicht irgendwelche Bäume, guckt doch, sie sind blau." entgegnete ich ihnen euphorisch.
An ihren skeptischen Gesichtern sah ich, dass sie nicht sonderlich beeindruckt waren, drehte das Smartphone zu mir und stellte fest, dass die Bäume auf dem Foto ganz normal aussahen. Kein Blau, einfach nur Bäume in ihrer natürlichen Farbe. "Sehr witzig Papa." seufzte Julia und die beiden rannten desinteressiert fort. Ich wunderte mich selbst, schliesslich hatte ich es ja gestern deutlich gesehen. Ich dachte mir jedoch nichts weiter dabei und tat es als Lichtspiel ab.
Die Jahre vergingen und die Kinder wurden zu Erwachsenen.
Michael hatte nach seiner Krankheit ein gutes Leben und ich wurde durch ihn zweifacher Opa. Die Chancen dafür standen nach seiner geglückten Stammzellenspende sehr gut und so wurde ich 71 Jahre alt und konnte beruhigt auf mein Leben zurückblicken.
Julia arbeitete in einem Softwareunternehmen und hatte dort eine leitende Position. Sie besuchte uns jede Woche, obwohl sie dafür eigentlich zu weit weg lebte.
Alles war gut so wie es war...
Wieder saß ich auf der Terrasse meines mittlerweile abbezahlten Hauses. Meine Frau neben mir. Sie schmökerte in ihrer Zeitschrift und ich sah ihr heimlich dabei zu. Wie hübsch sie doch war. Grau waren wir beide geworden. Ein Grau, das eine 51 Jahre lange, gemeinsame Geschichte erzählte. Sie schaute in ihre Zeitschrift und zitierte etwas, ohne mich anzuschauen: "Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt, sagte einst Einstein." Ich lächelte und gab Herrn Einstein damit nicht Unrecht. "Ich gehe ins Bett." verabschiedete ich mich von ihr. Ich küsste ihre Stirn und ging ins Haus um mich bettfertig zu machen...
"Hallo Herr Adams...können sie mich hören?"
Ein grelles Licht leuchtete mir direkt in die Augen und ich hatte das Bedürfnis meine Augen geschlossen zu halten.
"Herr Adams, können sie den linken Arm für mich bewegen?"
Ich versuchte beide Arme zu bewegen, doch sie waren sehr schwer. Meine Augen öffneten sich leicht und das grelle Licht war nicht mehr auf mich gerichtet.
"Er ist wach! Ruf´den Arzt!" hörte ich eine hektische Stimme rufen.
Nachdem viele Menschen bei mir waren und ich realisierte, dass ich in einem Krankenhaus war, hörte ich durch die offene Zimmertür einen Mann vor meinem Zimmer reden. Es standen noch andere Leute bei ihm und ich hörte ihn sagen: "36 jähriger Patient - Schädelhirntrauma nach Sturz von einem Baugerüst - 14 Monate im Koma - Augen waren geöffnet - selbstständig aufgewacht vor 4 Stunden."
Ängstlich sah ich mich im Zimmer um. Ich war jedoch alleine. Ich sah auf meine Arme und Hände und...sie waren nicht mit Altersflecken und Falten bedeckt.
In den nächsten Stunden erklärte man mir alles...
Ich lag durch einen Arbeitsunfall 14 Monate im Koma...meine Frau und meine Kinder gab es nie...das Leben, das ich gelebt habe, gab es nicht...ich war ein 36 jähriger Single, der vermutlich viel Glück bei einem Unfall hatte.
Ich vermisse sie. Ich vermisse meine Frau und meine Kinder. Ich liebe sie!
Einen Tag später erfuhr ich, dass man bei mir eine neue Methode anwandt, die Komapatienten helfen sollte aufzuwachen. Wenn ein Patient während des Komas die Augen geöffnet hatte, so versuchte man seine Gehirnaktivität mit einem blauen Licht zu stimulieren.
Creepypasta von Luni di Stella
Wahrheitsgehalt: 75%
Letzte Änderung: 11 Stunden 30 Minuten her von Luni.
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