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Über den Undank der Welt

1 Jahr 2 Wochen her #336 von Fizzy Lemon
Über den Undank der Welt wurde erstellt von Fizzy Lemon
Über den Undank der Welt.

Ein Bauer wollte einst etwas in die nächstentlegene Stadt tragen zu verkaufen; unterwegs aber, wegen der schweren Last, tät er bei einem Felsen rasten, in welchem Felsen eine große Schlang versperrt gelegen. Wie diese den Bauer wahrgenommen, so fangt sie an, inständig zu bitten, er wolle sich doch ihrer erbarmen und sprach ferner: "Ich bitt dich um Gottes willen, welcher dem Moses in dem alten Testament von dem Erz - einer Glockenspeis auf eine hohe Säulen mich zu setzen befohlen - ich bitt, ich bitt und bitt dich tausend- und tausendmal, hilf mir doch aus dem Loch, denn ich wegen des schweren Steins nicht kann herauskriechen!"
"Wie wirst du mich aber belohnen ?", fragte der Bauer.
"O mein herzallerliebster Mann", antwortete die Schlang, "ich will dir den Dank geben, mit welchem die Menschen die größten Guttaten pflegen zu bezahlen."
"So sei's denn!" Der gute Bauer wälzt den großen Stein hinweg, daß also die Schlangen in den freien Luft kommen und des langen Arrestes entledigt worden. Wie sie sich nun in völliger Freiheit befunden, so will sie mit großem Gewalt den armen Bauer umbringen.
"Holla!" schrie der Bauer, "was ist das? Soll das meine Belohnung sein um die so große Guttat? Ist das der Welt Dank?"
"Ja", spricht die Schlang, "die Menschen pflegen in der Welt das Gute mit dem Bösen zu vergelten, und solchen Weltdank habe ich dir versprochen."
"Weißt du was, meine Schlang",entschuldigt sich der Bauer, "ich bin ein einfältiger Mann und nicht schriftgelehrt, ich will mich mit dir ohne gelehrte Zeugen in keine Disputation einlassen, sondern wir wollen andere suchen, welche hierinfalls verständig urteilen werden. Ist es Sach, daß ich Unrecht habe, so will ich gern sterben."

Begeben sich demnach beide, der Bauer und die Schlang, auf den Weg und treffen bald an einen alten Schimmel, welcher nichts als Haut und Bein tragte; dieser hatte seine Weid auf einem dürren Feld und war allbereits schon dem Schindophilus übergeben.
"Willkommen, Herr Schimmel, wie kommts, daß Ihr Euch ganz alleinig auf diesem Felde aufhaltet? Aus was vor Ursachen ist der Herr nicht zu Haus im Stall bei einer guten Haberkost?"
"Ach, meine Herren!" antwortete der Schimmel, "Ihr dürft Euch deswegen so stark nicht verwundern, es ist schon allbereits der Welt ihr Brauch. Ich bin dreißig Jahr bei einem Edelmann gewesen, dem dieses Schloß vor Euren Augen zugehörig, ich habe ihm gedient, wie es einem redlichen Pferd zusteht, ja, ich weiß mich wohl zu erinnern, daß ich ihn in dem vorigen Türkenkrieg bei Komorn etlichemal habe vom Tod errettet. Jetzt, daß ich alt, schäbig und kraftlos bin, so hat er mich dem Schinder übergeben."
"Siehst du es, Bauer, hast du es vernommen, wie die Welt das Gute mit dem Bösen belohnt? Alloh, jetzt bring ich dich um", sagt die Schlang.
"Gemach!", bittet der Bauer, "gemach! Die Sach muß durch einen allein nicht geschlichtet werden; wenn mehrere dieses Urteils werden sein, allsdann will ich mich ganz willig ergeben."
"Gut!"
Die zwei beurlauben sich von dem Schimmel und nehmen ferners ihren Weg fort.

Bald aber treffen sie einen Hund an, welcher an einem alten Strick an einem Zaun angebunden war.
"Willkommen, Herr Melampus, wie so melancholisch? Ihr müßt eine schlechte Kost haben, weilen Ihr so beindrechslerisch dreinschaut? Wie kommt es, daß Eure Hundheit also bei diesem Zaun sich befindet ?"
"Ach", seufzte der Hund, "das ist mein Lohn, daß ich meinem Herrn so treu gedient habe. Was vor Strapazen hab ich in mancher Jagd und Hetz ausgestanden! Wie viele Hasen hab ich meinem Herrn gefangen und nur ihm also mit eigenen Zähnen manches SchnappbißI erhascht! Will geschweigen, daß ich Schelmen und Dieb mit meinem Wachen und Bellen nächtlicherweil hab abgetrieben. Anjetzo, da ich alt, matt, müd und verdrossen bin, hat er mich an den Zaun binden lassen und wird bald einer kommen, der mich erschießen soll!"
"Alloh!" sagt die Schlang. "Bauer, halt her, dein Handel ist nun verloren; zwei haben dich schon überstritten."
"Ei, nicht so gäh, meine Schlang! Sofern der dritte auch solcher Meinung wird sein, so will ich mich nachmals keineswegs weigern."

In währendem Zank läßt sich ein Fuchs sehen, welcher sich selbst freimütig für einen Richter bei diesen streitenden Parteien aufgeworfen, ruft daher den Bauern ein wenig beiseits und fragt denselben, ob er mit Hennen versehen sei und wie viel er ihm wolle spendieren, wenn er ihn aus
dieser äußersten Lebensgefahr salviere.
"Ich schenke dir alle Hennen, mein goldener Fuchs", sagte der Bauer.
Über solches fangt der Fuchs an, mit besonderer Wohlredenheit die Sach vorzutragen, alle Umständ reiflich zu erwägen. "Damit aber hierinfalls keinem eine Unbild oder Unrecht geschehe", sagte der Fuchs, "also ist es notwendig, den Augenschein einzunehmen, wie sich der Handel zugetragen."
Begeben sich daher alle drei zu dem Felsen. Der Fuchs schüttelt den Kopf und läßt sich verlauten, als käme es ihm unmöglich vor, daß die große Schlang in diesem Loch sei gesteckt.
"Meine Schlang! Geh her und zeig mir's, wie bist du darinnen gewesen?"
Die schlieft hinein, der Bauer mußte den Stein vorwälzen; alsdann fragt mehrmalen der Fuchs: ,,Meine Schlang, ist es also gewesen?"
"Ja, ja! ganz natürlich ist es also gewesen."
"Nun, nun", antwortet der Fuchs, "ist also gewesen, so soll es also verbleiben!"

Dergestalten war der Bauer aus seiner Gefahr errettet und hat voller Freuden dem Fuchs versprochen, er soll morgen früh um sieben Uhr in seinem Haus auf eine gute Hennensuppe erscheinen.
Der Bauer kommt etwas spät nach Haus, wessenthalben das Weib das Gestirn schon mit trutzigen Runzeln ausgespaliert und den armen Mann mit rauhen Worten bewillkommt.
"O mein Weib!" sagt der Bauer, "wenn du sollt wissen, wie es mir ergangen, du würdest weit anderst reden! Meine güldene Urschel! Du hättest bei einem Haar deinen Mann verloren! Gedenke, was mir für ein Unstern begegnet! In augenscheinlicher Lebensgefahr bin ich gewesen" und erzählt ihrs mit allen Umständen. "Doch hat der Himmel einen ehrlichen Fuchsen zu mir geschickt, der hat mich durch seinen Witz wunderbarlich erledigt; dessentwegen ich ihm aus schuldiger Dankbarkeit all unsere Hennen versprochen und morgen, wills Gott, in der Früh um sieben Uhr
wird er dieselben abholen."
"Was holen?" sagt sie; "Hennen holen? Meine Hennen? Hol dich der Teuf-! Was hast du mit meinem Geflügelwerk zu schaffen, du Schmarotzer? Wer wird dir nachmals die Eier legen, du Bengel, du Büffel? Kommt mir nur der Fuchs, ich will ihm schon einen hölzernen Vergeltsgott zu verkosten geben -"

Der arme Fuchs wußte um all diese Bosheit nichts, daher ist er in der Frühe in guter Sicherheit und Vertrauen in das Haus kommen, hoffte denselbigen Tag eine absonderliche Mahlzeit. Kaum aber, daß er einen guten Morgen abgelegt, hat ihm die Bäuerin mit einem Scheit Holz das Rückgrat eingeschlagen, daß also der arme Fuchs in diesen seinen Todesnöten über nichts mehr lamentiert, als über die Undankbarkeit der Welt, wie solche das Gute mit dem Bösen so vielfältig vergelte und bezahle.

Abraham a Santa Clara (1644-1709)

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1 Jahr 1 Woche her #341 von Freundchen
Freundchen antwortete auf Über den Undank der Welt
Gute, interessante und nachdenkliche Geschichte... Aber ganz so ist es ja nun auch nicht :)

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